Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN BILD - Nationale Herzensbildung
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Krieg am Golf
NUR NOCH 8, 7, 6, 5 ... Tage -
DANN KANN ENDLICH GESCHOSSEN WERDEN
Worum geht es beim Aufmarsch des Westens? So eine Frage mutet
"Bild" ihren Lesern gar nicht erst zu. Sinn und Zweck der größten
Militäraktion seit dem Zweiten Weltkrieg erklärt sie nicht, sie
beteiligt sich an der Kriegserklärung gegen Saddam Hussein, und
das ist etwas anderes. Denn dabei geht es nicht um eine Klarstel-
lung der Weltherrschaftsinteressen der USA, die dort wirklich
durchgesetzt werden sollen. Statt dessen werden die verlogenen
Rechtstitel nachgebetet, die das westliche Vorgehen über jeden
Zweifel erhaben machen sollen.
Also: Saddam Hussein ist der "Landräuber und Massenmörder", der
"Tyrann", der "weiter rüstet", obwohl "wir" ihn mit massenweise
Kriegsgerät und Soldaten umzingelt haben. Sein Anspruch auf Ku-
wait ist ein "Verbrechen", der US-Anspruch auf Bestimmung der
Weltordnung im Nahen Osten und anderswo dagegen die gerechteste
Sache der Welt. Saddam ist ein "Verrückter", die westliche
Kriegsentschlossenheit dagegen ein Gebot der Vernunft und des
Völkerrechts. Eine Art internationale Verbrechensbekämpfung ist
also angesagt, und dadurch die Frage, was eigentlich die westli-
che Kriegsfront bezweckt, erledigt. "Machtbesessen", wie der
"sture Diktator" nunmal ist, hilft gegen seine Unnachgiebigkeit
nur unsere sture Entschlossenheit zum Zuschlagen und notfalls
eine Massentötung seiner Untertanen. Die gehen natürlich auf das
Konto des "Hitler von Bagdad".
Die Verurteilung steht also fest und ihrer Vollstreckung durch
einen gerechten Krieg mit Ablauf des Ultimatums nichts mehr im
Wege. Der Countdown läuft. Die spannendste Frage heißt:
"Wann wird am Golf geschossen?"
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"Bild" zählt die Tage, bis es endlich losgeht, und ermittelt die
"wahrscheinlichsten Daten für den Angriff auf den Irak". Die Ge-
dankenspiele, wann und wie der Irak am besten fertigzumachen ist
- Blitzkrieg heißt der "Traum" -, sind mit dem "Überfall des Irak
auf Kuwait" überhaupt nicht zu vergleichen. Unser Angriff ist
schon lange angekündigt, und die Gerechtigkeit der "Strafaktion"
steht außer Frage. Derweil wird über Aufmarschpläne informiert
und die Wirksamkeit der Waffen abgeschätzt, auf daß deutsche Zei-
tungsleser sich in die Chancen und Schwierigkeiten der
Militärstrategen beim Kleinhauen des Irak eindenken können. Mög-
liche Pläne Husseins werden ausgelotet und aufgedeckt, denen der
Westen durch rechtzeitigen "Feuerbefehl" zuvorkommen muß. Darüber
wird natürlich die Stimmung der "Kameraden in der Wüste" nicht
vergessen. Auch die fiebern "mit geballten Fäusten" ihrem Einsatz
entgegen. Mit dem "Warten auf den ersten Schuß" muß Schluß sein.
"Wann beginnt endlich die action?" fragen die gespannten Kriegs-
berichterstatter stellvertretend für die Jungs vor Ort. Denn:
"Der Feind jedes Soldaten war stets die Langeweile."
Klasse! Jetzt sind wir dabei!
Gerade noch rechtzeitig, bevor es losgeht, kommt die schönste
Nachricht: "Deutsche Kampfflugzeuge in die Türkei". "Bild" ist
begeistert: "Der erste Ernstfall-Einsatz". Nun kann uns kein Aus-
länder mehr vorwerfen, wir würden nur "Schecks ausstellen". Der
Auftrag "Kanzler, schick die Tornados los!" wurde zwar noch nicht
erhört. Wir schicken nur unsere zweitbesten Flugzeuge, die ihre
Bomben und Raketen angeblich nur defensiv einsetzen können. Aber
immerhin: Wir sind endlich wieder dabei. Voller Stolz verkündet
"Bild" den "präzisen Kampfauftrag": "Unsere Soldaten sollen die
Türkei vor einem Angriff schützen". Der Quatsch mit dem Grundge-
setz, das uns am militärischen Mitmischen hindern würde, ist da-
mit vom Tisch und niemand im Lande ist einfach gegen die Aktion.
Dennoch: "Bild" ist noch nicht zufrieden. Die Stimmung bei der
Fliegerstaffel ist zwar prächtig, ein bißchen "Angst" und "Trauer
beim Abschied" eingeschlossen, schließlich wird's jetzt ernst.
Aber an der Heimatfront steht bei weitem nicht alles zum besten.
"Leere Sprüche gefährden den Frieden"
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Es reicht nämlich keineswegs, daß wir Deutsche auf allen Ebenen
mitmischen beim Golfkrieg. Jeder gute Deutsche soll endlich ka-
pieren, daß dieser Krieg sein ureigenstes deutsches Herzensanlie-
gen ist und ihn zu seiner Sache erklären. Dafür erfindet "BamS"
extra das Schreckgespenst einer mangelnden Kriegsbereitschaft, so
als ob das ganze Volk zu den Waffen gerufen werden müßte, und
fragt: Wo bleibt die einhellige Begeisterung?
"Daß viele junge Deutsche nicht begreifen, warum der Einsatz der
Bundeswehr in der Türkei mithilft, den Frieden zu erhalten und
nicht etwa den Krieg zu provozieren, ist verständlich. Knobelbe-
cher sind out, Filzpantoffel vor dem Fernseher sind in."
Daß das deutsche Volk etwas verweichlicht ist, ist bedauerlich
genug. Aber was soll man nach 40 Jahren ohne echten deutschen
Waffengang anderes erwarten? Nachsichtig erklärt "Bild" ein ums
andere Mal, daß Kriegsbereitschaft und Friedensliebe ein und das-
selbe sind, und deutsche Verantwortung jetzt auch wieder Bundes-
wehreinsätze nötig macht.
"Verantwortungslos aber ist, daß Politiker - vorwiegend von links
- vor diesem Zeitgeist ihren Kotau machen."
Da hört sich das Verständnis auf, wenn die Mächtigen, die
schließlich den Einsatz des Menschenmaterials im Kriegsfall be-
fehlen, die lasche Haltung durchgehen lassen. Sogar die
Bundestagspräsidentin kriegt diesmal wegen der üblichen Frie-
densphrasen zu Neujahr, für die sie sonst so gelobt wird, ihr
Fett ab. Wie soll die nationale Einsatzbereitschaft denn zur Gel-
tung kommen, wenn ganz oben an der Macht Miesmacher sitzen, die
es an der rechten Kampfesfreude fehlen lassen:
"Auch im neuen Jahr ist Rita Süssmuth für weise Vorschläge gut:
Nichts solle unversucht bleiben, einen Golfkrieg zu verhindern.
Die mächtigste Deutsche stimmt damit in einen ärgerlichen Chorus
ein. Er unterstellt unseren amerikanischen Freunden, sie ließen
etwas unversucht, die Kriegsgefahr abzuwenden... Will heißen:
Leere Sprüche erhöhen die Kriegsgefahr."
Dabei ist die Antwort auf die Frage:
"Ist der Krieg noch zu vermeiden?"
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arschklar: Aber immer - wenn der Verbrecher sich selbst das Hand-
werk legt, wenn er sich aus Kuwait zurückzieht, und wenn er daran
überhaupt keine Bedingungen knüpft, also bedingungslos kapitu-
liert. Dieses "Angebot" haben unsere amerikanischen Freunde wahr-
haftig oft genug unterbreitet. Ohne Erfolg, wie man weiß. Wenn
sie sich jetzt trotzdem noch ein letztes Mal mit einem Iraker
treffen und ihm ein letztes Mal ihre Kriegsentschlossenheit ser-
vieren, dann ist das ein Entgegenkommen und ein "letzter Hoff-
nungsschimmer", für den schon wieder wir Deutsche verantwortlich
zeichnen. Unser Genscher nämlich! "BamS" kennt seine "geheime
Rolle" und berichtet, daß er genau diese "Kompromißformel" - Ver-
handelt wird nicht! - als letzte diplomatische Initiative
ausgearbeitet hat. "Ob am Golf geschossen werden muß, hängt jetzt
ausschließlich von Saddam Hussein ab." So mag auch die Öffent-
lichkeit eine "friedliche Lösung". Dem Feind noch einmal
gesprächsweise die Pistole auf die Brust setzen und im Namen des
Friedens verlangen, daß er gefälligst aufgeben soll. Wenn er dann
trotzdem nicht hören will, muß er fühlen. Wir haben alles ver-
sucht!
Dabei ist längst unverkennbar: Die friedliebende deutsche Öffent-
lichkeit fände es saudumm, wenn Saddam Hussein dem Krieg in letz-
ter Minute doch noch ausweichen würde. Wo "wir" doch längst be-
schlossen haben, daß der Mann und sein Staat b e s t r a f t
gehören! Die guten Gründe für eine Schlächterei am Golf sind
längst dermaßen gut, daß die freiheitliche Weltmeinung von einer
friedlichen Abwicklung der Sache zutiefst enttäuscht wäre: So et-
was wäre geradezu Strafvereitelung.
"Kann der Krieg überhaupt noch verhindert werden? Nur wenn sich
Saddam Hussein aus Kuwait zurückzieht. Das ist aber schon tech-
nisch kaum mehr möglich."
Gott sei Dank!
Mit Kriegshetze
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hat das alles natürlich gar nichts zu tun. Der Einsatz am Golf
ist unsere "Friedenspflicht":
"Nein - ob wir wollen oder nicht: Die schönen Zeiten am Rockschoß
der Amerikaner sind mit der Wiederherstellung unserer Einheit
vorbei. Nicht weil wir Weltmachtsträume haben. Sondern weil unser
zurückgewonnenes politisches Gewicht auch Pflichten bringt: Ein-
satz für den Frieden zum Beispiel - auch militärisch."
Und das Schönste an diesen "Pflichten" ist, daß wir sie nur zu
gerne erfüllen w o l l e n. Wir k ö n n e n es nämlich - das
ist kein bloßer Wunschtraum. Wir brauchen uns nicht mehr am Rock-
schoß der Amerikaner anzuhängen. Endlich sind die schönen Zeiten
gekommen, wo wir Deutsche nicht bloß von Frieden reden, sondern
ihn mitgestalten können. Mit militärischer Gewalt, wie denn auch
sonst.
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