Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN SPIEGEL - Nationaler Geist feiert Macht
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DIE DEUTSCHLANDISIERUNG DES ATOMKRIEGS
Die NATO hat anläßlich der Beschlußfassung über die Kurzstrecken-
raketen eine alte Lüge aus dem Verkehr gezogen:
"Die substrategischen Streitkräfte (atomare Kurzstreckensysteme)
sind nicht dazu bestimmt, konventionelle Ungleichgewichte aus-
zugleichen." (Süddeutsche Zeitung, 31.5.)
Besonders glaubwürdig war diese angebliche Funktion auch vorher
nicht. Daß Waffen zur Herstellung von Gleichgewichten da wären,
stammt aus dem Fundus rüstungsdiplomatischer Legitimationen. Ihre
wirkliche Funktion sollte so schwer nicht zu ermitteln sein. Es
wäre schließlich eine merkwürdige Strategie, die nicht auf die
Erledigung des Gegners, sondern auf einen möglichst egalitären
und ausgewogenen Schlagabtausch ausgerichtet wäre.
Ein deutscher Vordenker denkt da komplizierter. Nämlich so, daß
er einerseits die Lüge mitmacht, daß Waffen fürs Gleichgewicht,
für die Sicherung der Unmöglichkeit des Kriegführens da wären,
und dann andererseits etwas fragen muß:
"Die Sowjets bieten aber an, das Kräfteverhältnis zwischen NATO
und Warschauer Pakt drastisch in Richtung Ausgewogenheit vertrag-
lich zu ändern. Krieg in Europa wäre dann unmöglich... Da fragt
man sich denn doch, warum ganz neue atomare Systeme zwecks Ab-
schreckung auf deutschem Boden installiert werden sollen."
(Spiegel, 23/89)
Fragt sich Augstein und schließt zielsicher,
"es sei denn, man wolle die atomare Verheerung auf Mitteleuropa
beschränken, sie jedenfalls tunlichst von den Supermächten fern-
halten".
Daß die Supermächte ihre Waffen gegeneinander nur zur Kriegsver-
hinderung aufstellen, findet Augstein enorm glaubwürdig. Wenn es
aber um die BRD geht, glaubt er sofort, daß die Waffen da zum
Einsatz kommen sollen. Und zwar deshalb, weil die Führungsnatio-
nen der f e i n d l i c h e n Blöcke beim K r i e g-
f ü h r e n gegeneinander angeblich so e i n v e r n e h m-
l i c h miteinander verkehren werden, daß sie zwecks Schadens-
begrenzung die unangenehme atomare Abteilung auf dem Territorium
Dritter abwickeln. Für einen möglichst umweltschonenden Atomkrieg
ließen sich zwar noch ganz andere Schauplätze ausmachen. Und wenn
man sich über seine Austragung so locker einigen kann, dann
könnte man ihn auch gleich unterlassen. Denn das ist das
Blödsinnige an Augsteins Annahme: Er nimmt den Krieg, sogar den
mit Atomwaffen, gar nicht als gewaltsames Einschreiten gegen den
Feind mit dem Ziel, d e n f e r t i g z u m a c h e n, sondern
wie ein bloßes diplomatisches Kräftemessen zu Lasten Dritter.
Plausibel ist das aber für Nationalisten, die wissen, daß ihr
Staat nicht der alleinige Macher seiner eigenen Kriegsent-
scheidungen ist, und die deswegen nie den Verdacht loswerden, die
Verbündeten würden so handeln, wie ihre Nation zu handeln
versuchen würde, nämlich alles tun, um ihren Alliierten
zuallererst zu verheizen. Als Ami würde Augstein vorschlagen, den
Atomkrieg als Stellvertreterkrieg mit den Russen zu
verabschieden:
"Denn warum, so müssen wir fragen, braucht man ausgerechnet land-
gestützte Kurzstreckenraketen, wenn sie nicht einem auch noch so
unsicheren Einverständnis dienen sollen."
Die USA und die Sowjetunion sind keine Gegner, sondern Komplizen
-g e g e n u n s.
"Man kann gar nicht sicher sein, daß die Sowjets die neuen Rake-
ten unbedingt verhindern wollen. Sie werden taktisch dagegen auf-
treten, aber das Spiel aus ihren eigenen Gründen heraus viel-
leicht ganz gern mitspielen. Wie kann man die deutsche Teilung
besser verewigen als durch atomare Raketenzäune rechts und
links?"
Ungemein glaubwürdig. Der Sowjetunion sollen Raketen, die auf ihr
Bündnis gerichtet sind, im Grunde ganz lieb sein, weil sie dann
die DDR nicht herzugeben braucht. Wenn Augstein sich wieder zum
guten alten Feindbild hingearbeitet hat, sind die Raketen auf
einmal wieder nicht mehr dazu da, eingesetzt zu werden, sondern
ein Mittel, um uns Deutsche um unser Recht auf Großdeutschland zu
betrügen. Ein Paradefall von deutschem Schreibtischimperialismus:
Augstein propagiert ganz friedlich das deutsche Interesse am
NATO-Krieg um Europa, "W i e d e r v e r e i n i g u n g" -
einen Revanchismus, den sich die "kleine BRD" o h n e ihre Zu-
gehörigkeit zur NATO gar nicht leisten könnte. G e t r e n n t
davon problematisiert er an den K r i e g s m i t t e l n na-
tionalistisch herum, als ob sich die tückischen Supermächte aus-
gerechnet gegen seine kostbare BRD verschworen hätten. Das Be-
dürfnis ist unüberhörbar: Augstein möchte um eine Erledigung des
feindlichen Blocks, um eine Methode der BRD-Erweiterung gegen
Osten gebeten haben, bei der sein geschätztes Staatswesen erst
gar nicht in Mitleidenschaft gezogen wird. Und wegen dieses sau-
beren nationalistischen Wunschs erlaubt er sich auch ein paar
häßliche Töne gegenüber dem großen Bündnispartner. Aber - viel-
leicht tröstet ihn das - s e i n Kriegsszenario ist zu albern,
um stattzufinden. Eine saubere Beschränkung des Atomkriegs wird
wirklich nicht zu haben sein.
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