Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN BILD - Nationale Herzensbildung


       zurück

       Ein Typ so mies wie sein Staat
       

"BILD" BEGRÜSST DEN NEUEN DDR-STAATSRATSVORSITZENDEN EGON KRENZ:

In der DDR heißt es manchmal, man müsse sich vor der imperiali- stischen und revanchistischen Hetze aus der BRD schützen und man verbitte sich Einmischungen aus dem Westen. Das wird hierzulande kopfschüttelnd abgetan, als sei so ein Vorwurf das Absurdeste von der Welt und widerlege sich von selbst. Dabei können die da drü- ben sich sicher sein, daß - egal, was sie machen - die hiesige Reaktion lautet: "Das genügt uns nicht!" Schon gar nicht hat "uns" die Ernennung von Egon Krenz zum Nach- folger Honeckers genügt. Das haben "wir" Kohl-und-Vogel-Wähler gleich als bloße Machenschaft durchschaut. Spätestens, seit die "Bild"-Zeitung es "uns" in großer Aufmachung erklärt hat. Nämlich so: "DER FLOTTE EGON: Jaguar, Marmor, gefärbte Haare - fesche Mädels aus der FDJ - und lieber ein Glas Wodka als Glasnost". Jahrelang wurde Erich Honecker als blutlos-biedere Funktio- närshaut verschrieen und endlich einmal eine auffrischende Ver- jüngung der Staatsspitze gefordert. Kaum bietet die DDR genau das, wissen die gleichen "Berichterstatter", daß es nichts als ein besonders hinterhältiges Manöver ist, "das Politbüro für eine Übergangszeit jugendlich zu kostümieren, um der DDR-Diktatur Stromlinie zu geben". Wenn ein Bundeskanzler Kohl dagegen wie neulich sein Kabinett umbildet, um das politische Image seiner Regierung aufzupolieren und "die gleiche Politik besser zu ver- kaufen", gehen sowohl das Anliegen als auch das bewährte Mittel des Personalauswechselns absolut in Ordnung. Vor allem kriegt sich "Bild" aber darüber nicht mehr ein, daß der neue DDR-Staatschef sich angeblich auch "verjüngt" benimmt. Kost- probe: "Spätabends, wenn Karl Marx geht und Johnny Walker kommt, heißt es bei Egon Krenz statt Partei, Programm und Proletarier endlich Pils, PS und pralle Busen." "Bild" wäre es wohl lieber, wenn der deutsche Chefkommunist sich auch noch bis spät in die Nacht hinein in seinem marxistischen Gedankengut fit halten würde? Sehnt sie sich jetzt plötzlich nach einem so schön verbissenen Dogmatiker - vielleicht Erich Honec- ker? -, dem alles außer seiner Diktatur des Proletariats egal ist? Wenn ein "Berufskommunist" sich auch noch privat vergnügt - uner- hört! Wein, Weib und Gesang gehört ja ausschließlich zu unseren Christ-, Frei- und Sozialdemokraten im Westen, deren Diäten und Spesen für eine standesgemäße "Persönlichkeitsentfaltung" nie zu knapp bemessen sind (und zwar nicht erst "spätabends"). Bei einem Franz Josef Strauß z.B. waren Weiber- und Saufgeschichten ja im- mer Beweis seiner Vitalität. Die "Bild"-Zeitung bringt auch keine Nummer heraus, ohne dem Volk die edel ausgestattete Lebenslust seiner Politiker und Unternehmer vorzuführen, damit es den Unter- schied zwischen sich als Untertan und seinen Gebietern für einen Unterschied in der Persönlichkeit hält. "Pils, PS und pralle Busen" - nur u n s e r e Politiker dürfen auf den Putz hauen, und nur für ehrliche westdeutsche "Bild"-Le- ser gibt es jeden Tag ein paar knackige Titten auf der Titel- seite! Die Meldung neulich, daß der Bundestag ein einziger Al- koholikerverein ist, hat ja auch weder jemanden überrascht, noch den Ruf nach radikalen Reformen im Hohen Haus laut werden lassen. Unsere Gesetze sind nämlich darüber erhaben, ob sie nüchtern oder betrunken verabschiedet werden. Wenn sich ein DDR-Funktionär aber einen hinter die Binde gießt, ist das laut "Bild" notwendiger- weise eine "Ablenkung von der täglichen Volksunterdrückung". In d e m Fall wird nämlich mit dem Privatleben eines Politikers die gesamte Politik in Verruf gebracht. "Tatsächlich hat Krenz in der VEB-Sportdisziplin 'Links-Reden- Und-Rechts-Leben' alle Rekorde eingestellt: zweistöckige Zwölf- Zimmer-Villa ... Edelholz-Täfelung ... in der Remise ein Jaguar ... vor der Villa ein Volvo 760 GLE ..." Der bundesdeutsche Arbeiter weiß: Für den Chef eines o r d e n t l i c h e n Staates ist kein Luxus zuviel. Bei einem Ronald Reagan steigert der Herrschaftssitz in Santa Barbara nur die Bewunderung und den Respekt. Ein Bundeskanzler mit einer Zwei-Zimmer-Wohnung als Residenz und einem VW-Polo als Dienstwa- gen - wie peinlich! Schließlich sollen unsere Politiker mit ihrem persönlichen Lebensstil den Erfolg ihrer Machtausübung darstel- len: die Konzentration des gesellschaftlichen Reichtums in den r i c h t i g e n Händen! Man soll ja auch was dafür zu sehen bekommen, daß man sich mit dem täglichen Arbeitsdienst s o ei- ner Nation zur Verfügung stellt. Aber drüben - da hat ein Politiker nichts zu repräsentieren. Er- stens versteht es sich von selbst, daß Stolz auf d i e s e n Staat völlig fehl am Platz wäre. Und zweitens verdient ein Kommu- nist nur dann seinen Namen, wenn er von materiellen Annehm- lichkeiten nichts wissen will! Wer so blöd ist, mit der Gleich- stellung aller Bürger ernstmachen zu wollen, der soll gefälligst bei sich selber anfangen, also sich genauso arm geben wie die kleinen Leute. Das wäre dann endlich mal ein glaubwürdiger Kommu- nistenführer, wie der echt bescheidene Erich, den "wir" auch noch nie leiden konnten. Die Stimme ihres Herren ----------------------- "Bild"-Reporter sind eben sehr feinfühlig. Sie merken sofort, wie viel oder wie wenig Respekt ein auswärtiger Machthaber bei den Machern i n B o n n genießt. Und d a s bringt die Zeitung ihren Lesern bei. Hohn und Spott auf Egon Krenz sind das kindge- mäße Echo auf den neuesten Fortschritt der bundesdeutschen Macht in Sachen DDR. Denn seit diesem Sommer benehmen sich die P o l i t i k e r der BRD, als hätten sie die DDR schon im Sack. Ihren Kollegen in Pan- kow machen sie Vorschriften über "fällige Reformen" und "notwen- dige Systemveränderungen", als hätten sie schon die Macht über den Nachbarstaat ergriffen. Und daran ist nur allzuviel Wahres. Aus der Reiselust von DDR- Bürgern haben die bundesdeutschen Botschaften im Osten eine staatsgefährdende Fluchtwelle gemacht, und die Verbündeten der DDR haben dabei mitgeholfen - ein sehr entscheidender Durchbruch der BRD-Ostdiplomatie. Das Ergebnis ist eine Staatskrise, die die DDR so richtig reif macht für das heftige Hineinregieren, das Bonn schon immer mit ihr vorhatte. Die wirtschaftspolitischen Er- pressungsmittel dafür hat die Bonner Regierung schon längst in der Hand. Auf dieser Grundlage konnte die bundesdeutsche Öffentlichkeit auch einmal praktische Deutschlandpolitik treiben. Fernsehen und Zeitungen haben der aufgeregten Bevölkerung drüben die Parolen an die Hand gegeben, mit denen die das Mißtrauen gegen ihre Führung äußert, das den Bonner Deutschlandpolitikern so gut in den Kram paßt. Wenn und solange d i e sich dazu entschließen, mit Krenz auch wieder zu reden, findet auch "Bild" mit einem Mal: "Locker, offen, humorvoll - auf einmal ist Krenz ganz anders." Wenn also der Kanzler bei Krenz anruft, klingelt's bei "Bild" und beim "Bild"-Leser fällt der Groschen ... . zurück