Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN PRESSE - Von der westlichen Presse


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LOB FÜR DEN FEIND

Für das Nachrichtenmagazin "Time" war M. Gorbatschow der "Mann des Jahres 1987". Den Generalsekretär der KPdSU trifft für diese Auszeichnung nicht allein die Schuld. Gewürdigt wird darin näm- lich eine westliche Sichtweise, für die der Mann das ganze Jahr über sein Konterfei hat hinhalten müssen: Inwieweit erfüllen "Glasnost", "Perestroika" und sowjetische Außenpolitik die An- sprüche, die wir an den Osten haben? Von diesem imperialistischen Standpunkt aus erweist die demokra- tische Journaille dem Vorsitzenden der feindlichen Weltmacht die Ehre, ihn zu ihrem "Hoffnungsträger" zu küren. Die Bestrebungen der sowjetischen Führung, ihre Wirtschaft zu effektivieren, gel- ten hierzulande als Beweis für die Unumgänglichkeit der Einsicht, daß die einzig menschenwürdige Ökonomie Kapitalismus heißt. Das russische Beharren auf Abrüstung als Bestätigung der NATO-Dok- trin, daß der Osten zu viele Waffen hat. Freilich gibt sich die Presse ihren eigenen Lügen gegenüber auch "realistisch": "Man sollte jedoch nicht in Euphorie verfallen. Die Sowjetunion ist immer noch eine Ein-Parteien-Diktatur, die Ökonomie marode, die Bürokratie bedrohlich." (Time 1/88) Und ihr Chef? Immer noch "ein überzeugter Kommunist. Und ein rücksichtsloser politischer Opportunist." Also keine Linksabweichung in diesem Spitzenmagazin des US-Impe- rialismus. Wenn westlichen Journalisten ein Bolschewik gefällt, warnen sie einander gleich vor dessen hinterhältigen Berechnun- gen. Bis der Westen mit einem "Kreml-Herrn" zufrieden ist, müßte der schon ein bißchen sein System abschaffen. Insofern bleibt noch Hoffnung, daß Gorbatschow demnächst als die "Enttäuschung des Jahrzehnts" gehandelt wird. zurück