Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN BILD - Nationale Herzensbildung
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"Bild":
IM HEILIGEN KRIEG AN VORDERSTER FRONT
Die Kriegsvorbereitung der "Bild"-Zeitung ist mit Ablauf des Ul-
timatums gut vorangekommen. Seit Wochen hat sie ihren Lesern die
Weltlage als Kampf der Guten gegen das Böse vorgestellt und klar-
gemacht, was Sitte und Anstand diesmal bedingungslos fordern:
Saddam Hussein muß kaputtgehauen werden. Warum? Wer hat welches
Interesse daran? Unzumutbare Fragen! Der Kriegswille des Westens
ist Beweis genug, daß Zuschlagen sein muß. Aufklärung über das
Weltordnungsinteresse der USA und ihrer Verbündeten, für das
Krieg genau das passende Mittel ist? Ein Anschlag auf jeden an-
ständigen Menschen und Verrat an "unseren" fraglos heiligen An-
liegen! Es gibt auf der Welt eben Verbrecher und solche, die sich
ihrer Bekämpfung widmen. Zu letzteren gehören die "Bild"-Zeitung
und alle ihre Leser. Da verstehen sich beide Seiten blind. Und in
diesem Sinne dient die Kriegsberichterstattung einem guten Zweck.
Sie gibt allen, wenn sie schon sonst nichts zu sagen haben, das
erhebende Gefühl, auf der richtigen Seite - mindestens im Geiste
- mitzuschlachten und auszumerzen, was sich "uns" in den Weg
stellt.
15.1.
"Nur noch Stunden"
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Der "count down" ist abgelaufen. Es kann sich nur noch um Stunden
handeln. Alle "Vermittlungsversuche", den totalen Sieg über Sad-
dam Hussein ohne Krieg zu erreichen, sind gottlob "gescheitert".
Der unbedingte Kriegswille des Westens wurde durch solche "faulen
Kompromisse" lange genug auf die Probe gestellt. Das unwürdige
Friedensgewinsel hat endlich ein Ende. "Bild" hat schon lange ge-
wußt, daß diplomatische Erpressung in dem Fall nicht zieht und
fiebert, daß es kracht, noch bevor der "teuflische Plan" Husseins
aufgeht, den "Bild" am 12. 1. aufgedeckt hat: "völlig über-
raschender Teilrückzug aus Kuwait unmittelbar nach dem 15. Januar
(würde einen US-Angriff erschweren)".
Für die letzen Stunden des unerträglichen Wartens erinnert "Bild"
nochmal: "Saddam Hussein und Adolf Hitler - ein Vergleich". Lei-
der entgeht "Bild" der einzige entscheidende Unterschied: Damals
waren alle guten Deutschen für Adolf Hitler, heute sind sie gegen
Saddam Hussein.
16.1.
"Jetzt hilft nur noch beten"
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Wer soll beten? Im Prinzip natürlich jeder, auch die Mächtigen,
die den Einsatz der Waffen befehlen. Aber vor allem die, die so-
wieso alles, was ihre Herren wollen und befehlen, als Schicksal
auffassen, das nunmal über einen kommt. Wer zu dem erklärten
Krieg in diesem Sinne Ja und Amen sagt, darf und soll dann auch
mal den obersten Dienstherrn mit einem "oh Gott oh Gott" anfle-
hen. Wofür? Für den Frieden - "Hoffentlich ist es bald vorbei!" -
also den Sieg natürlich. Ob das hilft? Egal, die Gesinnung zählt.
"Kirchen voll wie Weihnachten". Und irgendwie ist es ja auch wie
Weihnachten. Eine wunderschöne Bescherung, die "Bild" schon ewig
eingefordert hat. Jetzt ist die Schlächterei durch nichts mehr
aufzuhalten. So sehen das die Kriegshetzer von der Pressefront.
Und die wollen natürlich gar nichts aufhalten.
Auf Seite 2 stellt "Bild" die Frage: "Kann es sein, daß die Bun-
deswehr eingreift?" Wie die Antwort ausfällt, ist dabei völlig
egal. (Diesmal lautet sie: "Nur wenn...") Jedenfalls soll sich
schon mal jeder Deutsche mit dem Gedanken vertraut machen, daß
der Einsatz unseres Militärs in aller Welt stinknormal und über-
fällig ist.
17.1.
"Bomben auf Bagdad - Krieg"
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Na also! Endlich action! Die Sache ist prima angelaufen.
Auf den folgenden Seiten vermeldet "Bild" weniger Erfreuliches:
Die Deutschen haben "Angst", genau besehen vor der eigenen Feig-
heit, belehrt uns Dagobert Lindlau. "Wir haben Angst, weil wir
die Überlegenheit derer ahnen, die todesbereit sind". Vorbildlich
diese arabischen Fanatiker da unten, da hapert's beim deutschen
Volk.
"Saddam Hussein bedroht auch den Karneval am Rhein." Wie das?
Giftgas unter der Narrenkapp'? Nein, Karneval abgesagt auf einem
"Krisengipfel in Mainz". Die Opfer: "die am Umsatz beteiligten
Kellner". Schon mal d a r a n gedacht? Der Trost: zweimal Sil-
vester. Riesenfeuerwerk am Golf, fast live in "Bild"!
18.1.
"Der fürchterliche Schlag"
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Hurra, getroffen! Der Krieg ist ein voller Erfolg. Das unter-
streicht nochmal, wie gerecht er ist; wirft aber auch Fragen auf.
"Hat Hussein noch eine Geheimwaffe?" Er schlägt ja nicht zurück,
die feige Sau, und versteckt sein Gerät und sich selbst ("Wo ist
der Diktator?"), obwohl wir offen und ehrlich einen Angriff nach
dem anderen starten und "Bild" seitenweise über unsere Waffenar-
senale informiert ("Die Waffen, die am Golf entscheiden"), so daß
jeder Leser selber ihren Einsatz planen könnte. Hoffentlich hal-
ten sich die echten Strategen daran.
Daneben wieder die Schattenseiten. Mit den Demonstrationen für
Frieden könnte allmählich Schluß sein. Schließlich haben wir
Krieg. Die ganze Welt jubelt
"- und in Deutschland Betroffenheit. Aber äußert sich Betroffen-
heit auch mit Aufrufen zum Scheibeneinschmeißen, Konsulatsbelage-
rungen und Straßenschlachten?... Wer den Frieden will, soll
demonstrieren. Friedlich! Jede Sorge ist verständlich. Niemand
will den Krieg. Aber es gibt echte Betroffenheit und es gibt Heu-
chelei."
Klar, wo die "Schlacht von Bagdad" voll im Gang ist, fängt sich
der untertänige Wunsch nach Frieden, den dieselben Herren doch
bitte einkehren lassen möchten, den Gewaltvorwurf ein. Vorbild-
lich dagegen eine Rentnerin (77) auf Seite 7: "Was will man schon
machen? Man muß sich damit abfinden." Die Oberheuchler aus der
Redaktion empfehlen sich der echten Friedensliebe mit folgender
Frage: "Wer legt den Mördern im grauen Flanell (die deutschen Rü-
stungshändler) endlich das Handwerk?" Na, wer wohl!? "Bild" weiß
spätestens hinterher, wo gute Waffenbrüder völlig rechtmäßig be-
liefert worden sind, und wo Kriminelle den Falschen ausgestattet
haben.
19.1.
"Husseins neues Verbrechen"
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Nicht nur, daß er immer noch nicht aufgibt, er schießt auch noch
zurück, auf Israel. "Reine Terrorwaffen gegen die Bevölkerung".
"Fünf Menschen erstickten in Gasmasken". Obwohl es gar kein Gift-
gas-Angriff war. Um so schlimmer für Hussein! Damit es auch jeder
kapiert: "Das war keine humanitäre Geste des Diktators, sondern
technisch so gut wie unmöglich." Der böse Wille ist ungebrochen,
ihm fehlen nur die Mittel. Mitten im Krieg hört sich das morali-
sche Begutachten also keineswegs auf. Husseins "neues Verbrechen"
besteht schlicht und ergreifend in Gegenwehr. Mit jedem erfolg-
reichen Schlag des Westens wächst nämlich dessen Gerechtigkeit
und setzt Hussein nur um so mehr ins Unrecht. Er zwingt uns zur
Ausweitung des Krieges! Niemand ließe sich dazu freilich begei-
sterter zwingen als die Kriegshetzer in den Redaktionsstuben. Die
setzen jetzt voll und ganz auf Israel. Das ist bekannt für seine
schnellen, massiven Schläge, wenn es sein muß auch mit Atomwaf-
fen. Die hat Israel nämlich, erfährt man jetzt so nebenbei. Daran
ist anders als im Fall Irak überhaupt nichts Beunruhigendes. Is-
rael ist uns nämlich als Vormacht im Nahen Osten gerade recht. So
muß ein deutscher Zeitungsleser die "Gefährlichkeit der Waffen"
fein unterscheiden.
20.1.
"Noch Monate Krieg?"
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"Von einem schnellen Sieg spricht jetzt keiner mehr". Der nur zu
berechtigte Wunsch nach einem sauberen Blitzkrieg, den "Bild"
kräftig genährt hat, ist enttäuscht. Nach 3 Tagen vollem Bombar-
dement immer noch kein Endsieg. Aber jetzt nur keine Kriegsmüdig-
keit! "Bild" weiß, wo sich der "Feigling" Hussein aufhält - "hier
versteckt er sich" - schwierig zu nehmen, dieser Bunker. "Ihm
kann selbst eine Atombombe nichts anhaben." Die Lösung scheidet
also wahrscheinlich aus. "Bild" führt ihre Leser hinein. In bun-
ten Zeichnungen wird der Luxus gezeigt, "der Diktator hat einen
ausgesprochen westlichen Geschmack". Ach! soll der Leser jetzt
wohl denken. "Bild" vermittelt intime Kenntnis der Lebensumstände
des Diktators, jeder soll schließlich wissen, was ihn persönlich
so ekelhaft macht. Sonst hat ein Normalmensch ja auch wenig mit
dem ganzen Fall zu tun. Himmelschreiendes Unrecht: "Hunderte von
Millionen hat der Bau des Bunkers verschlungen. Millionen, die
das irakische Volk aufbringen mußte." Wohingegen das Geld für den
Bunker der Bonner Führung ausschließlich vom deutschen Volk spen-
diert worden ist.
Im Kommentar muß es mal wieder gesagt werden: "Bonn kann sich
nicht ewig drücken". Und tut es ja auch nicht, beruhigt uns Ru-
pert Scholz, der Ex-Verteidigungsminister:
"Die Bundesrepublik hat nicht gekniffen, sondern die Aktion um-
fangreich unterstützt... Minensuchboote ... Alpha-Jets... Sich
der neuen internationalen Verantwortung stellen heißt in Zukunft
auch, daß sich Soldaten der Bundeswehr an militärischen Ope-
rationen der UNO beteiligen können."
Dann wird der Krieg erst richtig schön!
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