Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN BILD - Nationale Herzensbildung
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 60, 18.10.1982
Wochenschau
DIE GEISELGANGSTER VON KOBLENZ
sind also doch noch gefaßt worden. Obwohl der eine von ihnen ein
so cleverer Mann war: kein stümperhafter Verbrecher, sondern ein
ehemaliger Polizist. In diesem ehrenwerten Beruf muß er ein sehr
tauglicher Mensch gewesen und als solcher hochgeschätzt worden
sein ("intelligent, kaltblütig, ein guter Schütze" (BILD)). Sonst
wäre er sicher nicht zu einem "Spezialisten des Kölner Sonderein-
satzkommandos" befördert worden. Und schon gar nicht hätte man
ihm sonst die Bewachung so hervorragender Persönlichkeiten wie
Kardinal Höffner, den derzeitigen Papst und Willy Brandt anver-
traut. Daß Gerhard Benoit - so heißt der Mann - als 15jähriger
ganz ohne staatlichen Auftrag seinen Onkel eigenhändig mit dem
Tode bestrafte (wie mittlerweile bekannt wurde), weil der ihn bei
Schießübungen mit seinem Jagdgewehr erwischte, hat seiner Quali-
faktion für den staatlichen Dienst als Rechtsschützer offensicht-
lich ebensowenig Abbruch getan wie die Raubüberfälle, die er spä-
ter als Polizist nebenbei beging, - bis sie aufgedeckt wurden.
Wir fragen uns da, ob man diesem Mann nicht Unrecht tut, wenn man
ihn jetzt nur noch als, "brutalen Anführer der Geisel-Gangster"
(BILD) diffamiert. Im Interesse einer ordentlichen Aufklärung des
Falles wäre es unserer Meinung nach angemessener, sich zu fragen,
woran es wohl liegt, daß der Mann zwei scheinbar so unvereinbare
Berufe - den eines Verbrechers und den eines Verbrechensbekämp-
fers - in seiner Person so harmonisch vereinbaren konnte. Besteht
die Tragik des "Gangster-Polizisten" vielleicht darin, daß er
sich zeitlebens nicht recht entscheiden konnte, ob er der Gerech-
tigkeit auf eigene Faust und private Rechnung oder in legalem
Auftrag und zum Nutzen der Staatsgewalt dienen wollte?
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