Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN ALLGEMEIN - In Freiheit gleichgeschaltet


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       Wochenschau
       

KEINEN SKANDAL WERT

- war der ARD in der Tagesschau vom 21.1.82 die Nachricht, daß die Vereinigten Staaten im Sicherheitsrat der UNO mit ihrem Veto den syrischen Antrag abschmetterten, Israel wegen der offiziellen Annexion der Golan-Höhen zu bestrafen. Wäre ja auch noch schöner, wenn jeder dahergelaufene und in der UNO vertretene Staat den USA die Sache mit der Bestrafung nachmachen wollte! Bestrafen darf schließlich nur einer - und deshalb erteilte der Weltpolist im Falle der Einverleibung syrischen Territoriums durch Israel den Befürwortern des Antrags gegen, Israel eine Lektion darüber, wann eine Verletzung des Selbstbestimmungsrechts der Völker vorliegt und wann ein legitimes Selbstverteidigungsinteresse. Zur Schür- fung des Unterscheidungsverrnögens zwischen Wesentlichem und Un- wesentlichem empfahl die amerikanische UNO-Botschafterin Kirkpa- trick: "Sie sollen sich lieber um die wahren Probleme, um Polen, kümmern." Denn in Polen, wo die Russen so frech waren, noch nicht einmal öffentlich einzumarschieren, ist der Weltfriede in Gefahr. Wo dagegen die Freiheit ganz frank und frei sich ihre strategi- schen Bastionen absichert, da k a n n definitionsgemäß gar kein "Problem" existieren: Die Vereinigten Staaten "sehen in der Anne- xion in Wirklichkeit keine Annexion." Punktum. Die Rede von einer Annexion hat sich also ab sofort aufzuhören - schließlich ist sie der wahre Skandal: "Damit hat Syrien wieder einmal erreicht, daß die USA als der Sündenbock dastehen." - ist die in der Süddeutschen Zeitung vom 21.1.82 kommentarlos abgedruckte Klage des polnischen Landwirtschaftsministers Woj- tecki, "die Sanktionen der USA hätten verheerende Auswirkungen auf die Nahrungsmittelversorgung. Das Ausbleiben der amerikanischen Mais- lieferungen zwinge Polen, seine Geflügelzucht zu schließen." Erstens ist das nämlich ein Gerücht, böswillig ausgedacht, um die NATO-Partner zu entzweien, die sich Gottseidank gerade auf Sank- tionen geeinigt haben - und auf den wechselseitigen Vorwurf, die beschlossenen Sanktionen seien i n e f f e k t i v. Zweitens hat sich daher der polnische Landwirtschaftsminister auch nicht zu beschweren, schon gar nicht bei seinen Schädigern. S a n k t i o n e n sind eben Sanktionen und keine Hilfe - umso besser, wenn er sich durch sie "gezwungen" sieht, einen seiner letzten Devisenbeschaffungsbereiche dichtzumachen. Denn drittens schadet diese Sanktion den polnischen Hungerleidern noch nicht einmal: daß die Produkte der polnischen Geflügelzucht für den Schuldendienst an westliche Banken da sind und nicht zur Ernäh- rung polnischer Proleten, ist schon längst seit den Blütezeiten des Ost-West-Handels entschieden. Viertens paßt es gut ins Bild, daß endlich wieder die verpfändete polnische Kohle gen Westen rollt und schwimmt. - ist die Meldung, in Indien seien beim Generalstreik 11 Arbeiter erschossen und Hunderte verletzt worden. Inder sind nämlich keine Polen: wenn ein Inder erschossen wird, werden in der nämlichen Sekunde Tausende geboren, weil sie nicht einmal zu einem geschei- ten "family planing" imstande sind. Ein toter Pole dagegen ist für den Westen Gold wert: als ein nach einem antisowjetischen Po- len strebendes, daher einziges Subjekt. Überhaupt wurde in Indien nicht für die Freiheit demonstriert und gestreikt, sondern gegen "zwei einschneidende Bundesgesetze: das Nationale Sicherheitsge- setz und das Gesetz zur Aufrechterhaltung wichtiger Dienste - beide erlauben es der Regierung Gandhi, Personen ohne Gerichts- verfahren bis zu einem Jahr festzusetzen und Streiks in wichtigen Industriezweigen zu verbieten." (Südd. Zeitung, 21.1.82) Damit verbietet sich jegliche Beunruhigung. Schließlich handelt es sich hier um keine den Willen der Bevölkerung brechende "Zwangsmaßnahmen", sondern um zwei - wenn auch einschneidende -- Bundesgesetze. Daß in Indien keine katholischen Priester die Haftbedingungen überprüfen, dafür ab und zu mal den Insassen die Augen ausgestochen werden, ist erst recht keine "Gefahr für den Weltfrieden". Indien gehört nun einmal nicht zum europäischen Kulturkreis -- was man schon daran sieht, daß es die "Schlußakte von Helsinki" nicht unterschrieben hat - und ist insofern über- haupt nicht mit Polen vergleichbar. Ansonsten geht es allerdings doch fast so zu wie bei uns, nämlich sehr demokratisch: Die Mini- sterpräsidentin erwägt eine "weitgehende Aussetzung" der Demokra- tie, "um sich behaupten zu können" -, und die Opposition wittert in der "Überreaktion" Indira Gandhis eine Chance, sie "stürzen zu können". Da hätten sich die Inder doch ihren Generalstreik, den ersten "seit Erlangung der Unabhängigkeit 1947", auch gleich sparen kön- nen: "Wahlen sind" nämlich schon "in drei Jahren". zurück