Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN BILD - Nationale Herzensbildung
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NATIONALE HERZENSBILDUNG
"Bild lügt!" und "Bild manipuliert die Massen" war und ist die
feste Überzeugung aufgeklärter Menschen mit höherer Schulbildung,
die das Massenblatt verabscheuen. Ein Urteil über den Inhalt die-
ser Zeitung war dieser Vorwurf nie.
Geistige Freiheit kann sich jeder Mensch leisten
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Wäre die Ablehnung der "Bild"-Zeitung jemals ein Urteil und nicht
bloß eine Geschmacksfrage gewesen, die Kritiker hätten an Schlag-
zeilen folgenden Kalibers glatt verzweifeln müssen:
"Deutschlands lautester Schnarcher - 660 Meter"
"Eifersüchtiger erschießt Baby im Mutterleib"
"Todkranker bekam Herz eines Irren"
Mit "Lüge" und "Manipulation" ist diesen Botschaften nicht beizu-
kommen, an praktischen und theoretischen Konsequenzen, zu denen
das Volk verführt werden soll, ist weit und breit nichts zu se-
hen. Dumm sind sie nur in einer Hinsicht: Sie verbieten ein Ur-
teil und fordern stattdessen Interesse und Anteilnahme; das stört
Intellektuelle bei der Lektüre ihrer Zeitungen auch nicht. Anson-
sten fordert ihre Erfindung wie ihr Nachvollzug schon einigen me-
thodischen Umgang mit dem eigenen Verstand, der nicht von Pappe
ist und gekonnt sein will. Die Sensationslust, die das Revolver-
blatt mit solchen Schlagzeilen bedienen soll, hält sich ja auch
schwer in Grenzen. Daß es in Deutschland Schnarcher gibt, wird
kaum jemanden vom Hocker reißen, genauso wenig wie die Enthül-
lung, daß Mord und Totschlag zum Alltag des staatlich geregelten
Lebens gehören.
Was da an beliebigen Vorfällen unter dem Tenor: "Sachen gibt's,
die gibt's gar nicht!" herangekarrt oder erfunden wird, ist umge-
kehrt das für 40 Pfennig erkaufte Angebot, sich in aller Freiheit
und Willkür eine Meinung, auf die es garantiert nicht ankommt, zu
bilden. "Bild" verläßt sich da auf den gesunden Volksverstand und
dessen Kriterien von arm und reich, oben und unten, krank und ge-
sund, anständig und ungehörig, normal und unmoral, mit denen sich
theoretische Zufriedenheit mit einer Welt einstellt, die zu prak-
tischer wenig Anlaß gibt. Daß sich aufgepaßt gehört, wer was darf
und vor allem, wer sich was herausnimmt, daß Reichtum nicht
glücklich macht und daß man nicht alles haben kann, was man will,
das ist die feste Grundlage der "Bild"mäßigen Betreuung derer,
denen eine Meinung zusteht, weil sie sonst nichts zu sagen haben.
Freilich käme ohne die "Bild" niemand auf die Idee, sich noch
nachträglich um den Tod der Romy Schneider zu kümmern. So aber
leuchtet's nachträglich jedem ein: "Unsere" Romy treibt sich jah-
relang im französischen Ausland rum - da muß doch etwas faul
sein. Der eigene Alltag scheint für den Befund, daß manches nicht
stimmt auf der Welt und alles möglich ist, nicht genug herzuge-
ben.
Was "Bild" täglich ihren Lesern vorsetzt, erfüllt freilich das
Kriterium eines Denksporträtsels für moralisches Bewußtsein. Ein-
fach schwarz-weiß geht es da nicht zu; und die Nuß zu knacken
wird dem Leser überlassen - ganz nach dem Motto: "Wie hätten Sie
entschieden?". "Bild" kennt Verbrecher, vor allem mit ehrenvollen
Absichten, und die ergreifenden Motive, wie jemand auf die
schiefe Bahn gerät, werden als Hintergrund geliefert - nur aufge-
paßt: "Verbrechen lohnt nicht" bleibt schon noch gültig. Lockere
Mädchen "mit verführerischen Reizen" - die nebenstehende Abbil-
dung zeigt einen ziemlichen Krapfen - werden in ihrer prickelnden
Umgebung vorgeführt, aber sie alle träumen doch nur vom eigenen
Heim und Familie. Verständnis für alles zu haben, bei allem auf
Rechte und Pflichten zu achten, von der Liebe bis zum Wetter
("Jetzt muß der Frühling kommen! "), die beide so ziemlich das-
selbe sind, das schafft die freiheitliche Willkür der Meinung,
über die sich streiten läßt. War "Todkranker bekam Herz eines Ir-
ren" nun ein Skandal oder eine rührende Hilfeleistung noch aus
dem Grab heraus? Egal wie die Antwort ausfällt, es ist jedesmal
die Bestätigung der Maßstäbe, von denen diese Willkür des Denkens
und Meinens lebt: der Erfolg, auch wenn ihn andere haben; der
saubere Anstand, auch wenn er nichts einbringt; und die staatli-
chen Gebote, die dem bunten Treiben der Menschen Halt und Stütze
geben. Die Ansammlung von lauter Parabeln Für ein Sich-Fügen, das
sich das Denken nicht verbieten läßt, erfüllt in der Bundesrepu-
blik den Tatbestand der Unterhaltung.
Der Mensch in seiner Heimat
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Mit diesem Rüstzeug ausgestattet, kennt "Bild" nur Menschen in
allen Etagen der Gesellschaft. Dabei handelt es sich nicht um das
blutleere Wesen "der Mensch" oder gar "die Menschheit", die nach
durchgesetzter wissenschaftlicher Kenntnis für alles verantwort-
lich sind, sondern um "gute Menschen", die allen Grund und alle
Mühe haben, ihren Anstand zu bewahren, da ihnen ihr Leben lauter
Gelegenheiten bietet, sich in den Tugenden des Aushaltens zu be-
währen. Diesen dauernden Rat zur guten Tat ist "Bild" ihren Le-
sern schuldig. Armut, Not und Beschränktheit jeder Art derer, die
sich nicht bloß die Pfennige einteilen müssen, weil sie das Mate-
rial staatlicher Ansprüche und geschäftlicher Benutzung sind,
wird von "Bild" nicht verschwiegen, sondern lebensvoll ausgemalt.
Von den Segnungen des Kapitals und der Demokratie für die Massen,
die da verhandelt werden, ist aber so nicht die Rede, vielmehr
von einer Welt, die jedem Schwierigkeiten und Chancen gewährt,
sich im menschlichen Miteinander zu erproben.
Die Gelegenheiten zum Mitmachen hat jeder, nur taugt nicht alles
gleichermaßen, um es als selbstverantwortete Leistung auf den
geistigen Prüfstand zu stellen. Die Freiheit moralischer Ent-
scheidung läßt sich an dem, was das Schicksal der Leute ausmacht,
angefangen vom geregelten Alltag in der Fabrik, eben schlechter
bebildern. In den Tricks, "wo ist meine Mark noch was wert" und
"wie bekomme ich mein Recht", und vor allem in den freudvollen
Ansprüchen der Familie bekommt die Trostlosigkeit des geregelten
Alltags der Untertanen die Würde der Lebenstüchtigkeit, von der
nur zu prüfen bleibt, ob sie vielleicht nicht zu tüchtig war und
dabei einige Regeln verletzt hat.
Das Schöne ist, daß der von der "Bild" Zeitung unterstützte
Wille, zurechtzukommen, sich da so recht in den Genuß der freien
Willkür einer anständigen Meinung setzen kann, wo es auf nichts
ankommt. Die Alte zuhause macht für sich das Leben gewiß nicht
zur Hölle, da braucht es schon eine Institution Ehe. Für die täg-
lichen Reibereien sorgen dann auch ganz andere Sachen als das
bißchen Zuneigung, das weiß "Bild" ganz genau, wenn sie täglich
in deutschen Schlafzimmern nachguckt.
So fühlt eine ganze Nation einen Tag mit dem lautesten Schnarcher
im Land mit. Einerseits kann er wirklich nichts dafür, daß alle
Nachbarn vor dieser Geräuschquelle fliehen, und das ist wissen-
schaftlich erwiesen:
"Laute Schnarcher schaffen 90 Phon, so laut ist ein LKW"
(Professor aus Frankfurt).
Andererseits:
"Die geplagte Frau Gisela schläft seit zwei Jahren auf der Couch
im Wohnzimmer. Seitdem ist die Liebe eingeschlafen: 'Ich kann
nicht mehr!'".
Da fragt sich doch, ob nicht jemand was falsch gemacht hat, auch
wenn der Schluß fehlt: "Ehe kaputt. Scheidung eingereicht".
Täglich beliefert "Bild" ihre Leser mit deren eigener Unzufrie-
denheit, liefert ihnen sogar noch Belege, auf die kein normaler
Mensch im Traum käme, um ihnen die Tugend der Selbstkontrolle
vorzumachen, und vermittelt das als gewieftes Kennertum: "So
geht's zu in der Welt." Trost bei diesem trostlosen Geschäft ist
billig zu haben. Schöne Beispiele für Mut und Optimismus stehen
an jeder Straßenecke.
Penner "Josef Rosmark (45), seit fünf Jahren ohne Wohnung und
Job: 'In Deutschland braucht doch keiner zu frieren oder
Kohldampf zu schieben'." Und: "Ich habe mit dem ganzen materiel-
len Kram abgeschlossen. "
Kunststück, wo ihm nichts anderes übrig bleibt, was die "Bild am
Sonntag" auch keineswegs verschweigt. Zwischen den Grünen mit ih-
rer gefährlichen Ausstiegsmentalität - gefährlich, weil sie es
nicht einmal ernst meinen - und einem braven Penner muß schon
noch unterschieden werden.
Dank Michael Graeter wird auch die Welt derer, bei denen es ganz
anders zugeht, täglich zur kundigen Begutachtung vorgestellt.
Siehe da: auch die haben ihre liebenswerten Marotten, schlagen
sich mit Scheidungsabsichten herum und machen manches falsch -
genau so wie wir alle. Dennoch: die Benützung der Telefonnummer
089/282828, um Graeter zum wöchentlichen Stammtisch einzuladen,
unterbleibt: "Bild"-Leser wissen, was sich gehört.
Kaum glaublich, aber wahr: "unsere" Politiker haben Heim und Fa-
milie. Daß ihre Gören sie zu selten zu Gesicht kriegen und daß
sich Politiker den Traum vom Kochen und Abwasch fast nie erfüllen
können - einem Genscher müssen solche Versäumnisse als Tugend an-
gerechnet werden.
Liebe z.B. kann sich jeder in jeder Lebenslage leisten. Die mate-
rielle Ausstattung dafür geht keinem ab, auch wenn nicht jeder
über einen von "Bild " vorgezeigten Busen verfügt. Die Volksbun-
nies machen dann vor, wofür die Reize gut sind: entweder "hat
sich schon ein Filmregisseur" für die Ziege "interessiert" - das
ist freilich weniger verallgemeinerbar -, oder sie "hat schon den
Richtigen gefunden". Zum Lebensglück wird das bißchen Spaß an der
Freud eben nur in der Ehe. "Liebe ist...", wenn das Schnuckelchen
seinem Dolfi alle Wünsche von den Augen abliest, weniger deswe-
gen, weil nur solche Idioten durch die Gegend laufen, sondern
mehr deswegen, weil sie mit dem staatlichen Trauschein ein Recht
darauf haben. Dieses Recht bekommt an quengelnden Kindern, Haus-
haltsgeld und an den vergänglichen Reizen der Angebeteten seine
Bewährungsproben geliefert. "Bild" ist zur Stelle, um täglich neu
die Beweise abzuliefern, daß auch im häuslichen Leben nur die Tu-
gend des Aushaltens gilt und gefragt ist.
Für die Rettung des Ehelebens ist die "Jungfrauenwelle", die BamS
seit einigen Wochen entdeckt hat, eine ebenso gute Therapie wie
das Fremdgehen.
"Sie sind schick. Sie sind ganz schön clever. Und sie sind
keusch: die neue Generation junger Frauen, die noch unberührt
sind."
Clever, wie diese entdeckten oder erfundenen Moralnudeln sich auf
den "Verzicht" stürzen, um hinterher mit geballter Ladung zuzu-
schlagen: "Ich hebe mich für meine große Liebe auf!" So prima und
erstaunlich man das finden soll, glauben braucht es keiner, dafür
steht "Bild" ein, die diese Geschichte erfunden hat: "Ganz so
schrecklich scheint das alles doch nicht zu sein".
Im übrigen fährt man nämlich auf dem Betätigungsfeld, auf dem be-
kanntermaßen die reichsten "menschlichen Erfahrungen" gemacht
werden, auch mit Normalität nicht schlecht.
"Verheiratete Männer sind die besten Liebhaber"
meint "Bild", um es von seinen Leserinnen untermauern zu lassen.
Und kundig wird jedes Vorurteil, mit dem man sich im häuslichen
Schlafzimmer einrichtet, bedient. Der Nützlichkeitsanspruch, mit
dem sich zwei, "die sich gefunden haben", mangels anderer Gele-
genheiten drangsalieren, macht jede Zuneigung kaputt. Da muß es
ja Liebe sein, wenn nach dem Schäferstündchen nicht gleich der
Kochtopf wartet.
"Wenn wir miteinander schlafen, tut er es nur aus Liebe - er gibt
mir das Beste."
"Er macht mir wertvolle Geschenke, verlangt nicht, daß ich für
ihn koche und putze.".
"Um seine Probleme brauche ich mich nicht zu kümmern."
Andererseits macht nur die langjährige Praxis im heimischen Ehe-
bett aus Männern gewiefte Liebhaber:
"Verheiratete Männer fragen immer besorgt, ob ich auch zum Höhe-
punkt gekommen bin. Junggesellen lieben schneller, und was ich
davon habe, ist ihnen egal."
Sehr verständlich, daß da manchmal Sicherungen durchbrennen und
grundanständige Menschen sich in der Wahl ihrer Mittel vertun.
"Eifersüchtiger erschießt Baby im Mutterleib!
'Ich wollte nicht, daß sie von einem anderen ein Kind bekommt!'
Das Geständnis eines eifersüchtigen Schreiners (23), der am Wo-
chenende das Baby im Leib seiner Ex-Freundin Gaby (19) mit einer
Schrotflinte erschossen hat. Das Baby war von Gabis neuem
Freund."
In Ordnung geht, daß Liebe ein Rechtsfall ist. Nur dann verhilft
die atemberaubende Logik zum Verständnis des Täters: Weil er da-
mit einverstanden war, das eigene Kind abzutreiben, fühlte er
sich berechtigt, von seiner Freundin beim fremden Kind dasselbe
zu verlangen. Noch dazu, wo die "trotzdem weiter mit Steven zu-
sammen wohnte".
Glücklicherweise muß der "Bild"-Leser den vertrackten Fall des
Mörders aus Liebe "als Polizei und Notarzt kamen, kniete Steven
neben Gabi" - nicht selbst lösen: "verhaftet" und "Staatsanwalt
eingeschaltet" heißt die Lösung. Wo andererseits das Opfer mehr
für die Verfeinerung des gesunden Rechtsgefühls hergeben soll,
sieht der Täter schlecht aus.
Unsere Politiker - Spitze!
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Die Heimat dieses geistig bewältigten Mitmenschelns und Mitma-
chens ist die BRD, aber nicht wie sie sich in den staatlichen Ge-
und Verboten ihren Untertanen gegenüber geltend macht, sondern
als freudiges WIR. Damit all das gelingt, worauf brave Nationali-
sten einen Anspruch haben - bis hin zum letzten Länderspiel
"unserer Jungs" -, steht der Kohl ein. An seiner Tatkraft gibt es
keinen Zweifel, vielleicht muß er sogar dem Neuberger die rote
Karte zeigen und "unsere" Nationalmannschaft ohne das Deutsch-
landlied auf den grünen Rasen schicken!
Aus der Tatsache, daß die Harmonie, für deren Erfolge "uns" an-
dere Völker rundum bewundern, auf einem sehr grundsätzlichen Ge-
gensatz beruht, macht die "Bild"-Zeitung zuletzt ein Geheimnis.
Ohne das wäre sie ja auch keine Leistung, auf die Politiker und
die durch "Bild" vertretenen Bürger wie ein Luchs aufpassen müß-
ten. Aber erst einmal gilt grundsätzlich: Die Millionen guter
Deutscher versuchen anständig mit ihrer Scheiße fertig zu werden,
und "unsere" Politiker verschaffen ihnen die nötigen Gelegenhei-
ten und passen auf, daß nichts falsch läuft.
Was der "Bild"-Leser vom Wirken bundesdeutscher Politik im Aus-
land wissen muß, "Bild" ist zur Stelle: "Kohl zufrieden" mit
sich, und "wir" damit, einen solchen Mann zu haben, der "sagt,
wo's lang geht". Für die verbesserte Inneneinrichtung der Repu-
blik haben er wie andere laufend zündende Vorschläge parat.
"Lambsdorff bittet Raucher, Säufer, Fresser zur Kasse. Wird
Kranksein bald für jeden von uns teurer? Ex-Wirtschaftsminister
Graf Lambsdorff (FDP) fordert... mehr Eigenbeteiligung der Pati-
enten an den Krankheits-Kosten... Wenn wir die Kostenexplosion im
Gesundheitswesen nicht umgehend wirksam bekämpfen, steigen die
Krankenkassenbeiträge auf breiter Front weiter an."
Vergißt man erst einmal, daß Krankenkassenbeiträge von Staats we-
gen erhöht werden und dieser gleichzeitig die einkassierten Be-
träge für zu schade Für die Reparatur der Volksgesundheit befin-
det, dann ist der Weg frei für die Einsicht: "Wir zahlen weniger
drauf, wenn wir mehr zahlen"; und dann hat der Lambsdorff eine
Lanze für die gesunde Volkserfahrung gebrochen:
"Die Erfahrung zeigt, daß viele Menschen erst sparsam sind, wenn
es an den eigenen Geldbeutet geht."
Vergißt man dann noch, daß hier keine Vorschläge ans Volk gemacht
werden, dann kann sich das angesprochene Volk bei "Bild" vor und
nach jeder politischen Entscheidung zu Wort melden und seine Mei-
nung sagen. Die fällt dann je nach Geschmack aus, von "für mich
bringt's nichts" bis zu "find ich Spitze" - nur gut, daß dann ei-
ner letztlich entscheidet.
Jetzt haben wir auch noch richtig gewählt und "das rot-grüne
Chaos verhindert". Das macht den Kohl richtig zufrieden, und da
können die "Miesmacher" einfach nicht recht haben, die den Deut-
schen eine Unzufriedenheit anhängen wollen.
"Kanzler Kohl: Die Wahlergebnisse in Berlin und Frankfurt zeigen,
daß die Bürger mit der Regierungspolitik nicht so unzufrieden
sind, wie man das oft hört."
Ein bloßes Propaganda-Organ der CDU/CSU ist "Bild" deswegen noch
lange nicht. Sie findet deutsche Politiker viel grundsätzlicher
gut. Kaum ist der dubiose Lafontaine im Saarland am Ruder, schon
kann "Bild" auch den gut leiden: ein Mensch wie im Bilderbuch und
"voll da". Die von oben angesagten Probleme "unseres" Staates,
"unserer" Renten und "unseres" Wirtschaftsexports reicht die
"Bild"-Zeitung aus Volkes Mund fragend an die Politiker weiter.
Die dürfen dann ihre "Kompetenz beweisen" und zeigen, daß sie
"die Sache im Griff haben".
Z.B. die Umwelt. Wenn Buschhaus läuft. "Wälder sterben, Kraniche
zieh'n", sagt ein Förster und Buntspecht-Liebhaber in der "Bild".
Kommt da nicht die Einsicht unserer Politiker zu spät:
"Niedersachsens Ministerpräsident Dr. Ernst Albrecht hat verspro-
chen, daß Buschhaus 1993 nur noch 9000 Tonnen Gift ausstoßen
soll. Für den Elm ist dann wohl alles zu spät."
Glücklicherweise steht Albrecht der "Bild" gleich zur Diskussion,
gibt dem Problem die richtige Dimension und zeigt damit, daß er
die Kraniche im Griff hat.
"Wegen Buschhaus wird kein Kranich fortziehen. Unser großes Pro-
blem bleiben die Schadstoffe aus der 'DDR'."
Diesem Mann muß geholfen werden, auch wenn da manchmal harte
Worte fallen:
"Umwelt-Bewußtsein fängt eben vor unserer eigenen Haustür an. Da
ziehen die Menschen in den Wald (weil man ja nicht weiß, wie
lange er noch so gesund dasteht) - und lassen Plastiktüten,
Blechdosen liegen, laden gar ihren Müll ab... Das ist, mit Ver-
laub, eine Schweinerei. Und wer solches anrichtet, ist eben ein
solches."
Das hätte kein Grüner schöner sagen können! Unsere aufopferungs-
wütigen Politiker haben an deutschen Unternehmem eine echte
Hilfe. Ob "BMW 2500 Arbeitsplätze schafft" oder "Arbed entlassen
muß", stets kümmern die sich um die nahrhaften Arbeitsplätze. Und
dafür haben sie tolle Einfälle. Da darf man in Hannover für un-
tertarifliche Bezahlung rund um die Uhr acht Tage lang arbeiten:
"Prima! 350 Arbeitslose zu Polygram"
Wie toll das ist, mag zwar nicht jedem einleuchten, aber in
"Bild" kann er nachlesen, daß er damit hinter dem Mond ist:
"Was würden Sie sagen, wenn Ihr Chef die Stechuhr einführt? Wenn
Sie Samstag und Sonntag arbeiten müßten? Kommt nicht in die Tüte,
würden die meisten sagen. Aber genau mit diesen Methoden holt ein
Unternehmen Arbeitslose von der Straße, wurde vor der Pleite ge-
rettet. Hat Arbeitsminister Blüm also recht, wenn er Mut zu unpo-
pulären Maßnahmen verlangt?"
Noch eine Frage?
Kleinere Mißhelligkeiten, die sich da ab und an zwischen Politi-
kern, Behörden und Unternehmern abspielen, kommen zwar vor,
bräuchten jedoch nicht zu sein.
Das politische Rangeln um den Katalysator bedroht die Ar-
beitsplätze in "unserer" Autoindustrie. Und überhaupt, Herr Kohl,
vielleicht doch zu zögerlich?
"Bundeskanzler Kohl will das Thema Arbeitslosigkeit künftig
'stärker besetzen'. Aber was heißt das? Mit Optimismus allein
kriegt er keine neuen Arbeitsplätze... Nicht nur von der Sahne
reden - endlich schlagen!"
Und da kommt auch der Volksneid auf seine Kosten: Da gibt es doch
tatsächlich Politiker, die keine gute deutsche Politik machen,
sondern mit unseren Steuergeldern nach Las Vegas jetten. Und hät-
ten Sie's gewußt?:
"Las Vegas hat überhaupt keine Industrie, über die sich die rei-
selustigen Fünf informieren könnten."
Aber aufgepaßt: Jetzt nur kein falscher Schluß, sonst ist man bei
den
Staatsfeinden
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für die die "Bild"-Nation überhaupt kein Verständnis haben kann.
Die Russen samt ihrem Gänsefüßchen-Anhang "DDR" sind nun einmal
nicht zu leiden. Aber selbst beim Antikommunismus hält es "Bild"
für nötig, ihn als eine geistige Haltung, für die entsprechend
trostlose Einfälle Trumpf sind, vorstellig zu machen.
Beim Ableben Tschernenkos muß der Hauspfaffe Sommerauer ran:
"Kommt Tschernenko in den Himmel? Holt Gott ihn. Diese Frage...
ist klüger, als sie sich auf Anhieb anhört... Ja, auch Tscher-
nenko wird sich vor Gott verantworten müssen."
Den Russki hat ein gerechtes Schicksal ereilt, über das Gott im
Westen wacht. Kaum hat der Tattergreis mit seinem Hinscheiden
noch einmal die Überlebtheit des östlichen Systems bewiesen -
während Reagan vor sich hin strotzt -, schon hat "Bild" ein wis-
senschaftliches, wortwörtliches Feindbild zum neuen Zaren zur
Hand.
"Kreml Fürst - Was sein Gesicht verrät
Viel, sagt die Hamburger Diplom-Psychologin Dr. Heidrun Brauer."
Und wie das bei Wissenschaftshoroskopen so ist, je einfacher die
Botschaft, desto differenzierter will sie ausgeführt sein. Natür-
lich spricht die hohe Stirn Für "Hunger nach Macht" und für den
"starken Willen, sich notfalls mit Gewalt durchzusetzen". Das
kennt man ja von den Brüdern. Als "intelligenter Realist" weiß er
aber genau um die Grenzen, in die ihn Kohl und Reagan verweisen.
"Das gemütliche Kinn zeigt, daß der Kreml-Chef ruhig und besonnen
Risiken abwägt, er ist kein Abenteurer." Eigentlich paßt er gar
nicht nach drüben, bei "seiner Freude am guten Leben", noch dazu,
wo "die rote Lady" in London Cartier-Ohrringe gekauft und mit
"American Express" bezahlt hat. So einer auf der falschen Seite
ist erst recht unberechenbar. Sein Volk läßt er hungern und
schielt begierig auf den Reichtum, den "wir" uns in aller Frei-
heit zurückgelegt haben.
Da fällt selbst auf die Erfolgsmeldung:
"Zufrieden flog Bundeskanzler Kohl gestern aus Moskau ab. Er
hatte den neuen Kreml-Fürsten nach Bonn eingeladen. Gorbatschow
nahm an. Er will mit Unterstützung der deutschen Industrie die
sowjetische Wirtschaft ankurbeln, bewundert vor allem den Fleiß
der Deutschen."
ein mahnender Wermutstropfen.
"Auch Kohl sollte begreifen, daß schlechte Noten aus dem Kreml
nur ein Beweis dafür sind, daß er auf dem richtigen Wege ist...
wenn Moskau von Entspannung spricht, meint es sowjetische Vor-
herrschaft; wenn es mit Bonn besondere Beziehungen pflegen will,
meint der Kreml Abkopplung von den USA. Wir hoffen nicht, daß
Kohl auf die Desinformationspolitik aus Moskau hereinfällt."
Man kennt sie ja, die Friedens-Schalmeien! Auch im Inland heißt
es auf die Feinde aufpassen - und gegen die "feigen Mörder" der
RAF erfordert das den gesamten Mut eines Politikers, der quer ge-
gen den Strom einer Öffentlichkeit schwimmt, die vor der Gefahr
kneift und die Zellen der RAF-Häftlinge zu "Vergnügungslokalen"
werden läßt.
"Ein deutscher Politiker beweist Mut. Der CDU-Abgeordnete Dr.
Jürgen Todenhöfer über das süße Leben der inhaftierten RAF-Terro-
risten."
Und wieder einmal muß die "Bild"-Zeitung gegen die Kumpanei der
kritischen "Teile der Öffentlichkeit" Partei für das Volk nehmen:
"...was Millionen Deutsche mit Unverständnis und Empörung beinahe
jeden Tag zur Kenntnis nehmen müssen: Die Attentäter, die sich
die Zerstörung unseres Staates mit brutaler Gewalt zum Ziel ge-
setzt haben, werden in unseren Gefängnissen weitaus sanfter be-
handelt alt beispielsweise ein Ehemann, der den Liebhaber seiner
Frau im Affekt im Ehebett erschlägt."
Die Terroristen sind nur die Spitze des Eisbergs, gräbt man
"Bild"mäßig nach, dann ist die heile Welt der BRD nicht wiederzu-
erkennen. Die Grünen machen aus ihrer Sympathie mit den Terrori-
sten kein Hehl, die Mehrheit der SPD liebäugelt mit den Grünen
und trifft sich in Rom mit den italienischen Kommunisten - alle
Spuren führen nach Moskau.
Da tut Entlarvung not, und die ist allemal einen Witz wert, der
einem die Socken auszieht. Der Scherz macht klar, wie folgenlos
und abwegig das Ganze für den Leser bleiben darf.
"Manche bestaunen sie amüsiert wie ein Exoten-Pärchen. Andere
finden den 'grünen' händchenhaltenden General a.D. Bastian und
die nervöse TV-Aktrice Petra Kelly erotisch überhitzt. Aber so
abscheulich sind die beiden gar nicht. Ich habe sie beim
(fiktiven) Frühstück erlebt und belauscht. Bastian: 'Liebes,
bitte kein Müsli! Es sind doch keine Fotografen da! Reich mal den
Schwarzwälder Schinken rüber!'"
Volksbetreuung
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So sorgt sich die "Bild"-Zeitung um den geistigen Nährwert der
Nation für alle die, die auf ihren menschlichen Anstand halten,
wenn ihnen sonst schon nicht viel anderes übrigbleibt. Die haben
Lebenshilfe verdient, und die wird ihnen durch die "Bild" zuteil.
Über die praktische Wucht der täglichen Glücksmeldungen: "In der
Vorsaison Urlaub machen 10% billiger!" "Jetzt nach New York flie-
gen - sagenhaft billig!" wird sich der normale Mensch, der seine
drei Wochen Erholung vom Betrieb vorgeschrieben bekommt, nicht
groß täuschen. Das Bier, das heute in einem Schwarzwälder Dorf
zum Preis von vor dreißig Jahren ausgeschenkt wird, und die
Strumpfhosen, die ein Krefelder Kaufhaus für eine Mark das Stück
verramscht, werden kaum auf das Haushaltsgeld durchschlagen. Der
theoretische Ertrag ist umso größer: Wenn man will, kann man al-
les, was einem so täglich passiert, als Chance begreifen - und
"Bild" will es. Wer jetzt ganz schnell seinen Lohnsteuerausgleich
macht, bekommt ganz schnell viel Geld vom Staat:
"Zu den Glücklichen gehört der Angestellte Jörg Seiffert (29):
'Ich habe gleich Anfang Januar alles fertig gemacht - und meine
Rückzahlung schon auf dem Konto.'"
Wer hätte das gedacht:
"Wo kommt unser Pfennig her? Hier! Unsere Münzprägeanstalten sind
Pfennigfuchser... Seine Herstellung kostet 1,3 bis 1,4 Pfennig.
Aber diese Pfennige sind gut angelegt. Kurt Stratmann (57), Chef
der Hamburger Münze: 'Gäbe es den Pfennig nicht, würde mancher
Kaufmann gern nach oben aufrunden. Der Pfennig zwingt ihn, auf
den Pfennig genau zu kalkulieren.'"
Bei uns ist eben der Kunde König, auch wenn er mit Pfennigen
rechnen muß. Der Ausgangspunkt der vorstellig gemachten Lebens-
hilfe ist ja auch nicht Saus und Braus, sondern die täglich ver-
abreichte Mitteilung, daß jedes Vergnügen seinen Preis hat und
daran meistens scheitert. Dafür kommen die Volksweisheiten:
'Gesund ist besser als krank', 'Geld macht nicht glücklich' und
'Erfolg verdirbt den Charakter' nie aus der Mode - bei der
"Bild"-Zeitung kosten sie nur 40 Pfennig. Wer sich das Singen und
den Anstand nicht verbieten lassen will, der findet im Kiosk täg-
lich sein nationales Notenblatt vor.
***
"Bild macht dumm!"
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Zu Zeiten der Studentenbewegung flogen auch einmal Schreibmaschi-
nen aus den Fenstern des Verlags - unter dem Ruf: "Enteignet
Springer!" Davon geblieben ist die schlechte Meinung derer, die
wissen, daß "Bild" lügt und das Arbeitsvolk "verführt". Das feste
Urteil haben Intellektuelle um so sicherer, je mehr sie es ableh-
nen, das "Massen"blatt je in die Hand zu nehmen. Wenn im Unter-
richt 'Manipulation' dran ist, muß die "Bild"-Zeitung herhalten.
So viel hat sich da gar nicht geändert. Die damalige "Springer-
Kampagne" wollte nicht einen Ausbeuter im demokratischen Propa-
gandazirkus zum Teufel jagen. Man ging auf die Straße, um das
"Meinungsmonopol zu brechen". Nicht "Bild" sollte die Massen ver-
hetzen dürfen, sondern "Spiegel"-Fans und Leser der "Süddeutschen
Zeitung" drangen darauf, der Rest der Menschheit müsse verant-
wortlicher betreut werden. Der Vorwurf "'Bild' manipuliert die
Massen!" war und ist ein Bekenntnis zu einem staatsnützlicherem
Einseifen der so vor "Bild" in Schutz Genommenen; ein Aufruf zu
nationaler Menschenführung, die den Massen nicht "plump" Regie-
rung mit Gehorsam übersetzt, sondern sie an den differenzierten
Schwierigkeiten und Problemen des politischen Geschäfts teilneh-
men lassen will - als wäre Politik besser, als was "Bild" daraus
macht. An dieser Illusion sind Intellektuelle so sehr interes-
siert, daß ihnen bei den täglich servierten Kanzlerworten Manipu-
lation nie einfällt. Die seitenweise Zitierung und liebevolle
Ausmalung dieser goldenen Worte in der "Frankfurter Allgemeinen
Zeitung", "Frankfurter Rundschau" und "Süddeutschen Zeitung"
fällt für sie unter "objektive Berichterstattung". Wenn die
"Bild"-Zeitung jedoch in aller Kürze das Resümee zieht, worauf es
also ankommt, dann wissen sie gleich wieder Bescheid: "unsauberer
Journalismus!"
Die Parteinahme für die von Springer verführten Massen mit ihrem
gesunden Volksurteil - nach Meinung der Kritiker wird es von
"Bild" nicht benutzt und gepflegt, sondern überhaupt erst erzeugt
ergänzt sich da immer um den elitären Vorwurf, "Bild" würde sich
dem schlechten politischen Geschmack und der Sensationsgier ihrer
Leser hemmungslos anbiedern.
Da versteht sich auch von selbst, daß "Bild" lügt. Die Nachweise,
mit denen Wallraff, alias "Bild"-Redakteur Esser, sich einen Na-
men gemacht hat, fallen nicht zufällig mager aus. Das Beispiel
von der "schwarzen Inge", "die gar nicht Inge, sondern Ingrid
heißt und im übrigen nicht schwarze, sondern blonde Haare hatte",
kritisiert nicht die Absicht, das Rechtsempfinden des Volkes mit
einem Schuldigen zu bedienen. Dieser Standpunkt wird ja geteilt,
wenn "Bild"-Redakteuren vorgeworfen wird, sie hätten dabei
"unsauber recherchiert". Auf mehr kommt es Intellektuellen nicht
an, für die die "sachliche Information" der gehobenen Presse das
Höchste ist, was Wahrheit zu leisten vermag.
Im übrigen ist der Vorwurf - ausgerechnet der Lüge und ausgerech-
net nur bei der "Bild"-Zeitung - eine einzige Heuchelei. Das wird
der Böll doch am besten wissen, daß für anspruchsvolle geistige
Botschaften Dichtung und Wahrheit dasselbe sind. Aber Intellektu-
elle mögen ja die journalistische Parteinahme für den Staat
"niveauvoller" und "seriöser".
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