Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN PRESSE - Von der westlichen Presse
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GEISSLER IN H VI - DIE "FRANKFURTER RUNDSCHAU" BERICHTET
Unsere Presse ist f r e i. Eine Zensur findet nicht statt.
Unsere Presse ist k r i t i s c h. So kritisch, daß sie immer
wieder politische Skandale aufdeckt und schonungslos anprangert.
Denn kann man beruhigt einem Mann wie Wörner das Kommando über
unsere schlagkräftige Wehrmacht anvertrauen, der einen verdienten
General fallen läßt, ohne beweisen zu können, daß der wirklich
schwul ist? Und gerät unsere saubere Demokratie nie in ganz und
gar unbegründeten Verdacht, ein "Staat der Reichen" statt auch
einer der Armen zu sein, wenn sämtliche Parteien Industriespenden
kassieren, ohne dies rechtzeitig durch entsprechende Gesetze zu
legalisieren? Und muß ein Barschel nicht den Glauben an die poli-
tische Heuchelei der Politiker gefährden, daß diese die "harten
Notwendigkeiten" gegen die Normalbürger nur als selbstlosen
Dienst an den von ihnen selbst eingerichteten "Sachzwängen" ver-
sehen?
Unsere Presse ist aus Prinzip gegen G e w a l t. Mit Ausnahme
derjenigen, die sich Recht und Gesetze gibt und deshalb auch im-
mer bloß das Recht durchsetzt, wenn sie die Unterwerfung der Bür-
ger unter ihre freien Entscheidungen erzwingt. Unsere Presse weiß
natürlich, daß Geißler und Co nirgendwo antreten, um ihre politi-
schen Vorhaben von der Zustimmung oder Ablehnung der Betroffenen
Leute abhängig zu machen, sondern um Respekt für jene einzufor-
dern. Das findet sie vernünftig, weil die sind ja schließlich
frei und geheim gewählt. Deshalb hält sie die G e b o t e der
Politiker für A r g u m e n t e, erklärt jeden fehlenden Re-
spekt vor einem Repräsentanten der Obrigkeit zur Gewalt, sowie
Getöse und Eier zum Beweis dafür, daß diejenigen, die auf Geiß-
lers Diskussion pfeifen, offenbar k e i n e Argumente
h a b e n.
Unsere Presse ist immer f ü r s a c h l i c h e s
A r g u m e n t i e r e n. Deshalb schildert sie bloß ganz ob-
jektiv das ungebührliche Verhalten des Pöbels und kontrastiert es
mit dem Mut eines trotz allem lächelnden Politikers, der die Men-
schenrechte in aller Welt propagiert. Und schon ist sonnenklar:
Hier wurde ein Staatsmann, der 1. nicht nur argumentiert, sondern
das auch noch 2. für eine fraglos gute Sache, 3. absolut grundlos
ausgebuht.
Denn daran, daß ein Geißler den Rassismus in einem Staat wie Süd-
afrika geißelt, den er und seinesgleichen seit Jahren als will-
kommenen ökonomischen "Partner" und antikommunistisches Bollwerk
gegen "sozialistische Experimente" mit allen nötigen Mitteln aus-
gestattet haben, kann doch im Ernst niemand was auszusetzen ha-
ben, oder! Und nur böse Menschen können doch dagegen was einzu-
wenden haben, daß dieser militante General als Vorkämpfer für
Menschenrechte im Osten nichts als den Export des Kapitalismus
und "unserer" Herrschaftsprinzipien dorthin anvisiert und damit
den Titel der Menschenrechte auf seinen staatsgewaltigen Kern
bringt!
Fazit: Hofberichterstattung auf der einen, blanke Denunziation
auf der anderen Seite - dafür sorgt die freie Presse ganz auto-
nom.
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Getöse schon beim Einzug
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"Heini, Heini"-Rufe gellen bereits im Erdgeschoß des Universi-
täts-Hauptgebäudes, wo Studenten, die einen "autonomen" Eindruck
zum besten geben, die Treppen zum Hörsaal VI hinaufströmen. Im
vierten Stock sind die rotlackierten Türen weit geöffnet, Men-
schentrauben stauen sich an den Eingängen. Zivilpolizisten halten
die Notausgänge für den CDU-Generalsekretär Heiner Geißler frei,
der am Donnerstagabend auf Einladung des Ringes Christlich-Demo-
kratischer Studenten (RCDS) nach Frankfurt gekommen ist.
Der Saal ist brechend voll, Jugendliche stehen zwischen den Rei-
hen der Sitzbänke, drängen sich an den Wänden. Als der Politiker
mit Verspätung den Saal betritt, hebt ein ohrenbetäubendes Pfeif-
konzert an.
Das Publikum begrüßt den Gast mit anhaltendem Schreien, Rasseln
und Trompetenfanfaren. Geißlers Mitarbeiter verziehen angewidert
das Gesicht, während der CDU-Politiker lächelnd zum Mikrofon
schreitet und ausruft: "Dieses Verhalten ist der Ausdruck des so-
zialistischen Bildungsnotstandes." Die ersten Wurfgegenstände
prasseln von der Höhe des Saales herunter, Sicherheitsbeamte he-
ben ihre Plastikschilde und lassen Eier und rote Farbbeutel ab-
prallen.
Trotz anhaltendem Getöse beginnt Geißler mit der Verlesung seines
Referates über Menschenrechte. Immer wieder kehrt der Redefluß zu
den Worten "Ich klage an" zurück, eindringlich, und laut klagt er
Südafrika an wegen "diskriminierender Rassengesetze", die So-
wjetunion wegen "dem Völkermord in Afghanistan".
Die Lautstärke des Gebrülls nimmt zu, Transparente werden
entrollt, einzelne Zuhörer mit Pappnasen pusten Seifenblasen. Be-
hindert durch Klobürsten- und Klopapierattacken, ruft Geißler zur
Diskussion auf, bleibt sogar sitzen, als eine Bierflasche an sei-
nem Pult zerplatzt.
Einzelne Studenten wagen sich vor, stellen Fragen zur Barschel-
Affäre und zum Honecker-Besuch. Phasenweise sind die Antworten
des Politikers wegen dem andauernden Tumult im Hörsaal unver-
ständlich.
Als das Thema Abtreibung angesprochen wird, stürmen Frauen über
die Saalbänke zum Podium, die Ordner schlagen mit den Schilden um
sich. Ein Zivilpolizist geht mit einer blutenden Nase aus dem Ge-
tümmel. Einige Minuten später wird die Veranstaltung abgebrochen.
Wieder einmal hat die Anwendung von Gewalt Argumente ersetzt.
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