Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN SPIEGEL - Nationaler Geist feiert Macht
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Der Spiegel
NATIONALER GEIST FEIERT DIE MACHT
Der "Spiegel" ist kritisch. Von den Sternstunden der "Spiegel"-
Skandale, die längst gewesen sind, leben Augstein - und seine
"Hausmitteilungen" noch heute: Da haben Strauß und Adenauer einen
"Abgrund von Landesverrat" gewittert und dem "zersetzenden" Pres-
seorgan die Ehre angetan, daß anerkannte Macher der Politik den
"Spiegel" als politische Institution anerkannt haben. Eine Geg-
nerschaft war das nie - von keiner Seite -; schon immer haben
Parlamentarier aller Bänke die Debatten im Bundestag und die Lek-
türe des "Spiegels" gleichzeitig genossen.
Den offenen Anspruch, das politische Sorgerecht für eine anstän-
dig regierte bundesdeutsche Nation zu verkörpern - und das mit
Niveau - weiß der "Spiegel" erst dann so richtig gewürdigt, wenn
dieser von Amts wegen und manchmal mit Gerichtsverfahren offizi-
ell bestätigt wird. Wer hat den "Spiegel " - egal wie - zitiert?
Welcher Politiker "mußte" sich auf ihn beziehen? - Das garantiert
"Spiegel"-Schreibern und -Lesern die Bedeutung der kritischen
Meinung, die Montag für Montag ihre Käufer findet.
Politik genießen
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Mit G e g n e r s c h a f t gegen auch nur eine Maßnahme, mit
der bundesdeutsche Politiker die Ansprüche von Staat und Wirt-
schaft an ihr Volk zur Geltung bringen, hat der "Spiegel" seine
kritische Haltung nie verwechselt. Was er leistet und wofür er
geschätzt wird, ist das Schnüffeln in der Intimität der Macht und
das Vermitteln von "Hintergründen", vor denen die nur zu bemerk-
baren Taten und unangenehmen Wirkungen der Politik zu uninteres-
santen Nebensächlichkeiten werden. Diese Vertraulichkeit im be-
richterstattenden Umgang mit den Großen unterscheidet sich im
Prinzip nicht groß von deren Wahlwerbungsmasche, Politik in die
Frage aufzulösen, wie gut sie ihren Machern zu Gesicht steht, wie
leicht sie von der Hand geht, wieviel Wohlgefühl und Selbstzu-
friedenheit sie vermittelt. Im Prinzip kommt der "Spiegel" aber,
schließlich ist er kein Parteiblatt, Woche für Woche zu spiegel-
verkehrten Ergebnissen: Eine ziemlich niveaulose, kleinkarierte,
karrieresüchtige, nicht selten korrupte Mafia bevölkert das Zen-
trum der Macht.
Diese schlechte Meinung lebt davon, daß sie die Maßstäbe wahl-
kämpferischer Selbstbespiegelung der Politiker nicht bloß über-
nimmt, sondern noch übertreibt. Wenn Wahlkämpfer mit Verweis auf
ihre hervorragende Persönlichkeit das Versprechen geben, in ihnen
wären die geehrten Herren und Damen Untertanen so prächtig und
würdig vertreten wie noch nie, dann sind sie beim "Spiegel" und
seinen Lesern an die Richtigen geraten. Die schätzen die Lüge,
daß Herrschaft im Grunde eine repräsentative Vertretung der Re-
gierten wäre, und erlauben sich Montag für Montag ein freies Ur-
teil darüber, daß die tatsächliche Herrschaft ihren hochgesto-
chenen, kultivierten, geistreichen, geschmackvollen Repräsentati-
onsbedürfnissen nicht genügt. So bleibt man braver Bürger und
weiß sich zugleich übers Regiertwerden meilenweit erhaben.
Diese eingebildete Überlegenheit über einen Lauf der Dinge, des-
sen banale und triviale Hintermänner und -gründe man längst
kennt, ist unschlagbar. Sie ist vor allem universell anwendbar.
An schlechterdings jedem Stoff kann sie sich beweisen; denn recht
betrachtet hat doch alles seine menschlich-allzumenschliche,
intrigante, mehr oder weniger würdelose Innenseite. Wirtschaft
und Fußball, Politik und Kultur lassen sich allesamt gleicherma-
ßen vorführen: als B e t r i e b, dessen Betreiber vom
"Spiegel" noch in ihren geheimsten Sitzungen belauscht werden.
Die Kunst des Belauschens kennt einerseits kein Kriterium außer
eben dem der geschlossenen Tür, hinter der ein bürgerlicher Kopf
allemal Peinlichkeiten vermutet und natürlich auch entdeckt. So
erspart der "Spiegel" sich und seinem Publikum konsequent jede
auch nur halbwegs rationale Unterscheidung zwischen wichtig und
unwichtig. Von der in die Tat umgesetzten Absicht des Präsidenten
Reagan, den Atomkrieg zu einer sicheren Sache zu machen, bis zum
nationalen Furz eines deutschen Jungfilmers ist alles eine hinge-
bungsvolle Titelgeschichte wert - überflüssig, daran zu erinnern,
daß der US-Präsident natürlich als "Star-Wars-"Filmfigur daher-
kommt und der Filmschinken als historische Wendemarke -; denn al-
les ist dem "Spiegel" Anlaß, s i c h als den überlegenen Auf-
decker des Wer-mit-wem, -gegen-wen, des Wie und des Warum-nicht-
anders zu g e n i e ß e n.
Diese Kriterienlosigkeit hat aber ihre andere Seite: Nie läßt der
"Spiegel" etwas aus, was die Nation, also ihre Führung, wichtig
findet; an allen von oben angesagten Anliegen beteiligt er sich
auf seine Weise. Bundesdeutsche und andere NATO-Politiker machen
anläßlich runder Jahreszahlen am Kriegsende '45 ihre offene Rech-
nung mit dem kommunistischen Osten deutlich - der "Spiegel" assi-
stiert mit Hintergrundsberichten gleich serienweise über Jalta
und die Folgen. Die Politiker des westlichen Lagers machen das
"Ende der Entspannung" durch einen neuen Ton der Verachtung gegen
den Osten deutlich - der "Spiegel" ist mit Hintergrundberichten
über die unfähige "Nomenklatura" zu Diensten. Die Verwalter des
"sozialen Netzes" berufen sich für ihre Verelendungspolitik auf
die Lasten, die sie unter Titeln wie "Generationenvertrag" und
"Solidarität" den Proleten aufgeladen haben - der "Spiegel" rech-
net seitenlang vor, wie die Alterspyramide und sonstige Sach-
zwänge, von denen Blüm und Co. angeblich mal wieder keine Ahnung
haben, den Werktätigen drücken. Neben allen Spezial-Abstrusitä-
ten, die man sich in Hamburg leistet, weil das einmal geschaffene
Publikum sich sowieso für keine Blödheit zu blöd ist, trifft das
kritische Magazin in seiner Originalität noch allemal die Themen,
die von berufener Seite angesagt sind. Und nicht einmal aus Ver-
sehen reibt es sich an den Zwecken von Nation und Wirtschaft, für
die die Massen, die den "Spiegel" gar nicht lesen, als Material
verschlissen werden.
Macht = Geist mit schlechen Zensuren
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Die Methode, mit der der "Spiegel" eine kritische Distanz zwi-
schen sich und die Macher des von ihm mitgemachten nationalen und
weltweiten "Betriebs" legt, kommt gern und häufig in Gestalt der
Kunst daher, Gewalt und Geist zu verwechseln. Wenn irgendwer,
dann macht der "Spiegel" die demokratische Erz-Dummheit mit, Be-
schlüsse der Macht wie wissenschaftliche Diskussionsbeiträge, In-
terventionen der Gewalt wie intellektuelle Gesamtkunstwerke anzu-
sehen - um der Praxis der Staatsgewalt quasi auf gleichem Fuß mit
Besserwisserei begegnen zu können. Eine Demokratie beansprucht
für jeden Krieg den Ehrentitel einer "Konzeption" für eine
"dauerhafte Problemlösung" - der "Spiegel" vermißt Klarheit,
Stimmigkeit und die Berücksichtigung von Expertenstimmen, die er
ausgegraben oder bestellt hat. Ein freiheitlicher Sozialstaat
rechtfertigt jedes Stück Elend durch professorale Gutachten als
Teil einer Krisenbewältigungsstrategie - der "Spiegel" weiß von
anderen Gelehrten, daß die zugrundeliegenden "Modelle" von 1932
und inzwischen längst veraltet sind. Es versteht sich am Rande,
daß nirgends Argumente vonnöten sind, um einer politischen Maß-
nahme ihre 5 minus - wegen "nicht gemachter Hausaufgaben o.ä. -
zu verpassen; als Intellektuellenblatt verläßt der "Spiegel" sich
da lieber auf anerkannte Autoritäten, für deren Gewicht Amt und
Laufbahn sprechen.
Das Fehlen bzw. die Fragwürdigkeit entsprechender Insignien des
Sachverstands will selbstverständlich bei den politischen Figuren
vermerkt sein, deren Gewaltausübung alle Merkmale eines sehr
guten Besinnungsaufsatzes vermissen läßt - damit eben dies auch
recht bemerklich wird. So entdecken die Eliteschreiber der Nation
in der Sphäre der Politik immerzu ihren sprühenden Intellekt wie-
der, nämlich schlecht vertreten, und können dabei eine Pershing
nicht mehr von einer Meinung und die staatlich verwaltete wirt-
schaftsdienliche Armut nicht mehr von einem Problemaufsatz unter-
scheiden.
Natürlich werden die "Spiegel"-Macher über dieser Tour nicht zu
Idealisten des politischen Betriebs. Die geistigen Autoritäten,
die sie jeweits in Anschlag bringen, um einen gewalthabenden
Kleingeist zu blamieren, sind sehr berechnend ausgesucht und zu-
rechtgebogen. Sie stehen für den Maßstab, den der demokratische
Verstand stets als den letztlich alleingültigen kennt und aner-
kennt, nämlich den des E r f o l g s.
Am angeblich mangelnden Scharfsinn rechnet den "Spiegel" den di-
versen Repräsentanten der Nation und ihrer Anliegen vor, daß sie
an den problematischen Aufgaben scheitern müssen, denen sie schon
intellektuell so wenig gewachsen seien:
Geistvolle Politik = Nationaler Erfolg
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In der Anwendung des Erfolgskriteriums ist der "Spiegel" frei bis
zur Weltfremdheit und zugleich linientreu bis in die Nähe faschi-
stischer Wunschträume. Der US-Luftwaffe darf nicht ein Raketen-
schuß danebengehen - sonst bekommt gleich der Präsident mit sei-
nem gesamten Aufrüstungsprogramm die Note "zum Scheitern verur-
teilt". Dasselbe gilt sowieso für das neue Raketenabfangprojekt
der USA - aus dem nun wirklich ganz weltfremden, absichtsvoll
naiven Grund, weil ein paar amerikanische Städte wohl doch dran
glauben müßte ; das hat der "Spiegel" sich von "Fachleuten" be-
weisen lassen. Dem deutschen Finanzminister darf kein Ressortkol-
lege eine Million mehr abknöpfen als vorgesehen - sonst ist sein
"Sanierungsprogramm" gleich im Eimer. Dasselbe gilt für das Anse-
hen der BRD in der Welt, wenn der dicke Genscher einmal nicht mit
ehrlicher Begeisterung von besuchten Potentaten empfangen wird.
Am christdemokratischen Kanzler leidet der "Spiegel" bitterlich,
weil diese provinzielle Figur von Reagans cleveren Leuten und so-
gar, entsetzlich, von einer Maggie Thatcher im Streit um deutsche
Milliarden für EG oder NATO aufs Kreuz gelegt wird, in seinen Ak-
ten und Kabinettssitzungen keine souveräne Ordnung hält und über-
haupt "die Zügel schleifen läßt", statt tatkräftig "die Probleme"
anzupacken. Von seinen Untertanen muß ein Staatsmann jede Menge
Vertrauens- und Verehrungspunkte kriegen, wenn er vom "Spiegel"
nicht gewarnt oder gar politisch totgesagt werden will. Einmal
gegen Strauß nicht durchgesetzt, stempelt Kohl auf Lebzeiten zum
Versager - auch wenn die nächste "Spiegel"-Ausgabe die fort-
schreitende Vergreisung des Bayern diagnostiziert, weil Kohl ihn
doch einmal ausgetrickst hat...
Kritik = eitle Kumpanei mit den Mächtigen
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Das inhaltsleere Ideal des reibungslosen Erfolgs und puren Gelin-
gens, auf dem der "Spiegel" bis zum Erbrechen meist hämisch oder
süffisant herumreitet - 'nicht mal mit Grenada ist die US-Army
problemlos fertig geworden!' -, entstammt wahrhaftig nicht nur
der methodischen Absicht, den Regierenden und sonstigen wichtigen
Leuten dünkelhaft am Zeug zu flicken - auch wenn es sich oft ge-
nug in diesem Sinne verselbständigt; es reicht ja allemal für die
hingerotzten Charakterstudien, die nichts als den demokratischen
Fehlschluß vom Erfolg bzw. Mißerfolg einer wichtigen Person, ge-
messen an deren eigenen Maßstäben, auf die Persönlichkeit enthal-
ten. Es hat aber durchaus auch seine handfesten Inhalte. Und die
heißen: die deutsche Nation; ihre unbedingte Geltung in der Welt;
der unbedingte Erfolg ihrer Wirtschaft; ihre würdige Repräsenta-
tion. Die nie abzustellende Nörgelei, die Attitüde bodenloser Un-
zufriedenheit, das genießerische Verteilen schlechter Noten, das
alles schlägt immer wieder unversehens um in das zugrundeliegende
banale Prinzip: in h e m m u n g s l o s e n N a t i o n a-
l i s m u s. Da leiden Augstein und die Seinen wirklich, wenn
sie sich zu der Einschätzung entschlossen haben, daß deutscher
Größe, deutscher Würde, deutscher Mark und deutscher Kunst in
Gestalt erfolgloser Repräsentanten ein Nachteil entstehe -
objekhv ist dieser Maßstab ja ohnehin nicht. Umgekehrt ist damit
klar, was der "Spiegel" noch im häßlichsten Repräsentanten der
deutschen Nation v e r e h r t. Nie wirft selbst die dümmste
Birne auch nur den leisesten Schatten eines Verdachts auf das
Amt, das er bekleidet; auf die Macht, die er ausübt; auf die
"Probleme", denen er sich - angeblich so birnenförmig - widmet;
auf die demokratischen Verfahren, die ihn an die Macht gebracht
haben.
Und noch einmal anders herum gewendet, r e l a t i v i e r t
sich mit dieser Verehrung deutscher P o l i t i k auch ziemlich
die Verachtung ihrer M a c h e r. In all seinem Genörgel hält
der "Spiegel" sich so genau wie kein anderes Blatt an den stock-
konservativen demokratischen Grundsatz, daß eine Person als Per-
son so wichtig ist wie ihre Macht und ihr Einfluß. Für den
"Spiegel" fängt der erwähnenswerte Mensch an mit dem anerkannten
Erfolg, den er in seinem Metier aufzuweisen hat; der Politiker
also mit seinen ersten Wahlerfolgen; und mit den Erfolgen wächst,
bei aller Süffisanz, der Respekt. Die Hierarchie, die sich der
"Spiegel" so zurechtgemacht hat, malt sich in all ihren Nuancen
in den Interviews ab, mit denen das Blatt glänzt. Deren ganze
Kunst besteht - außer im Hausarchiv, das es gestattet, jeden In-
terviewten mit allen erdenklichen eigenen Äußerungen zu konfron-
tieren - in einer lückenlosen Abstufung von Ehrfurcht und Frech-
heit: von den Gesprächen mit den anerkannten Großen, denen die
"Spiegel"-Fritzen in Frageform Stichworte zur Selbstdarstellung
überreichen, bis zu denen mit Möchtegern-Machthabern, die mit
Fragen, die schon die ganze Aussage über den Interviewten dar-
stellen, vorgeführt werden. Wer nichts zu sagen hat, der hat auch
nichts zu sagen: Keine deutsche Zeitung oder Zeitschrift handhabt
diesen demokratischen Personenkult so eindeutig wie Augsteins Ma-
gazin.
Der Respekt vor der Macht wie vor ihren Inhabern ist also allemal
in jeder Hinsicht bekräftigt, wenn die "Spiegel"-Schreiber anfan-
gen, Machthaber und Repräsentanten der Nation zu bedauerlichen
Fehlbesetzungen hinzustilisieren. Kein Wunder, daß diese Stili-
sierung immer etwas Gekünsteltes behält, solange der Betreffende
nach den praktischen Maßstäben der Demokratie Erfolg, nämlich die
Macht hat. Sicherlich, der "Spiegel" behält es sich selbst bei
der Registrierung der größten Wahlerfolge, die ihm einerseits un-
geheuer imponieren, andererseits vor, daraus doch Mißerfolgspro-
gnosen abzuleiten - und sei es nur die ganz und gar lächerliche,
ein so gutes Ergebnis sei gewiß nicht zu wiederholen. Dabei ist
aber nur allzu kenntlich, nach welchem banalen Kriterium darüber
entschieden wird, ob einer einen guten oder schlechten 'Spiegel'
bekommt. Zufrieden ist dieses politische Organ des bundesdeut-
schen Intellektuellen mit einem Machthaber genau dann und in dem
Maße, wie der bei der Ausübung seiner Macht eine überzeugende
Selbstsicherheit zur Schau stellt; und überzeugend ist solches
Führertum, wenn der Betreffende für seine Schau auf den "Spiegel"
und seine Gemeinde Wert legt. Einem Staatsmann, der sich für ein
Interview hergegeben und dabei die Bemerkung eingeflochten hat:
"Ich selbst lese den 'Spiegel' mit großem Interesse und Gewinn!",
der braucht so leicht keinen Verriß mehr zu fürchten. Und wie
schnell hätten das "Birnen"-Gerede und Augsteins besoffene Invek-
tiven ein Ende "fände nur der deutsche Kanzler sich dazu be-
reit...! Ein Kanzler, der das Volk einseift, hätte auch die
staatskonforme Betreuung des Intellektuellenstandes zu würdigen.
Dann hätte "Birne" Format.
Es wäre ja auch ein Wunder, wenn man mitten in der BRD Woche für
Woche ein Massenblatt absetzen könnte, das alle Branchen des na-
tionalen Eifers als intriganten Betrieb der Lächerlichkeit preis-
geben würde. Der "Spiegel" hat zwar nichts anderes zu erzählen;
das macht ihn so langweilig. Sein ganzes Genöle ist aber unmiß-
verständlich von tiefster Parteilichkeit für den Betrieb dik-
tiert, dessen Innenleben er so liebevoll-besserwisserisch auspin-
selt: f ü r d a s G e l i n g e n von Macht und Reichtum, Mo-
ral und Unterhaltung, innerem und weltweitem Erfolg der Nation.
Und seine Attitüde der Distanz und der intellektuellen Verachtung
ist ein einziger fortwährender Antrag auf wohlwollend akzeptierte
K u m p a n e i mit den Mächtigen, die umgekehrt den "Spiegel"
gerne mit "Informationen" und ihren Sorgen beliefern. Das macht
den "Spiegel" so maßlos konstruktiv.
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Kritischer Imperialismus
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"So steht Weinberger einer Streitmacht vor, die gut sein mag für
großvolumige, strategische Drohgebärden, die es aber gerade noch
schafft, eine Operation à la Grenada zu führen - sie bedeckte
sich nicht einmal hier mit Ruhm."
Da weiß der "Spiegel" es besser: Jede neue Aufstockung der ameri-
kanischen Rüstung macht die Amis immer nur ohnmächtiger - nur
Reagan und Weinberger kriegen das nicht mit. Nicht einmal den
Blitzkrieg in Grenada haben sie anständig hinbekommen - trotz al-
ler Atombomben und MX-Raketen.
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Feindbild gespiegelt
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Auch im "Spiegel" regieren in Rußland vorwiegend, zumindest bis
vor kurzem, kranke Greise, und das macht doch alles über die
Überholtheit eines Systems klar, das nur aus Ritualen lebt.
"Auch Beerdigungen prominenter Politiker sind rituelle Wiederho-
lungen. Stets erklingt Chopins Trauermarsch, als gäbe es keine
andere Trauermusik... Rituale sind es ja, die in der Sowjet-Ge-
sellschaft Tugenden bewahren, welche politischen Wandel unvor-
stellbar machen: Ordnung um jeden Preis, Sicherheit, Traditions-
liebe - das sind die Themen der nationalen Feiertagsliturgie."
Da ist noch jede hiesige Politikerrede über die Grundwerte der
Demokratie samt ihren zwei, drei Geboten und Verboten von pric-
kelndem Abwechslungsreichtum. Und so schlecht kann ein Kohl in
den Augen des "Spiegel" gar nicht sein, als daß russische Politi-
ker nicht vor ihm blaß aussehen. Hier zählt das lebensvolle Natu-
rell eines Politikers, drüben der stumpfe Dienst am Staat.
"Eine Führungskraft muß nicht, wie im Kapitalismus, gesund und
dynamisch sein. Wichtig ist vielmehr Treue zur kommunistischen
Idee und zur Partei, Patriotismus und nicht selten Heldentum im
Großen Vaterländischen Krieg."
Kein blühendes Geschäftsleben von Konkursen und spannenden Gei-
stesblitzen erfolgreicher Unternehmer - da hat Flötotto seine Wa-
ren doch glatt per Versand an den Mann gebracht! -, keine span-
nenden und zur Besorgnis Anlaß gebenden Arbeitslosenzahlen, nein
"graue Gleichförmigkeit beherrscht den Alltag, Übersichtlichkeit
des Lebens ist die Folge - aber auch fürchterliche Langeweile.
Die Überschriften in der Presse sind von lähmender Eintönigkeit:
'Die Jugend zum Kommunismus erziehen'."
In so einer Welt hätte der "Spiegel" kein Publikum, wenn er seine
ganze geistige Phantasie darauf verwendet, sein einfältiges Hurra
für das Gelingen der Politik negativ, also als Anspruch, der erst
noch verwirklicht gehört, vorzutragen:
"Im Westen geschätzte Werte wie Spontaneität, Phantasie und Selb-
ständigkeit zählen kaum."
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Der unwürdige Führer
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"Das ist Kohls Erfolgsrezept in diesem Landtagswahljahr: erst zu
sagen, 'ich bin kein blinder Optimist', und dann hemmungslos Op-
timismus zu verbreiten. Mit der lästigen Realität, mit den
Schwierigkeiten, in denen die Bundesrepublik nach zweieinhalb
Jahren CDU-Herrschaft steckt, pflegt sich der frohe Kanzler der
höchsten Arbeitslosenzahl seit der Währungsreform nicht zu be-
schäftigen, nicht mit dem Rekord von Firmenzusammenbrüchen, nicht
mit der akuten Gefahr, daß die Rentenversicherung pleite geht."
Der Mensch macht allen täglichen Meldungen aus Bonn zum Trotz
einfach nichts, und das verkauft er als Politik:
"Die Wahlstrategen der Union haben nur ein Ziel: trotz aller
Schwierigkeiten mit Arbeitslosen, Pleiten und Renten frohe Zuver-
sicht zu verbreiten."
So absichtsvoll verwechselt das Organ kritischer Meinung die Ta-
ten der Politik mit schlechter Meinungsmache. Dabei wäre zumin-
dest der "Spiegel" so leicht zu gewinnen: Kann dieser Oggershei-
mer nicht wenigstens einmal sein Wabbelgesicht in Sorgenfalten
legen, um als deutscher Politiker Statur zu beweisen:
"Die Tragik der Bonner Komödie liegt in der... Tatsache, daß die
Konservativen es nicht geschafft haben, einen Kanzler zu nominie-
ren und zu küren, damit er auch als Kanzler r e g i e r e. Sie
schafften es nur, einem Helmut Kohl den Bubenwunsch zu erfüllen,
Kanzler zu s e i n."
So laßt sich die Kritik des "Spiegel" an der Unwürdigkeit des
heutigen Vertreters deutschen Geistes im Regierungssessel darin
zusammen, daß er in ihm nicht die deutsche Führergestalt sehen
kann, für die es historische Vorlagen gibt. - Nein, nicht den
Führer aus Braunau (leicht auszudenken, wie "Spiegel"-Schreiber
diesen Provinzler "kritisiert" hätten), sondern den Macher aus
Hamburg, der Kant und Popper zitierend auch noch Klavier spielen
konnte - zur "Nachrüstung" und zum "Sparprogramm".
***
Ein trunkenes Geschäft
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"Der Film von Liebe und Anarchie, wie er im Originaltitel in An-
spielung auf das ausgelaugte Genre Liebesfilm heißt, ist der sel-
tene Fall eines gelungenen, mitreißenden Polit-Films, ein Werk
voller Gewalt und Leidenschaft, voller Triebe und Melancholie.
Gut passen diese Dinge bei Lina Wertmüller zusammen...
Denn Politik, suggeriert die Wertmüller in ihrer Groteske, ist
ein krauses, trunkenes Geschäft. Für Männerhände viel zu gefähr-
lich."
In der Kultur entdeckt der "Spiegel" seinen geistigen Anspruch so
sehr verwirklicht, daß die Schreiber für den hinteren Teil des
Blattes auch auf die Pose der Distanziertheit verzichten: Im
höchsten Schwachsinn bekennen sich die hier meist namentlich
zeichnenden Rezensenten so "mitreißend" zur eigenen Besoffenheit,
daß es einer Sau graust.
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(Durch-)Blick in die Welt
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"In Harlem ist alles möglich - auch strahlende Wiedergeburt in-
mitten einer verwesenden Stadt, sogar: daß aus Schwarz plötzlich
Weiß wird. In Harlem übertrifft die Wirklichkeit jede Phantasie."
Sex, Crime, Rassenhaß und Gewalt - ein einziger Genuß an den
Freuden demokratischen Lebens, zumal auch der letzte Nigger sich
in Harlem Luxus leisten kann.
"So spielt auch der Tod in der Welt der Schwarzen eine ganz an-
dere Rolle als in der Gesellschaft der Weißen: Für den armen Ne-
ger ist sein Tod oft die einzige Gelegenheit für echten Luxus.
Den besorgen die zahlreichen Bestattungsinstitute und ihre Besit-
zer, die in der Hierarchie von Harlem zu den meistgeachteten Bür-
gern gehören."
Den Vorwurf 'R a s s i s t' braucht der "Spiegel" von seinen
Lesern nicht zu befürchten - die nehmen das alles von Thai-Mäd-
chen bis zu Hungerleichen in Äthiopien als ihr Vorrecht eines
Durchblicks, wie es in der Welt zugeht. Von der primitiven Masse
wissen sie sich abgehoben: Dank "Spiegel", der ihnen als
T i t e l g e s c h i c h t e zum neuesten Hollywood-Schinken
ein anspruchsvolles Programmheft liefert.
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