Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN PRESSE - Von der westlichen Presse
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DER 1. MAI UND DIE FREIE PRESSE
Wenn eine mit staatlichem Segen und oberster staatlicher Beteili-
gung ablaufende Feier der Arbeit einmal nicht so abläuft, wie es
sich die Jubilanten vorgestellt haben, dann kann man Sternstunden
des freien Journalismus erleben. Da nicht sein kann, was nicht
sein darf, berichtet ein Teil unserer staatsfrommen Meinungsma-
cher über die gestörte Mai-Feier in Duisburg einfach so, als sei
sie in schönster Eintracht zwischen Herrschern und Beherrschten
abgelaufen. Weil es sich genau so gehört, hat es sich folglich
auch so zugetragen.
Nun läßt sich allerdings ein Skandal nur schwer verheimlichen,
der bereits in Direktübertragungen vom Radio in deutschen Landen
verbreitet worden ist. Was also tun, wenn selbst die
"phonkräftige Lautsprecheranlage" (Westf. Rundschau) und das Ar-
senal von Geräuschfiltern den "ohrenbetäubenden Lärm" (Welt,
BILD...) nicht zum verschwinden bringen konnten? Wer war es? Na-
türlich K o m u n i s t e n, Leute, deren Kritik an Schmidt und
Vetter sich eben deshalb bereits selbst diskreditiert. Die
Schreiberlinge können sich sicher sein, daß zu ihrer Gefolgschaft
auch die deutschen Arbeiter gehören, die selbst nach der letzten
Tarifrunde und dem staatlichen Sparprogramm den Machern ihres
Elends Beifall zollen, wenn sich nichterwünschte Kritiker bemerk-
bar machen. Das hat natürlich immer die fatale Konsequenz, daß
sich auf diese Weise unversehens der eine oder andere Arbeiter,
dem nun wirklich nichts gegen den Sprechchor: "Den Arbeitslohn
senkt sie gekonnt, die schwarz-rot-goldne Arbeitsfront" einfällt,
im Lager der Kommunisten wiederfindet.
Über Kommunisten hat man öffentlich nicht nur das Urteil, daß es
bereits ansteckend ist, ihnen überhaupt zuzuhören. Darüberhinaus
sind es 1. immer ganz wenige und 2. kommen sie regelmäßig von au-
ßerhalb angereist. Beides ist merkwürdig: 23 000 Menschen sollen
auf der zentralen Mai-Feier in Hamborn gewesen sein und "200"
(Westf. Rundschau), "einige hundert Menschen" (Welt), "eine
kleine Gruppe linker Krawallmacher" (BILD) haben es geschafft,
daß gegen sie "weder die kundgebungserprobten Schmidt und Vetter
noch die Mehrzahl der Besucher auf dem vollbesetzten Marktplatz
ankamen" (Westf. Rundschau)! Die müssen irgendwie über übernatür-
liche Kräfte verfügt haben. Was aber den Kommunisten letztlich
auch zuzutrauen ist. Die andere Variante der Erklärung dieses My-
steriums ergeht sich in technischen Details. "Spraydosen" sollen
sie gehabt haben. Wie erzeugt man mit denen eigentlich
"ohrenbetäubenden Lärm"? Nicht viel besser: "Mit Spraydosen be-
triebene Sirenen" (Westf. Rundachau) haben sie in Gang gesetzt.
Raffiniert, diese Brüder. Ausgerechnet diese harmlosen Spraydosen
zu benutzen. Dann wenigstens technisch korrekt - waren es an
"Preßluft angeschlossene Signalhörner" (BILD). Aber irgendwie
wird etwas Geheimisvolles haften bleiben: 200 gegen 23 000 er-
folgreich!!! Und das mit der Anreise von außerhalb ist nicht min-
der blöd: In a l l e n westdeutschen Städten, in denen Kundge-
bungen von Schmidt, Strauß, Apel, Vetter oder wem auch sonst im-
mer gestört werden, weil es Leute gibt, die sich mit den Machern
des deutschen Kapitalismus und Imperialismus nicht abfinden, sind
diese von "a u ß e r h a l b angereist". Wahrscheinlich hausen
sie in Erdlöchern und tauchen nur gelegentlich an der Erdoberflä-
che auf. Aber in irgendeiner Stadt leben tun sie nicht. Sie sind
von außerhalb, sprich: sie gehören nicht dazu! Daß innerhalb der
einhelligen Parteilichkeit der bürgerlichen Presse durchaus noch
ein Streit ausgetragen werden kann zwischen regierungstreuer und
oppositionsgeneigter Presse belebt das journalistische Geschäft:
Die regierungstreuen spielen die Störung der Arbeits- und Frie-
densfeier von SPDGB runter. Das Motto "Viel Feind, viel Ehr" galt
noch nie für diejenigen, die sich mit Feinden auseinandersetzen
müssen. Die oppositionelle Presse nuanciert anders: "Zahlreiche
Störer" macht die FAZ aus, ohne sich festlegen zu wollen. Denn:
Je mehr Kommunisten stören, desto mehr hat der Helmut mit der
Lotsen-Mütze versagt. Ganz klar: So eine Politik arbeitet den
linken Krawallmachern in die Arme. Deswegen: Je mehr es sind, de-
sto größer das Versagen der Sozialliberalen. Umgekehrt, umge-
kehrt!
Aus den 23 000 jubelbereiten Teilnehmern werden dann woanders
10 000; eine Differenz, die durch polizeiliche Fehlschätzung
wahrlich nicht zu erklären ist. Den Gipfel hat sich die Welt
geleistet: Natürlich ist der Nachweis des Scheiterns der Regie-
rung Schmidt am schönsten, wenn man zeigen kann, daß das ureigen-
ste Wählerpotential - die Proleten des Ruhrpotts - sich gegen die
Regierung aus SPD und FDP wendet. Flugs werden aus den "Störern"
also enttäuschte Arbeiter des Ruhrgebiets, mit denen die 'Welt'
völlig solidarisch ist: "Bundeskanzler Schmidt, noch vor wenigen
Monaten Optimist Nummer eins der Nation, eröffnete die Trauermu-
sik bei der zentralen Kundgebung des DGB in Duisburg-Hamborn.
Hier, wo die Arbeitslosenquote bei acht Prozent liegt, gingen
seine Appelle zum Maßhalten, zum solidarischen Gürtel-enger-
Schnallen und zur gemeinschaftlichen Bewältigung der noch nie so
ernst gewesenen Lage in Pfeifkonzerten unter. Zuviel ist den Leu-
ten an der Ruhr schon versprochen worden. Und zu wenig davon hat
jene sozialdemokratische Regierung zu halten vermocht (besser
also: nichts versprechen!), auf die Bergleute und Stahlkocher
bislang ihre Hoffnung setzen. Von Feiern zum Mai keine Spur - es
wehte eher ein Hauch von Volkstrauertag."
Auch das ist natürlich gelogen, daß sich die Balken biegen. Wenn
es wirklich "d i e Leute von der Ruhr", "d i e Bergleute und
Stahlkocher" gewesen wären, die - ob nun 23 000 oder 10 000 - dem
Schmidt und Vetter geschlossen die Gefolgschaft verweigert hät-
ten, dann wäre von Springer höchst persönlich der nationale Not-
stand wegen Ausbruch der Revolution ausgerufen worden.
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1. Mai in Ost und West
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Bekanntlich ist die Berichterstattung unserer freien Medien, wenn
es um Ereignisse beim Feind im Osten geht, immer ganz schön kri-
tisch. Da fallen den hiesigen Journalisten Sachen auf, die ihnen
hierzulande nie und nimmer auffallen wollen. So auch in der
HEUTE-Sendung des ZDF zur Maifeier in Ost-Berlin, die neben Be-
richten über Moskau, Peking und Warschau schon deshalb etwas län-
ger ausfiel, weil die Stimmung auf unserer zentralen demokrati-
schen Feier in Duisburg - wie schon oben erwähnt - in diesem Jahr
nicht zum besten war. Wir haben uns erlaubt, die wichtigsten Aus-
sagen aus dieser Sendung herauszugreifen und statt DDR die Bun-
desrepublik Deutschland einzusetzen.
"Der erste Mai ist ein Feiertag, man gratuliert sich dazu in der
BRD. Die ganze Parteiprominenz ist anwesend und winkt mit Pla-
stiknelken den versammelten Arbeitern. Die Bevölkerung soll den
vielbeschworenen Produktionsschwung behalten, das Massenschau-
spiel soll Optimismus aucken, Arbeitseifer und Begeisterung ver-
breiten. Gewerkschaftliche Forderungen sind das nicht, nach mehr
Lohn etwa oder kürzerer Arbeitszeit. Am Tag der Arbeit fordert
der Staat also etwas von den Arbeitern, nicht etwa umgekehrt."
Einen Unterschied gibt es schon zwischen den beiden deutschen
Maifeiern: im Osten sind sie Staatsveranstaltungen, hier auch,
aber nicht vom Staat veranstaltet.
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