Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN BILD - Nationale Herzensbildung
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Axel C. Springer +
SOGENANNTER DEUTSCHER DEMOKRATISCHER PRESSEZAR
Nicht mit ins Grab nimmt er sein Lebenswerk, die Springer-Presse.
Immerhin jede dritte der 21 Mio. Zeitungen, die jeden Tag in der
BRD und Westberlin verkauft werden. Der Mann war fast so fleißig
wie die Leser seines Erfolgsblatts: Während diese vor, bei und
nach der Arbeit noch Zeit finden, sich täglich die "Bild" und
auch noch "Bild am Sonntag" reinzuziehen, gründete Springer mit
34 seine erste Zeitung, war mit 40 bereits Multimillionär, baute
sich 1959 einen Wolkenkratzer direkt neben die "Mauer mitten
durch Berlin", jettete seit 1960 jedes Jahr einmal nach Israel,
führte 5 Frauen zum Traualtar, schuf bis 1985 12.000 Ar-
beitsplätze und verscherbelte kurz vor seinem Abgang noch die
Hälfte seines Unternehmens über Namensaktien für 2,36 Mrd. DM.
Was ihn beruflich vor allem getrieben haben soll, waren sein
"leidenschaftlicher Journalismus" (Peter von Zahn), "sein immen-
ser persönlicher Charme" (Henri Nannen) und seine "unter-
nehmerische Kühnheit" (Peter Boenisch). Das hätte allerdings im
45er Jahr nicht mal zur Eröffnung eines Stadtteilanzeigers
gereicht. Hinzu kamen Gott sei Dank eine vom Vater geerbte
Druckerei und der glückliche Umstand, daß die Nazis dem Springer
sen. noch kurz vor Kriegsende seine Zeitung in Hamburg-Altona
eingestellt hatten. So konnte Axel jun. bei den Alliierten als
Verfolgter des Naziregimes um eine Lizenz vorsprechen, obwohl er
"etwas mehr als nur ein Mitläufer des Nationalsozialismus" gewe-
sen sein soll, was heute allerdings nur noch in den Nachrichten
ausländischer Zeitungen nachzulesen ist (vgl. "El Pais" vom
23.9.).
Jedenfalls hat er, spätestens als "alliierte Bomber mit ihrer
tödlichen Last nach Hamburg flogen", seine Eltern mit der Mittei-
lung überrascht: "Bald wird das freie Wort in Deutschland wieder
gelten. Und dann werde ich das größte Zeitungshaus Europas
bauen." Das überliefert "Welt"-Chefredakteur Jacobi über den Ent-
schluß des "Jünglings Axel", Pressezar zu werden (in "Bild" vom
24.9.), der Nachwelt.
Das Rezept ging so: "Ich sehe mir die Fassaden der Häuser an, an
denen die U-Bahn vorüberfährt, und denke mir: Wie leben die Men-
schen dort? Diese Menschen packen können, einen gleißenden Licht-
kegel hinausjagen auf den ständig fließenden Strom der Zeit, über
dessen Weite sich der Blick des kleinen Mannes verliert, das We-
sentliche fassen und immer vom Standort des Menschlichen her..."
(Soll Springer gesagt haben, laut "Süddeutsche Zeitung" vom
24.9.)
Am Tag, an dem Axel Springer starb, erfaßte "BamS" d a s
W e s e n t l i c h e in den Schlagzeilen
"O'zapft is! - 600 000 im Wies'n-Rausch"
"Susanne Boenisch ganz in Weiß"
"Neues Beben - WM bei uns"
"2:1 War's ein Tor?" (BamS, 22. September, Seite 1)
Und d a s M e n s c h l i c h e dekretierte bereits das
"Hamburger Abendblatt", Springers Erstgründung, mit seinem Motto
"Seid nett zueinander!" Daneben verdankt die bundesdeutsche Pres-
segeschichte dem Einfallsreichtum des Springer-Journalismus die
über 10 Jahre fortgesetzte Tageszählung ab Mauerbau in "Bild",
sowie den bis heute fortgesetzten Angriff auf die "sogenannte"
DDR per Interpunktion "". Viel mehr ist es aber auch nicht, was
Springer der Sache nach von den übrigen Konkurrenten unterschei-
det. Gestritten wurde gegen ihn vom "Spiegel" bis hin zu Günter
Wallraff alias Hein Esser um die F o r m und aus Gründen der
Konkurrenz. Die 4 "essentials", die Springer-Redakteure unter-
schreiben müssen, sind schließlich geltendes Grundrecht und kein
Streitgegenstand in der demokratischen Presse dieses Landes:
"1. Unbedingtes Eintreten für die friedliche Wiederherstellung
der deutschen Einheit in Freiheit.
2. Die Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen herbeizuführen;
dazu gehört auch die Unterstützung der Lebensrechte des israeli-
schen Volkes.
3. Ablehnung jeglicher Art von politischem Totalitarismus.
4. Verteidigung der sozialen Marktwirtschaft."
Eine inhaltliche Besonderheit des Springer-Journalismus liegt al-
lenfalls in der schnörkellosen Umstandslosigkeit, mit der die An-
nektion der DDR und die Verteidigung Israels bis Bagdad propa-
giert werden. Ansonsten hat er sich um die Maßstäbe des sittli-
chen Verhaltens in der besten aller Gesellschaften verdient ge-
macht. Er hat sie tagtäglich an die Taten von Fußballspielern und
Politikern, Verbrechern und Ehefrauen anlegen lassen, so daß im-
mer nur die Bekräftigung eben dieser Maßstäbe rübergekommen ist.
Der Erfolg dieses Unternehmens hat Springer den Vorwurf eingetra-
gen, er leite einen M a n i p u l a t i o n s t r u s t. Und
zwar bei all denen, die sich derselben Technik des moralischen
Kritisierens befleißigen, in Einzelfällen aber für mildere Ur-
teile plädiert haben. Mit solchen Kritikern hat Axel C. Springer
wenig Federlesens gemacht. Sein Erfolg diente ihm auch noch als
demokratisches Argument, wenn er immer wieder einmal auf das Ple-
biszit am Zeitungsstand verwiesen hat. Der ins "Bild" gesetzte
Faschismus korrespondiert mit parallelen Neigungen und Lösungs-
vorschlägen des deutschen Stammtischs. Insofern diese noch in
Millionenauflage bestätigt werden, durfte sich Josef Bachmann
durchaus einbilden, er exekutiere an Dutschke ein Volksurteil.
Der Aufruhr vor den Auslieferungshäusern der "Bildzeitung" ("BILD
schoß mit!") lag nicht daneben, wenngleich er nicht, wie die Be-
teiligten wähnten, den G r u n d der Gewalt benannte, sondern
eben nur ihren respektablen Komplizen, den Wortführer der gülti-
gen Maßstäbe der nationalen Moral.
Heute ist die Springer-Presse, ohne daß sie sich geändert hätte,
ziemlich "normal" geworden, weil die aktuelle Frontlinie in Sa-
chen Verteidigung der Freiheit die demokratische Presse ganz
freiwillig zur Frontberichterstattung gleichgeschaltet hat.
Ihrem Gründer, dessen Erbe in den besten Händen liegt - in denen
einer Aktiengesellschaft nämlich -, ruft die Republik geschlossen
nach: Er hat sich um Deutschland verdient gemacht. "Bild" selbst
noch beim Tode des Meisters "bild"-gemäß: "Der Berliner Taxifah-
rer Heinz Peter (54) rief fassungslos: 'Unser Axel tot? Det kann
doch nich sein.'" Eine typische "Bild"-Ente? Die Nekrologe der
Staatstrauernden sind dagegen mit Sicherheit nicht er-, sondern
ehrlich empfunden: "Er hat wie kein Zweiter der Stadt Berlin, dem
Bündnis mit den Amerikanern und der Verständigung mit dem jüdi-
schen Volk gedient." (Der Bundespräsident). Für die Opposition
bekundet Willy Brandt "Respekt vor der Lebensleistung dieses Man-
nes". Der ehemalige Botschafter Israels in Bonn verrät eine bis-
lang unbekannte Anekdote aus dem "Sechstagekrieg" von 1967 mit
der Pointe: "Axel, wir werden einen großen Sieg erringen und du
wirst in wenigen Tagen die befreite Jerusalemer Klagemauer besu-
chen können." (Alles in "Bild" vom 24.9.)
So revanchieren sich die Männer und Mächte an einem deutschen
Zeitungskapitalisten, der sein Geld damit gemacht hat, daß er in
seinen Druckerzeugnissen dem einfachen und dem gebildeten Volk
die Sorgen der Herrschaft so hautnah servieren ließ, als wären's
die seinen. Als großer Herr konnte sich Springer seine persönli-
chen Ansichten zur Politik beim Geschäft leisten und wurde so mit
seinem gesamtdeutschen Spleen zur V e r l e g e r p e r s ö n-
l i c h k e i t; eine hin- und hergerissene gar, gleichsam
zwischen Buh- und Bertelsmann, die im Alter nicht mehr "Bild",
sondern öffentlich aus der Bibel las. So soll er "nicht glücklich
gestorben" (SZ) sein. Trotzdem war er unser Feind.
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