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Fritz J. Raddatz -
DER GROSSINQUISITOR
In der ZEIT vom 14. September 1990 gab F.J. Raddatz unter der
Überschrift "Die linke Krücke Hoffnung" öffentlich bekannt, daß
sich linke Positionen für ihn endgültig desavouiert haben. Der
Artikel hat Grundsatzcharakter. Raddatz will aufräumen. Nicht
sachlich widerlegen. Das hält Raddatz angesichts dieses Gegners
für ohnehin obsolet. Links i s t geistiger und moralischer
Dreck. Und den will er endlich wegputzen. Selbstverständlich ist
das keine "Säuberungs"aktion. Raddatz redet doch keiner Politik
das Wort. Es ist eine Klärungsaktion. Was Dreck ist, wird man
doch so nennen dürfen.
"Freunde, die ich ernst nehme, sorgen sich: 'Fängst Du nun an,
Deine linke Position aufzugeben?' Ich aber weiß nicht mehr, was
das ist - eine 'linke' Position."
Mit diesem Beginn seines Artikels hat er bereits die entschei-
dende Weiche gestellt. Links ist nicht eine Position, die ihre
speziellen Argumente für sich hätte, so wie Mitte und Rechts je-
weils ihre Argumente für sich haben - Links ist überhaupt keine
eigentliche Position. Folglich gilt:
1. Links ist gedankenlos
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Kritiker faschistischen Kulturerbes in der jungen BRD - "Das
Land, in dem es dreizehn Oberschulen auf den Namen Agnes Miegel
gab, aber keine auf den Namen Carl von Ossietzky, 'enthält allzu
viel von dem', sagt der Emigrant Ernest Bornemann, 'was wir im
NS-Staat bekämpft haben, und allzu wenig von dem, was wir uns von
einem nachhitlerischen Deutschland erhofft hatten.' Posten, Pen-
sionen, Ehrungen und Preis für die alten Nazis zuhauf: Ein Willi-
Vesper-Haus - aber keine Tucholsky-Straße; eine Hermann-Stehr-
und natürlich eine Guido-Kolbenheyer-Gesellschaft - aber keine
Heinrich-Mann-Akademie..." -
- haben sich außerdem noch "links" genannt, obwohl das mit
"links" gar nichts zu tun hat:
"Dagegen, pars pro toto, war die junge Intelligenz. Das nannte
man - und nannte sich - 'links'. Mit Sozialismus, auch nur ober-
flächlicher Kenntnis sozialistischer Literatur, hatte es nicht
das geringste zu tun ..."
Laut Raddatz war die antifaschistische Kulturkritik nämlich ein-
zig und allein die gerechte Forderung, daß die BRD sich auf der
Ebene der nationalen Geistesinsignien absolut vom III. Reich un-
terscheiden sollte. Daß die faschistische Kontinuität in der
Kulturpolitik ihren Grund in einer gewissen Kontinuität des poli-
tischen Programms - Wiedervereinigungsgebot, Eingliederung in den
Westblock, KPD-Verbot, Waffenlieferungen als Wiedergutmachung
usw. - gehabt haben könnte, kommt Raddatz nicht in den Sinn. Für
ihn war und ist die BRD von Anbeginn so sehr die totale Überwin-
dung des Faschismus und dadurch allein so total gerechtfertigt,
daß er in der treulich-gestrigen Kulturpflege nur einen Gegensatz
zur wirklichen BRD erblicken konnte. Der war dann "Muff",
"Chloroformwolke" oder auch "Blümchen-Biedermeier".
"Das Land wurde zwar aufgebaut, aber in den Köpfen nicht neu mö-
bliert..."
So gesehen, hätten sich die damaligen Kritiker das Attribut
"links" wirklich sparen können. Waren sie doch nur Befürworter
einer vom Faschismus ungetrübten Moralität der BRD - Zeitgeistma-
cher! Und so gesehen, ist es sogar von einem Hauch Wahrheit umge-
ben, wenn Raddatz kundtut, er wisse tatsächlich nicht, was
"links" eigentlich sein soll. Wenn "links" nämlich damals wie
heute einerseits mit dem Anspruch verbunden ist, an der BRD die
ein oder andere Kritik zu haben, andererseits aber damals nur
dazu gut gewesen sein soll, die für die BRD zeitgemäße passende
Gesichtspflege zu betreiben - dann ist "links" ein wirklich halt-
loser Standpunkt.
Raddatz hätte es aber besser wissen können. Ostermärsche, Schah-
und Vietnam- Demonstrationen k ö n n e n ihm nicht entgangen
sein. Da ging es n i c h t um Zeitgeistfragen, sondern um Kri-
tik am politischen Programm der Nation. Raddatz redet über diese
Dinge nicht, sie sind wohl nicht wichtig; vielleicht etwas sper-
rige Beispiele für das, was e r eben für die einzig mögliche
Verbesserung an der jungen Republik überhaupt gehalten hat und
hält: die Neumöblierung im Oberstübchen. Heute ist das ja alles
verwirklicht. Wozu dann noch "links"? In der Tat, ein gedankenlos
übriggebliebener Titel.
2. Links ist unmoralisch
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Gegen Faschismus zu sein ist ja immer gerecht. A b e r es gibt
die zweite verbrecherische Staatsform, den realen Sozialismus.
A l s o: wer gegen Faschismus ist, muß auch gegen realen Sozia-
lismus sein. Die Linken waren nur ersteres, also - höflich ge-
sprochen - inkonsequent.
"Weil viele von uns das bruchlose Kontinuum des Goebbelsschen,
von Millionen getragenen Antikommunismus zu dem der Adenauer-Ära
ekelte, wollten wir nicht antisowjetisch denken, fühlen, ar-
gumentieren. ... Das war historisch Rechtens, zumindest begreif-
bar; politisch-moralisch war es fragwürdig; gar frevlerisch.
Heinrich Mann hätte, nach den Morden an Trotzkij oder Isaac Ba-
bel, nicht Stalin als Intellektuellen feiern und schreiben dür-
fen: 'Stalin ist kein Diktator.'"
Die Billiglogik der demokratischen "Mitte"! Im rechten wie im
linken Extrem hagelt es Verbrechen - da muß man doch gar nicht
mehr fragen, welche Verbrechen es vielleicht von der Mitte aus
hagelt! Dem hätten sich die Linken anschließen sollen: Die Demo-
kratie zur Bastion moralischer Unschuld küren und von da aus zu
jeder undemokratischen Gewalt "Verbrechen!" schreien. Dann wären
sie selber sauber gewesen und hätten auch ihrer Berufung, der Ge-
sichtspflege der Demokratie, voll Genüge getan.
Mit der antifaschistischen Kulturkritik hatte es doch so schön
angefangen: Die junge, unzufriedene Mannschaft zeigte - Raddatz
zufolge wenigstens - mit dem Finger auf anwesende hohe Kulturver-
treter, die vorher auch schon oben waren, sowie auf noch exi-
lierte hohe Kulturvertreter, die vorher auch schon nicht da sein
konnten, und schrie aus Leibeskräften. Das wurde tatsächlich ein
wenig spannend, da einige Politiker dem gar nicht folgen konnten.
Aber die Jungmannschaft wußte irgendwie mit sicherem Instinkt,
daß die BRD über kurz oder lang ein runderneuertes Gesicht
brauchte, weil die allgemeine Lage nun einfach eine andere war,
was wiederum gar kein Geheimnis war - und sie behielt Recht. Wie
fein! Faschistische Gedanken zu durchdenken und die Fehler zu be-
stimmen, mit denen Ernst Jünger und andere sich zu einem Idealis-
mus des Opfertums und der nationalen Größe bekannt haben; dadurch
Wissen zu erlangen über Funktionsweise und Attraktivität politi-
scher Ideologien, um dann A u f k l ä r u n g darüber stiften
zu können - das fiel den demokratischen Kritikern - wiederum Rad-
datz zufolge - nicht ein. Sowas durchdenkt man doch nicht! Man
verabscheut es, und zwar öffentlich! Also denunzierte man - die
aufsteigende richtige Macht im Rücken - nach Herzenslust die al-
ten Knochen, daß und weil sie für die falsche Macht gedichtet
hatten.
Es wäre alles so einfach gewesen. Aber dann hatten einige Intel-
lektuelle glatt ihre Gründe, das Programm des realen Sozialismus
für einen glaubwürdigeren Antifaschismus zu halten als das eines
Staates, der sich freiwillig zum Rechtsnachfolger des III. Reichs
erklärt hatte; und hielten demzufolge den realen Sozialismus für
eine bessere Stoffsammlung oder auch nur Kulisse und die dort
einwohnenden Völker für ein würdigeres Publikum ihres Dichtens
und Trompeteblasens. Was das für Solidaritätsgründe waren, und
wie er sie widerlegen will, verrät Raddatz nicht. Das Durchdenken
der Gründe politischer Parteinahmen ist seine Sache ja ohnehin
nicht, wie er, auf die Einfachheit seines Maßstabs stolz, be-
kennt. E r registriert ausschließlich, d a ß hier Partei er-
griffen wurde, unbeirrt von s e i n e r Einteilung der Systeme
in ein sauberes und zwei schmutzige. Die Mißachtung dieser für
ihn selbst so schlagenden Einteilung muß er dann, so schwer es
ihm fällt, als Ausdruck nicht nur sachlicher Blindheit, sondern
poetisch-moralischer Einäugigkeit werten:
"Es wird überhaupt nichts 'unterstellt'. Aber es wird festge-
stellt: Eine Ballade über Katyn ist da nicht geschrieben worden."
Verbrechen rechts, Verbrechen links. Um Weltkind in der Mitten zu
sein, hätte man sich balladesk distanzieren müssen. Ein poe-
tisches Politbekenntnis als Eintrittskarte in die Gesellschaft
der redlichen Dichter. Ist so etwas nicht einmal der sozialisti-
schen Kultur vorgeworfen worden? Klar ist jedenfalls, daß Adornos
piekfeiner Moralismus, nach Auschwitz sei Dichtung nicht mehr
möglich, jetzt um eine Ausnahmeregelung bereichert ist: Wenns um
kommunistische Greuel geht - aber immer!
Das zu unterlassen zeugt nicht nur von Einäugigkeit. Man muß es
moralische Verkommenheit nennen.
"Hunderte solcher falschen Priester - weil sie Achtung, Respekt,
Bewunderung verdienten als Opfer und Verjagte und wohl auch als
Künstler - wurden von unsereins akzeptiert; sie haben falsch
Zeugnis geredet, von Feuchtwanger bis Brecht. Niemals hätte der
Stückeschreiber einen Preis mit dem Blutnamen annehmen dürfen.
Jedoch nach seinen verschwundenen Freunden Tretjakow und Carola
Neher fragen müssen. ... Ich wüßte eben gerne, wie das ist - Jude
und Kommunist zu sein, und zu den antisemitischen Prozessen in
Moskau oder Prag zu schweigen. Wie das ist, in einem der Privile-
gierten-Clubs Dienstagabend zu essen, wo man Montagabend noch mit
Leo Bauer aß. Der war nun weg..."
Perfider kann Denunziation kaum sein. Er stellt fest, daß linke
Idealisten leicht Opfer des realen Sozialismus wurden - und stem-
pelt gleichzeitig die Verschonten zu gefühllosen Verkörperungen
des Opportunismus. Die Tatsache, daß sie noch leben, überführt
sie als Mittäter. Linken Moralisten F e h l e r vorzuwerfen;
oder, wenn schon das nicht, ihrer idealistischen Parteinahme eine
T ä u s c h u n g zuzugestehen; das womöglich zu ergänzen durch
s a c h l i c h e K r i t i k an einer Staatsform, die ein biß-
chen individualmoralische Abweichung von der moralischen Gemeral-
linie gleich für verfolgungswürdig hielt - das kommt für Raddatz
überhaupt nicht in die Tüte. Er sieht hier nur ein
v o r s ä t z l i c h e s Sich-Täuschen, eine tiefsitzende
V e r l o g e n h e i t am Werk. Da kann er nur eimerweise Zy-
nismus drüberschütten (in der ZEIT, im Jahr 1990).
3. Links ist Opium für die Intellektuellen
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Jetzt sind noch diejenigen Linken übriggeblieben, die sich zwar
auch vom realen Sozialismus distanzieren, aber von einer Idee des
Sozialismus, oder auch nur von irgendeiner sozialkritischen Uto-
pie überhaupt, nicht lassen wollen. Die sind halt nicht zu ret-
ten.
"Mich interessiert aber die 'Schuldfrage' gar nicht so sehr."
(Nachdem er sie nämlich in seinem Sinn geklärt hat.) "Ich bin da
nicht meiner Meinung;" ( er ist bescheiden und originell;) "habe
nichts ein- noch anzuklagen. (Er weiß sich in der geläuterten
Verzichtsstimmung von Schuberts Winterreise.) Lauterkeit hat kein
Zahlungsziel. Aufregend aber finde ich den - eigenen? - (er
schließt sich auch jetzt noch mit ein. Der gute Mann. Er kann
wirklich keinem etwas Böses) Trotz, mit dem eine Utopie bewahrt
werden soll. ... Die 'eigentliche' Utopie Sozialismus wollen sie
erhalten wissen. ... Eine Utopie, deren Handlanger auf Befehl
mordeten, deren Repräsentanten ein Land auf Feudal-Manier aus-
laugten, deren Herrscher für ein paar mäßig gekachelte Badezimmer
den ökologischen Ruin ganzer Landstriche 'in Kauf nahmen'? Wie-
viel Gläubigkeit nach der Musik 'Die Sache ist gut, nur ihre
Priester erbärmlich' verlangt man beziehungsweise bietet man an?
Diesen Glauben aufzukündigen, das wäre 'rechts'? Müssen wir diese
wie immer benannte Utopieverordnung nicht als eine zum Gaukelbild
zerronnene Illusion verabschieden?"
Nach reiflicher Abwägung aller rhetorischen Fragen vermutlich
letztlich doch wohl schon. Die Sache ist einfach reif zum Ab-
schuß. Da muß doch einer einmal den ersten Stein werfen. Egal, ob
es wirklich der allererste ist.
4. Raddatz ist ganz, ganz ehrlich
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Raddatz "hetzt" nicht gegen links. Er bewältigt schweren Herzens
die linke Vergangenheit anderer, bei der selber dabei gewesen zu
sein er sich heute sehr wundern muß.
Raddatz "unterstellt" niemandem etwas und nennt linke Idealisten
nicht charakterlos. Er "stellt" nur "Fragen", warum sie denn so
charakterlos waren.
Raddatz "setzt" Faschismus und realen Sozialismus nicht "gleich".
Er "vergleicht" sie nur, um Unterschiede festzuhalten, die Ge-
meinsamkeiten sind.
Raddatz denkt nicht totalitär. Er will nur gewahrt wissen, daß
sich der freie künstlerische Geist von den falschen Mächten öf-
fentlich distanziert und das gleichzeitig als Bekenntnis ver-
steht, daß Kritik an der richtigen Macht - wenigstens von seiner
Seite aus - nicht möglich ist.
Raddatz ist kein Opportunist. Er spricht mutig aus, was offiziell
und allgemein angesichts der Verhältnisse für fällig verkündet
wird.
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