Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN PRESSE - Von der westlichen Presse


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       Bonner Hochschulzeitung Nr. 2, 20.05.1980
       
       Akademischer Oberrat Dr. Funke schreibt an den General-Anzeiger
       

FLAGGE ZEIGEN FÜR DIE NATION

"Befindet die Menschheit auf Schußfahrt ins Dunkel? Die Anzeichen dafür sind beeindruckend." (M. FUNKE in einer Schrift der Bun- deszentrale für politische Bildung) Der Bonner Politologe liebt es, seine Ansichten zur derzeitigen Weltlage in bedeutungsschwere Metaphern zu kleiden und seine dun- klen Ahnungen auch einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Kein Wunder also, daß er sich angesichts der aktuellen "Verschärfung der Irankrise" herausgefordert sieht, der "Menschheit" von Bonn und Umgebung ein paar gewichtige Worte mit auf den letzten Weg zu geben. Daß er in seinem Brief an den Gene- ral-Anzeiger den Lesern nichts anderes mitzuteilen hat als das, was sie ohnehin täglich in der Zeitung zu lesen kriegen, tut der Bedeutsamkeit seiner Zeilen keinerlei Abbruch. Schließlich han- delt es sich bei Manfred FUNKE nicht um irgendeinen gewöhnlichen Zeitungsschreiber, sondern um einen Mann der Wissenschaft, der hier seine weltpolitischen Bedenken zum Besten gibt. Nur wenige Tage, nachdem US-Präsident Carter einige seiner Spezi- altrupps in den Iran geschickt hat, um mit Hilfe einer schnellen Kriegsaktion die "Ehre der amerikanischen Nation" zu retten, kommt der deutsche Politologe ausgerechnet auf ehe Idee, in die- ser Aktion das Werk eines moralisierenden Baptisten zu erblicken, dem jeder ordentliche staatsmännische Umgang mit Gewalt völlig fremd ist: "Der Präsident war zu fein, zu moralisch, zu rechtsbewußt. Also unterließ er, was auf Khomeini Eindruck gemacht hätte. Nämlich im Gegenzug das iranische Botschaftspersonal in den USA festzuset- zen. Statt Geiseln gegen Geisel zu tauschen, ließ Carter die Ira- ner heimfliegen." (General-Anzeiger vom 2.5.80) Vor lauter Interesse, daß die Amis ihre Angelegenheit mit dem Iran möglichst umstandslos und effektiv über die Bühne bringen, tut FUNKE so, als hätten es die USA in den letzten Wochen und Mo- naten glatt verlernt, Weltmachtpolitik zu betreiben. Weil der Po- litologe nicht sehen kann, wie die Deutschen von dieser Auseinan- dersetzung mit dem Iran profitieren könnten, vermag er auch in all den imperialistischen Aktivitäten der USA nichts anderes als eine "Drohpolitik ohne Ziel-Mittel-Relation" zu erkennen. Daß Carter bei seinen Sanktionen gegen Perser und Russen die aktive Unterstützung des deutschen Bündnispartners einfordert, ist FUNKE Anlaß zur Klage darüber, daß der BRD dabei Geschäfte verloren ge- hen könnten und stattdessen die Franzmänner ihren Reibach machen könnten: "Kanzler Schmidt bejaht sie mit zusammengebissenen Zähnen. Um so mehr, als Paris mal wieder weder europäische noch atlantische, sondern französische (sieh mal einer an) Interessen verfolgt. Es wird in die Geschäfte einsteigen, die Bonn jetzt aufgeben oder drosseln muß. Ohne, daß es etwas bringt." Das ist - so FUNKE - nicht unbedingt die Weltpolitik, die wir meinen: wo bleibt denn das Menschheitsinteresse, wenn die deut- schen Interessen zu kurz kommen. Und so will der Akademische Oberrat zumindest einmal die Frage aufgeworfen wissen, ob denn der derzeitige amerikanische Präsident die "Leitfigur" darstellt, der sich der deutsche Bündnispartner mit ganzem Herzen anver- trauen kann: "Was hindert den ersten Mann der USA eigentlich daran, zu sagen, daß nichts tun besser ist als falsch zu handeln?... Die Zeit bringt vielleicht Chancen." Statt den Deutschen weiterhin die "Chance" zu geben, im Schatten der imperialistischen Weltmacht Nr. 1 unbehelligt an deren Erfol- gen teilzuhaben, hantiert der amerikanische Präsident mit Sank- tionen, die es aus deutscher Sicht überhaupt nicht bringen. So kann es dem Bonner Politologen keine der von den USA gegen Per- sien praktizierten Erpressungsmanöver recht machen. Mal ist ihm der Präsident zu skrupulös, mal setzt er seine Gewalt nicht kal- kuliert genug ein: "Sollte Hunger die Ayatollah-Hysterie mindern, würde Khomeini die Geiseln einem Nero(!)-Spektakel überantworten." Und FUNKE entblödet sich nicht, die gegen den Iran aufgefahrene Kriegsmacht der Amerikaner mit den Maßnahmen des Völkerbunds von anno 35/36 zu vergleichen: "Wirtschaftssanktionen bewirken zudem nichts. 1935/36 verhängte der Völkerbund Sanktionen gegen Italien wegen seines Überfalls auf Abessinien. Mussolini lachte nur darüber." Angesichts der Tatsache, daß der amerikanische Wähler noch jedes entschlossene Zuschlagen seiner Staatsmänner mit Begeisterung ho- noriert, gibt der Politologe dem Präsidenten zu bedeuten, daß man einen Krieg auch mal verlieren kann: "Carters harter Kurs mit dem Tod der Geiseln und einem verlorenen Regionalkrieg (wenn es dabei bleibt!) als Resultat ist ein schlechter Weg zu erneuten Präsidentschaft." Womit FUNKE eben nicht gesagt haben will, daß ihm die Wiederwahl des amerikanischen Präsidenten ein Problem wäre ("Wenn diese Wahrheit Carter die Wiederwahl kosten wurde, haben die Amerikaner ihren Präsidenten nicht verdient...") oder das, wieviele tote oder lebendige Geiseln dieser aus Teheran rausholt. Er wollte schließlich nur einmal zu bedenken gegeben haben, daß es vom Standpunkt des Weltfriedens aus günstiger wäre, wenn die deutsche Nation beim solidarischen Gestalten der imperialistischen Politik von ihrem Bündnispartner ein wenig mehr gefragt würde: "Sind Verhandlungen, ein geduldiges Spiel der chinesischen Karte, die Herstellung der Solidarität mit Westeuropa mittels Konsulta- tion schon eines Mannes unwürdig, der als Friedens-Präsident die Weltbühne betrat? Geht er von ihr als Leitfigur oder als Leidfi- gur?" Diese Frage ist schon einen Leserbrief wert. zurück