Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN BILD - Nationale Herzensbildung


       zurück

       

AXEL CÄSAR SPRINGER IST TOT - 'BILD' LEBT!

Ein Mann ist gestorben, den hauptsächlich die bundesdeutschen Ar- beiter mit ihren Groschen - zu Anfang bloß einem, zuletzt fünf pro Tag zum vielfachen Millionär gemacht haben. Geliefert hat er ihnen dafür, jeden Morgen vors Werkstor, ein Lebensmittel aus Pa- pier, das aus dem Geistes- und Seelen-Haushalt der Nation und ih- rer Millionen "kleinen Leute" nicht mehr wegzudenken ist. Oft ko- piert, nie erreicht: die Bild-Zeitung. Unterbrechen wir für eine Frühstückspause die Lektüre, geben dem Erfinder die Ehre und würdigen die tagtäglichen vertrauten L e i s t u n g e n dieses Blattes: - Es bringt die Politik menschlich nahe. Keine Frage, daß das die hohen Herren sind, die zu bestimmen haben. Das braucht man aber nicht immer hervorzuheben. Viel schöner läßt sich das dadurch hervorheben, daß man einen Minister beim Abspülen fotografiert. Oder den Bundespräsidenten in Badehose. Oder die Lieblingsge- richte von Herrn und Frau Kohl schildert. Da kann ein jeder sich darüber freuen, daß seine Herrschaften wenigstens außerhalb ihres Amtes Menschen sind wie Du und ich. Das fördert den R e s p e k t. - Es macht seine Leser zu sachkundigen Experten in allen wichti- gen Fragen. Woher zum Beispiel Lady Di's Jüngster die roten Haare hat. Oder wie deutsche Schäferhunde es schaffen, verschüttete Erdbebenopfer im fernen Mexiko aufzuspüren. Oder wie sich in deutschen Strafanstalten Aids verbreitet. Das muß man wissen, um dem Tagesgeschehen nicht unkundig und hilflos ausgeliefert zu sein. - Es übt in die wichtigste Unterscheidung ein, die es auf der Welt gibt, nämlich zwischen "uns" und "den andern". Haben "wir" im Fußball gewonnen? Haben "die andern" "unsern" Boris Becker auch gehörig bewundert? Wie bereiten "wir uns" auf Weihnachten vor? Das ist der unterhaltsame Teil dieser Übung. Sie hat aber auch, ja vor allem eine m o r a l i s c h e Seite: "Wir", das ist gleichbedeutend mit "im Recht sein", "die andern" - das be- deutet grundsätzlich "Achtung aufgepaßt!" Zum Beispiel: Wie teuer machen die undurchsichtigen Öl-Scheichs "unser" Öl? Wie gut ist "unsere" Bundeswehr? Kaufen die Amerikaner auch weiter fleißig "unsere" guten Volkswagen? Arbeiten auch alle in "unserer" Repu- blik, wie es sich gehört, und schützt die Obrigkeit "uns" vor den Terroristen? So bekommt man mit, welche Probleme man zu haben hat und wie sich gerade mal wieder plus und minus auf der Welt ver- teilen. - Es klärt auf über Freund und Feind. Die Amerikaner beschützen "uns" und sind, genauer betrachtet, im Grunde ausgezeichnete D e u t s c h e - besonders wenn ihnen ein Raketenstart gelingt oder sonst ein Weltrekord. Die Russen sind, je nach dem, alle un- terdrückt oder alle Unterdrücker, sehnen sich im Grunde ihres Herzens nach Bananen, Zeitungen und der Freiheit aus dem Westen und morden einstweilen aus Lust und Laune in Afghanistan. So be- kommt die weltpolitische Einordnung der BRD ein menschliches Ge- sicht. Albern, aber leicht faßlich. - Es informiert über Chancen und Ungerechtigkeiten. Chancen stec- ken z.B. in alten Möbeln findet da doch neulich einer in 0mas Stuhl den Sparstrumpf mit 10000 Mark. Oder in den Existenzgrün- dungsdarlehen der Bundesregierung - hat da doch ein entlassener Stahlwerker einen selbständigen Zeitungskiosk aufgemacht und ist jetzt "sein eigener Herr". Empörend dagegen, wenn eine Sekretärin gefeuert wird, weil sie die Blumen nicht gegossen hat. Und wenn die billige Weihnachtsbutter in den gottlosen Osten verkauft wird statt an sparbewußte deutsche Hausfrauen, die sonst immer teure Butter kaufen müssen. Keine schönere Aufregung als die über Affä- ren und Skandale, mit denen man selbst praktisch gar nichts zu tun hat! Und noch vieles andere mehr. Für 50 Pf ist das geradezu geschenkt - also wird die halbe Mark auch gefälligst redlich bezahlt, auch wenn keiner zuschaut oder nur der Verteiler von der MAZ. Denn schließlich b r a u c h t das der Mensch, mindestens genauso nötig wie seine Brotzeit. Wozu? - Um sich in jeder Lebenslage auszukennen. Sonst würde man am Ende das Gefühl nicht los, man würde von den maßgeblichen In- stanzen der Nation ganz schön für blöd verkauft. - Um über Politik mitreden zu können. Dann kann einem nämlich niemand mehr nachsagen, man wäre doch bloß der nützliche Idiot seiner Obrigkeit. - Um sich auf alles Verlangte seelisch einstellen zu können. Man wüßte sonst ja gar nicht, ob man die Arbeitslosen unverschämt finden soll die passende Haltung, bevor die Regierung das Ar- beitslosengeld kürzt - oder bedauern - die passende Haltung für hinterher. Und ob die Polen mehr befreundet sind und eine alte Kulturnation - alte Ostpolitik - oder eher unterdrückte Barbaren und ziemlich ekelhaft - neue Ostpolitik. Wie anders brächte ein f r e i e r Mensch es sonst fertig, al- les mit sich machen zu lassen?! zurück