Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN BILD - Nationale Herzensbildung
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HURRA! WIR VERBLÖDEN.
"Bild" in der DDR:
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Achtung! Sie betreten nun den demokratischen Sektor!
DDR-Bürger sind gute Deutsche, anschlußwillig. Das stellt die
Zeitung zufrieden und sie geht von einer grundsätzlichen Überein-
stimmung ihres Standpunkts mit dem des Publikums aus. Dieser
Standpunkt will bebildert, bekräftigt, manchmal auch hergestellt
sein. Erst kommt Deutschland, dann kommt noch einmal Deutschland;
dann kommt Deutschlands Führung, die die Größe Deutschlands zu
mehren und vor den Anschlägen seiner Widersacher zu schützen hat;
dann kommt das Volk, das für die Größe Deutschlands einsteht, in-
dem es seine Pflichten pflichtbewußt verrichtet. "Bild" erzählt
dem Volk täglich, wieviel Grund zum S t o l z es hat, weil es
so d i e n s t b a r und deswegen seine N a t i o n so er-
folgreich ist. Das Volk läßt sich von niemand was vorschreiben,
sondern handelt aus seiner eingewurzelten Gutheit heraus. Umge-
kehrt hat das Volk das Recht, alles und jedes am Maßstab dieser
seiner eigenen Gutheit zu messen. Da wird, mit "Bild", jeden Tag
verdammt und gelobt, und zwar gnadenlos und manchmal überra-
schend. Denn dieser Maßstab ist objektiv. Er läßt sich von Stel-
lung, Geld oder Aussehen nicht blenden, sondern dringt zielstre-
big zur moralischen Substanz vor: Hat sich ein jeder, und jeder
an seinem Platz, redlich um die Erfüllung der sittlichen Forde-
rungen eines ausgezeichneten Gemeinwesens namens "Deutschland"
bemüht? Intellektuelle Hochstapelei hat da nichts zu suchen.
"Bild" verrichtet ihr Wächteramt für die sogenannten "einfachen
Leute", und da reichen einfache, eindeutige Meßlatten, auch wenn
sie manchmal sehr kompliziert angelegt werden. Denkbolzen und
Ellbogenartisten gehören hin, wo sie hingehören, nämlich in die
oberen Etagen der Gesellschaft, wo sie das Ihre zu erledigen ha-
ben. Das Volk aber p a ß t a u f - und zwar nicht nur auf "die
da oben", sondern auch auf "uns da unten". Da gibt es genug
falsche Fuffziger, die aufgespürt, verwarnt und bestraft werden
müssen, damit der Volkskörper als ganzes nicht in Mitleidenschaft
gezogen wird.
Die "Bild"-Macher haben es nicht für nötig erachtet, ihre Zeitung
für die DDR umzustellen. Die neueröffneten Lokalredaktionen ma-
chen dasselbe wie die Lokalredaktionen im Westen. Ein kleiner
Spezialzweifel will jedoch geschürt sein: Ist die alte Herrschaft
auch nachhaltig genug zerschmettert? Zwar gibt es sie nicht mehr,
aber erstens treiben sich noch genügend ihrer Repräsentanten
herum, und zweitens ist nicht sicher, ob die K ö p f e, die im-
merhin 40 Jahre verderbliche Indoktrination hinter sich haben,
die hundertprozentige Umstellung reibungslos bewältigen, bei al-
lem guten Willen. Darum gibt es
Jeden Tag eine "Entlarvung"
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Es findet sich immer ein Bonze, der tatsächlich noch lebt und
sein Geld verdient. Womöglich mehr als die anderen. Oder diese
PDS, eine schlecht getarnte Nachfolgeorganisation, kassiert unter
dem Deckmantel der Demokratie skandalöserweise Wählerstimmen.
"Bild" stellt klar: Kritik ist in der neuen DDR erlaubt und er-
wünscht - aber wer kritisiert, ohne die vorherige Versicherung,
daß alles Böse auf die SED zurückgeht und von ihr allemal über-
troffen wurde und wird, der macht einen prinzipiellen Fehler.
Eine "Erblast" ist mit herumzuschleppen und abzutragen, und so-
lange es sie gibt, hat jeder Un-Anstand darin seine Wurzel. Wer
will schon alle "Deformationen" und "Prägungen" des "Stalinismus"
kennen? Also: Kritik ohne gleichzeitigen Jubelschrei für das neue
Deutschland ist keine, sondern böser Wille. Umgekehrt winkt je-
dem, der sich von "Bild" anleiten läßt, eine garantierte Ta-
gesportion moralische Abscheu: "Von solchen bin ich jahrzehnte-
lang hintergangen worden!" Garniert mit ein bißchen Selbstbezich-
tigung und/oder Verachtung für die dummen Mitmenschen ist die Pa-
lette der moralischen Grundbedürfnisse schon recht gut abgedeckt.
Ebenfalls jeden Tag: Die Einheit ist unaufhaltsam!
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Sie kommt garantiert und schnell, alle sind dafür, die Bündniszu-
gehörigkeit ist keine Frage. Deutschland hat nur Freunde, und
wenn die Russen noch ein wenig Zicken machen, kümmert das nicht.
"Bild" braucht bloß auf deren innere Verfassung zu deuten, und
jedermann ist klar, daß die weder das Recht noch die Kraft haben,
Deutschland Steine in den Weg zu legen. Das unverschämte Selbst-
bewußtsein des erfolgreichen Imperialismus heißt für den "kleinen
Mann" eben, daß er sich um die Weltenläufte weder Sorgen zu ma-
chen braucht, noch zu patriotischer Hochstimmung angestachelt
wird. Die schier unglaubliche Machterweiterung des neuen Deutsch-
land ist keiner besonderen Erwähnung wert - alle anderen tanzen
sowieso nach unserer Pfeife. Vielleicht hört man von einer gewis-
sen Maggie Thatcher, die immer noch herumnörgelt; aber da genügt
ein einfacher Hinweis auf ihre unlauteren Machenschaften:
"Schweinerei! Maggie will uns ihr verseuchtes Rindfleisch andre-
hen."
Man sieht: "Bild" läßt kein Thema aus. Denn es gibt ja auch kein
Thema, das sich dagegen wehren könnte, auf Deutschland bezogen
und dadurch für "Bild" interessant zu werden.
11. Mai
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"Bild" will nicht direkt sagen, daß sie von Streiks nichts hält.
Immerhin handelt es sich um ein frisch erworbenes Arbeiterrecht,
wie Reginald Rudorf zu berichten weiß:
"FDGB - der Absturz.
... Das Politbüro nutzte diese stalinistische Scheingewerkschaft
aus, um den Arbeitern alle Rechte zu stehlen: Recht auf Streik,
Recht auf freie Meinung, Recht auf sozialen Aufstieg, Recht auf
freie Wahl des Arbeitsplatzes."
Nie und nimmer dürfen diese Rechte aber "egoistisch" wahrgenommen
werden: Wer etwas für sich herausholen will, schadet anderen:
"Lehrerstreik in Berlin... die treuesten Stützen der SED... hat
die Sache einen Hasenfuß: In zivilisierten Ländern streiken Leh-
rer nicht, weil sie den Kindern nicht schaden wollen. In der DDR
herrscht offenbar ein anderes Ethos."
Alle Unzufriedenen, die zu diesem zweifelhaften Mittel greifen,
müssen sich schon fragen lassen, ob sie nicht mit einem Fuß auf
dem Boden der Illegalität stehen - Recht hin, Recht her. Solange
die DDR kein "zivilisiertes Land" ist, zieht aus Streiks nur eine
Partei Profit:
"PDS findet's gut/Streik/Autobahn blockiert"
"Die PDS, die als SED keine Streiks duldete, jubelt: 'Das sind
legitime Mittel...!'"
Legitim kann also nur sein, wenn dieses Arbeiterrecht von zivili-
sierten Instanzen verwaltet wird, die sich auf die Kunst des Ar-
beitskampfes verstehen, der niemandem schadet, sondern nur nützt.
DDR-Bürger brauchen nicht zu wissen, wie das geht, sie brauchen
sich nur - genauso, wie sie sich der neuen politischen Obrigkeit
unterordnen - der neuen Arbeiterobrigkeit unterzuordnen:
"Jetzt ist das Spiel (des FDGB) aus. Die Arbeiter zwischen Elbe
und Oder bekommen nun freie Gewerkschaften mit allen Rechten, die
ihnen der FDGB nahm."
Das "(Wartburg-)Ehepaar" Beyer streikt nicht und blockiert auch
keine Autobahnen, sondern stellt sich die wichtigere und prakti-
schere Frage, womit es auf diesen Autobahnen künftig herumfahren
will: Es testet den VW-Polo. Dieses Ehepaar ist vernünftig und
weiß, daß die kleinen Brötchen der Demokratie den ausgelaugten
Schrippen des alten Systems allemal vorzuziehen sind:
"Eindeutiges Urteil: Der Polo ist für die DDR richtig - und klein
genug."
Ja, ja, "klein genug". Denn ein größeres Auto paßt in die DDR gar
nicht hinein, schon der Wartburg hat sie überfüllt. Man muß es
nur so sehen wollen:
"DDR-Garagen sind so vollgestopft (Werkzeug, Ersatzteile), daß
größere Autos gar nicht reinpassen."
Das Ehepaar Beyer - brave Leute aus dem Volk. Umso widerlicher,
wenn prominente Deutsche Deutschland in den Rücken fallen:
"Schumacher: Gemeinheiten über den deutschen Fußball"
Und das ein paar Tage vor Beginn der WM. So trägt man Unruhe ins
Trainingslager und verletzt das Recht des deutschen Volkes auf
eine ungestörte Vorbereitung der Nationalmannschaft. Lebt dieser
Schumacher nicht in der Türkei?
22. Mai
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"Steffis Vater soll zum Bluttest."
Warum ist das wichtig? Weil "Bild" wissen will, ob das Unruhe in
Steffis Spiel trägt. Solange Steffi weiter gewinnt, ist "Bild"
bereit, die Affäre des Herrn Graf mit einem Nacktmodell für einen
Irrtum zu halten. Was aber ist, wenn Steffi verliert?
"Bild"-Leser haben sich das in ihrem geistigen Notizbuch ver-
merkt. Dort entdecken sie eine größere Lücke: Lafontaine hat sich
schon längere Zeit nicht mehr gezeigt. "Will er eigentlich noch?"
Eine gewisse Schonfrist hat man ihm nach dem Attentat zugebil-
ligt, jetzt aber stellt sich die Frage: Wie fit ist der Heraus-
forderer? Das Volk muß am Ball bleiben, um bei der Wahl die rich-
tige Entscheidung fällen zu können. Womöglich wählt es sich einen
angeknacksten Kanzler, was es sich als verantwortungsbewußtes
Wählervolk nicht leisten kann.
Auf der Seite 3 drei Nachrichten zur Marktwirtschaft:
1. Die freie Konkurrenz steigert die Leistungskraft der DDR-Bür-
ger und überwindet klimatische und mentale Schranken. "Syke aus
Schneeberg tanzt den heißesten Lambada - Von ihr kann selbst Dale
aus Trinidad lernen". Da staunen die Neger.
2. "Maffay: Ich rette die 'Weiße Elster'." Er will von jeder ver-
kauften Karte 3 Mark abzweigen für die Sanierung eines vergammel-
ten Flusses. 300.000 Mark müssen zusammenkommen, also wissen
100.000 Fans in Leipzig und Rostock, daß sie sich nach Adam Riese
für den guten Zweck auf die Socken machen müssen. Sag' noch ei-
ner, Profit und Umwelt ließen sich nicht unter einen Hut bringen.
3. Die Obst-Konsumenten der DDR begehen eine Pflichtverletzung.
Bloß weil der italienische Apfel "schöner poliert" und "der gute
alte Landapfel verhutzelt und wurmstichig" ist, fallen sie auf
die Verlockungen der Südländer herein. Dabei ist der Landapfel
doch auch "gesund". Die Freiheit (des Konsumenten) ist ohne Ver-
antwortung nicht zu denken, in diesem Fall fürs heimische Ge-
schäft. Die verhutzelten Äpfel müssen verputzt werden. Leute,
fallt nicht auf die Propaganda von wegen bunt, schön, gefällig,
kundennah herein! Das galt für gestern, als noch alles "grau"
war. Eine kleine Kontrolle der nachbarlichen Einkaufsnetze wäre
vielleicht angebracht.
In Sachen Fußball ist vorläufig wieder alles in Ordnung. Gina
Lollobrigida erteilt dem häßlichen Knilch Schumacher eine Abfuhr:
"Warum Lollo auf Lothar steht". Hoffentlich macht jetzt Sylvia
keinen Ärger.
26. Mai
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Lafontaine hat den Befehl des Volkes vernommen und sich gemeldet.
Das Volk ist nicht nachtragend: "Oskar - Jubel im Fußballsta-
dion".
Boris hat Karen einen knallharten Passierball versetzt. Sie
wollte ein Kind. Das ist verständlich bei Boris, aber: "Boris
fühlte sich eingeengt". Da kann er auf dem Platz nicht mehr rich-
tig ausholen und unseren Auftrag an ihn nicht einlösen: "Wenn
eine Frau Ansprüche stellt, werde ich nie Nr. 1". Das ist eine
"reine Vernunftentscheidung", die "Bild" in solcher Extremsitua-
tion auch gefällt hätte: Erst kommt die Nation, dann die Liebe.
Vor so schwere Schicksalsfragen wird die Mehrheit gottseidank
nicht gestellt. Für sie reicht es, sich auf die Liebe zu konzen-
trieren, dann ist die Nation gut bedient. Tip für heute: "Diese
Pflanzen machen die Liebe schöner". "Bild" zählt 10 Stück auf.
Die Hausfrau wird sich kümmern müssen, denn die Nation will Re-
sultate sehen: "So schön ist der Mai / Alle Babys sind schon da".
Gut gemacht, deutsche Frauen.
"Umtausch/Es geht schon los/11.Juni/ Was Sie wissen müssen". Sie
müssen hauptsächlich wissen: "Als erstes braucht jeder ein
Konto". Wieviel und von wem künftig auf dieses Konto eingezahlt
wird, fällt nicht in Ihre Zuständigkeit. Hauptsache, Sie haben
das Konto eingerichtet.
28. Mai
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Endlich packt "Bild" die Story von den "schrecklichen Eltern von
Wernigerode" konsequent an. Morgen beginnt der Prozeß, was die
Aussicht auf noch grausigere Details eröffnet. Die anfängliche
Linie, die Kindsmißhandlungen würden für die Gleichgültigkeit des
SED-Staates sprechen, verfolgt die Zeitung nicht weiter. Was viel
schwerer wiegt: Unterm SED-Staat fanden solche Prozesse praktisch
unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt. So konnte man sich gar
nicht ausführlich über die Schlechtigkeit seiner Mitmenschen in-
formieren, man konnte den Richter nicht beraten, wie streng der
Urteilsspruch auszufallen hatte, und man hatte recht wenig An-
haltspunkte für eigenes Wohlverhalten, dem solche Schlechtigkeit
nie einfallen würde. Oder für die Gewissensfrage, ob man nicht
doch selber auch ...?
Keine Kindsmißhandlung und auch keine Tat schlechter Menschen ist
die darüberstehende Meldung: "Mieten 100% rauf". Da gibt es
nichts nachzurechnen, zu vergleichen, zu moralisieren - das ist
halt so. Man wird sich darauf einstellen müssen. Das schließt für
spätere Zeiten die Debatte natürlich nicht aus, ob sich nicht
mancher Vermieter schlecht benimmt. Ganz im Gegenteil: Auf Grund-
lage der "Realitäten des Lebens" - die "Bild" nicht in Zweifel
zieht - kann sich die Diskussion über Gut und Böse so richtig
entfalten. Weil die Mieter der DDR brav die 100% schlucken, wer-
den sie so manches schwarze Schaf unter den Vermietern anprangern
dürfen, das den Rachen immer noch nicht voll kriegt - "Miethaie"
heißen dann die, die einen ganzen Stand in Verruf bringen wollen.
Aber vergeblich, denn das Volk weiß zwischen bösen Individuen und
ehrenwertem Stand zu unterscheiden.
"Ex-Minister Ullmann präsentiert seine Milchmädchen-Rechnung".
Jedem Bürger stünden eigentlich 25.000 Mark aus der Auflösung des
Volksvermögens zu. So ein Quatsch! Es gibt doch gar kein Volks-
vermögen, wenn die SED alles ruiniert hat. Wenn Kapitalisten
trotzdem alles kaufen, wird es sich wohl mehr oder weniger um ein
Geschenk handeln - "Kapitalhilfe" heißt das auch. Die müssen sich
die DDR-Bürger aber erst verdienen, indem sie für die Rentabili-
tät der Maschinen, Gebäude und Grundstücke sorgen. Das geht
nicht, indem man Geld fordert, sondern nur durch Arbeit.
29. Mai
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Das ziemlich nackte Mädel auf Seite 1 sagt: "Ich mag Männer mit
Hirn. Muskeln sind mir egal." Eine kleine Aufmunterung für die
schmächtigeren Leser. Natürlich weiß "Bild", daß trotz allem,
nicht nur bei den Schmächtigen, Enttäuschungen der Normalfall
sind. Das ist kein Grund nachzulassen, sondern verlangt ernst-
hafte Arbeit an sich selbst. Wissenschaftler haben herausgefun-
den: "Singen ist gesund". Die alte These "Nur gute Menschen haben
Lieder" ist jetzt bewiesen und um das Sexualglück erweitert. Das
singende Hirn schüttet "Endorphin-Hormone" aus - von "Bild"
"Glücklichmacher" genannt - und häufiges Singen von U durchblutet
die Geschlechtsorgane. So beweist die Wissenschaft jedem einzel-
nen die Möglichkeit der Einheit von Herz, Schwanz und Verstand.
Wer die nicht hinkriegt, muß sich auf seine SED-Vergangenheit be-
fragen lassen.
Noch ein "Glücklichmacher": "Uns geht's Platin". Die Bundesbürger
besitzen 2,7 Billionen Mark, das macht für jeden 45.000 Mark. Die
vielen, die viel weniger bis gar nichts besitzen, können sich si-
cher sein, daß ein anderer den Differenzbetrag bei sich für sie
aufhebt. Hauptsache, es ist ein Deutscher - so geht nichts verlo-
ren. Musterdeutsche waren mal wieder die Unternehmer, deren Ge-
winne 465 Milliarden Mark von den 2,7 Billionen stellen. Damit
haben sie den nationalen Auftrag gut erfüllt; nicht Herr Maier
und nicht Frau Kunze, aber "wir alle" sind r e i c h. Das sol-
len uns die anderen erst mal nachmachen.
DDR-Lehrlinge dürfen ihre Chance auf Reichtum nicht vermasseln:
"Eine Bewerbung muß ohne Fettflecken und Eselsohren sein. Nur so
kann sie aus vielleicht Tausenden von Einsendungen herausragen".
Das "Recht auf freie Wahl des Arbeitsplatzes" (siehe 11. Mai) be-
fördert zwanglos das Interesse an Sauberkeit - eine nützliche Tu-
gend, die man braucht, wenn man am V e r h ä l t n i s von Be-
werbern ("Tausende") zu Arbeitsplätzen schon nichts ändern kann.
Um diese "Chance" muß man sich schon kümmern, damit man sie dann
auch hat.
30. Mai
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Boris hat enttäuscht. Seine Absage an Karen war doch ein Verspre-
chen ans Volk, sich seine Manneskraft richtig einzuteilen. Statt
dessen hat er sie "in heißen Lambada-Nächten" verpulvert. Damit
hat er sich der Kontrolle des Volkes über seinen Hormonhaushalt
entzogen, und ganz Deutschland, das sich seine Kräfte immer rich-
tig einteilt, wird nun bestraft: Aus in der ersten Runde und
"Ivan Lendl saß gemütlich in London und konnte lachen".
Den wirklichen Skandal in der Abteilung Sex, Moral und Nation hat
an diesem Tag aber ein DDR-Professor verbrochen: "DDR-Frauen
kriegen öfter einen Orgasmus". Was ist interessant daran, wenn
ein bescheuerter Wissenschaftler eine höhere "Orgasmusrate" in
der DDR entdeckt haben will? Nützt das irgendeinem Menschen im
Bett, wenn er weiß, daß die "Rate" in seiner Gegend höher ist?
Schadet ihm umgekehrt eine niedrige? Dumme Fragen, sagt "Bild",
denn als einzelner ist man selbstverständlich Teil des - wahr-
scheinlich darf man's so nicht sagen, aber genauso sieht es die
Zeitung - nationalen Fickapparats. Der wird auf seine Leistungs-
fähigkeit hin untersucht. Da lassen wir uns nichts Schlechtes
nachsagen, und sei es auch nur die Pflichterfüllung hinsichtlich
der "Orgasmusrate". Perfide ist die aufgestellte Behauptung aber
hauptsächlich deswegen, weil die Nation doch jetzt über einen
e i n h e i t l i c h e n Fickapparat verfügt. Ja, will der Mann
die Nation spalten!? Offensichtlich schon: "Handelt es sich etwa
nur um plump getarnte Propaganda von alten PDS-Parteigängern,
denen jedes Argument recht ist, vor der Einheit zu warnen?" Sie
warnen vor einer "Entfremdung des Sex in der DDR", was eine abso-
lute Lüge ist, da die DDR soeben aus der SED-"Entfremdung" aus-
bricht und den größten Orgasmus ihrer Geschichte erlebt.
An den Haaren herbeigezogen? Das ist gerade die Stärke von
"Bild". Sie verläßt sich so sehr auf ihre B o t s c h a f t,
daß es gar nicht darauf ankommt, ob die ihr zugrundeliegenden Ge-
schehnisse wirklich passiert sind oder nicht. Geschweige denn, ob
sie von Belang sind.
31. Mai
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Entwarnung: "Bild" hat eine Zeugin in der BRD aufgetrieben, die
Orgasmen hat, und eine in der DDR, die keine hat. Damit hat die
"Orgasmus-Debatte" ihren Dienst getan. Frauen in Ost und West
sind sich einig, daß sie sich nicht auseinanderdividieren lassen.
Gerade weil der Orgasmus eine so i n d i v i d u e l l e Erfah-
rung ist, lassen wir uns in dieser n a t i o n a l e n Frage
nicht spalten. "Bild" kann sich auf die verrückte Denkweise ver-
lassen, Individuum und Nation nur zu dem Zweck auseinan-
derzuhalten, um sie je nach Bedarf durcheinanderzutauschen: Sie
sind immer f ü r e i n a n d e r da, mal so rum, mal so rum.
Wie versprochen auf Seite 3 die grausigen Details zum Kindermord-
prozeß.
In einem Leben von 76 Jahren wartet der Mann 3 Jahre auf seine
Frau, haben US-Wissenschaftler errechnet. Das muß man wissen.
Bloß wofür?
Ein Brief kostet ab 2.Juli mehr als das Dreifache. Auch das muß
man wissen.
Boris kriegt eine kleine Ehrenrettung; wahrscheinlich siegt er ja
auch wieder für Deutschland. "Ich bin ein Wild, das von Frauen
gejagt wird." Unser Bobele ist eben auch ein O p f e r, das
sich im Dienst an der Nation manchmal zwischen Court und Couch
nicht richtig einteilt. Menschlich verständlich.
Menschlich-politisch zweifelhaft: "Nackte Tatsache von Stasi-
Spitzeln". Zwei Mädels zeigen die Brustwarzen, was diesmal von
einer besonderen Verruchtheit zeugt: "So unschuldig, wie sie lä-
cheln, sind sie gar nicht", denn: sie horchten im Stasi-Auftrag
Westbesucher aus. Gelernt haben sie also nichts, trotzdem "wollen
sie nun Karriere machen - mit dem, was sie vorzeigen können".
Dürfen die das? Zur Entscheidungsfindung legt "Bild" schon mal
die Brustportraits vor - zwar wird die Freie Marktwirtschaft in
Gestalt des "Modellagenten Walter Flügel" letztendlich entschei-
den, aber "Bild"-Leser waren dabei und haben zwischen Busen und
Vergangenheit abwägen dürfen.
Nichts abzuwägen gibt es, wenn Mercedes-Benz-Chef Edzard Reuter
spricht. Zu Besuch in Magdeburg sieht er "hunderttausend neue
Jobs". So gelogen das auch immer sein mag, so ist doch an den
Worten dieses Mannes kein Zweifel erlaubt. Wenn er sagt, hundert-
tausend Jobs müßten a b g e b a u t werden, um "die Ar-
beitsplätze zu s i c h e r n", ist das genauso eine unumstößli-
che marktwirtschaftliche Wahrheit, weil der, der sie sagt, auch
für sie s o r g t. Es fällt in seine Macht, Jobs einzurichten
oder durchzustreichen. Somit sind DDRler bestens beraten, wenn
sie auf Herrn Reuter h o f f e n. Laut "Bild" ist das die ein-
zig realistische Einstellung. Wer sie nicht hat, macht sich nur
unglücklich, und andere dazu. Singen ist nicht nur gesund, wir
lassen es uns auch nicht verbieten.
5. Juni
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Auf der Seite 3 ein Bild, wie ein "Nissan-Jeep mit meterhohen
Reifen 3 Trabis und einen Skoda zermalmt". Die DDR-Zuschauer sind
entsetzt, "Bild" mit ihnen. Zwar hat "Bild" die Trabis jahrelang
in Mistkübel getaucht, zwar will keiner mehr einen Trabi haben,
aber immerhin: "Auf die Autos, die ihr in wenigen Sekunden platt-
walzt, haben wir 15 Jahre lang warten müssen". Die Trabis sind
das Symbol für Leiden und Leidensfähigkeit der DDR-Bürger, die
durch den Anschluß endlich doch b e l o h n t wurden. Die Op-
fer, die den "Menschen" durch das alte Regime aufgebürdet wurden,
machen auch ihre W ü r d e aus. Die darf ihnen wirklich keiner
absprechen, wenn sie sich aus freiem Willen dem neuen System un-
terstellen. Schwierig, aber in der Symbolik eindeutig: Nissan(!)-
Reifen machen sich über diesen freien Willen lustig und beleidi-
gen den "aufrechten Gang". Eine solche Nicht-Anerkennung haben
die Bürger der DDR nicht verdient.
6. Juni
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Seite 2: "Die Zecken sind da". Seite 3: "Das neue Geld ist da".
Sicher nur ein dummer Zufall.
Tags zuvor hat "Bild" schon vor "privaten Kreditvermittlern" war-
nen müssen. Kredit besorgt man sich auf der Bank, das ist seriös.
Keine Aufklärung gab es, warum dann doch Leute ohne die viel teu-
reren Kredite nicht auskommen können. Wahrscheinlich sind sie
einfach unerfahren, vielleicht dumm; dafür spricht: "Jetzt noch
keine Schulden machen. Manche können es nicht mehr abwarten...".
Was ist in die gefahren? Wissen sie denn nicht, wie gefährlich
das ist? "Die Leute ahnen nicht, worauf sie sich einlassen. Sie
laufen jetzt Gefahr, sich dauerhaft zu verschulden". Damit weiß
ein ordentlicher Bürger schon jetzt, wie die vielen verschuldeten
Arbeiterhaushalte in Zukunft zustandekommen: Die Leute hatten
nicht zuwenig Geld, sondern sie waren im Verhältnis zu ihrem
Geldbeutel zu g i e r i g. Eine kleine, aber wichtige Lektion:
Wer über seine Verhältnisse lebt, den bestraft die Marktwirt-
schaft!
"Bild" verschweigt nicht, was auf die Leute zukommt; aber egal,
was passiert: Es ist s e l b s t v e r s c h u l d e t. Sei es,
daß man selbst etwas falsch angepackt hat, sei es, daß man auf
die Machenschaften böser Menschen nicht aufgepaßt hat. Soll kei-
ner kommen und irgendeine Schuld beim System suchen. Im
a l t e n System k o n n t e n die Menschen nicht auf ihre Ko-
sten kommen. Das neue System ist hingegen nur dafür da, daß sie
auf ihre Kosten kommen k ö n n e n. Wenn sie es nicht schaffen,
liegt ein C h a r a k t e r f e h l e r vor. Gerade darum ist
"Bild" eine so praktische Zeitung: Sie hilft bei der Suche nach
Gründen, warum es bei mir/bei dem n i c h t a n d e r s
k o m m e n k o n n t e. Und sie verwirft radikal den "un-
praktischen" Gedanken, den "Fehler", d.h. den Grund für die Be-
schränktheit der eigenen Lebensumstände einmal in den politischen
und wirtschaftlichen Verhältnissen suchen zu wollen - "Das führt
doch zu nichts!"
Auf Seite 1 zeigt Thomas Gottschalk, was in ihm steckt. Er wet-
tet: "Deutschland wird Weltmeister". Er ist sich nicht zu schade,
dafür ein Abendessen mit 20 "Bild"-Lesern aufs Spiel zu setzen.
Merken die Leser eigentlich, was für ein Opfer Tommi da erbringt?
Aber Schwamm drüber. Wichtig ist der Geist, nämlich der Geist der
Siegeszuversicht. Den braucht unsere Mannschaft ganz unbedingt,
damit sie weiß, daß die Etappe hinter ihr steht.
"Bild" hält die Nation zum kollektiven Wahnsinn an. Es ist das
Recht des "kleinen Mannes", seine Dienste zu verrichten und sich
um die großen Dinge nicht zu kümmern, sondern ganz in seinen Vor-
lieben aufzugehen. Freilich nur solange und soweit, wie es von
oben angesagt ist und wie diese Vorlieben das Gütesiegel an sich
haben: Nationalismus. Eine Fußball-Weltmeisterschaft erfüllt alle
Voraussetzungen, also bekennt sich "Bild" am
7. Juni
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zum zügellosen Blödsinn: "Jaaa! / Deutschland balla, balla". Es
darf und soll ausgerastet werden, wenn es um das Recht auf Unter-
haltung im großen Maßstab geht: "Jeden Tag 2 Stunden Fußball im
TV". Die Oberen kümmern sich derweil um ihre Geschäfte und lassen
nichts anbrennen, während sich ihre Untertanen vergnügen. Die
umrahmenden Meldungen besagen: Ein Anschlag der PDS ist aufge-
deckt und damit schon so gut wie vereitelt worden - "Alarm in der
SPD / PDS (SED) schleicht sich ein"; um die Wirtschaft braucht
man sich sowieso keine Sorgen zu machen - "Deutschland blüht auf.
Bruttosozialprodukt stieg um 4,4%". Kein Wirtschaftsfachmann
warnt vor einem Rückgang, obwohl doch die Massen mit "21 Stunden
Fußball im TV" beschäftigt sind. Ach so, es wird weitergearbei-
tet.
13. Juni
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Im Fußball ist der erste Sieg unter Dach und Fach. "Bild" kennt
keine Hemmungen mehr: "Unsere Jungs hatten zwanzig Stunden frei /
Vergelt's Gott, Franz - für diese Liebesnacht / Brehme: Jetzt
werden wir Weltmeister". Ganz Deutschland ein einziger losgelas-
sener Triebstau, eine Nation vögelt im Geiste mit den Helden mit.
Jeder sieht's ein: Erst einsperren, dann die anderen niederma-
chen, dann abspritzen. Im Dienst an der Nation erbringen "unsere
Jungs" Opfer; das verleiht ihnen Energie; der Sieg ist der Lohn;
der Kaiser gibt die Sahne drauf; zum Schluß gibt es den gaaaaaanz
großen Sieg.
*
Ist das primitiv? Wenn man so will ... Dann muß man sich aber
auch Gedanken machen über die Primitivität folgender Sätze:
"Die Teilung Deutschlands war unerträglich. Sie konnte vor der
Geschichte nicht bestehen. Die Menschen in beiden Teilen Deutsch-
lands litten darunter. Es wächst zusammen, was zusammengehört.
Das verrottete System des Stalinismus muß aus der Weltgeschichte
verschwinden. Die Menschen atmen jetzt befreit auf. Deutschland
hat eine große Zukunft vor sich." (Kohl, Weizsäcker, de Maiziere,
Diestel, Brandt, Vogel ...) Es handelt sich um denselben Sachver-
halt wie bei "Franz und unseren Jungs", nur der Fußballplatz ist
größer.
Das ist N a t i o n a l i s m u s - v o n o b e n. "Bild"
deutscht ihn ein.
*
Ist das primitiv? Schon, meint der "Spiegel" (25/1990). Das
Blatt, das sich für distanzierte Aufklärung einsetzt. Aber auch
ganz verständlich und für die neuen freien Bürger deutscher Na-
tion genau das Richtige:
"Gysis Vorgänger bei der SED haben mit propagandistischer Grob-
schlächtigkeit und der politischen Entmündigung ihres Staats-
volks, die Leute für die groben Reize der B i l d-Lektüre gera-
dezu präpariert."
Wer sich an den Abgeschmacktheiten der "Bild"-Zeitung stört, darf
auch die und ihren Erfolg der SED zur Last legen.
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