Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN BILD - Nationale Herzensbildung
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Letzte Woche in der "Bild"-Zeitung:
DER SCHWARZ-ROT-GOLDENE DURCHBLICK UND SEIN
TÄGLICHES BROT AUS DUMMHEIT, MORAL UND HETZE
So gut wie jeder ist es gewohnt, das Weltgeschehen mit den Augen
seiner Tageszeitung zu betrachten. Die meisten Zeitungsleser mei-
nen außerdem, es wäre in Wahrheit umgekehrt: Sie hätten sich aus
dem großen Zeitungsangebot genau das Blatt herausgesucht, das die
Welt mit i h r e n Augen betrachten würde. Wie dem auch sei:
Wir laden die Zeitungsleser ein, in diesen bewegten Zeiten bei
ihrer Lektüre einmal Pause zu machen und zu betrachten, w i e
ihre Zeitung eigentlich die Welt betrachtet.
Als Beispiel haben wir die "Bild"-Zeitungen der vorigen Woche ge-
wählt. Wer eine Vorliebe für irgendeine AZ, BZ oder tz hat, ist
trotzdem mit angesprochen, ebenso wie FAZ- und "Spiegel"-Leser;
denn die Art und das Ergebnis der Betrachtung unterscheiden sich
nicht sonderlich. Schon gar nicht, wenn lauter überparteiliche
deutsche Blätter das Geschehen einer national so bewegten Woche
wie der vorigen Tag für Tag nacherzählen und würdigen. Wer "Bild"
liest, dem ist nichts Wesentliches entgangen, was bloß in einem
Konkurrenzblatt nachzulesen gewesen wäre.
Wer nichts als "Bild" liest, dem entgeht im Wesentlichen nur, was
in der MAZ steht - aber die ist ja auch kein Konkurrenzblatt in
dem Sinn.
Sonntag
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Gleich an der Spitze unübersehbar die Spitzenmeldung:
"Das Terror-Camp der DDR / - Stasi bildete Terroristen aus - auch
RAF? / - Bombentraining an Mercedes und BMW / - Selbst Frauen
lernten das lautlose Töten".
Die Sache: BamS hat was entdeckt - einen Übungsplatz des DDR-
Staatssicherheitsdienstes. Für sich genommen langweilig: Welcher
Spionagedienst, welcher Bundesgrenzschutz hat so etwas nicht? Und
öffentlich vorzeigen tut das kein Geheimdienst so gern - deswegen
heißt er ja so.
Die Aufbereitung bringt's: Beim Stasi der DDR heißen die Profis
"Terroristen". Damit es jeder begreift, wird per Frage nahege-
legt: auch die RAF, die politischen Lieblingsverbrecher der
ordentlichen BRD, sind ein Stasi-Produkt. Das vereinfacht das po-
litische Weltbild und spitzt es außerdem in die zur Zeit ge-
wünschte Richtung zu: gegen die staatlichen Überreste der ehema-
ligen DDR.
Hinten im Text kommt gerechterweise ein Volksarmee-Mann zu Wort:
Vielleicht wär's ja zur Terroristen-A b w e h r gut gewesen...
Da kann BamS aber nur lachen. Die sind doch selber welche. Und
den A n t i-Terrorismus hat "unsere" GSG 9 gepachtet. Das ver-
steht sich doch von selbst - so sehr, daß darüber gar kein Wort
mehr verloren werden muß. Stattdessen werden alle Details zu ver-
räterischen Indizien: Haben die doch glatt allen Schrott von ih-
ren Sprengversuchen wieder eingesammelt, so daß ihnen nichts
nachzuweisen ist. (Demokratische Sondereinsatzkommandos lassen
bekanntlich immer alles liegen, für die "Bild"-Reporter.) Wenn
das kein Beweis ist!
So läßt BamS ihre Leser hinter die Kulissen der DDR blicken und
zum Vorschein kommen, was sich ein BamS-Leser nach Auffassung
dieser Zeitung sowieso schon denkt. Damit der Leser mit seinem
einsilbigen Gedanken über den Stasi-Staat - "pfui!" - nicht aus
der Übung kommt, wird Zeug vorgestellt, w o z u BamS und ihr
Leser gemeinsam "pfui!" sagen können. Dem feststehenden Urteil
wird Anschauungsmaterial untergeschoben. So werden die Zeitung
und ihre Leser sich handelseinig: Mit dem Gedanken "DDR pfui!"
hat man die deutsche Welt geistig schon ganz gut im Griff.
Die Lage im Griff behalten: Darauf kommt es überhaupt sehr an.
Wenn's abends vor die Glotze geht, wissen BamS-Leser auch da
schon wieder mehr. Sie haben hinter die Kulissen der glänzenden
Monster-Show "Die 80er" geblickt und mitgekriegt: Jauch ist auf
den Arsch geflogen. Der bewunderte smarte Jüngling - in Wahrheit
auch bloß ein Mensch! Welche Erkenntnis für Leute, die überhaupt
"bloß Mensch" sind! Die sind jetzt jedenfalls keine bloßen
"passiven Zuschauer" mehr, sondern Meister des Show-Geschehens.
Nicht bloß bei der DDR gilt: Einem BamS-Leser kann kein Kulissen-
schieber was vormachen!
Dafür muß der sich natürlich auch manche Sorge machen, die er
sonst nicht hätte. Z.B. ob und warum nicht Boris für Deutschland
um den Davis-Cup spielt. Wer jetzt nicht gleich auf S. 82
vorblättert, muß sich stattdessen mit der "Blutschande in
Deutschland" auseinandersetzen: "300.000 Kinder klagen an".
W e n? Das wird auch auf den Seiten 8 bis 10 nicht so ganz klar.
Auf alle Fälle aber sind BamS und ihre Leser die höhere Instanz,
bei der die Anklagen einlaufen. In Form von kurzgefaßten Lebens-
geschichten, die, aufs Wesentliche konzentriert, ein paar Schwei-
nereien enthalten. BamS genießt das: die Sauereien u n d die
Empörung des Sittenwächters, der sich natürlich nur aus Pflicht-
gefühl damit befaßt. Porno wird bekanntlich durch Moral erst
schön. Ein paar Politiker dürfen damit angeben, daß sie sich auch
schon darum kümmern. Die Welt in ihrer Schlechtigkeit wäre inso-
weit also wieder in Ordnung.
Was noch? Für Liebhaber des deutsch-deutschen Sexualverkehrs eine
Aufklärung darüber, daß auch an dieser Front die Teilung des Lan-
des nicht mehr zu halten ist: Wie die Dinge jetzt liegen, spannen
picklige, dickbäuchige Bayern-Jünglinge ihren thüringischen Eben-
bildern mit D-Mark und frisierten Golfs die Weiber aus. Was folgt
daraus? Das, was für BamS sowieso fällig ist: Die drüben brauchen
unbedingt schleunigst auch D-Mark. Ohne Kapitalismus - keine se-
xuellen Erfolgs-Chancen für die Thüringer Jugend. Weltpolitik als
Dienst an gerechtem Vögeln... - Hauptsache, das Ergebnis stimmt.
Montag
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"Bild" hat einen neuen Kalender:
"Noch 48 Tage bis zur Freiheits-Wahl".
Das Kalenderblatt ist schwarz-rot-golden. Freiheit ist eben das-
selbe wie Deutschland. Alles andere wäre ein Mißbrauch der Frei-
heit des Wählens, den "Bild" sich gar nicht erst vorstellen mag.
Dann kann's nämlich auch sonst keiner, und die Wahl geht garan-
tiert richtig aus. Insofern ist die Wahl am 18. März in der DDR -
um die geht's - dermaßen frei, daß ihr Ergebnis schon heute fest-
steht. Deutschland eben.
Daneben wird, "BILD exklusiv", Honecker verhaftet. Warum muß der
Leser das in den dicken 3,5-cm-Buchstaben erfahren? Weil es
Honecker recht geschieht? Weil die "Freiheits-Wahl" dadurch erst
so richtig schön wird? Oder weil "Bild" schon seit 20 Jahren
diese Schlagzeile parat hat?
"Das widerlichste Verbrechen" hat jedenfalls jemand anders began-
gen: "Baby (9 Monate) aus Klinik entführt und vergewaltigt". Die
Steigerung war nötig: Nach den unschuldigen Kindern vom Sonntag
klagen nun auch noch die Babys an. Das Publikum soll in Gedanken
mit-fahnden - nein, nicht nach der halbnackten Trulla daneben,
das ist Caroline, das Genußmittel für den Wochenend-geplagten
"Bild"-Leser. In der Baby-Sache geht es um "einen etwa 35 Jahre
alten Mann". Gegen diesen Unhold stehen "Bild" und ihre
rechtschaffenen Leser wie ein Mann als Rächer auf der Seite der
verfolgten Unschuld. Erhebend!
Zurück zu Deutschland: "Bild-Leser stimmten ab: Na, wie heißt
Deutschland wohl?" Wenn's erst einmal wieder ganz ist, fällt das
ganze undeutsche Zeug von wegen "Bund", "Republik" oder gar
"Demokratisch" endlich weg. Übrig bleibt: Deutschland pur. Und
9021 Leser dürfen sich dazu gratulieren, daß sie das entschieden
haben. Gegen Frau Süssmuth, diese verdächtige CDU-Linke, die noch
in einem "Schnörkel" auf etwas so Unwichtiges wie die
Staats f o r m hingewiesen haben wollte. Der hat es der lesende
Wähler jetzt aber eingetränkt! Was die Regierenden in Bonn dem-
nächst zu regieren haben, heißt Deutschland, und damit basta! So
geht Freiheit!
Und wer darf es regieren? Die wichtige Weichenstellung vom Wo-
chenende kriegt der "Bild"-Leser natürlich auch mit, und zwar in
Lebensgröße (die 3-cm-Buchstaben) ganz oben: "Riesensieg für La-
fontaine". Damit steht fest: "Der Weg nach Bonn ist frei" für den
Mann. Denn das weiß doch jeder und findet es in Ordnung: Ob ein
Politiker für die SPD als Kanzlerkandidat taugt, das wird einzig
und allein anhand der Wahlerfolge entschieden, die der Kandidat
vorzuweisen hat. W a r u m er gewonnen hat, ist scheißegal;
d a ß er gewonnen hat, ist der einzige gute und stichhaltige
Grund, den es für seinen n ä c h s t e n Wahlerfolg gibt. Oder
anders: Wähler sind so bescheuerte Figuren, daß sie sich bei ih-
rer Wahlentscheidung hauptsächlich dadurch beeindrucken lassen,
daß ganz viele andere Wähler sich schon vorher so entschieden ha-
ben. So sehen das jedenfalls die Parteien; so sieht das die
"Bild"-Zeitung; und das finden auch "Bild"-Leser offenbar so
selbstverständlich, daß ihnen die Wahlanalyse auf einen Blick
einleuchtet: "CDU gaaanz schwach / FDP halbiert / Grüne im Keller
/ Schönhuber gescheitert". Was braucht der Wähler mehr zu seiner
Meinungsbildung über Politik?
Dienstag
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Vor allem andern wird jetzt erst einmal Honecker verhaftet, wirk-
lich, auf 2 Bildern und 4 cm hoch weiß auf schwarz: "So holten
sie ihn ab". Warum ist das schon den zweiten Tag so superwichtig?
Gönnt "Bild" dem alten Ex-Staatschef sein "gnadenloses Schicksal"
so sehr? Oder meint die Zeitung, ihre Leser könnten den Untergang
der DDR nur dann begreifen und richtig einordnen, wenn sie ihn
als den persönlichen Untergang eines Mannes bebildert kriegen,
als das Ende einer Verbrecherkarriere? Auf alle Fälle kommt es
auf den Schwindel an, das politische Geschehen wäre eine Sache
von Schuld und Sühne - statt von Interessen und deren Macht -;
und an diesem angeblichen moralischen Welttheater soll der Leser
teilhaben in der eingebildeten Funktion des moralischen Richters
- als wäre das eine Belohnung dafür, daß er in Wirklichkeit bloß
als Arbeiter und Wähler durch die Welt stolpert.
Als moralischer Richter jedenfalls darf der "Bild"-Leser sich im
Kommentar mit Lothar Loewe darüber einig werden, daß Honecker
zwar ein Schwein war, aber immerhin e i n e gute Seite hatte:
Auch er ist ein Deutscher, und "a l s D e u t s c h e r" ver-
dient er ein wenig Milde. "Gnade vor Recht" - der "Bild"-Leser
begnadigt mit.
Denn Hauptsache ist doch, daß der Sozialismus im Gefängnis ver-
schwindet. Dafür plädiert im anderen Kommentar Herbert Kremp.
Statt Sozialismus ist jetzt - nein, nicht einfach "Freiheit" fäl-
lig, das war einmal, sondern der nationale Klartext, den gute
Deutsche sich beim Gerede über "Freiheit" schon immer gedacht ha-
ben: "Einheit". Der Nation.
Daneben noch einmal ganz groß: "Die Uhr läuft ab. Die letzten 6
Wochen des SED-Staates". Der richtige Kandidat sitzt in der To-
deszelle; am 18. März wird hingerichtet. Daß diese Deutung in
Ordnung geht, beweist "Bild" schlicht dadurch, daß sie es so dar-
stellt.
Beim Hinrichten möchte im übrigen, siehe da, mittlerweile die SED
selbst mithelfen: "Na bitte! Auch Gysi für Wiedervereinigung".
Vertrauen darf man dem SED-Chef deswegen aber noch lange nicht.
Das tut zwar sowieso kein "Bild"-Leser; aber genau deswegen
schuldet die Zeitung ihrem Publikum die tägliche Bekräftigung des
gemeinsamen Standpunkts. "Bild"-Leser haben ein Recht darauf,
ihre schlechte Meinung über die DDR und die SED als die sittliche
Pflicht jedes anständigen Menschen vorgeführt zu kriegen. Deswe-
gen verkauft die SED diesmal auf Seite 1 einen höchst dubiosen 2-
Milliarden-Goldschatz. Und auf der "Seite für Deutschland" wird
mit unterbrochenen Telefongesprächen einwandfrei bewiesen: "Stasi
schnüffelt munter weiter" - sehr stümperhaft offenbar, wenn es
sogar "Heimatdichter Hans-Werner Stegemann (40) aus Bartelshagen
bei Rostock" merkt.
Neben dem Stasi macht außerdem eine Kripo-Abteilung für Staats-
schutz weiter: "K 1 - Vorsicht, die neue Spitzel-Truppe!" "Bild"-
Leser müssen sich also in Acht nehmen. Ob sie außerdem wenigstens
wissen, daß auch ihre bundesdeutsche Polizei eine eigene Schnüf-
fel-Abteilung unterhält, die kein Flugblatt unbeobachtet läßt?
Aus ihrer Zeitung jedenfalls erfahren sie nicht einmal - aber das
ist ja auch ganz unwesentlich für die richtige Meinung! -, daß,
was die Beschnüffelung der DDR betrifft, der westdeutsche BND
einsam an der Spitze steht. Aber der schnüffelt selbstverständ-
lich so perfekt, daß es nicht einmal der Modrow merkt, wenn west-
deutsche Spione per Satellit in seiner Leitung hängen.
Was hat daneben noch Platz im Weltbild der "Bild"-Zeitung? "Oh,
Boris!" Über die Autobahn-Raserei des Tennis-Profis braucht der
Leser unbedingt Informationen und die Lageeinschätzung, daß der
Junge zur Zeit auch moralisch nicht so besonders gut drauf ist.
Dabei haben sie in Chicago herausgefunden: "Rasen hält jung" -
was es nicht alles für Überraschungen gibt. Vor allem müssen die
Deutschen aber noch mitkriegen, daß sie "erregt" sind. Nämlich
über die "Bild"-Story vom Vortag: Hat da doch ein Amtsrichter
entschieden, daß Sex keine selbstverständliche Ehepflicht wäre.
Da muß man sich doch fragen: "Sex in der Ehe - Pflicht oder
nicht?" "Bild"-Leser sind eben für alles zuständig. Auch dafür,
ob die anderen Deutschen richtig vögeln.
Mittwoch
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Endlich wieder ein knackiger Weiberhintern auf der Titelseite -
das wurde aber auch Zeit nach den trübseligen Honecker-Fotos vom
Dienstag. Was Honecker betrifft: Der ist frei - aber das beunru-
higt den Leser nicht mehr; er hat ihn ja gestern schon ein biß-
chen begnadigt. Viel wichtiger ist sowieso: "Gorbatschow. Er hat
Ja gesagt". Wozu? Das verrät dem mitdenkenden Leser schon das
Druckbild: "Gorbatschow" in schwarz-rot-gold. Ein bißchen kin-
disch, die Aufmachung. Aber "Bild" will nun einmal, daß ihre Le-
ser sich freuen wie die Kinder über die Erlaubnis, wieder Heile-
heile-Deutschland zu machen. Dann fragt wenigstens erst gar kei-
ner nach Nutzen und Kosten dieses Ja-Worts.
Sorgen macht heute "Diese Niedertracht! Klarner-Witwe ausge-
raubt". Der Leser darf seinen Beruf als mitfühlender Hilfs-She-
riff für unschuldige Opfer keinen Augenblick an den Nagel hängen
- die bösen Verbrecher schrecken nicht einmal dann vor ihrer Un-
tat zurück, wenn alle "Bild"-Leser den Gatten des Opfers vom
Fernsehen her kennen. Und das geht doch wohl endgültig zu weit.
(Warum auch immer.)
Zu weit geht auch das: "Regisseur ließ 2 Pferde erschießen". Für
wenige Sekunden Kino, wie man erfährt. Das baut den Tierfreund so
richtig auf, wenn er lesen muß, daß schlechte Menschen bloß fürs
Vergnügen über Tierleichen gehen! Und außerdem ist er in promi-
nenter Gesellschaft: "Glowna warf sich weinend über das tote
Pferd". Es gibt eben doch noch echte Menschlichkeit!
Die Sache mit Sex und Pflicht geht in eine neue Runde. Mit einem
neuen Fall: Pfleghar und Wencke haben eine "Probe-Ehe ohne
Intimitäten" vereinbart. Wenn's trotzdem zu Intimitäten kommt,
ist "Bild" sicher wieder dabei, damit der "Bild"-Leser seiner
Aufsichtspflicht nachkommen kann.
Noch ein Blick auf die Kommentare. Reginald Rudorf erledigt heute
die Abteilung DDR-Hetze. Nach dem schlichten Muster: Denen drüben
alles zum Vorwurf machen, was bei jedem andern Staat in Ordnung
geht. Nämlich der Waffenhandel: in der BRD ein ehrenwertes Ge-
schäft; da kümmert sich sogar der Bundeswirtschaftsminister um
den Ausbau von Daimler zum Rüstungskonzern der höheren Art. Drü-
ben hingegen ist der Staatsanwalt nicht zur Strafverfolgung von
Waffenhändlern bereit. Daß Gesetze nicht verletzt wurden, kann
für drüben nur eine dumme Ausrede sein. Für Reginald jedenfalls
ist klar, auch wenn er noch ein Fragezeichen dahinter setzt:
"Staatsanwälte oder Stasi-Anwälte?" Im andern Kommentar kriegt
Gorbatschow noch einmal eine Eins für seinen Schwenk in der
Deutschland-Politik. "Bild" bedankt sich, als hätte der Russe ih-
ren Lesern persönlich einen Gefallen getan. Genauso persönlich
dürfen die Leser sich zu Gegenleistungen herausgefordert fühlen -
so als hätten sie über die Verwendung des bundesdeutschen Natio-
nalreichtums zu entscheiden: "Wir haben jeden Grund, Gorbatschow
dankbar zu sein. Wir haben jeden Grund, ihm und seinem Land zu
helfen. Jetzt noch mehr. Jetzt erst recht!" Fragt sich bloß: Wer
ist der "Wir"?
Donnerstag
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Irgendwie muß es wohl doch zwei Seiten geben am einigen deutschen
"Wir"-Volk. Die Schlagzeile von heute: "Macht Gorbatschow zum Eh-
ren-Deutschen!" "Bild" ist sich sicher, daß sie ihren Lesern mit
diesem Antrag aus dem Herzen spricht; deswegen teilt sie das
denen mit. Aber wer sind die Zuständigen? Wer vergibt den Doktor
deutsch ehrenhalber? Und ob das dem Oberrussen überhaupt gefällt,
wo er doch schon genug Nationalitätenprobleme im eigenen Land hat
und gar keinen Grund, so breit zu grinsen wie auf dem Fahn-
dungsbildchen von "Bild" - ?
Bis zur "Freiheits-Wahl" sind es heute "noch 45 Tage", und schon
kriegt unsere Nato-Truppe Verstärkung von drüben: "DDR-Offiziere
bewerben sich bei der Bundeswehr". Die drüben wissen also nicht
nur, wo das siegreiche Geld, sondern auch, wo die stärkeren Waf-
fen zu Hause sind.
Die Fahndungsmeldung des Tages, das täglich Brot für "Bild"-le-
sende Hilfspolizisten, kommt diesmal aus der 'besseren Gesell-
schaft' und wird durch die 4-cm-Buchstaben wichtig gemacht: "Ko-
kain? Polizei bei Modekönig Joop". Die Nachricht selbst ist wie-
der eher langweilig, steht daher auch erst auf der letzten Seite:
Die angezeigten 42 Gramm Rauschgift wurden noch nicht einmal ge-
funden. Der Reiz der Nachricht liegt aber sowieso in der Person,
die der "Bild"-Leser, würdig vertreten durch die Polizei und
seine Reporter, einmal quasi besuchen und ganz indiskret ausfor-
schen darf. Mit dem Polizeirecht im Rücken ein tiefer Einblick in
das Leben der Reichen und Schönen: Wann ist ihm das schon mal
vergönnt? Doch immer nur, wenn "Bild" ihn bei der Hand nimmt und
in die andere Welt des Reichtums einführt und dem ärmsten Hund
staatsanwaltschaftliches Mit-Schnüffeln gestattet. So hat doch
auch ein Mitglied der eher armseligen gesellschaftlichen Klassen
mal was von der Existenz einer gesellschaftlich höherstehenden
Menschengattung...
Die Alltagssorgen der kleinen Leute, die sich keine "sündhaft
teuren" Joop-Kleider und -Parfüms leisten können, kommen aber
auch nicht zu kurz. Gestern haben die Weiber "6 Tips" gekriegt:
"Jede Frau kann sexy sein" - Mauerblümchen sind selber schuld.
Heute an gleicher Stelle das andere Geschlecht: "Was Männer sexy
macht". Nun wissen wenigstens die Frauen, was los ist, wenn Män-
ner ihren Hintern zeigen und sich "versonnen" geben: Sie haben
einen "Bild"-Leser vor sich.
Z.B. Oskar Lafontaine. Der himmelt nämlich auf dem Bild darüber,
als wäre er die Illustration, seine Freundin an. So wird der Wäh-
ler mit seinen regierenden Figuren intim. Intim genug jedenfalls,
um den Schwindel der Demokratie zu schlucken und das Verhältnis
zwischen Regierenden und Regierten ganz überparteilich wie einen
vertraulichen Blick in das Familienalbum der Obrigkeit aufzu-
fassen. Das braucht eine lebendige Demokratie.
Was heute fehlt: Eine zündende Anti-SED-Hetze; bloß hinten die
müde Serie vom "armen Leipzig". Vielleicht darf das tägliche Ver-
dammen aber auch mal Pause machen, wenn's schon so kräftig ans
Zusammenwachsen geht und sogar die Volksarmisten den guten Deut-
schen als ihre wahre Natur heraushängen lassen und die bösen SED-
ler eigentlich bloß noch im FDGB überleben. Und wo "Bild" doch
schon längst menschlich genug ist, DDRler umsonst an ihrem
"Goldregen" teilnehmen zu lassen - diesmal hat's übrigens einen
westdeutschen Rentner getroffen, der sich sonst die Reparatur ei-
nes Wasserschadens gar nicht hätte leisten können. Das spricht
nicht gegen die bundesdeutschen Renten, sondern für das gute
Händchen der "Bild"-Redaktion, wenn sie als Glücksfee unterwegs
ist.
Freitag
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Und wieder beginnt ein schwarz-rot-goldener Jubeltag: Die halbe
Titelseite ist durch Unterstreichungen in die nationalen Vereins-
farben getaucht. Was ist passiert? "Modrow kam von Gorbatschow /
Beschlossen: Deutschland / Hauptstadt Berlin". Deutsche-Ost und
Deutsche-West hören in absehbarer Zeit wieder auf dasselbe Kom-
mando, wie zuletzt unter Hitler - wem es da nicht kalt den Rücken
runterläuft! "Zwei Probleme noch", weiß der dazugehörige Artikel:
"Modrow nannte keinen Zeitplan und geht von einer militärischen
Neutralität der DDR und der BRD auf dem Weg zur Einheit aus." Of-
fenbar zwei letzte Restposten östlichen Widerstrebens gegen die
deutsch-nationale Wiederauferstehung. Aber die werden auch gleich
glattgebügelt.
Erstens von denen, die sowieso das Sagen haben: "Kanzler Kohl:
Dies widerspricht der Logik eines gesamteuropäischen Einigungs-
prozesses! SPD-Fraktionsvize Ehmke zur Neutralität: 'Völlig
falsch'." Eine politische Begründung dafür, warum die Neutralität
des deutschen Militärs verkehrt sein soll, mutet "Bild" ihren Le-
sern nicht zu. Auch keine Erläuterung der Kohl-Logik, wonach der
"gesamteuropäische Einigungsprozeß" offenbar unbedingt eine mili-
tärische Parteinahme - g e g e n w e n eigentlich? - braucht.
Stattdessen soll der "Bild"-Leser lieber aus seinem geschulten
nationalen Empfinden heraus per Anruf für oder gegen eine Wieder-
vereinigung mit Neutralität abstimmen. Daß diese Telefonaktion
sowieso nichts entscheidet, verschweigt "Bild" nicht: "Das wich-
tigste aber ist: Im Ziel Einheit sind Kohl und Modrow endlich ei-
nig - damit ist Deutschland so gut wie beschlossen."
B e s c h l i e ß e n - das ist eben noch allemal das Monopol der
hohen Herren über das deutsche Volk.
Außerdem stellen die Herren Tiedje und Bartels im Kommentar klar:
"Die Frage der Neutralität - wie auch immer sie entschieden wird
- hält die deutsche Einheit nicht auf. Denn das neue Deutschland
ist, so oder so, ein unverrückbares Mitglied der westlichen
Werte- und Wirtschaftsgemeinschaft. Und dieses neue, wiederverei-
nigte Vaterland wird ein neues Kapitel der Weltgeschichte auf-
schlagen: Deutschland als Herzstück des Weltfriedens in der Mitte
Europas." Da ist Kohls "Logik des gesamteuropäischen Einigungs-
prozesses" doch mal auf den Punkt gebracht: Der Streit um die
Neutralität ist deswegen in der Sache ganz uninteressant, weil
das neue Deutschland die Machtverteilung in Europa (mindestens!)
sowieso ganz neu aufmischt. Deutschland will "Herzstück" sein;
und so ein gutes Stück schließt sich nicht irgendeiner Seite oder
Partei an, es ist selbst die Hauptpartei, der die andern sich an-
zuschließen und unterzuordnen haben; die drüben zuerst; und das
Ganze ruhig und friedlich, gefälligst! Deutschland in der Mitte,
lauter Satelliten drumherum: Das ist die einzig zukunftsweisende
Lösung; darüber zieht "Bild" ihre Leser ins Vertrauen und wird
mit ihnen schnell einig. Was die davon haben, ist sowieso kein
Thema.
Jetzt soll man nur nicht gleich gar zu sehr den Modrow mögen.
Gut, daß die Schwester-Zeitung "Welt" einen Blick in die Schnüf-
felakten der bundesdeutschen Geheimdienste tun durfte und den
Verdacht in die Welt gesetzt hat, Modrow hätte Anfang Oktober das
Vorgehen der Polizei in Dresden gebilligt: "Gewalt-Einsatz mit
Modrow abgestimmt?" Womöglich hat der Staatsmann aus Dresden
wirklich einmal getan, was westdeutsche Polizeiminister x-mal ge-
tan haben, nämlich Polizisten zum Demonstranten-Verdreschen
abkommandiert - wie die Dinge einmal liegen, würde ihn das schon
unmöglich machen.
Viel wichtiger ist aber daneben auf der "Seite für Deutschland"
die Information: "Honecker lernt beten". Auf seine alten Tage
merkt dieser alte Sünder also auch, was "Bild"-Leser schon lange
wissen, nämlich wo die Glocken hängen, und daß zu einem anständi-
gen Menschen eine unverwüstliche Knechtsgesinnung gehört:
"Erbarme dich, o Gott!"
Auch heute ist nicht bloß Deutschland passiert. Außerdem sind im
Januar für 224,4 Milliarden DM Aktien gehandelt worden - das
freut doch den "Bild"-Leser, der Tag für Tag mit seinem Schicht-
dienst dafür sorgt, daß die Aktien auch so viel wert sind. Dane-
ben posiert eine nackte Luxus-Schwarze, "der Wahnsinn aus Ja-
maika" - auf der letzten Seite darf man über ihre Allüren den
Kopf schütteln und sich merken, daß man mit so einer auch nicht
glücklich würde. Außerdem ist endlich heraus, "warum Menschen er-
röten" - das haben die Menschen mit ihrem roten Kopf nämlich bis
heute noch nicht gemerkt, daß sie sich schämen oder vor Wut so
rosig anlaufen. Gottseidank gibt's in den USA noch Psychologen,
die diese Menschheitsfrage ergründen, und auf der "Bild"-Titel-
seite ein Plätzchen für das wissenschaftliche Ergebnis.
Samstag
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Gut 10.000 "Bild"-Leser haben ihre Pflicht getan, angerufen - bei
"Bild" heißt das: "Deutsche stimmten ab" - und die Preisfrage der
Woche beantwortet: "Vereint und neutral - geht das?" Es geht, na-
türlich. Eine Mehrheit findet nichts dabei. Warum auch. "Bild"
hat doch schon klargestellt, daß Deutschland sowieso zuerst kommt
und sowieso mit den stärksten Waffen und Wirtschaftsmächten ge-
meinsame Sache macht. Und außerdem hängt von der Abstimmerei so-
wieso nichts ab - "Bild" möchte sie als kleine Dienstleistung für
die wirklichen Machthaber verstanden haben: "Vielleicht ist diese
Zahl den Politikern ja hilfreich." Ebenso wie die, die "Bild" für
Montag erfragen möchte. Da steht nämlich ein telefonisches Ja
oder Nein zu der Frage an: "Wären Sie für ein Notopfer, würden
Sie mehr Steuern zahlen, um unseren Landsleuten drüben zu hel-
fen?" Wie ist das eigentlich: Brauchen "Bild"-Leser bloß die
Steuern zu zahlen, deren Verwendungszweck sie vorher eingesehen
und per TED gebilligt haben?
Voll und ganz zuständig sind "Bild" und ihre Leser jedenfalls in
der Frage, auf wen sich ab sofort das schwarz-rot-goldene "Wir"
erstreckt. Und da stehen "wir" jetzt einigermaßen fassungslos vor
dem Ergebnis der Auslosung zur Fußball-Europameisterschaft '92:
"Wir gegen uns - So ein Quatsch!" S o "wächst" die Nation zu-
sammen: Die Machthaber sortieren ihren Machtbereich neu, und das
Volk macht den Fan-Club.
Das Rechtsgefühl des "Bild"-Lesers wird heute mit einer Empörung
bedient: "Viele empört: Rust frei!" Dabei hat "Bild" ihren ein-
stigen Helden, den "tollkühnen Kremlflieger", doch eindeutig
fallenlassen, hat ihn nach einem Mordversuch in U-Haft geschickt,
und jetzt reichen 100.000 DM Kaution, um ihn rauszulassen. Das
empört "Bild" so, daß sie ihren Kommentar ganz unbefangen den
"vielen" in den Mund legt, die durch sie erst von diesem Großer-
eignis erfahren. Was geht die "vielen" dieser Fall überhaupt an?
Und was sagt dem Leser das Bild des frisch entlassenen Knaben mit
seinen zwei Plastiksäcken? Offenbar verstehen sich "Bild"-Zeitung
und Leser auch hier mal wieder ohne viel Worte: Ein Beispiel mehr
für die Botschaft, daß unser prächtiger Rechtsstaat allenfalls
den einen Fehler hat: er sperrt Leute, die das "Wir" aller
"Bild"-Leser nicht leiden kann, nicht hart genug ein.
So bleibt zum Wochenende nur noch eine Frage offen: Worin liegt
der Unterhaltungswert eines S-Bahn-Unglücks mit 17 Leichen und 72
Verletzten? "S-Bahn rammt S-Bahn" - ist das so etwas Ähnliches
wie der "Quatsch" "Wir gegen uns" auf derselben Seite? Und was
ist so mitteilenswert an der Mitteilung, die "Szenen" am Rüssels-
heimer Bahnhof wären "grauenhaft" gewesen? Der "Tod am Feier-
abend" kriegt jedenfalls zwei dicke Schlagzeilen; und das allein
ist ja auch schon eine Botschaft. Wenn man sie entziffern mag,
lautet sie ungefähr so:
Was wichtig ist und was unwichtig am Weltgeschehen, das entschei-
det die "Bild"-Zeitung; und sie entscheidet das vor allem danach,
wie sehr es irgendwo knallt - buchstäblich und im übertragenen
Sinn. Wenn die Welt aussieht wie eine unüberschaubare Kette von
teils gerechten, teils unbegreiflichen Schicksalsschlägen und
Glücksfällen - am gleichen Tag hat der "Goldregen" wieder einem
bedürftigen 2-Personen-Haushalt 10.000 Mark beschert -, dann ist
das beabsichtigte Weltbild in großen Zügen fertig. Und der
"Bild"-Leser hat den Platz eingenommen, den er überhaupt ein-
nehmen soll in unserer demokratischen Öffentlichkeit: Er ist im-
mer in der ersten Reihe mit dabei - mit einer Neugier, der nie
ein neuer Gedanke zugemutet wird, die nur immer neuen Stoff für
das immer gleiche Weltbild vorgesetzt kriegt; mit ein paar mora-
lischen Gefühlsaufwallungen, die die Zeitung gebrauchsfertig
vorformuliert. So ist dafür gesorgt, daß der "Bild"-Leser sich
für alles und jedes interessieren läßt - nämlich so: N i c h t s
soll er als eine Angelegenheit begreifen, in die er sich mit sei-
nen eigenen wirklichen Interessen einmischen könnte; stattdessen
soll er a l l e s als ein Weltgeschehen ansehen, das viel hö-
here Instanzen als er selbst bestimmen und zu betreuen haben, und
d e n e n soll er dazu Tag für Tag viel Glück und gutes Gelingen
wünschen. So ist dann am Ende sogar an einem blutigen S-Bahn-Un-
glück das Schönste der Zufall, daß in einem heil gebliebenen Wa-
gen ein leibhaftiger Staatsanwalt saß, der gleich begeistert das
Ermitteln angefangen hat...
Fazit
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Wir brechen hier unseren Kommentar zum "Bild"-Zeitungs-Geschehen
der vorigen Woche ab. Und möchten nur noch Eins zu bedenken ge-
ben: Dummheit zahlt sich ausschließlich für die Leute aus, für
deren Interessen die Welt der Marktwirtschaft und der demokrati-
schen Herrschaft sowieso passend eingerichtet ist.
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