Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN BILD - Nationale Herzensbildung
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Die "Bild"-Zeitung plant ein neues Wirtschaftswunder für die Ost-
zone. Und dabei kommt ganz nebenbei heraus:
WAS WIR AN UNSEREN ZONIS SO MÖGEN
Wir wissen ganz genau, daß es sich bei unseren Brüdern und Schwe-
stern um "Schmarotzer", "Fässer ohne Boden", "Rentengewinnler"
und "Drückeberger" handelt. Und das bestätigen uns "Bild" und an-
dere Meinungsmacher tagtäglich.
Und doch: Manchmal sollen wir sie auch mögen. Denn auch sie sind
Deutsche
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Das ist überhaupt das Beste an ihnen. Das mögen wir besonders.
Schließlich wäre der Anschluß der DDR ohne sie nicht zu haben ge-
wesen, und daß deren Bewohner ein Teil von uns sind, das haben
die hohen Herren und die "Bild"-Zeitung lang genug gesagt. Über-
haupt brauchen wir sie zu der Größe unseres neuen Deutschland.
Das heißt aber nicht, das damit alle Unterschiede vom Tisch ge-
wischt sind. Wir mögen sie als Deutsche
zweiter Klasse
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Das hat den Vorteil, das wir im Westen immer noch eine Klasse
besser sind, schließlich sind die doch ganz anders als wir. Wo
wir schon mehr als vierzig Jahre die richtigen Herren haben,
kannten die nur Diktatur. Aber vielleicht sind sie gerade deshalb
sehr brauchbar
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Richtig angepriesen werden die Zonis in der Presse: So tauglich
seien sie, und zwar nicht nur für Wahlen und ähnliche Staatsak-
tionen, sondern ganz handfest: günstig einsetzbar für unsere
Volkswirtschaft. Erstens, weil sie so
billig
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sind. Sie verdienen im Schnitt, wenn sie nicht arbeitslos sind,
die Hälfte der Tariflöhne - West. Weil sie durch die Einrichtung
einer Lohnsonderzone Ost so billig gemacht wurden. Deshalb werden
sie von Meinungsmachern wie der "Bild"-Zeitung als bestes Ar-
beitskräftematerial für die Marktwirtschaft geradezu gerühmt, was
denen, die sie gewinnbringend anwenden sollen - den Herren Unter-
nehmern - offenbar nochmal extra gesagt werden soll. Die infor-
mieren sich nämlich in der "Bild"-Zeitung immer über den Arbeits-
markt. Den kleinen Mann/West freut dagegen, daß er im Schnitt das
Doppelte des Lohns/Ost bekommt.
Für die Zonis spricht, das sie diesen Sachverhalt auch selber ei-
gentlich in Ordnung finden. Unbedingt für sie spricht ihre Cha-
rakterstärke in diesen Fragen, sie sind nämlich im guten Sinne
unbeirrbar
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Vom Anschluß an den goldenen Westen mit seiner Marktwirtschaft
haben sie sich den "besseren Lebensstandard" erhofft. Gekriegt
haben sie mit der Einführung des Kapitalismus das halbe BRD-Lohn-
niveau, Massenarbeitslosigkeit, die Streichung bzw. teure Bezah-
lung sozialer Errungenschaften, usw. D.h. sie lernen praktisch
kennen, was kapitalistische Armut heißt. Aber sie denken immer
nur an das Eine: endlich DM! Auf die lassen sie nichts kommen.
Schon gar nicht ihre neue Armut. Stur
antikommunistisch
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glauben sie daran, der Kapitalismus wäre eigens für sie erfunden
worden; nur sie, sie in der alten DDR wären noch nicht so weit:
Sie wären jetzt arbeitslos, w e i l sie es vorher nicht waren;
sie hätten jetzt zuwenig DM, w e i l sie früher zu viele DDR-
Mark hatten; sie hätten jetzt niedrige Löhne, w e i l ihnen
früher ihr Lohn nicht von Kapitalisten bezahlt worden ist; und
überhaupt wäre an allem der Stasi schuld.
Doch weil die Zonis unbestreitbar selber Teil des alten Systems
waren, werden sie zudem
selbstkritisch
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Auch das mögen wir an ihnen: Wenn man sich für niedrigen Lohn
oder Erwerbslosigkeit selbst die (Teil-)Schuld gibt. Wenn man die
Gründe für seinen Mißerfolg mehr so mentalmäßig versteht oder in
der mangelnden Qualifikation durch das alte Unrechtssystem sieht
und fest davon überzeugt ist, daß man deshalb unmöglich dasselbe
an Leistung bringen kann wie ein Westler; als Ostler im Vergleich
einfach ein Stück zurückgeblieben ist. Wenn man also staatlicher
Lohndrückerei auch noch selber rechtgibt.
Das mag die hiesige Öffentlichkeit, wenn die Zonis so
bescheiden
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sind. Wenn sie bei aller Enttäuschung grundsolide bestätigen, daß
sie eigentlich z u R e c h t weniger kriegen, ärmlicher leben,
weil im Moment wegen der alten Machenschaften und ihrem vorbela-
steten Anfängerstatus beim besten Willen nicht mehr geht. Wenn
sie sich schon längst auf die neue Armut einstellen und mit ihr
zurecht kommen wollen. So sind sie vorbildlich
geduldig
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und machen aus der "Angleichung der Lebensverhältnisse" einen Zu-
kunftstraum, der eben auf seine "Machbarkeit" warten muß. Große
Unzufriedenheit kommt nicht auf. Statt dessen hofft man eher dar-
auf, daß die zuständigen Herren und Stellen schon das Nötige tun
werden. "Bild" warnt vorsorglich vor solchen "Ungeduldigen, die
das zweite Wirtschaftswunder s o f o r t einfordern". Denn es
gehört sich nicht, wenn "der hohe Leistungs- und Lebensstandard
im Westen quasi zur Anspruchsnorm wird". Nein, forderndes
Anspruchsdenken, das Gleichstellung gleichsam rechtlich einklagt,
das mögen wir nicht. Lob verdient hingegen das Einordnen des ei-
genen Lebensstandards in den größeren Rahmen: Was für einen sel-
ber drin ist, das steckt das "Wohlergehen unserer Wirtschaft" ab,
von dem man als
kleines Rädchen
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abhängig ist.
Und wenn "Bild" ein neues Wirtschaftswunder prophezeit, dann dür-
fen die Zonis dran glauben, aber ohne daraus eine
"Anspruchshaltung" zu machen; es gilt nämlich zu lernen, daß man
mit der Konjunktur keine Verträge schließt, sondern: "Ein Wirt-
schaftswunder erkennt man nicht an seinem Beginn, sondern erst
wenn es vollbracht ist".
Für das Anerkennen dieser Wahrheit erkennen "wir" in der westli-
chen Öffentlichkeit den Zonis auch eine gute Erbeigenschaft zu:
Sie sind bis auf die Knochen
anständig
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In dieser Beziehung macht ihnen so leicht niemand etwas vor. Da
dürfen sie Selbstbewußtsein zeigen. Man freut sich, daß sie bei
der deutschen Wirtschaftsoffensive mitmachen wollen, gerade ohne
daß die "Verantwortlichen" immer mit dem Wurstzipfel winken müs-
sen, und lobt, daß sie so
willig
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sind. Das ist eine gute Grundlage für ihre Benutzung, wenn alle
Beteiligten sich immer nur um das Wohlergehen der Wirtschaft sor-
gen, ohne zu fragen, wem das nutzt. So darf Provinzchef Bieden-
kopf den gegenwärtigen und künftigen Arbeitslosen schon mal zu
ihrem guten Willen gratulieren: "Der ganze Strukturumbruch wird
sich im nächsten Dreivierteljahr vollziehen", er sei aber optimi-
stisch, "weil die Menschen zwischen Elbe und Oder hochmotiviert
sind".
Diese höchst erfreuliche Grundlage erlaubt "Bild" und Co. zu
rühmen, daß der Zoni schon auch besonders
fähig
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ist. Das zunächst deshalb, weil er d e u t s c h ist. Eine cha-
rakterliche Begabung, die sich auch durch vierzig Jahre verkehr-
ter Herrschaft so leicht nicht wegradieren läßt: "In der Tat sind
die Deutschen in den neuen Bundesländern ja nicht die schwächeren
Ruderer - sie saßen nur mehr als vierzig Jahre im viel schlechte-
ren Boot. Es gilt ein neues zu bauen". Sie besitzen
"Pioniergeist" und "Aufbruchsstimmung", lernen schnell und sind
wandlungsfähig.
Dieses Lob läßt "Bild" Herrn Hentschke, Reifenhändler aus Pirna,
stellvertretend selbst aussprechen: "Die Teilung durch Teilen
überwinden klingt für den Privatgebrauch ganz schön, aber als Ge-
brauchsanweisung für den Wirtschaftsalltag ist dieser Rat nicht
tauglich. Wohlstand ist ja nicht das Ergebnis von sozialer Gesin-
nung, sondern von Arbeit und Wettbewerb."
Recht hat der Mann: Er denkt an seinen Wohlstand.
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Wenn die Zonis so weitermachen, dann werden sie zwar vielleicht
in diesem Jahrhundert nicht mehr zu Deutschen erster Klasse, aber
K l a s s e D e u t s c h e sind sie jetzt schon.
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