Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN SPIEGEL - Nationaler Geist feiert Macht
zurück
"Der Spiegel"
SILVESTER-AUSGABE '81
Just in der Woche, da der freiheitliche Westen beschloß, die In-
stallierung einer Militärregierung in Polen als Einmarsch der
Russen zu behandeln, die Amerikaner "Strafaktionen" gegen die So-
wjetunion verkündeten und die Bundesregierung "unter dem Eindruck
einer wachsenden Kriegsgefahr" ihrem hehren Standpunkt der
"Nichteinmischung" mit einem Forderungskatalog an die polnischen
Machthaber Ausdruck verlieh, erschien die Sylvester-Ausgabe des
zeitkritischen Magazins "Der Spiegel" mit dem Titel: "Die Lust am
Weltuntergang".
Statt dem üblichen Bildrepertoire zu solchen Anlässen von Sta-
cheldraht, brutalen roten Militärstiefeln und finster blickenden
Bolschewikenfratzen ziert das Titelblatt des Magazins eine far-
benfroh zerstiebende Weltkugel, vor der der "alte Mystifax" No-
stradamus mit erhobenem Zeigefinger einherschreitet.
"In Krisen-Zeiten kommt Okkultismus in Mode, biblische Heilser-
wartungen brechen auf, Frust stärkt die Lust am Untergang."
befindet "Der Spiegel" ganz im psychologischen (Blöd-)Sinne sei-
nes Serienschreibers Horst-Eberhardt Richter, um auf dieser von
ihm thematisierten - "Welle des Okkulten", das "wie ein vorsint-
flutliches Ungeheuer in unser aufgeklärtes Zeitalter hineinragt",
so m i t zureiten, daß er sie nicht einmal mit einem gezwungenen
aufklärerischen Lächeln begleitet.
Aktuell sind "Katastrophen-Kalkulationen" von Sterndeutern alle-
mal ("als jüngstes Gerücht grassiert das Jüngste Gericht"), dafür
steht "Der Spiegel" mit Madame Teissier in der "Bild-Zeitung" ge-
rade und vermißt selbst ihre Beine. Sein Befund: "Okkultes gehört
zum Urväter-Hausrat jeder Kultur, im Herrgottswinkel hält es sich
am besten" ist dem Magazin Grund genug, die "Endzeit-Phantasien"
diverser Nostradami vom Herrgottswinkel auf seine Hochglanzseiten
zu befördern, um ihnen nur eines nachzusagen, daß sie zwar ange-
sichts krisenhafter Weltenläufte nur zu verständlich sind, aber
doch recht eigentlich unter dem Niveau aufgeklärten Spiegelbe-
wußtseins liegen. Letzteres darf bezweifelt werden. Denn was - so
möchte man fragen - unterscheidet eigentlich noch den Gehalt der
Weissagung des Waldpropheten Alois Irlmaier:
"Ganz schwarz kommt eine Heersäule herein vom Osten, eine große
Finsternis, die 72 Stunden dauert, hebt an, Potz, Blitz, Donner,
Erdbeben: Die Panzer fahren noch, aber die darin sitzen, sind
tot."
von politischen Endzeitvisionen Marke "Spiegel":
"Die 'Doomsday'-Maschine des US-Präsidenten, der fliegende Kom-
mandostand für das Welten-Ende im Atomfeuer, steht bereit, Knopf-
druck genügt heute für den Salto mortale ins Nichts."?
Daß der eine sein Schreckbild aus den Sternen, der andere aus den
gefährlichen Konstellationen von Knöpfen auf Atomwaffen gewinnt.
Kommt der "Spiegel" in seiner Sylvesternummer tatsächlich auf Po-
len zu sprechen, so läßt er einen rübergemachten polnischen
General in einem Exklusivinterview ein Hetzbild des Hauptfeindes
entwerfen, das die düsteren Prophezeiungen des Visionärs Andreas
Rill (anno 1914) vom "Antichrist", der "im äußersten Rußland ge-
boren, von einer Jüdin" mit seinen Horden hereinbricht "an dem
Tag, wo Markustag auf Ostern fällt", lässig in den Schatten
stellt. Nur eben mit dem kleinen Unterschied, daß es sich heutzu-
tage beim Russ' nicht mehr um die "irrationale" Vorstellung einer
im Osten georteten "Geißel Gottes" handelt, die zu einem mystisch
verschlüsselten Zeitpunkt dem längst überfälligen sündhaften
Treiben der Leute ein Ende machen wird, sondern um die hierzu-
lande politisch verbürgte (und daher ebenso begründensunwerte)
Grimasse des Kommunismus, die der praktisch als Aufrüstung be-
triebenen Feindschaft westlicher Politik - dankenswerterweise! -
anhand Polens den Genuß des Beweismittels verschafft. Der
"Spiegel" steht nicht an, ganz im Stil eines ZDF-Löwenthal, Fra-
gen der Art an den General zu stellen:
"Herr Dubicki, was kann einen polnischen Offizier dazu bewegen,
auf Arbeiter, unter denen auch seine Verwandten sein können,
schießen zu lassen?",
um in Gestalt von Antworten reiche antikommunistische Ernte zu
machen: Erstens ist dieser besagte Offizier, weil im Dienst der
anderen Seite, wenn er den Befehl nicht verweigert, eigentlich
ein Charakterschwein. Zweites aber doch nicht so ganz, weil
schamlos indoktriniert ("steht unter ständiger Einwirkung der
Parteiorganisation"); drittens, da kommunistische Indoktrination
niemals erfolgreich sein kann, ist er eine arme, willenlose Sau
("Der Mensch muß nicht das glauben, was er tut, der Indoktrinati-
onsapparat steuert sein Handeln.") und viertens - schließlich ist
der Freiheitsdrang = Antikommunismus eine menschliche Grundkon-
stante - läßt sich Gewalt für den Erhalt östlicher Herrschaft nur
durch ein teuflisches System aus moralischem Terror, Denunziation
und Arrest erzwingen. So hat wohl Leserbriefschreiber Dirk May
den neuesten Stand der geforderten Kritikfähigkeit eines Spiegel-
lesers richtig verstanden, wenn er den Aufschwung der Sterndeute-
rei mit folgendem hochpolitisierten Kommentar quittiert:
"Wir gucken in die Sterne, unten rollen die Russen rein."
Weshalb ein Rudolf Augstein auch nicht aus dem Kaffeesatz, son-
dern aus Polen geradezu nostradamische Orakel über die geheimen
Kräfte einer sich zuspitzenden Weltlage ausbrütet:
"Die Kräfte, die durch die 'Solidarität' freigesetzt wurden, hät-
ten sich mit ihm (Walesa) oder gegen ihn ihr Bett selbst gesucht,
der Lauf ins Verhängnis war wohl nicht aufzuhalten."
Es ist schon erstaunlich, wie sich die Durchblickertour dieses
Blatts über Seiten weg nur darin bewährt, den von der Politik ge-
schaffenen Tatsachen das bedeutungsschwere Etikett anzuhängen,
daß sie ihre sehr zielstrebigen Macher vor schier unlösbare Pro-
bleme stellen. Daß seine deutschen Politiker anhand Polens einen
wilden Streit darüber ausfechten, wer von ihnen dem großen ameri-
kanischen Freund näher im Anliegen steht, die tatkräftig
mitherbeigeführten Schwierigkeiten der östlichen Herrschaften zur
"Tragödie" und damit zum Kriegsgrund gegen die Sowjetunion auszu-
bauen, registriert ein "Spiegel"-Redakteur definitionsmäßig:
"Das Wort 'Tragödie' bezogen auf das polnische Dilemma ist nicht
zu hoch gegriffen, ausnahmsweise nicht." Vom Standpunkt der Über-
einkunft mit den Herren Politikern, ihnen sämtliche praktischen
Resultate ihrer Herrschaft theoretisch als "Dilemma" zugute zu
halten, betätigt sich die journalistische Interpretationskunst
entweder im interessierten Nachvollzug der zur "Tragödie" führen-
den Ereignisse, um ihnen rückblickend die höheren Weihen einer
nicht aufzuhaltenden Notwendigkeit zu verleihen:
"Beide Seiten bewegten sich mit offenbar nicht zu bremsender
Zwangsläufigkeit auf die letzte Konfrontation zu, jede Seite,
ohne daß man ihr - von ihrem Standpunkt aus - gravierende Fehler
vorwerfen könnte."
oder - auf Grundlage derselben gekonnten Witterung für ungünstige
Machtkonstellationen - im prophetischen Gestus auf eine zunehmend
aus den Fugen geratene Welt:
"Sicher ist, daß die Sowjet-Union mit der jetzt aufgeplatzten
Wunde nie mehr fertig wird."
Soweit "Der Spiegel" überhaupt noch auf die Subjekte der Politik
zu sprechen kommt, treiben sie sich mehr oder weniger ungeschickt
im Szenario der von ihm entworfenen "Krise" um. Am Maßstab von
deren Bewältigung mißt er sie.
Die besten Jahres des "Spiegel" allerdings, wo er noch durch die
Aufdeckung von Politiker-"Affären" selbst zur Affäre wurde, wo er
noch schonungslos in den dunklen Gründen von Politikerkarrieren
wühlte und solange Zweifel an der "Glaubwürdigkeit" hochgestell-
ter Persönlichkeiten recherchierend nährte, bis durch deren wür-
digen Ruhestand ein Hoch auf die "Abwehrstoffe" des sauberen
"Organismus Bundesrepublik" ausgebracht werden konnte, sind wohl
vorbei. In Zeiten, wo der Feind wieder von außen dräut, heißt es
im Innern eng zusammenstehen.
Wenn der "Spiegel" in seiner Endnummer 81 das Augenmerk seiner
kritischen Leser auf eine "Spenden-Affäre" der Bonner Parteien
lenkt, so nicht ohne den strengen Vorsatz, daß
"...jetzt nicht politische Differenzen zur Debatte (stehen).
Vielmehr geht es um Grundsatzfragen von Recht und politischer Mo-
ral."
Es ist die Position der verantwortungsvollen Sorge um die Hygiene
und damit Durchsetzungsfähigkeit der Politik in schweren Zeiten
pur, den das Magazin zum allgemeinverbindlichen erklärt.
"Und w i e die Bonner das Kunststück fertigbringen wollen, das
Recht zu wahren und dabei die Köpfe der in der Affäre verstrick-
ten Politiker zu retten, ist offen."
Daß beides geht, ja gehen muß (schon damit "die Parteien weiter-
hin ihren" (segensreichen) "grundgesetzlichen Auftrag erfüllen
können" - Lambsdorff) ist auch dem "Spiegel" klar. Er bringt sich
als Moraltante der Gewalt ins Spiel ("schlimmer läßt sich der
Einfluß des Geldes auf die Politik kaum darstellen"), bejammert
breit den angeblichen Verlust an Glaubwürdigkeitsessenz für die
so dringend erforderliche Handlungsfähigkeit des Staats und ver-
teilt strenge Zensuren unter den Parteien für die Methoden der
Beweisführung, daß Geld für eine ordentliche Machtausübung eben
unabdingbar ist. Der Anschein von Skrupeln auf Seiten der regie-
renden SPD über die etwas verwinkelten rechtlichen Wege der Spen-
den von finanzkräftigen Parteimäzenen und über den Zeitpunkt ih-
rer Begradigung, genügt dem "Spiegel", um sein "politisch - mora-
lisch" um das Ansehen der Staatsgewalt aufgewühltes Gewissen zu
beruhigen, denn immerhin gab es
"solche Probleme... in der CDU/CSU-Fraktion nicht. Wenn's um Geld
oder Macht geht, rührt sich bei den Christdemokraten kein Gewis-
sen. Keine Debatte über den Gesetzentwurf, keine Abstimmung über
den Inhalt."
Die Parteienlandschaft unter dem Aspekt kritisch zu durchleuch-
ten, wer wohl durch Geschlossenheit, Ideenreichtum und Überzeu-
gungskraft zur Handhabung der Staatsnotwendigkeiten taugt, war
von jeher ein trostloses Geschäft. Bitter wird es in Zeiten, wo
nicht einmal mehr dem ideologischen Schein nach sich zwischen Re-
gierung und Opposition oder innerhalb der Parteien ein Streit um
die Erfordernisse staatlicher Maßnahmen am Kriterium eines ver-
meintlichen Bürgerwohls abspielt. Wo die von oben angezettelte
Diskussion um Sparprogramm, Arbeitslosigkeit und Aufrüstung die
Sicherheit der Betroffenheit des größeren, arbeitenden Teils des
Volks an den Anfang stellt, um sich dann ganz der Frage zu wid-
men, ob die derzeit Regierenden noch den nötigen Mumm besitzen,
um den Bürgern mit der gebotenen Effizienz ans Leder zu gehen, da
verliert auch die betont lockere Tour des "Spiegel", mit der er
Intimkenntnisse aus dem Innenleben der Macht kolportiert, sogar
noch ihren fadenscheinigen besserwisserischen Reiz.
Strauß-Interviews etwa, die die Zeitung von jeher ihren Kunden
als besonderes Schmankerl verkaufte - einfach weil die Interview-
partner eine gewisse feindschaftliche Verbundenheit über eine
fast zwanzig Jahre zurückliegende "Affäre" aufwiesen und auch
sonst die Unverwüstlichkeit beider in ihrem jeweiligen Metier für
anregende Widerreden bürgern sollte - gehen zur Jahreswende 81/82
so an:
"Herr Strauß, die Bonner Koalition befindet sich in einem Dauer-
tief: Die Konjunkturlage ist schlecht, in diesem Winter werden
voraussichtlich zwei Millionen Arbeitslose gezählt, in der Rake-
tenaufrüstung fällt es den Sozialliberalen schwer, mit den eige-
nen Parteien zurechtzukommen - Zustände, die eigentlich die
Stunde der Opposition einläuten. Nur, uns scheint, die Opposition
weiß auch nicht so recht, was sie will. Sie tritt nicht in Er-
scheinung."
Was soll ein Strauß, der als Opposition in Erscheinung tritt, auf
dieses sorgenvolle Bekenntnis zu den Bewältigungsnöten heutigen
Regierens schon antworten? Sinngemäß: Ich teile Ihre Sorge um
eine kraftvoll auftretende Staatsgewalt, begrüße den
"dramatischen Vertrauensschwund" der Koalition und bin im übrigen
der Meinung, daß die CSU/CDU die Politik der SPD/FDP wesentlich
effizienter betreiben würde, wenn die davon Betroffenen - als ihr
Kreuz zum letzten Mal gefragt war - nicht falsch gewählt hätten.
Leider konnten wir damals Polen noch nicht zur Wahl stellen, ob-
wohl
"der Einmarsch der Sowjets in Afghanistan zum Beispiel... den
Trend zugunsten der CDU/CSU eigentlich (hätte) verstärken müs-
sen."
Alles andere, was der "Spiegel" sonst noch aus der Mottenkiste
seiner großen Strauß-Nummern vergangener Tage zieht (ob es denn
nicht doch ein Anhaltspünktchen für Streit innerhalb der Union
gebe / ob Kohl tatsächlich der richtige Mann für den anstehenden
Regierungswechsel sei und nicht doch Strauß etc. etc.) steckt der
CSU-Führer als gut gemeintes Kompliment weg und verweist anson-
sten seine journalistischen Gesprächspartner auf den grundlegen-
den Unterschied zwischen denen, die die Politik m a c h e n und
sich dazu die passenden Sprüche einfallen lassen und denen, die
so blöd sind zu meinen, vom Standpunkt dieser Sprüche aus ließe
sich den Machern am Zeug flicken:
"SPIEGEL: Das Etikett 'Raketenpartei' für CDU/CSU beschwert sie
nicht?
STRAUSS: Das hat Helmut Schmidt schon 1958 gesagt und hat dann
die von mir gekauften Raketen als Verteidigungsminister übernom-
men, vermehrt, modernisiert und gepflegt."
Was der "Spiegel" sonst noch zu bieten hat in seiner Sylvester-
Ausgabe? Rein seitenzahlmäßig erwähnenswert: Das dritte Stück ei-
ner vierteiligen "Spiegel"-Serie über ein schon leicht verstaub-
tes, aber scheinbar durchaus wiederholungswürdiges Thema diesmal
aus amerikanischer Sicht. Die Millionärstochter Patty Hearst ("Es
war so erniedrigend".) gewährt in ihrer "own Story" dem
Spiegelleser direkten Einblick in die finster-schmutzigen
Abgründe des Terrorismus (Fortsetzung folgt).
Weiter einen mindestens genauso spannenden "Spiegel"-Report:
"Wie das eigentlich passieren konnte, ist nicht mehr nachzuwei-
sen. Es 'fing schleichend an', meint der Tübinger Professor Her-
mann Bausinger, 'wie meistens diese Dinge schleichend anfangen'.
Und 'als es die Wissenschaft gemerkt hat, da war es schon zu
spät'."
Es handelt sich um nichts weniger als den "Wandel zur Anrede du"!
"Das mag einem nun läppisch vorkommen, doch" (aufgepaßt!)
"Sprache ist", wie der Bochumer Psychologie Professor Hans Her-
mann sagt, "soziales Geschehen".
Ja und auf Seite 104:
"Der Disco-Kult ist wieder da!"
zurück