Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN PRESSE - Von der westlichen Presse
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INTERVIEW: JUNGE WELT MIT DR. PETER DECKER (MG)
Frage 1
Wie kürzlich ein leitender Mitarbeiter des Verfassungsschutzes in
einem Interview mit der Jungen Welt unumwunden zugab, gehört die
Marxistische Gruppe zu den linken Organisationen in der BRD, die
geheimdienstlich observiert werden. (Wie sich das für eine
pluralistische Gesellschaft mit der "Freiheit für Andersdenkende"
gehört.) Was ist das Gefährliche an euch?
Wir halten es nicht für Kritik, auf Mißstände zu deuten, und zu
sagen, es sollte alles besser werden. Wir interessieren uns für
die G r ü n d e der unvermeidlichen Härten der freien Markt-
wirtschaft, die jedermann vom Gewerkschafter bis zum Herrn Pfar-
rer kennt und beklagt. Wir wissen daher um die
N o t w e n d i g k e i t der sogenannten Mißstände im System
der privaten Geldvermehrung.
Die Beamten der westdeutschen Staatssicherheit hören da den prin-
zipiellen Angriff auf die herrschende Ordnung heraus. Die
"Freiheit des Andersdenkenden" ist eben, wie der Name schon sagt,
die Freiheit zum Meckern beim Mitmachen und nicht eine Freiheit
für diejenigen, die etwas anderes m a c h e n wollen.
Frage 2
Heute scheint es Allgemeingut, daß der gesellschaftliche Umbruch
seit Herbst vergangenen Jahres eine Revolution gewesen war. Wie
ist Deine Meinung dazu?
Eine Debatte um die Zu- oder Aberkennung des linken Ehrentitels
"Revolution" finde ich witzlos; ihren alten SED-Staat haben die
"Revolutionäre" schon kaputt gekriegt - hauptsächlich durch Da-
vonlaufen. Interessanter ist, was die Umstürzler damit gewollt
haben: Offenbar haben sie die alte Macht abgelehnt, nur um der
neuen, mächtigeren, erfolgreicheren und reicheren Staatsmacht aus
dem Westen nachzulaufen. Sie haben darauf gesetzt, dem echten
Geld anstatt dem Staatsplan zu dienen, in der Erwartung dabei
würde mehr für die braven Arbeitsleute abfallen. Gar niemandem
mehr zu dienen, war ihnen gleich gar nicht eingefallen.
Sie haben erreicht, was normalerweise nur Resultat einer Revolu-
tion ist: den Wechsel des ökonomischen Systems. Aber sie haben
sich das neue System nicht geschaffen, es ist - in Gestalt der DM
- über sie gekommen. Sie haben zweitens auf den Weg gebracht, was
sonst Resultat eines Krieges ist: Ein Staat verschwindet von der
Landkarte und wird von einem anderen geschluckt. Die Revolu-
tionäre haben den Imperialismus der BRD eingeladen - sonst
nichts.
Frage 3
Du warst bereits in der Vergangenheit ein radikaler Kritiker des
Sozialismus, wie er bestand. Worin siehst Du die hauptsächlichen
selbstverschuldeten Ursachen für Krise und Niedergang des bishe-
rigen sozialistischen Gesellschaftskonzepts? Worin muß der Mar-
xismus heute Selbstkritik üben?
Gegenfrage: Du mußt Dich entscheiden, ob Du etwas zur Kritik oder
zum Niedergang des DDR-Sozialismus hören willst. Beides ist näm-
lich keineswegs dasselbe: Der Fehler des alten Sozialismus wäre
auch im Fall einer dauerhaften Behauptung der DDR nicht weniger
schlimm ausgefallen als im schließlichen Niedergang; und eine
Konterrevolution durch äußere oder innere Feinde hätte auch einer
kommunistischen Gesellschaft passieren können, die weiter gar
nichts falsch macht. Die Rede vom "Scheitern des Sozialismus"
vermischt beides. Selbstkritik n u r w e g e n d e s
M i ß e r f o l g s ist ein klassischer Fehler des bei Euch ge-
lehrten Marxismus-Leninismus, der den E r f o l g einer politi-
schen oder ökonomischen Macht auch schon für den Ausweis ihrer
G ü t e nimmt: auch den Kapitalismus wollte man nicht so sehr
wegen seines Ausbeutungszwecks bekämpfen, als wegen seines "si-
cheren historischen Niedergangs" überwinden.
Darin besteht im übrigen unsere Kritik des Realen Sozialismus: Er
wollte keine Beseitigung der Wert- und Mehrwertproduktion sein,
sondern v e r m e i n t l i c h e F u n k t i o n s m ä n g e l
d e s K a p i t a l i s m u s im Interesse der Lohnarbeiter
überwinden: Wertwachstum ohne Krise, Rationalisiserung ohne
Arbeitslosigkeit, Mehrwert für die Nation ohne Ausbeutung - das
waren die widersprüchlichen Ziele des alten Staates. Das
'Kapital' von Marx las man nicht als Kritik der kapitalistischen
Produktionsweise, sondern als Anweisung, wie das Wirtschaften zu
gehen habe: Alle Gesetze des Kapitalismus, die in diesem anar-
chisch und unbewußt wirken, wollten die an Marx geschulten Natio-
nalökonomen "bewußt anwenden", anstatt sie zu beseitigen. Die
Partei von Ulbricht und Honecker, deren Chefs man heute gerne den
Widerspruch von Wort und Tat vorrechnet, verwirklichte allen Ern-
stes den Widerspruch, den sie versprach: einen
A r b e i t e r - S t a a t, dessen Macht den Lohnarbeitern, die
es weiterhin geben sollte, das Kapital dienstbar machen würde.
Frage 4
Was ist für Dich dann Sozialismus?
Sozialismus ist diejenige Organisation der Arbeitsteilung, die
allen Mitgliedern der Gesellschaft bei geringstem Arbeitsaufwand
das bequemste und reichste Leben sichert. Diese Definition klingt
trivial, weil sie tatsächlich nur den - von niemand bestrittenen
- subjektiven Zweck aller Arbeit benennt und deshalb von allen
modernen Produktionsweisen über sich behauptet wird. Insofern
vertreten die Kommunisten keine neuen Werte oder unbekannte Be-
dürfnisse, die sie erst noch in die Welt tragen müßten. Sie be-
weisen lediglich, daß es sich im Kapitalismus und im Realen So-
zialismus nicht so verhält, wie es die jeweilige Selbstdeutung
haben möchte. In beiden Produktionsweisen müssen diejenigen, die
die Arbeit machen, für andere - wie man sagt: h ö h e r e -
Ziele antreten als nur für die Konsumtion von sich und ihresglei-
chen. Deshalb arbeiten sie alle so lange.
Frage 5
Bei aller notwendigen Selbstkritik der Marxisten (eine Haltung,
die Marxisten ohnehin immer eigen sein sollte): Die Krise des So-
zialismus war offenbar nicht nur Folge eigenen Versagens. Was
müssen sich die Marxisten nicht als ihre Fehler anrechnen?
Ihr DDR-Linken seid jetzt sehr selbstkritisch geworden und gerne
bereit, Euer altes System scharf zu kritisieren - aber nur aus
enttäuschter Liebe. Ihr werft ihm vor, daß es sich nicht hat hal-
ten können; deshalb - aber auch nur deshalb muß etwas daran krumm
gewesen sein. Wenn sich nun eine ganze Reihe äußerer Bedingungen
finden, die den Sturz des SED-Sozialismus mit verursacht und je-
ner Volksbewegung von Überläufern überhaupt erst ihre Wucht ver-
liehen haben - macht das etwas besser am Sozialismus in den Far-
ben der DDR? Daß die BRD schon immer die DDR annektieren wollte,
daß die Sowjetunion unter Gorbatschow den Kapitalismus rückhalt-
los bewundert, jedes Interesse an der weltpolitischen Systemal-
ternative verloren, ihren Block zerstört und ihren Frontstaat DDR
fallengelassen hat - was ändert das an der Kritik der alten DDR?
Du mißverstehts unsere Kritik am politischen und ökonomischen Sy-
stem des "Realen Sozialismus" als Erklärung seiner Schwäche und
empfindest äußere "Schuldige" am Niedergang desselben als eine
relative Entlastung von der Pflicht zur Selbstkritik.
Frage 6
Geht für die Marxisten im Westen mit dem Scheitern des soziali-
stischen Weltsystems eine Hoffnung verloren?
Nein. Mit dem Hoffen und Bangen haben wir's nicht. Das sind Tu-
genden der Ohnmacht.
Frage 7
Muß der Sozialismus wieder bei Null beginnen? Oder was bleibt,
woran man anknüpfen kann?
Was heißt schon "bei Null anfangen"? Wir haben auch bisher an
nichts "angeknüpft". Wir haben nie auf die leuchtenden Vorbilder
im Osten gezeigt und den Arbeitern versprochen, wir würden ihnen
genau solche schöne Arbeiterstaaten bauen, wenn sie uns an die
Macht brächten. Wir haben die kapitalistischen Untertanen nie da-
mit ködern wollen, jetzt könnten sie getrost f ü r den Sozia-
lismus sein, weil er r e a l ist. Wir waren stets der Meinung,
sie täten gut daran, g e g e n das Kapital zu kämpfen, weil es
ihnen schlecht bekommt.
Daran ändert sich nichts. Der Kapitalismus hat sich ja nicht da-
durch gebessert, daß es den realen Sozialismus nicht mehr gibt:
Seine Hungertoten und Armen werden nicht weniger - nicht nur in
der 3.Welt. Die Millionen beschäftiger Lohnarbeiter, deren Leben
in Arbeit aufgeht - im Dienst an Staat, Kapital und Familie - ha-
ben heute nicht weniger Gründe als gestern, darüber nachzudenken,
wofür sie sich hergeben.
Frage 8
War die "Perestroika" ein Fehler?
Redet man von Fehlern, so muß man angeben, gegen welchen Stand-
punkt, gegen welche Zielsetzung ein V e r s t o ß vorliegen
soll. Daß die "Umgestaltung" zu einer radikalen Verelendung der
Sowjetbürger führt, ohne daß ihre Initiatoren darüber besonders
irritiert wären, zeigt, welcher Standpunkt bei Gorbatschow und
Co. gar nicht mehr vorliegt, so daß gegen ihn in ihrem Programm
auch nicht verstoßen werden kann. Natürlich ist diese Nachahmung
kapitalistischer Konkurrenz und demokratischer Herrschaftstechni-
ken das pure Gegenteil einer kommunistischen Korrektur des Realen
Sozialismus. Aber darum geht es nur mir, nicht den sowjetischen
Reformern.
Auf einem ganz anderen Blatt steht, daß die Perestroika auch vom
Standpunkt einer konservativen Reform des Realen Sozialismus und
sogar vom Standpunkt der sowjetischen Staatsräson aus ziemlich
kontraproduktiv erscheinen muß: sie zerstört ersatzlos die bishe-
rige Produktionsweise und führt geradewegs in die Auflösung der
Sowjetunion. Das mag nun wieder mich kalt lassen, nicht aber die
Konkurrenten Gorbis um die macht im Kreml.
Man soll halt auch nicht glauben, kapitalistische Wirtschaftsfor-
men, wie freier Markt und echte Konkurrenz würden sich für etwas
anderes eignen als für den Kapitalismus selber. Mit der Freigabe
der Preise hat Gorbatschow nur den Wucher gefördert. Mit dem Auf-
ruf, statt v o n o b e n sollten alle nun v o n u n t e n
rücksichtslos ihre Ansprüche durchsetzen, hat er kein materielles
Bedürfnis irgendeines Menschen befriedigt, stattdessen nichts als
nationalistische Mordlust losgetreten.
Frage 9
Zu den quälendsten Traditionen der (deutschen) Linken gehört ihre
Zersplitterung. Dabei brauchen wir gerade jetzt den Zusammen-
schluß. Siehst Du Möglichkeiten für eine vereinigte Linke?
Tut mir leid, ich habe für diesen linken Einheitsmoralismus kein
Verständnis. Leute und Gruppen, die dasselbe wollen, braucht nie-
mand zur Einheit zu ermuntern. Die tun das schon von selbst.
Gruppierungen aber, die nicht dasselbe wollen, sollte man besser
nicht zur Einheit aufrufen. Um die Einheit und den Spaltervorwurf
können sich die Linken viel heftiger streiten als um gescheite
Sachfragen. "Erst Klarheit, dann Einheit!" (Lenin in einem seiner
besseren Sprüche)
***
Anhang:
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Einer Deiner Haupteinwände gegen die im Marxismus-Leninismus zu-
sammengefaßte Gesellschaftstheorie ist deren Automatismus der Ge-
schichtsbetrachtung. Nun darf man die Verballhornung der Theorie
nicht mit der Theorie verwechseln: So platt wie in der Reduktion
auf ein paar gängige Zitate haben die denkenden, anders als die
bloß zitierenden Marxisten in der DDR die Geschichte nicht aufge-
faßt. Aber der Automatismus-Vorwurf trifft zum Teil, wenigstens
in dem, was vielfach praktisch davon "hängengeblieben" ist. Aber
war es vor allem eine fatalistische Ideologie, die soviel gesell-
schaftliche Passivität hervorbrachte, oder liegen die eigentli-
chen, nämlich ökonomischen, Wurzeln nicht tiefer?
Nein, so wirksam waren die ML-Kurse nun auch wieder nicht. Die
Behauptung einer geschichtlichen Notwendigkeit des Sozialismus
verrät vielmehr Selbstverständnis und Konstruktionszweck dieser
Gesellschaft: Ihre Schöpfer hielten den Kapitalismus für
u n f ä h i g z u m s o z i a l e n F u n k t i o n i e r e n
und meinten er müsse in soziale Katastrophen führen; sie wollten
Funktionsmängel des Kapitalismus überwinden. Der Lohnarbeiter war
dabei genauso als Lohnarbeiter vorgesehen, wie im Kapitalismus,
nur sollte er als Nationalresource Nr. 1 schonender, besser, hu-
maner behandelt werden als vom Kapitalisten. Der Reale Sozialis-
mus kam über den Systemvergleich nie hinaus, ja er was einer: Der
Untertan der sozialistischen Herrschaft sollte nicht s i c h
eine nützliche Arbeitsteilung e i n r i c h t e n, sondern ar-
beiten und gehorchen und dabei selbst vergleichen, unter wessen
Kommando sich Gehorsam und brave Arbeit mehr lohnen. Genau das
tat er dann auch. Ökonomie und Politik waren nie das Werk der
vielgelobten Volksmassen, sie waren als Untertanen gefragt und
verhielten sich so. Der Vergleich, wem zu dienen, lohnender sei,
ging - trotz einiger Pluspunkte für die DDR - schließlich für den
Westen aus. Ein anderer Maßstab hat in der DDR nie existiert -
weder von oben noch von unten.
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