Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN BILD - Nationale Herzensbildung


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       "Bild" über die richtige Dosis an Bevölkerung
       

ZUM LEBEN ZUVIEL, BEIM STERBEN ZU WENIG?

"Wir sind zu viele - was soll werden? Von CLAUS JACOBI Das natürliche Gleichgewicht von Leben und Tod existiert nicht mehr. Jeden Tag werden etwa doppelt so viele Menschen geboren wie sterben. Die Folge: Bevölkerungsexplosion. Anfang des Jahr- hunderts gab es nicht einmal zwei Milliarden auf Erden. Heute sind es 5,3 Milliarden. Und jedes Jahr kommen 90 Millionen dazu - so viele wie nie zuvor. Zu viele Menschen aber trägt und erträgt dieser Stern nicht. Sie schaffen Armut, Hunger und Gewalt; sie zerstören Umwelt und Klima; sie haben auf Dauer nicht genug Raum und Rohstoffe; sie vernichten irgendwann sich selbst. Zu viele Menschen bedeuten den Untergang des Schiffes, auf dem sie durch All und Zeit segeln. Nur zwei Wege führen zum Ziel, die verlorene Balance von Leben und Tod wiederzufinden: Entweder müssen weniger Menschen geboren werden oder mehr müssen sterben. Noch scheinen wir die Wahl zu haben." (Bild, 15.5.) Diese harte Polemik gegen das geborene Leben wirft allerdings mehr Fragen auf, als sich der Kommentator ganz unumwunden zu be- antworten traut. Ist es denn glaubhaft, daß ausgerechnet die Zu- vielgeborenen Hunger, Elend und Gewalt s c h a f f e n? Wie sollen die ausgemergelten Elendsgestalten oder die überschüssigen Säuglinge es schaffen, Verhältnisse zu produzieren, in denen ne- ben dem größten Luxus an Unterernährung verreckt wird? Und sind es denn wirklich ausgerechnet zuviele Kinder, die die Gewaltappa- rate der Staaten auf der Erde notwendig gemacht haben? Oder ist es nicht vielmehr so, daß auf der ganzen Welt, auch in ihrer Ab- teilung "Dritte Welt", niemand deswegen verhungert, weil z u w e n i g Nahrungsmittel vorhanden sind, aber viele ausschließ- lich aus dem Grunde verhungern, weil sie kein Geld haben, um sich was zum Beißen zu k a u f e n! Der "Bild"-Schreiber behauptet hingegen, ganz ungerührt durch Butter-, Rindfleisch- und Getreideberge der EG, daß auf der Welt so viele und noch mehr Menschen nicht ernährt werden "k ö n n e n". Hat "Bild" ausrechnen lassen, wieviel man dafür bräuchte, und nachgewiesen, daß der tagtäglich produzierte Reich- tum n i c h t r e i c h t, um die Menschheit satt zu bekommen? Natürlich nicht. Für demokratische Journalisten ist selbstver- ständlich das eherne Gesetz der M a r k t w i r t s c h a f t ein Dogma, demzufolge einer nur dann was zum Leben verdient, wenn er sich vorher das nötige Geld verdient hat. Deshalb kommt ein Verfüttern des Profits an Leute, die fürs Geschäft nicht ge- braucht werden, im Reich der Freiheit nicht in Frage. Ein paar Milliarden Menschen auf dem Globus, deren Anwendung als Arbeits- kräfte sich bislang für keinen Unternehmer lohnt, sind so schon mal unten durch. In der "Dritten Welt" sind das die Hungertodes- kandidaten, in unseren zivilisierten Breiten die Sozialfälle, die beim Aldi die "Wohlstands-" und "Überflußgesellschaft" studieren dürfen. Die "Bildzeitung" kümmert sich auch einen Dreck darum, daß mit Hunger und Elend und durch viel Gewalt eine Einrichtung namens Kapitalismus blüht und gedeiht, die sich weder über zu wenig R a u m noch über eine Knappheit an R o h s t o f f e n zu be- klagen hat. Ganz im Gegenteil: Die Herrschaften der größten Hun- gerländer können gar nicht genug Menschen in Gestalt von Ge- schäftsleuten ins Land kriegen, und die Rohstoffpreise "verfal- len" seit Jahrzehnten in Folge eines Überangebots. Es gibt also weder z u v i e l e Menschen, noch z u w e n i g Ressour- cen. Was es gibt, ist ein weltweites kapitalistisches Geschäfts- leben, das zahlreiche Menschen überflüssig m a c h t und das für seinen Lebensunterhalt über alles das verfügt, was Menschen so zum Leben brauchen. Der "Bild"-Kommentator behauptet am Schluß, "wir" hätten die W a h l, ob zu viele geboren oder zu wenige sterben würden. Wer ist das "wir"? Entscheiden die "Bild"-Redaktion und ihre Leser darüber, ob in Indien wieder mal eine Hungersnot fällig ist? Die famose Einrichtung namens Markt- und Weltwirtschaft hat längst e n t s c h i e d e n, daß Geld i n v e s t i e r t gehört, daß "der Hunger auf der Welt" mit S p e n d e n betreut wird, und daß ansonsten diejenigen, die zu früh sterben, zu Recht kre- piert sind, weil sie zur Ü b e r bevölkerung gerechnet werden. Davon gehen Menschenfreunde wie "Bild"-Redakteure heutzutage aus, und sie denken weiter. Für sie sind die Menschen, die auf dem Wege der "Bevölkerungsexplosion" zur Welt kommen, so etwas wie Schädlinge an "unserem Planeten". Man s o l l t e sie gar nicht zum Leben zulassen und schon gar nicht am Abtreten hindern; im Gegenteil. Denn jeder, der den Löffel vorzeitig abgibt, verbes- sert das "Klima" und säubert die "Umwelt". Dieser Logik zufolge ist jeder Hungertote in der "Dritten Welt" die beste "Entwicklungshilfe" für das "Schiff, auf dem wir durch All und Zeit segeln". Und demnächst werden die Allzeitsegler von der "Bildzeitung" wie- der einmal entdecken, daß "wir" immer noch z u w e n i g sind: nämlich a l s D e u t s c h e, die bekanntlich "nicht ausster- ben" dürfen. Der "Stern" jubelt schon: "Baby-Boom in Deutschland - Neue Lust aufs Kind"! "Wir" sind nämlich nie "zu viele" - als Arbeitskraft für deutsches Kapital und als Bevölkerungsmaterial für die demnächst großdeutsche Staatsgewalt. Aber ein paar Bimbos weniger fürs "Klima" und die "Umwelt", das hält der Massa von "Bild" für das "natürliche Gleichgewicht" auf der Freien Welt. zurück