Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN PRESSE - Von der westlichen Presse
zurück
Die deutsche Presse:
ANGETRETEN ZU KOHLS SIEGESZUG
"Und bei uns muß es heißen: Führung und Propaganda vor dem Volk!"
(Hitler vor der deutschen Presse, 10.11.38)
Deutschland wird größer, Deutschland wird gewaltiger - nun ja.
Kein Wunder, daß die Bonner Führung den Anschluß der DDR als Zu-
wachs ihrer Macht feiert und sich national besoffen redet, als
gäbe es kein anderes Interesse auf der Welt:
"Das sind Stunden, die nicht wieder kommen ... Geschichte in ih-
rer reißenden Kraft ... nach einer langen Durststrecke der Ge-
schichte." (Kohl, Süddeutsche Zeitung, 12.3.)
Der dezente Hinweis auf die historische Vorsehung, die für den
Erfolg der Nation gerechterweise zugeschlagen habe, kommt einem
irgendwie bekannt vor: So beschwören Politiker ihr Recht, sich
nach innen und außen jedwedes Interesse für den nationalen Fort-
schritt als notwendiges Opfer dienstbar zu machen. Daß unter die-
sem nationalen Anspruch der normale Mensch nicht sonderlich gut
aufgehoben ist, wollen viele kritische Köpfe einmal bemerkt haben
- beim Adolf, und sei es auch nur nachträglich. Um Einsicht kann
es sich hierbei nicht gehandelt haben, sonst wären den Bedenkli-
chen im Land die 50 Jährchen nationaler "Durststrecke" einfach
gleichgültig, und sie stünden nicht begeistert hinter dem neuen
Führer und seinem imperialistischen Erfolg. Der
n a t i o n a l e Mensch ist es demnach gewesen, der all die
Zeit nicht auf seine Kosten gekommen ist, jetzt aber aus vollem
Herzen fürs Vaterland sein darf, kaum daß der vielgeschmähte
Hurra-Patriotismus von oben wieder angesagt ist.
Vom Führerkult bis zur nationalen Volksverhetzung wird in der Öf-
fentlichkeit so ziemlich alles geboten, was ein Hirn nur ausbrü-
ten kann, das entschlossen ist, d e u t s c h zu denken.
Die "Süddeutsche": Kohl im Wahlkampf - mindestens so schön wie
ein Reichsparteitag
Hans-Ulrich Kempski, Chefreporter der "Süddeutschen Zeitung", hat
unlängst beim Propagandafeldzug des Kanzlers durch die DDR vorge-
führt, wie sich nationale Gesinnung zu ihrer eigenen Freude in-
szenieren läßt.
1. Man lasse sich in das Gefolge des Kanzlers einreihen und ver-
liere den Mann keine Sekunde aus den Augen, schließlich ist er
das lebendige Anschauungsmaterial dafür, daß unser Führer bis zum
hintersten Arschrunzeln als Führer gesehen werden kann:
"Kohls Augen haben ihr ruheloses Flattern verloren. Kohl raucht
nicht mehr, Kohl ist nicht mehr immerzu hungrig und durstig. Er
hat es so in jüngster Zeit dahin gebracht, um die Hüften herum
etwas abzuspecken. Er bringt seinen 1,93 Meter langen Körper in
Ruhestellung, wozu er im Flugzeug zwei Sesselreihen benötigt.
Dann fällt er sofort in Tiefschlaf. Wieder einmal hat er beweisen
können, daß seine Vitalität nicht ausgelaugt ist, daß auch seine
Zugkraft nicht nachläßt. Am 3. April wird Kohl 60 Jahre alt. Er
wirkt robust und behende wie einer, der fit ist für neue Kämpfe.
Er strahlt, wenn er die Augen geschlossen hält, entspanntes Beha-
gen aus. Nichts scheint geeignet zu sein, diesen Mann innerlich
in Anspruch zu nehmen." (SZ, 12.3.)
2. Man spechte auf alles, was der Kanzler spricht, denn als des
Führers Worte sind seine Worte immer schon viel bedeutender als
das, was sie bedeuten:
"Kohl spricht betont schlicht. Seine Stimme ist stark. Er hat
sich seine fahrigen Bewegungen beim Reden abgewöhnt, auch seine
pompösen Schleifen in der Rhetorik. Statt dessen knappe Sätze,
klare Gedankenführung.
Als übergeordnetes Stilmittel fällt bei Kohls Reden auf, wie sehr
der Kanzler die Vokabel 'ich` liebt. Er benutzt sie ungeniert ge-
häuft, als sei es ihm recht, einen autokratischen Zug seines Cha-
rakters auszuweisen. Kohl wirkt, wenn er 'ich` sagt, kühl und
streng, fast erhaben."
3. Man verbuche die Opfer, mit denen der Kanzler des Anschlusses
planmäßig kalkuliert, unter dessen Berufung auf unumgängliche
Sachzwänge und attestiere dieser Lüge staatsmännisches Format:
"Billige Versprechungen sind von Kohl nicht zu haben. Auch offe-
riert er keine Patentrezepte. Was er programmatisch mitzuteilen
hat, ist nicht verbunden mit konkreten Plänen oder mit materiel-
len Daten. Aber er verspricht die Bereitschaft der Bundesrepu-
blik, alle DDR-Bürger sozial abzufedern ... wobei er es versteht,
seiner Aussage die ganze Autorität einer knappen Kanzler-Erklä-
rung zu geben, auf deren Haltbarkeit gewiß Verlaß ist. Diesem
Kanzler gelingt offenbar, gleichsam mit seinem ganzen Wesen, ver-
trauenerweckende Botschaften auf den Weg zu geben, die geeignet
sind, unmittelbare Bindungen an seine Person herzustellen."
4. Man interessiere sich für die Regie der Propagandaauftritte
des Kohl, der einfach "kanzlerhaft" ins Bild kommen muß, sonst
wäre doch glatt ein methodischer Schnitzer passiert, der den Füh-
rer beim Volk Punkte kosten könnte:
"Ein Kanzler-Wahlkampf verlangt, daß Kohl kanzlerhaft ins Bild
kommt. Und kanzlerhaft ist identisch mit 'groß`. Damit das Ganze
kanzlerhaft wird, ist aus der Bonner CDU-Zentrale Karl Schumacher
angereist, ein in den letzten 17 Jahren, seitdem Kohl CDU-Vorsit-
zender ist, erprobter Organisator. Schumacher überläßt nichts dem
Zufall. Er hat für die imposant dekorierte Rednertribüne gesorgt,
für geschickte Scheinwerferbestrahlung, für gut ausgesteuerte
Lautsprecheranlagen, für Luftballons und Flugzettel und für son-
stigen Propaganda-Schnickschnack in bunter Fülle."
5. Man beachte die Massen in ihrem nationalen Wahn, weil sich nur
so die Einheit von Volk und Führer adäquat darstellen läßt:
"Eine jubelnde und jauchzende Menge füllt den Versammlungsplatz
vor der Fischereihofbastei von Rostock. Die Menschen toben in tu-
multöser Emphase. Wogende Fahnen in Schwarz-Rot-Gold. Marschmu-
sik. 'Helmut-Helmut-Helmut`-Rufe. Ihr rauschhafter Begeisterungs-
taumel macht es Kohl fast unmöglich, sich durchzudrängen zum
Rednerpodest."
6. Man identifiziere undeutsche Elemente, die nicht zur nationa-
len Feierstunde beitragen wollen, und schon rücken die guten
Deutschen in ihrer nationalen Gesinnung noch enger zusammen:
"Die Kolonne kommt zum Stehen, weil der Major zu berichten hat,
daß eine starke Gruppe von Störern sich am Rande des Versamm-
lungsplatzes breitgemacht habe. Der Major regt an, eine Weile zu
warten. 'Wie viele Störer?' fragt Kohl, und er stellt, nachdem er
vernommen hat, daß etwa 5000 Randalierer versammelt sind, eine
weitere Frage: 'Wie viele Menschen insgesamt?' Der Major: 'Gut
über 100.000.' Darauf die Weisung des Kanzlers: 'Los, weiter -
wir fangen pünktlich an.'"
7. Man hole schließlich die verbindliche Einschätzung des Kanz-
lers ein, wie zufrieden er mit dem eigenen politischen Erfolg
ist, und sofort gilt die Lebenslüge des Führers Kohl, ihm sei
schon, bevor er beschloß, Politiker zu werden, als kleinem Helmut
die deutsche Einheit in die Wiege gelegt worden:
"Er habe, so sagt Kohl jetzt, an die deutsche Einheit geglaubt,
seitdem er, Sohn eines kleinen Steuersekretärs in Ludwigshafen,
politisch zu denken begonnen habe: christlich-katholisch, libe-
ral-freiheitlich, national. Gesamtdeutsch zu denken sei für ihn,
so Kohl weiter, selbstverständlich gewesen."
Einem deutschen Nationalisten leuchtet die Mission seines Führers
so schlagend ein, daß er
8. und letztens nicht umhin kann, auch noch aus dem Wahlkampfma-
terial der Kanzlerpartei zu zitieren, daß vor nationalem Stolz
die Schwarte kracht:
"Schon einmal hat vor rund 120 Jahren ein Kanzler die Einheit
Deutschlands geschafft - Otto von Bismarck. Heute ist es Helmut
Kohl, der uns die Einheit bringt."
Und Hans-Ulrich Kempski darf sagen, er sei dabei gewesen.
Spiegel: "Überlebensgroß Herr Kohl" - Führerkult für Gebildete
Ganz anders dagegen der Spiegel-Reporter Hans Halter. Wie es der
kritische Leser von seinem kritischen Magazin erwartet, werden
ihm Tiefblicke ins Seelenleben des Führers offeriert, die nicht
jedermann zuteil werden. "Die Körpersprache des Bundeskanzlers"
deckt schonungslos auf, was bisher niemand wissen konnte - nicht
einmal Kohl selbst: ob dieser Mann denn auch tatsächlich die per-
sönliche Befähigung und Würde für sein schweres Amt mitbringt.
Alles wesentliche wird gleich vorweg gesagt:
"Der Mann ist groß (1,93 Meter) und dick (262 Pfund) und am
Dienstag wurde er 6O. So was nennt man zurecht harmonische Fett-
sucht."
Ist doch immer wieder interessant, das aktuelle Lebendgewicht des
Kanzlers mitzukriegen, auch wenn ihn keiner schlachten will. Aber
Kohl ist ja nicht bloß ein großer, dicker Mann, sondern auch der
Repräsentant eines großen, dicken Deutschland, und das paßt schon
irgendwie gut zusammen.
"Aber der Mann hat auch ein schönes breites Kreuz, reichlich Luft
in den Lungen und wieselflinke Füße. Beim Ruf 'Kohl kommt', ist
er meist schon da. (...) Dieser Kanzler ist eben schwer zu hal-
ten."
Also auch das Stehvermögen und die ganze Dynamik des künftigen
Groß-Deutschland ist dem Kanzler auf den wieselflinken Leib ge-
schneidert. Da trifft es sich gut, daß man nicht unbedingt an die
einstige Stilkritik erinnert werden muß, laut der eine "Birne"
gnadenlos versucht haben soll, drängende Staatsprobleme einfach
"auszusitzen". Mit den Erfolgen der Nation wächst eben auch der
Respekt vor dem nationalen Führer und läßt Schönheiten von
Rückenpartie und "auffallend schmalen Händen" erkennen, über die
ein oberflächlicher Betrachter glatt hinwegsehen würde.
Erbauliche und höchst wichtige Informationen für ein schlichtes
Gemüt, welches wenigstens ideell immer mitentscheiden möchte, ob
es auch von den angemessenen Herren regiert wird.
Angemessen ist es da auf jeden Fall, wenn einer solchen Figur der
Anspruch auf Führungsstärke tief ins Gemüt gegraben ist:
"Zufriedenheit stellt sich erst ein, wenn allen klar ist: Kohl
ist der Chef."
Aber der Kohl ist eben auch nur ein Mensch wie du und ich. Und so
ein Mensch kann sich ärgern. Und das sieht man ihm dann an - vor-
ausgesetzt man kennt sich in den subtilen "Mitteilungen" der Kör-
persprache genau aus.
"Schlechte Laune vertieft die Falten und rötet sein Gesicht. Die
Lippen werden schmal, seine Mundwinkel zieht es nach unten."
Genauso - erinnert sich der Leser - geht's mir auch. Aber da hö-
ren die Parallelen auch schon auf. Denn erstens ist schlechte
Laune bei Kohl, anders als bei gewöhnlichen Sterblichen,
"der Fluch, der über jedem Kanzler liegt. Sie hat Helmut Schmidt
das Amt gekostet und Willy Brandt die Familie."
und zweitens muß man schon ein Kohl sein, um damit richtig umzu-
gehen:
"Da faßt er den Feind ins Auge, ausdauernd, gnadenlos."
Und der Kanzler kann noch mehr. Zwar sieht er in solchen Grenzsi-
tuationen seines fluchbeladenen Berufs "wirklich aus wie eine
Birne'' - aber wie was für eine:
"Steht der Gegenangriff unmittelbar bevor reckt sich der Hüne.
Sein Kopf fährt aus. Er zeigt die breite Brust. (...) Er holt
tief Luft, der riesige Rücken wird ganz gerade, trotz seines dic-
ken Fells. Helmut Kohl der Kämpfer."
Auf so einen kämpferischen Führer hat ein demokratischer Untertan
einfach ein Recht. Beruhigend zu wissen, daß Kohl, entgegen an-
derslautenden Auffassungen, nun doch die richtige Besetzung für
diese Charakterrolle ist.
Ein paar läßliche Unzulänglichkeiten hat der Mensch im Kanzler
natürlich auch.
"Immer wieder ordnet er die Krawatte, streicht die Revers des An-
zuges glatt. Das sind Übersprungshandlungen, nervöse Ausweichre-
aktionen die Frustration signalisieren. Niemand ist frei davon."
Eben! Auch Kohl ist nur ein Mensch. Und der Mann hat es ja wirk-
lich nicht leicht.
"Tag für Tag wird die Mimik des schwarzen Riesen auf Hochglanzpa-
pier für alle Zeiten festgehalten. (...) Armer Mann aus Oggers-
heim. Kein zweiter Deutscher wird so sorgsam überwacht."
Tag für Tag "jede Pore" ganz dicht an Telelinsen herangezogen -
wer will das schon, wer hält das aus? Da gehen selbst dem abge-
brühtesten Spiegel-Leser die Grausbirnen auf. Und er darf noch
weiter mit dem Kanzler mitleiden. Ebenfalls Tag für Tag werden
auch dessen "Distanzzonen", deren Verletzung bei jedermann
"Unbehagen und Abwehr" hervorruft, aufs gröbste gequält.
"Nun muß sich aber ein Berufspolitiker, der alle Jahre wiederge-
wählt werden will, hin und wieder der distanzübergreifenden Nähe
aussetzen. Nur wer das Bad in der Menge nicht scheut, erwirbt
Sympathie. Kohl verschleißt dabei Jahr für Jahr vier Maßan-
züge..."
Schon wieder muß der unschuldige Mensch aus Oggersheim einen ho-
hen Preis der Macht zahlen, und der aufgeklärte Leser darf dar-
über räsonieren, was Leute, die sich durch "Nähe" zu den Mächti-
gen zu einem Wahlkreuz betören lassen wollen, damit dem Objekt
ihrer Begierde antun.
Jetzt kennt man den Kohl schon fast so gut wie seinen eigenen
Lieblingsonkel. Drum weiß man auch genau zu beurteilen, wo seine
liebenswerten Stärken und seine kleinen Schwächen liegen.
"Die Alltagsdramaturgie im Kabinettssaal beherrscht Kohl nach
langem Training ganz ordentlich. Bei den großen, für die Ge-
schichte inszenierten Auftritten ist er dagegen eine Fehlbeset-
zung. (...) Kohls guter Wille wirkt, zumal an Stätten des Todes,
immer ein wenig linkisch. Vielleicht ist er wirklich zu groß und
zu dick?"
Eine etwas durchgeistigtere Erscheinung an Stätten nationaler
Schuld wäre für manch ein sensibles Stilempfinden vielleicht bes-
ser. Deswegen bekommt der Lieblings-Schauspieler im Notendurch-
schnitt auch nur ein "Befriedigend". Nicht jedem ist es eben ge-
geben, die Rolle staatsmännisch-zerknirschter Verantwortung ideal
zu verkörpern. Was kann der Helmut denn dafür, daß er so dick
ist? Nichts!
"Dabei ißt er nicht aus Frust, sondern aus Freude. Ihm schmeckts
halt."
Die Liste seiner Leibgerichte muß man natürlich auch genau ken-
nen, obwohl die Gefahr äußerst gering ist, daß eine bundesdeut-
sche Hausfrau jemals in die Verlegenheit gerät, den Kanzler ange-
messen zu bekochen. "Pfälzer Saumagen" zum Beispiel, "den auch
Präsident Mitterand schon runterwürgen mußte". Das war nun aller-
dings ein grober Schnitzer! Aber der Kohl kann halt nicht aus
seiner Haut, zumal man nun psychologisch versiert weiß, daß
"Essen die Erotik des Alters" ist. Ja dann ...
"Ob er sich aber jemals ändert? Kaum zu erwarten, denn der Mann
ist Fleisch von unserem Fleisch, ein Primat wie du und ich."
So wird der Primat als Untertan mit seinem regierenden Primaten
intim.
zurück