Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN PRESSE - Von der westlichen Presse


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       Falsche Hitler-Tagebücher im "stern" -
       

NA UND?

Da tobt zwei Wochen lang ein "Sturm im Wasserglas" durch West- deutschlands freie Öffentlichkeit. "Hitlers geheime (natürlich!) Tagebücher entdeckt!" "Original oder Fälschung?" "Das Bundeskri- minalamt greift ein!" "Fälschung bewiesen!" "Stern entschuldigt sich..." Die Aufregung wäre wichtigeren Sachen angemessen gewesen. Der Frechheit z.B., mit der zur gleichen Zeit im Bonner Bundestag wie selbstverrständlich die "Notwendigkeit" besprochen wird, für die Lohnarbeiter der Nation Verzicht und Leistung gleichermaßen zu erhöhen. Oder die Brutalität, mit der in Nicaragua, ebenfalls zur gleichen Zeit, ein ganzes Volk fertiggemacht wird, weil sein Staat die Sicherheitsansprüche des freien Westens berührt - und die Selbstgerechtigkeit, mit der die zuständigen Führer des We- stens ihr Recht dazu erklären. Gerade das Menschenmaterial deut- scher Geschäftemacherei und deutscher Staatsgewalt hätte sich besser darum gekümmert. Für eine gebildete, aufgeklärte Öffentlichkeit ist aber, so scheint es, nichts so attraktiv und aufregend wie ein Blick durchs Schlüsselloch in die Schlaf- und Eßzimmer der Mächtigen. "Was hat mein Herr sich bei seinem Tun gedacht? Was hat er emp- funden beim Regieren?" - das sind Fragen, an denen ein Unterta- nengeist sich aufgeilt. Und das gleich noch beim alten Führer, diesem Klasse-Unhold! - Da ist es schon scheißegal, ob "authentisch" oder gefälscht: Das I n t e r e s s e selbst, das auf "Authentisches" so scharf ist und deswegen auf jede Fälschung 'reinfällt, das ist beschäuert! * Im Falle Hitlers gilt dieses Interesse, auf das jeder memoiren- schreibende Politiker und die gesamte ach so menschliche Öffent- lichkeit zählt - und auch bombensicher rechnen kann -, allerdings als anrüchig. Noch die härtesten Gemeinheiten der Politik gewin- nen nämlich einen Schein von Menschlichkeit, wenn sie a l s L e b e n s s c h i c k s a l i h r e s U r h e b e r s vorge- führt werden - jeder Politiker-Werbeprospekt versteht sich dar- auf! Das aber darf im Falle jenes großen Unholds, der Groß- deutschland am Schluß doch vergeigt hat, nicht sein. (Am Ende käme noch jemand drauf, daß v o n d i e s e m S t a n d- p u n k t a u s die Lebensgeschichten von Adenauer, Churchill oder Helmut Kohl sich gar nicht so prinzipiell anders ausnehmen als die des verflossenen Führers...!) An der Verurteilung Hitlers darf nicht gerüttelt werden. Denn eine a n d e r e "Kritik" als diese k i n d i s c h e - "böse, böse!" - hat der demokratische Sachverstand nie zustandegebracht an dem letzten Kanzler ganz Deutschlands und an den Prinzipien seiner Politik. (Für alle, die sich d a f ü r und nicht für alberne Enthül- lungs-Sensatiönchen interessieren, empfehlen wir aus der Reihe RESULTATE den soeben erschienenen Band 9: Die nationalsozialisti- sche Herrschaft. München 1983. Bestell-Nr. im Buchhandel: ISBN 3-922935-15-X. Preis: 10,-- DM, 224 Seiten.) * Deswegen also große Erleichterung - und Schadenfreude der Journa- listenkollegen -, als kriminalistisch nachgewiesen war: Die Tage- bücher sind nicht echt. Zwar wurde kein Satz, der drinsteht, als falsch bestritten; im Gegenteil: lauter bekannte Fakten, so hieß es, seien verarbeitet worden. Aber eben nicht von Hitlers Hand - als hätte d a s nachträglich irgendetwas an den nationalen Großtaten geändert, zu denen sich das deutsche Volk damals genau so hat benutzen lassen wie heute zum Sparen und zum Aufrüsten... Eine Fälschung wurde entlarvt, und ihr angeblicher Zweck gleich mit dazu: Dem A n s e h e n d e r N a t i o n hätte da ein Bösewicht schaden wollen - durch das Schauspiel eines Volkes, das über die Tagebücher Hitlers womöglich deren Schreiber hätte g a n z m e n s c h l i c h finden können! Ein V e r- d a c h t, der gleich die V e r r ü c k t h e i t eingesteht, die da dem Volk ganz selbstverständlich zugetraut wird! * Seither ist die "kriminalistische" Jagd freigegeben auf die Böse- wichter, die Bundesdeutschlands saubere antifaschistische Weste hätten bekleckern wollen. Und da durfte mehr und unbefangener ge- fälscht werden, als es bei den Hitler-Tagebüchern passiert ist. Was fällt denn einem braven Bundesdeutschen bei "Volksschädling" gleich ein? Na klar: die "drüben"! Also flugs ein Komplott ge- schmiedet - durch die Presse, unter Anleitung des Bundeskanzlers, der die Mithilfe seiner Geheimdienste in entsprechender Richtung versprach! - zwischen Alt-Nazis und DDR-Kommunisten. Und endlich ist der "Skandal" dort, wo er hingehört: Ein Staatsverbrechen ge- gen das demokratische Ansehen der Republik wurde von finsteren Mächten inszeniert - aber eine tapfere Journaille hat es recht- zeitig durchkreuzt, zusammen mit dem Bundskriminalamt. Eine nationale "Tatort"-Story in drei Akten. Und was weiß der Mensch jetzt mehr über Hitler und den deutschen Nazi-Staat? (Deswegen nochmal unser Lesetip: Resultate Nr. 9, Die nationalso- zialistische Herrschaft, e r k l ä r t, was damals - ganz "authentisch"! p a s s i e r t ist.) zurück