Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN BILD - Nationale Herzensbildung
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Die freie Presse informiert:
LAUTER KRIEGSHETZE
Im Golf findet ein Militäraufmarsch statt wie seit langem nicht
mehr. Für die westliche Presse ist "die Welt wieder ein Stückchen
friedlicher" geworden. Keiner redet mehr von der "Kriegsgefahr",
alle reden vom Krieg. Und wie!
"Krieg!
Der Hitler von Bagdad
überfällt wehrloses Volk im Morgengrauen * Viele Tote * Kuwaits
Herrscher flohen im Hubschrauber * Amerikaner, Russen und Is-
raelis in Alarm * US-Flotte unterwegs"
Das war vom ersten Augenblick an klar, als die US-Flotte in den
Golf aufbrach: Saddam Hussein ist ein "Verbrecher", ein irrer
noch dazu. Der Beweis dafür war allerdings nicht, daß der "Hitler
von Bagdad ein wehrloses Volk überfällt", wie "Bild" im Unterti-
tel meldete. Den Maßstab "wehrlose Völker überfallen" einmal auf
die jüngeren Kriegsaktionen unserer Freunde in den USA angewandt,
die sich von Grenada bis Panama auch nicht gerade gegen hochgerü-
stete Staaten richteten: Da müßte "Bild" ja glatt entdecken, daß
lauter "Hitlers von Washington" die Weltgeschichte bestimmen.
Und: Wäre es den Machern unserer Öffentlichkeit eigentlich lie-
ber, wenn sich der "Irre Diktator" ein anderes Ziel für seine
Machtansprüche ausgesucht hätte, wie z.B. das bis an die Zähne
bewaffnete Israel? Spräche das vielleicht weniger gegen ihn?
"Viele Tote" soll es gegeben haben. Und was folgt daraus? Alles
andere als ein Plädoyer für ein "Ende des Blutvergießens". Denn
auch hier beherzigt die freie Presse das uneingeschränkt gültige
Prinzip, "gerechte" und "ungerechte" Opfer fein säuberlich zu un-
terscheiden. Die Gemetzel, die von Nicaragua bis Angola weltweit
im Namen der Freiheit veranstaltet wurden und werden, sprechen
doch ganz prinzipiell gegen die Opfer und für die Täter.
"US-Flotte unterwegs in den Golf". Das reicht, um klarzustellen,
wer der Verbrecher ist, wer überfallen gehört und wo Tote ge-
schaffen werden müssen.
Wenn die Politik entscheidet, wo's langgeht, stellen sich für un-
sere Öffentlichkeit wie von selbst die Beweise ein, daß die
"zivilisierte Menschheit" völlig richtig liegt und ein Krieg ge-
gen den Irak ein "Akt der Menschlichkeit" ist: Wir kämpfen näm-
lich für das "Gute" und gegen den "Bösen". Das unerschöpfliche
Kapitel
"Der Böse und die Kinder"
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sagt alles. Zuerst läßt laut "Bild" der "Tyrann von Bagdad aus-
ländische Kinder in der Wüste verdursten", um sie am Tag drauf in
einer "zynischen Propagandashow wie ein gütiger Onkel zu strei-
cheln". Pfui Teufel! Wohl dieselben britischen Kinder, die ein
paar Tage später die allseits als gütige Tante Maggie bekannte
britische Premierministerin Thatcher vor den versammelten
internationalen Fernsehkameras gebührlich abfummelte. Das ist er,
der Unterschied zwischen dem "Bösen" und der "zivilisierten
Welt". Ob's die Kleinen gemerkt haben?
Und dann mußte man noch folgendes erfahren:
"Hussein ließ seinen Zahnarzt umbringen"
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Allerdings läßt "Bild" den geneigten Leser schändlich im Stich,
der nur zu gerne wissen möchte, ob der "Tyrann" jenem Zahnarzt
ebenso "die Haut abziehen ließ", wie er es, man erfuhr es tags
zuvor, mit seinen übrigen Gegnern zu tun pflegte. Aber wie auch
immer: Mit einem so abscheulichen Wesen darf es keinen Kompromiß
geben. Jede Form der Diplomatie wäre ein glatter Verrat an unse-
rer gerechten Sache und würde uns nur auf die gleiche Stufe mit
diesem "Monster" stellen. Deshalb durchschauen unsere Herren
Journalisten auch jedes Gesprächsangebot, das der Irak abgibt,
als heimtückischen Trick. Alles andere als der Einsatz der Gewalt
gegen den irakischen Unmenschen wird bereits im Vorfeld als
moralische Niederlage gewertet und mit allem Abscheu belegt, den
die freie Presse kennt. Nicht verhandeln ist angesagt, sondern
"Ermordet Hussein!"
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heißt die zivilisierte Antwort auf die Gewalt des Barbaren. Un-
sere Presse, die im Unterschied zur irakischen nicht gelenkt ist,
sondern frei und eigenständig Meinung bildet, weiß eben ganz ge-
nau, wann es nötig ist, Politikern allen nur erdenklichen Schutz
gegen Angriffe zu gewähren und wann es geboten ist, einen expli-
ziten Mordauftrag zu veröffentlichen, ohne in den Verdacht zu
geraten, mit dem Terrorismus zu sympathisieren.
Bloß: Den irakischen Staatschef abschaffen, das reicht unserer
freien Presse noch lange nicht. Der ganze Staat muß weg.
"Geisel-KZs in der Wüste"
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Wenn Saddam Hussein die Lage des Irak genauso auffaßt, wie sie
ist, daß nämlich Krieg ist, und deshalb Bürger der feindlichen
Mächte interniert, dann gilt das in diesem Fall als abscheuliche
Verletzung jeder ehrenwerten Kriegsführung. Für den Westen steht
fest: Der Irak mißbraucht "Unschuldige als lebendigen Schutz-
schild" und will uns damit die Freiheit zum Kriegführen
verunmöglichen. Um so mehr gilt es, die Entschlossenheit zu de-
monstrieren, daß man sich nicht erpressen läßt. "Rücksicht auf
Menschenleben" wäre doch bloß "Nachgiebigkeit gegenüber einem Er-
presser". Künftige Leichen gehen damit ganz automatisch auf Sad-
dams Konto. Wenn dann der "Böse" Frauen und Kinder freiläßt, dann
ist das ein "hinterhältiger Angriff auf die internationale Soli-
darität der freien Völkerfamilie".
Der Gipfel der Niedertracht liegt darin, daß nicht zu erwarten
steht, daß sich der Irak einfach in einem Blitzkrieg wegputzen
läßt, wie es die Generalstäbler der Operation Wüstenschild gerne
hätten: Dort hat man nämlich Waffen, mit denen der Irak sich der
gerechten Bestrafung durch uns entziehen will. Das spricht erst
recht gegen ihn und verlangt umgehend Bestrafung.
"Saddam Hussein droht mit Giftgas"
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Das ist besonders ruchlos von diesem "Verbrecher": Nicht nur über
eine besonders schlagkräftige Kriegsmacht zu verfügen, sondern
auch noch eine Waffe zu besitzen, deren besondere Wirkung der zi-
vilisierte Westen deshalb so genau kennt, weil sie zu seinem Ar-
senal gehört. Daß der irakische Staatschef nach Mitteln und Wegen
sucht, seine Souveränität zu schützen, das ist ein Verstoß gegen
unser Recht auf Krieg und die überlegenen Kriegsmittel. Diesen
hinterhältigen Angriff muß man im Keim ersticken. Die freie
Presse ist in Saudi-Arabien vor Ort und zählt die Stunden:
"Ist das Ende des Bösen nahe?
K.o.-Gas * Bomben * Fallschirmjäger
Der geheime Angriffsplan der Amerikaner"
"Heute-Journal" und "Tagesthemen" machen Kriegsberichterstattung.
Sie sind schon weiter als die Lage auf dem Kriegsschauplatz ist
und fragen öffentlich, warum die Amerikaner nicht so weit sind
wie sie. Sie wählen schon einmal die Ziele für die freiheitlichen
Bombenangriffe aus und dirigieren amerikanische Spezialeinheiten
zwischen Kuwait-City und Bagdad hin und her. "Wann endlich schla-
gen die US-Boys zu?", lautet die Frage, die "Bild" und "Spiegel"
in diesen Tagen eint. "Wie schnell kann der Krieg gewonnen wer-
den?" Daneben werden mal schnell die anstehenden Opfer unter der
irakischen Zivilbevölkerung hochgerechnet. Unisono wird sich um
das hundertprozentige Gelingen der Blockade gesorgt und gleich-
zeitig voller Entsetzen vermeldet, daß "Hussein sein Volk hungern
läßt", was wiederum natürlich nicht gegen das zielstrebige Aus-
hungern des Landes, sondern gegen Hussein und für ein schnelles
und effektives Zuschlagen gegen den Irak spricht.
Diese Sorte Kriegspropaganda, die jeden Tag, der ohne den erwar-
teten Angriff vergeht, als "Schwäche des US-Präsidenten" und sei-
ner politischen Freunde interpretiert, weiß allerdings noch ganz
andere Gründe, warum ein Krieg unvermeidlich ist. Wirtschaftsex-
perten rechnen haargenau vor, daß die wirtschaftliche Lage der
USA, das Handelsdefizit und die horrenden Aufmarschkosten den
schnellen militärischen Einsatz geradezu erzwingen. Und wenn es
nicht der lädierte Dollar ist, der den Schießbefehl geben soll,
dann doch zumindest Präsident Bush, dessen Schicksal man von ei-
nem gewonnenen Krieg abhängig macht. Immerhin hat er sich bei der
deutschen Presse durch sein "Zaudern" schon wieder ein Stück von
dem Kredit verspielt, den er durch sein "anfänglich beherztes
Handeln" bei ihr gewonnen hat. Ein Land mit Krieg überziehen als
Motor US-amerikanischer Wirtschafts- und Innenpolitik - das ist
für unsere Meinungsmacher das Selbstverständlichste der Welt.
Kurz: Eine Weltmacht, die aufmarschiert, die m u ß auch das
tun, was sie w i l l. Sonst wird sie in den Augen der demokra-
tischen Öffentlichkeit unglaubwürdig.
Wenn die Zuständigen die Losung zum Krieg ausgeben, dann liefern
ihre Kommentatoren die guten Gründe dafür und drängen auf Voll-
zug. Dabei verzichten sie auch gern mal auf Titel wie Demokratie
und Freiheit, mit denen sie sonst das westliche "Engagement" be-
gleiten und gutheißen. In aller Freiheit warten sie nicht nur,
bis aus dem Aufmarsch endlich ein "Schießkrieg" wird, sondern
sorgen für die rechte Kriegsstimmung im Lande. Das ist ihr
"Heiliger Krieg".
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