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In Freiheit gleichgeschaltet
EINE ZENSUR FINDET NICHT STATT
Gut erzogene Demokraten stellen dem System, in das es sie ver-
schlagen hat, immer wieder gerne ein kleines Kompliment aus. Sie
bilden sich die Furcht vor Zuständen ein, in denen Nachrichten
unterdrückt oder ausgerichtet werden. Damit leisten sie sich
freilich nur eine lächerliche Untertanenpose. Wer nämlich den An-
spruch aufs Bescheidwissen und Prüfen der Weltenläufte ernst
meint, braucht sich vor Manipulation und Einheitspropaganda nicht
zu ängstigen - er würde ja ohnehin nicht darauf reinfallen. Ver-
sorgt mit Erfahrungen und einem Kopf, würde er sich schon seinen
Reim auf die Welt machen, so daß er auch die Absichten der Mani-
pulateure durchschauen könnte.
Wer allerdings daran gewöhnt ist, die Bildung seiner eigenen Mei-
nung nach Kräften an jenen Angeboten zu orientieren, die berufs-
mäßige Meinungsbildner in die Zirkulation werfen, dem ist nicht
zu helfen. Er hat nämlich sehr viel übrig für die tägliche Anlei-
tung durch die Zeitung und das Fernsehen, die er aus einem höchst
formalen Grund für einen Dienst an seiner Freiheit hält. Es gibt
sie, und die Auswahl bleibt den zahlenden Kunden überlassen.
Diese hartgesottenen Zeitgenossen genießen denn auch auf nüchter-
nen Magen ihr Leib- und Magenblatt. So wissen sie dann ganz ge-
nau, wie (un-)zufrieden den jüngsten Meinungsumfragen zufolge das
Volk mit der Regierung ist. Und umgekehrt, was aus der letzten
Äußerung des Kanzlers hervorgeht, die korrekt zitiert und dann im
Radio stündlich wiederholt wird, bis sie die erste Meldung der
Tagesschau abgibt.
Nachrichten-Technik
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Diejenigen, die sich berufsmäßig der Versorgung ihrer Mitbürger
mit Nachrichten widmen, haben sich irgendwann einmal gleich dafür
entschieden, ihre Aufgabe als Anleitung zur Meinungsbildung wahr-
zunehmen. Die Verbreitung von Mitteilungen, die schlicht Gesche-
henes vermelden, kommt zwar vor. Was da aber in Umlauf kommt, ist
außer bei Verkehrsberichten alles andere als der "Rohstoff" für
Urteile. Ein Halbfabrikat soll es schon sein, und in den meisten
Fällen gehen schon hübsch verpackte Fertigprodukte auf den Markt.
Das ist auch gar nicht verwunderlich. Denn auf eine Liste von
Wörtern, die Fakten bezeichnen, verfällt kein normaler Mensch,
der es zur Fertigkeit gebracht hat, ganze Sätze zu bilden. Inso-
fern diese Gebilde schon der Form nach auf Urteile zielen, ist
das Ideal von Objektivität, welches Fakten und nichts als Fakten
dargeboten haben will, von vorneherein lächerlich. Es gehört zu
Recht in die Problemkiste jener Theoretiker des Journalismus, die
sich fragen, wie s i e am besten die Betreuung des Publikums
vornehmen sollten. Die kindische Frage, ob die Meldung "Kohl
trinkt mit Terroristen pfälzischen Wein" sauberen Journalismus
darstellt, wenn der gute Mann gerade in Washington an amerikani-
schen Ehrenkompanien vorbeiläuft, ist also gleichgültig. Wer nach
O b j e k t i v i t ä t fragt, sollte sich schon wegen der Nach-
richten m o r a l, die er damit bequatscht haben möchte, nach
dem B e g r i f f der Sache erkundigen, der jeweils vermittelt
wird.
Sicher sind Nachrichten keine Wissenschaft. Gerade deswegen gera-
ten sie aber auch so penetrant, wenn sie als fix und fertiges
Verständnis von der und für die vermeldete Angelegenheit daher-
kommen. Die monatlich frisch nachgezählten Arbeitslosen erschei-
nen in den freien Medien ja durchaus als Subjekt von Urteilen,
das sich "Arbeitslosigkeit" nennt und Gründe wie "Struktur",
"Saison" und "Region" verpaßt kriegt. Dasselbe Subjekt erhält
auch ein ums andere Mal das ehrenvolle Prädikat "des Kanzlers
größte Sorge" - und zwar aus dem Munde des Regierungschefs
selbst. Nachrichten? Das Mittel, um besagtes Subjekt aus der Welt
zu schaffen - was als Zweck der gesamten Nation nachrichtenüber-
mittelt wird -, wird als "Aufschwung" erschlossen. Und der ist
enorm und stiftet Optimismus. Dies Urteil wiederum vom Kanzler.
Nachrichten? "Rüstung", ein anderes logisches Subjekt höchsten
Informationswerts im freien Meinungskampf, verfügt schon per Vor-
und Nachsilbenkunst über dermaßen viele Gründe, daß einem infor-
mierten Bürger die Bildung eines "eigenen" Urteils allein durch
seinen Wortschatz erspart bleibt. "Auf-", "Ab-", "Nach-", "Vor-",
"Über-", "Hoch-" konkurrieren mit "-swettlauf", "-swahnsinn",
"-skontrolle".
Nachrichten oder "Increase your word power!" oder was? Der
"Streß" kann als Subjekt zunehmen und die Volksgesundheit einer
ganzen Generation in Frage stellen, wenn die Regierung die Krank-
heitskosten - nein, nicht "dämpft", sondern "dämpfen muß"!
N o t w e n d i g k e i t, eine Kategorie, die wahrlich nichts
mit beobachteten und weitererzählten Fakten zu tun hat, be-
herrscht das Nachrichtenwesen Tag und Nacht: Und meist künden von
ihr und vom (Un-)Möglichen die maßgeblichen Politiker, weil sie
gerade "Arbeitsplätze", die "Umwelt", "Europa" oder "unsere Si-
cherheit" retten.
Die Logik der Betreuung
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Was sich so schiebt im Lande, zwischen Staat und Bürger, Unter-
nehmern und Gewerkschaften, Mann und Frau, Schule und Kind -
nichts von alledem wird objektiv berichtet. Ebensowenig wie von
den internationalen Affären, die der Journalistenzunft das Äußer-
ste an dem ihr eigentümlichen "Urteils-"Vermögen abverlangen.
Dank ihrer Begabung, von der niemand so recht weiß, ob sie Anlage
oder Umweltprodukt ist, schaffen es die Volksbeauftragten der
Meinungsbildung jedoch. Wie in einem täglich fortgesetzten Ge-
richtsprozeß gelangen sie zu ihren Urteilen, die als Meinung
a l l e r die Runde machcn sollen. Als hätten sie die maßgebli-
chen Personen in Staat und Wirtschaft vor dem Rest der Welt zu
v e r t e i d i g e n, trennen sie deren gesamtes Tun in Absicht
und Handlung. Die A b s i c h t e n lassen sie, da ohnehin eine
naturgemäß subjektive Sache, von den Hauptakteuren der nationalen
Angelegenheiten selbst definieren. Ergebnis: gut und ehrenwert,
wie die Titel der offiziellen Sorgen bezeugen. Die Taten messen
sie einerseits an diesen Absichten, wodurch auch sie in Ordnung
gehen. Andererseits aber konfrontiert ein Meinungsbildner - dies
die kritische Seite seiner "Kompetenz" - jede Tat mit den zu Ge-
bote stehenden Mitteln und Widerständen, welche eine mehr oder
minder feindliche Welt den ständig zitierten Kämpfern für Frie-
den, Frauen und freiheitliche Arbeitsplätze in den Weg legt. Und
konsequent ermitteln die Nachrichtenverweser der Nation manches
"Scheitern". "Vorsatz" scheidet wegen "Absicht gut" als Beschul-
digung aus, "Fahrlässigkeit" und andere Versäumnisse, auch
"Unfähigkeit" sind der äußerste Vorwurf - und das Plädoyer für
die Zurückziehung jeglicher Anklage lautet "unschuldig, weil an-
dere schuld und Problem zu groß"!
In der Anerkennung von "Problemen" der Politik und von
"Sachzwängen" der Wirtschaft und des Geldes vollendet sich die
verständnistriefende A n t i - K r i t i k, die weder den ho-
fierten Repräsentanten noch dem "System" aus irgendeinem Anlaß
etwas anhängen will. Ganz im Unterschied zu denen anderswo, für
die der Grundsatz gilt, daß Absicht, Handlung und Wirkung allemal
dasselbe sind.
Völkische Beobachter
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Die ideologische Anteilnahme am erfolgreichen "Bewältigen" der
von Staats wegen gültigen "Probleme" ergeht sich, quasi als Er-
satzveranstaltung für das Beurteilen, in wahren Orgien des Perso-
nenkults. Nachrichten, die schon in der Presse aus lauter respek-
tablen An- und Absichtsäußerungen der führenden Figuren bestehen,
werden durch das Fernsehen endgültig ihrem Begriff gemäß. Das of-
fensichtlich abgesprochene Fragen von Fragen, das Problematisie-
ren von Problemen erhebt die E i t e l k e i t der Beteiligten
zum Stoff für eine contradictio in adiecto: p o l i t i s c h e
U n t e r h a l t u n g. Der Verzicht der Medien-Vertreter dar-
auf, auch nur einen einzigen Fetzen aus dem christlichen Grund-
werte-Schmarrn eines C-Politikers, aus dem Glaubwürdigkeits- und
Solidaritätsgefasel eines SPD-Mannes, aus dem mehrheits-schaffen-
den echt-liberalen Grundüberzeugungszeug von Genscher zu kriti-
sieren - dieser Verzicht wird gar nicht erst als solcher empfun-
den. V e r d o l m e t s c h u n g durch Wiederholung ist ge-
fragt - und die breit dargelegte Sorge, das Volk möge das alles
hoffentlich auch würdigen und verstehen.
Und zur Bekräftigung der feststehenden, also objektiven Meinung,
daß die journalistisch umhegten Macher das Vertrauen des Volkes
verdienen, wird sich um dieses noch einmal extra gekümmert. Er-
stens durch die peinlich übertriebene und inszenierte Frage, wie
es den mit diesem Vertrauen gerade wieder steht und ob es nicht
einer "Staatsverdrossenheit" gewichen sei. Zweitens durch Nach-
richten darüber, was das liebe Volk im Winter und Sommer und in
der Fabrik und im Straßenverkehr so treibt. Dabei wird genau dar-
auf geachtet, daß auch in dieser Abteilung, in der Sphäre des
b ü r g e r l i c h e n P r o l e t kults, jede "Beurteilung"
nur nach einem Muster erfolgt: Alle "Schwierigkeiten" der Massen,
alles, was sie tun, gilt als Zeichen für die mehr oder minder
gründlich funktionierende M o r a l d i e s e s
M e n s c h e n s c h l a g s. Bewiesen ist diese Moral immer
dann, wenn ein strebendes Zurechtkommen mit den Problemen sicht-
bar wird, die der Mehrheit von oben aufgeherrscht worden sind.
Wenn der Glaube funktioniert - der an Gott und der an die Zustän-
digen, die letztlich die Menschheit nach Kräften zu bedienen su-
chen. In ihren Exkursionen ins Volk organisieren studierte Bild-
journalisten und Illustriertenfritzen schließlich auch noch pro-
fessionell die Massenkultur. Die Massen selbst hätten ja aus na-
heliegenden Gründen gar keine Zeit dafür...
Das Ideal der Manipulation
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ist ein fester Bestandteil dieser aufgeklärten demokratischen Öf-
fentlichkeit. Es äußert sich nicht nur in dem gelegentlich vorge-
brachten Wunsch von Politikern, man möge mehr "gute Nachrichten"
unter die Menschheit streuen. Es gehört zum Berufsethos aller an-
ständigen Journalisten, die schon von weitem merken, wenn sich
jemand anschickt, die P r i n z i p i e n d e r G l e i c h-
s c h a l t u n g zu verletzen. Teilnehmer an einer TV-Diskus-
sion, selbst am lächerlichen Samstag-Quiz gehören handverlesen,
Leserbriefe sorgfältig ausgewogen, Redaktionen gesäubert - und
nicht so ganz linientreuen Demokraten muß man gar nicht erst die
Gunst widerfahren lassen, erwähnt zu werden.
Eine Zensur braucht gar nicht stattzufinden.
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Eine ganz gewöhnliche Tagesschau '85
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Die Nachrichtensendungen des deutschen Fernsehens machen ernst
mit dem Prinzip O b j e k t i v i t ä t. Alles, was passiert,
ist das, was unsere nationalen Großveranstalter davon halten.
- Kohl ist stellvertretend für uns in Moskau. Er steht grinsend
in der Kondolentenschlange. Der Begleittext zum Film informiert
deshalb darüber, daß diesmal alles nicht so "streng", sondern
"ganz auf Übergang ausgerichtet" sei. Anschließend sagt Kohl
selbst seine eigene Meinung über den neuen Kremlmann:
ganz patent wie ich.
- Bangemann war wegen uns bei Honecker und sagt gleich selbst,
das wären z.Z. seine guten innerdeutschen Beziehungen.
- Genfer Verhandlungsauftakt: Die Amis sind in unserem Auftrag
vor Ort und nennen gleich selbst den ersten Verhandlungstag
"ernst und geschäftsmäßig".
- Libanon: Normale Trümmerbilder, neben denen unsere israelischen
Freunde, die da wieder einiges zertrümmert haben, auf hebräisch
mitteilen, daß man sich für Landesgrenzen nicht interessieren
darf, wenn man Feinde verfolgen muß.
- Auschwitzlüge: Dregger sagt der Kamera gleich selbst, daß er im
Unterschied zur FDP eine andere Meinung zu deren Gesetzentwurf
vertritt als die FDP.
- Opposition: In indirekter Rede darf uns Vogel sagen, wie rela-
tiv gerne er mit der Regierung zusammenarbeiten würde.
- Klassenkampf: Einer vom Bundesarbeitsgericht behauptet glatt,
daß verhältnismäßige Aussperrung notwendig und deswegen erlaubt
ist.
- Vier Jahreszeiten: Der Frühling behauptet von sich - mit Blumen
natürlich -, er sei erwacht: Großaufnahme eines blühenden Mandel-
baumes in Darmstadt.
- Bürgerrechte: Der DGB hat Angst. Angesichts der neuen Pri-
vatsender fürchtet er um die Befriedigung des Informationsbedürf-
nisses der Bürger. Breit darf es selbst in die Kamera sprechen.
- Wetter: Das einzige, was kritisiert wird, wenn auch falsch: "zu
kalt für die Jahreszeit".
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