Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN BILD - Nationale Herzensbildung


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       MAZ und "Bild"-Zeitung - ein Vergleich
       

WAS MACHT "BILD" SO UNTERHALTSAM, DIE MAZ SO UNGENIESSBAR FÜR ARBEITER?

Wir geben es ungern, aber offen zu: Die beliebteste und meistge- lesene Arbeiterzeitung der Nation ist nach wie vor die "Bild"- Zeitung. Für dieses Blatt legen Millionen Schichtarbeiter brav 5 Groschen in den Kasten, auch wenn gar niemand hinguckt oder nur der MAZ-Verteiler. Dessen Blatt gibt's umsonst, aber das "brauch ich nicht!" Und mancher sonst ganz höfliche Mensch würde die MAZ am liebsten verboten haben. Anschließend läßt er sich dann in seiner gekauften Zeitung für die Behauptung begeistern, im Ost- block hätten die Völker alle "Bevormundung abgestreift" und eine "Revolution" nach der andern angezettelt. Was macht "Bild" so beliebt unter Arbeitern? Was macht die MAZ so unbrauchbar für Arbeiter? Wir haben nach bestem Wissen unser Ge- wissen erforscht und folgende schwerwiegenden Unterschiede fest- gestellt, an denen wir unbedingt festhalten wollen. 1. Die Themen ------------- Es ist schon wahr: In der MAZ ist immer bloß die Rede von Profit und Politik, von Lohn und Leistung und ihrem für Lohnarbeiter un- günstigen Verhältnis, von den viel zu maßgeblichen Interessen der Staatsgewalt und den unmaßgeblichen verkehrten Meinungen demokra- tischer Bürger, von den weltweiten Kosten der westlichen Freiheit und dem Geschäftsleben, für das die sich rentieren. Sehr viel abwechslungsreicher dagegen die "Bild" - und anderen Zeitungen. "Bild" informiert über das Wetter (das sowieso jeder miterlebt), über den Tankerkönig, der sein Auge verlor (auch die Reichsten haben manchmal ganz menschliche Schmerzen), über die Verkäuferin, die ihren Mann und sich selbst vergiftete (war es Notwehr gegen ein unerträgliches Schicksal?), über 12 Millionen erstickte Seeigel (die Tierwelt hat es auch nicht leicht) und über den Plan des verantwortlichen Drehbuchschreibers, "diesen Drombuschs" auch in zwei Jahren noch kein Happy end zu gönnen (nicht einmal denen wird was geschenkt). Wenn das alles interessant ist, dann sind die materiellen Inter- essen der "Bild"-Leser offenbar für diese selbst das Uninteres- santeste von der Welt. Und wenn die "Bild"-Zeitung dadurch bei Arbeitern so beliebt geworden ist, dann schätzen die es offenbar, daß sie beim Zeitunglesen an Sorgen und Interessen teilnehmen dürfen, die mit ihren materiellen Nöten und ihrer wirklichen Le- benslage nichts weiter zu tun haben. Sich von der Welt ein "Bild" machen: Das gehört für Arbeiter anscheinend zum Luxus, den man sich gönnt und täglich 50 Pfennig kosten läßt. Die eigene Lage und die Klärung, wie und von welchen machtvollen Interessen sie abhängt: Das gehört umgekehrt nicht zu dem Stoff, aus dem Arbei- ter ihre Vorstellungen über den Lauf der Welt bilden mögen. Wir von der MAZ halten diesen "Luxus" für einen Fehler. 2. Der Standpunkt ----------------- Es stimmt schon: Was die MAZ behandelt, kommt in der Regel schlecht dabei weg. Die Nation, das höchste oder zweithöchste Gut für gute Menschen, wird als Gewaltverhältnis dargestellt, der Stolz darauf als schädliche Dummheit; die Unterschiede zwischen den verschiedenen Parteien und Politikern werden überhaupt nicht als großartige Wahl-Gelegenheit gewürdigt; wirtschaftliche Sach- zwänge sprechen in der MAZ nicht für den guten Sinn enger ge- schnallter Gürtel, sondern umgekehrt sprechen Armut und Verzicht gegen die "marktwirtschaftliche" Sache, die andauernd Opfer er- zwingt; und sogar Gorbatschow macht unseres Erachtens alles ver- kehrt. "Bild" teilt sich da besser ein. Sie lobt Gorbatschow, weil seine Politik deutschen Interessen nutzt, und tadelt die Japaner, weil die mit der bundesdeutschen Wertarbeit konkurrieren. Das Geschäft der Politik bringt "Bild" menschlich nahe, indem sie die hohen Herren und Damen beim Spachteln oder in der Badehose erwischt oder mit ihren kleinen Schwächen neckt; sie weiß aber auch, wann sie die Freß- und Prunksucht gewisser Herrscherfiguren bloßstel- len muß, um die Politik, die die machen, als Verbrechen hinzu- stellen. "Bild" hat Respekt vor erfolgreichen Geschäften und gönnt sich Respektlosigkeiten gegen die Marotten der Reichen; gönnerhaft lobt sie die Einteilungskünste vorbildlicher kleiner Leute, und sie verfolgt unnachsichtig jede Mark, die ein Sozial- hilfeempfänger unberechtigt abstaubt. Die Tierwelt kommt nicht nur oft vor, sondern auch immer gut weg, weil sie so sinnreich und unschuldig funktioniert. Vor allem aber übt die Zeitung mit ihrem Publikum an jedem Gegenstand den allerwichtigsten Unter- schied ein, den sie überhaupt kennt auf der Welt. Das ist der zwischen "uns", den guten Deutschen, und "den andern" - den Aus- ländern, den Bösen und allen übrigen, gegen die "wir" grundsätz- lich im Recht sind. Diese Unterscheidung gibt einen sicheren Leitfaden für eine aufregende Sportberichterstattung her - haben die "unsern" das deutsche Recht auf Erfolg in die Tat umgesetzt, und wer ist ihnen unberechtigt dazwischengekommen? -; sie taugt ganz genauso für die Nachrichten aus der Welt der Wirtschaft - "Wir bauen einen reinrassig deutschen Airbus, auch wenn's den Franzosen nicht paßt" -, der Freizeit - "Wir sind Reise-Weltmei- ster!" -, und der Politik sowieso. Nichts, woran "Bild" ihrem Le- ser nicht beibringen könnte, wo er hingehört. Wenn so etwas beliebt ist unter lesenden Arbeitern, dann haben die jeden anderen Standpunkt außer dem nationalen sorgfältig weg- gepackt. Dann halten sie es für völlig unangebracht, einmal nach den eigenen materiellen Interessen zu entscheiden, mit wem man sich zu welchem Zweck zusammentut und ein "wir" aufmacht, das in der Welt was zählt. Sie halten es im Gegenteil für sehr ange- bracht, sich von vornherein als Mitglied des nationalen Vereins zu verstehen und aufzuführen, den sich nun wirklich niemand her- ausgesucht hat, schon gar nicht mit guten Gründen. Sie d e n k e n allen Ernstes schwarz-rot-gold. Sie s i n d zwar gar nicht die herrschende Staatsgewalt, sondern deren gesetzlich geregelte und kapitalistisch benutzte Manövriermasse - aber den S t a n d p u n k t ihrer regierenden Macher halten sie für den einzigen, nach dem sich die Welt sortieren soll. Auf alle Fälle schon mal in ihrer Zeitung. Wir von der MAZ meinen, daß die Arbeiter damit alles versäumen, was im Sinne ihrer materiellen Interessen wichtig und notwendig wäre. 3. Die Logik ------------ Zugegeben, die MAZ macht es ihren Lesern schwer. Sie ist sehr parteilich, vor allem gegen die Interessen, die hierzulande die herrschenden sind. Aber w a s sie dagegen hat, w a r u m ihr weder Kapitalisten noch deutsche Gewerkschaften, weder Ostblock- Sozialisten noch Nato-Befehlshaber, weder Löhne noch Preise, we- der bundesdeutsche Wiedervereiniger noch amerikanische Weltfrie- densstifter gefallen, das will in den MAZ-Artikeln immer erst einmal nachgelesen sein. Gegen alles hat die MAZ Argumente, die sich gar nicht von selbst verstehen. Die "Bild"-Zeitung ist auch sehr parteilich. Aber sie braucht nie erst drei bis vier deutsche Sätze, bis sie endlich bei irgendei- nem begründeten Plus oder Minus angelangt ist. Sie dreht das Ver- hältnis einfach um: Sie geht davon aus, daß sich sowieso jeder Leser freut, wenn sie schreibt: "Das war Spitze!", und sich em- pört, wenn sie verkündet: "Empörend!" Die paar deutschen Sätze, die dann noch nachkommen, malen die Parteinahme aus; sie bedienen den feststehenden Standpunkt mit Belegen und Anhaltspunkten; und daß die regelmäßig erschwindelt sind, wird durch Übertreibungen wettgemacht. "Bild" macht erst gar keinen Versuch, einen unvoreingenommenen Menschen zu überzeugen. Sie bedient voreinge- nommene Menschen und fertige Überzeugungen mit - entsprechend hingedrehten - Beispielen für die fünf oder sechs Vorurteile, die ein guter Deutscher sowieso drauf hat. Wenn Arbeitern dieses Verfahren gefällt; wenn sie von vornherein im Prinzip für und gegen dieselben Dinge eingestellt sind wie die "Bild"-Zeitung und nur mit Material für ihre Einstellung gefüt- tert werden wollen; dann haben sie ihren Verstand für einen selt- samen Beruf hergerichtet. Sie sind unverwüstlich t r e u e S e e l e n: Zu den paar bewährten Grundeinstellungen, nach denen "Bild" ihnen die Welt sortiert und bekanntgibt, lernen sie todsicher nichts hinzu. Ihren Vorurteilen halten sie die Treue, weil sie Überlegungen, die nicht dazu passen, erst gar nicht zur Kenntnis nehmen. MAZ-Artikel "verstehen wir nicht"; nicht weil das Gehirnschmalz dafür nicht ausreichen würde, sondern weil sie ganz einfach nicht ins logische Schema passen. Sie befriedigen nicht die Neugier, die bekanntlich nur zufrieden ist, wenn sie an wechselndem Material ausschließlich guten alten Bekannten begeg- net, wohlbekannten Einteilungen nämlich nach gut und böse, "wir" und "die andern" usw. Wir von der MAZ halten dieses Denkverfahren für einen Mißbrauch des Verstandes, mit dem Arbeiter ihren materiellen Interessen keinen guten Dienst tun. 4. Die Absicht -------------- Wir bekennen auch das: Die MAZ will mehr als nur gelesen werden. Die Auffassungen, die da vertreten werden, sprechen für radikale Veränderungen - in Sachen Lohn und Leistung, in Sachen Staatsge- walt und Gehorsam, in Sachen Weltmarkt und Verelendung. Und zwar für Veränderungen, die von einer noch so wohlmeinenden Herrschaft nicht zu erwarten sind. Die n ö t i g e n Veränderungen müssen die Leute, von deren Arbeit Staat und Wirtschaft leben - und zwar verheerend gut -, schon selber machen. Dafür will die MAZ Leute gewinnen. Die "Bild"-Zeitung fordert ihre Leser auch andauernd zur Einmi- schung auf. Keine Prominenten-Ehe, kein Walfisch-Sterben, kein Bestechungsfall, den "Bild"-Leser nicht irgendwie für ihre Sache halten sollen. Überall wird mitgefahndet, mitverurteilt, mitbe- gnadigt usw. D i e s e Einmischung ist mit der Lektüre der Zei- tung allerdings auch schon erledigt. Solange man liest, hat man der guten Partei, im Zweifelsfall "uns" und "unserem" guten deut- schen Recht, kräftig die Daumen gedrückt. Wenn's hochkommt, darf man anschließend noch per Telefon zu einer vorgegebenen Frage Ja oder Nein sagen. Ansonsten genügt es, daß der "Bild"-Leser eine Minute lang mit dem Herzen dabei war - bei Anliegen, die in der wirklichen Welt ganz ohne seine Beteiligung erledigt werden, bei deren Durchführung er sogar bloß stören würde. So wird der Leser von der "Bild"-Zeitung engagiert - dafür, daß die Machthaber, die Repräsentanten, die Macher, die Manager, die Reichen und die Show-Fritzen der Nation ihr Geschäft erfolgreich versehen. Wenn Arbeitern diese Sorte Beteiligung am Weltgeschehen zusagt, dann haben sie etwas ziemlich Verrücktes fertiggebracht: Sie ha- ben sich in ihrer P h a n t a s i e in alles e i n gemischt, um sich i n W i r k l i c h k e i t aus allem a u s zu- mischen. Sogar den Lohn, von dem sie immerhin leben müssen, halten sie - und zwar nur dann, wenn er in einer Tarifrunde "dran" ist - für ein öffentliches T h e m a, bei dessen Abwick- lung sie den Zuständigen viel Glück wünschen und ansonsten über- haupt nicht gefragt sind. Sie sind in Gedanken bei allem dabei, aber nur, um alles geschehen und mit sich alles machen zu lassen. Wir von der MAZ raten Arbeitern dazu, die wirklich wichtigen Sa- chen lieber selber in die Hand zu nehmen. Denn Zugucken und die Daumen Drücken ist schädlich, wenn "von selbst" regelmäßig nur das kapitalistische Geschäft, die staatliche Gewalt - und die Hetzer von der "Bild"-Zeitung auf ihre Kosten kommen. 5. Der Nutzen ------------- Bei alledem kommt immer klarer heraus: Die MAZ s t ö r t. Sie stört - wir meinen: leider - noch gar nicht einmal das, was man den "Betriebsfrieden" und den "sozialen Frieden" nennt. Jeder Blick in dieses Kommunistenblatt stört aber irgendwo den faulen Frieden, den der brave deutsche Arbeiter mit seinem Arbeitgeber, mit seinen Politikern, mit seinen Lebensverhältnissen und mit sich als Würstchen mittendrin geschlossen hat. Nützlich ist die MAZ nur für Leute, die den Grund ihrer Unzufriedenheit wissen und abschaffen wollen. Demgegenüber ist die "Bild"-Zeitung ein leibhaftiger Beitrag zur Zufriedenheit ihrer Leser. Sie macht ihnen klar, daß alle redli- chen Anliegen eines schwarz-rot-goldenen Saubermannes irgendwo, mindestens bei der "Bild"-Zeitung selber, schon bestens aufgeho- ben sind; der Mensch braucht sich nur genau diese Anliegen zuzu- legen, dann ist die Welt schon mal grundsätzlich in Ordnung. Tag für Tag kriegen "Bild"-Leser an Beispielen außerdem erläutert, daß materielle Zufriedenheit sowieso eine Frage des Schicksals ist. Und das nimmt man am besten dankbar entgegen, auch wenn die "Pechsträhne" nicht abreißen will. Gelegenheiten gibt es ja auch immer wieder; auch das deckt jede "Bild"-Nummer auf. Mit ihrem "Goldregen" organisiert sie selbst sogar eine kleine Chance fürs Glück; und an den Gewinnern beweist sie, daß 1000 Mark einen Men- schen durchaus glücklich machen können. Wer will, kriegt bei "Bild" sogar Rat in sexuellen Konkurrenzfragen und exklusive Ein- blicke in die sonstigen "Rätsel des Universums". Wenn Arbeiter an der "Bild"-Zeitung diese Dienstleistungen schätzen, dann haben sie für den Rest ihres Lebens ihr Nutzenkalkül aufgemacht und ab- geschlossen: Sie wollen sich nach der Decke strecken, nach ge- schenkten Gelegenheiten haschen, bei Unwettern den Kopf rechtzei- tig einziehen und jeden Tag bestätigt kriegen, daß das auch in Ordnung ist und der Weisheit letzter Schluß und der Inbegriff der Freiheit und anders gar nicht geht und so weiter. Wir von der MAZ halten diesen lebenslangen Kampf um falsche Zu- friedenheit für einen lebenslangen Fehler. Klar, daß sich ein selbstbewußter deutscher Nationalarbeiter so etwas nicht einmal umsonst und bloß alle 14 Tage sagen läßt. zurück