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Bremer Hochschulzeitung Nr. 110, 21.01.1985
Der Weser-Report schlägt zu gegen Prof. Liebe-Harkort:
KAMMERJÄGER DER DEMOKRATIE SCHÜTZEN FREIHEIT DER WISSENSCHAFT -
VOR KRITISCHEN GEDANKEN!
"Haarsträubend
me. In der Türkei werden politisch Andersdenkende verfolgt und
gefoltert. Das totalitäre Regime dort läßt selbstverständliche
Grundrechte nicht gelten wie bei uns. Quer durch alle politischen
Parteien gibt es keinen Zweifel darüber, daß wir im Gegensatz zur
Türkei in einem freien Land leben. Die Zahl der türkischen Asyl-
bewerber belegt dies zusätzlich.
Das Bremer Jugendamt ist da offensichtlich ganz anderer Meinung.
In der von ihm journalistisch verantworteten Zeitschrift
"Merhaba" - dem "Forum für Ausländerfragen" - setzt die Behörde
die Staaten Türkei und Bundesrepublik Deutschland völlig gleich.
Kostprobe des haarsträubenden Textes - "Der Staat schützt uns vor
allen Feinden, den äußeren und den inneren, mit Raketen und
Atombomben, ja sogar vor uns selbst, damit wir uns keine unver-
nünftigen Gedanken gegen die Militärausgaben... machen. Die Väter
Staat bauten für diesen Schutz vor uns selbst Gefängnisse und an-
dere Er- und Entziehungsanstalten. Sie verbieten ihren Bürgern
das Denken sozusagen, in dem sie es durch soviel Drohung gar
nicht entstehen lassen."
Autor ist ein seit 1980 an der Bremer Universität tätiger Profes-
sor, der ausweislich des Forschungsberichtes 1984 in diesen Jah-
ren lediglich einen Geburtstagsgruß für einen anderen Professor
publiziert hat."
Daß Prof. Liebe-Harkort als engagierter Demokrat bekannt ist, hat
ihm offenbar wenig genutzt: die Fahnder vom WESER-REPORT sind
fündig geworden. Der Mann übt Kritik an "Vater Staat". Das reicht
für die Verurteilung, so jemandem stünde eigentlich das wissen-
schaftliche Amt nicht zu. Den Inhalt der Kritik muß der WESER-RE-
PORT erst gar nicht widerlegen. Der Standpunkt "Die BRD ist gut"
ist eben demokratisches Gebot, Abweichungen nicht erwünscht. Als
guten Grund für diese demokratische Unsitte im "freien Denken"
unterbreitet der WESER-REPORT ein paar Heucheleien: Woche für Wo-
che feiert das Blatt den treuen NATO-Freund Türkei; jetzt darf
einmal das Fehlen von Grundrechten in diesem Land beklagt werden,
damit die BRD als ehrenwerter Saubermann dasteht. Woche für Woche
hetzt die Zeitung gegen türkische "Wirtschaftsasylanten", die der
demokratischen Grundrechte wegen dringend den heimischen Folter-
knechten überstellt werden müssen; heute sind sie einmal für
einen kurzen Augenblick gern gesehener Gast in den Artikelspal-
ten, weil sie als Kronzeuge für die Güte der bundesdeutschen
Herrschaft herhalten müssen.
Was hat Liebe-Harkort eigentlich falsch gemacht?
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Er ist bei einem Vergleich der türkischen und deutschen Sprache
darauf gestoßen, daß in beiden Sprachen verkehrte Auffassungen
über das eigene Staatswesen stehende Rede sind: "Vater Staat" -
so einen muß man ja wohl liebhaben. Liebe-Harkort hat da nicht zu
Unrecht gewisse Bedenken:
"Beide Sprachen entstellen die staatlichen Verhältnisse durch den
familiären Vergleich, wenn von 'Vater Staat' (devlet babasi) die
Rede ist. Der Staat droht zwar und straft wie der Familienvater,
er hindert seine Bürger, zumindest die meisten, anstatt ihnen zur
Selbstverwirklichung zu verhelfen. Der Staat schätzt uns vor al-
len Feinden, den äußeren wie den inneren, mit Raketen und Atom-
bomben, ja sogar vor uns selbst, damit wir uns keine unvernünfti-
gen Gedanken gegen die Militärausgaben von 40.000.000 000.DM pro
Jahr machen. Die Väter Staat bauten für diesen Schutz vor uns
selbst Gefängnisse und andere Er- und Entziehungsanstalten. Sie
verbieten ihren Bürgern das Denken sozusagen, in dem sie es durch
soviel Drohung gar nicht entstehen lassen.
Allerdings - das ist wenn auch einer der wenigen, so doch in ent-
scheidender Unterschied zum Familienvater - Vater Staat läßt sich
aushalten, wird ausschließlich von seinen arbeitenden Bürgern er-
nährt, hat keine andere Einkommensquelle als ihre Geldtaschen."
(Merhaba 13/84, S. 9)
Egal, worin sich Liebe-Harkort sonst täuschen mag, das
G e w a l t verhältnis zwischen Bürgern und Staat nennt er beim
Namen. Die verklärende Redeweise "Vater Staat", so als gäbe es da
zwischen Steuerzahler und Finanzminister, Lehrling und Verteidi-
gungsminister ein herzliches familiäres Einvernehmen, hält er für
verkehrt. Na und? Hat er darin nicht recht? Natürlich hat er
recht. Das bestätigen nicht zuletzt seine Kritiker vom WESER-RE-
PORT: diese Typen ermahnen "Vater Staat" ja immerzu, seine
G e w a l t gegen die Richtigen einzusetzen. In l o b e n d e r
A b s i c h t darf man jederzeit bei Familienoberhaupt Kohl die
Gewalt entdecken, ja sie sogar gegen andere "Familienmitglieder"
fordern. Nach dem Motto: 'Vater Staat baut uns zum Schutz vor uns
selbst Gefängnisse. Der Mensch ist nämlich ein Chaot, der die
Knute braucht. Sonst hält er keine Ordnung.' Da entspricht der
Staat immer der Menschennatur, indem er sie zur Räson ruft: so
hat man sein innigliches Verhältnis zu "Vater Staat" zu pflegen.
Dazu wird die Freiheit der Wissenschaft geschätzt - vor kriti-
schen Gedanken. XY-Zimmermänner vom WESER-REPORT fahnden mit.
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