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Armut in den USA
WAS MAN IN DER BRD DAMIT ALLES ANFANGEN KANN
Die deutschen Meinungsmacher haben ihr Herz fürs Elend entdeckt;
und gleich finden sie Leute wie Alice Fisher - "46, geschieden, 4
Kinder, Fürsorgeempfängerin" - oder Karen Jerry - "29jährige Far-
bige, 4 Kinder, Fürsorgeempfängerin mit Hungerlohn und staatli-
chen Zuschüssen, zukünftig Wohlfahrtsempfängerin" (Spiegel,
Stern) - als Bebilderung für Hunger und Elend ausgerechnet im
reichsten Land der Welt.
Damit wollen sie aber nicht einfach gesagt haben, daß es gemein
ist, wie drüben Reichtum und Armut so gut zusammengehen. Dann,
hätte man ja auch hierzulande einiges zu vermelden, statt sich
speichelleckerisch um die Wiedergabe von Politikersprüchen zu be-
mühen, wonach immer noch ein Sparprogramm des Kanzlers nötig ist,
damit wir alle wieder auf die Beine unserer Wirtschaft kommen
bzw. das soziale Netz noch etliche Löcher kriegen muß, soll es
nicht ganz zerreißen.
Daß Alice Fisher sich kein Bier leisten kann, ohne ihren Kindern
das Fleisch zu streichen, ist eine Zeitungsmeldung wert,
- weil sie sich so schön mit Nancy kontrastieren läßt, die im
Weißen Haus auf chinesischem Porzellan servieren läßt, ihrem Ron-
nie gelbe Cowboy-Stiefel besorgt und für dies und anderes massen-
weise Dollars ausgibt;
- weil zugleich Ronald Reagan verkündet, "Amerika müsse endlich
zu den wahren gottgegebenen Werten eines einfachen Lebens zurück-
kehren."
Nun will man sich nicht daran stören, daß ein Millionär sein Geld
auch ausgibt; aber hier handelt es sich um den Präsidenten der
USA in schweren Zeiten. Die Botschaft lautet daher: der Reagan
samt Nancy und sonstiger millionenschwerer Regierungsclique ist
ein übler Heuchler. Wo er den Massen seiner Landsleute Hunger und
Elend verordnet - eine Tatsache, deren Notwendigkeit jeder Pres-
semann gerne einsehen will -, führt er sich selber so auf, daß
das Elend besonders krass ins Auge fallen muß.
"In den Zeitungen prallen die unterschiedlichen amerikanischen
Welten täglich mit solchem Mißklang aufeinander wie lange nicht.
- Amerikanischen Schülern mögen künftig die Mägen knurren,... im
Weißen Haus ist von Sparsamkeit wenig zu spüren."
Die Schlußfolgerung aus diesem heuchlerisch angestrengten Ver-
gleich führt zu dem Resultat, wofür er angestrengt wurde:
"Reagans Amerika - ein Land für die Reichen" oder "Ein Präsident
für bessere Kreise" ist der schwere Vorwurf an Reagan, daß er für
seine Regierungsepoche die Insignien der Macht zu golden glänzen
läßt, weil er nicht mit dunkelblauem Paletot und Helgoländer Lot-
senmütze rumrennt.
- Da sollten sich die Herren und Damen Meinungsmacher doch mal
entscheiden: Bei Carter störte sie das Provinzielle des Südstaat-
lers, der angeblich ungelenke Umgang mit der Macht, der an Kon-
fektionskleidung und Einladungen zum Tee statt zu Dinners von
chinesischem Porzellan in Erscheinung getreten sein soll;
mit Reagan dagegen sollen jetzt die Südstaatler den sündhaften
Luxus nach Washington gebracht haben. Kaum jubilieren darüber die
öffentlichen Amis, "die Zeit der Pappbecher sei vorbei" - als ob
es eine solche für diese Sorte Amis je gegeben hätte -, da bejam-
mern die hiesigen die "Instinktlosigkeit", mit der nun (!) Reich-
tum als Luxus konsumiert würde, wo es doch auf der politischen
Tagesordnung steht und deshalb zu gelten hat, daß es sich der
Normalo noch mehr kosten lassen muß, seinen Staat zu unterhalten.
Da fragt sich die deutsche Presse scheinheilig, ob man das nicht
klüger anstellen kann: müssen diese Amis denn ihren Reichtum so
"ungeniert" zur Schau stellen, wenn gleichzeitig von den anderen
erhebliche Opfer verlangt werden müssen.
"Millionen von Amerikanern sehen einem Winter von Entbehrungen
entgegen (durch) Reagans erzkapitalistisches Experiment, das Land
durch Wegschlagen der 'Wohlstandskrücken' wieder 'an die Arbeit'
zu kriegen."
Drüben waren das nämlich gar keine Wohlstandskrücken. Anders "als
in anderen westlichen Wohlfahrtsstaaten" - wo immer schon des
Guten zuviel getan wurde und deshalb auf amerikanisches Niveau
zurückgeschraubt werden muß -, sind die social cuts in Amerika
nicht Maßnahmen einer anständigen Demokratie, sondern
bösartigster Kapitalismus, weil sie roh und ohne jedes Feingefühl
vorgenommen werden. (Da wollten doch Reagan und seine Mannschaft
für das durchaus ehrenwerte Anliegen, die Sozialausgaben zu
kürzen, bei Mensaessen Ketchup zu Gemüse erklären lassen, nachdem
es ohnehin überall als Gemüseersatz gefressen wird. Zur
Genugtuung der deutschen Presse wollten sich diese Mißachtung
ihrer Würde auch die Amis nicht gefallen lassen.)
"Ohne Skrupel nimmt die neue Regierung in Kauf, daß ausgerechnet
im Mutterland der Menschenrechte der Überlebenskampf bei den
Schwächsten künftig (?) am härtesten sein wird." - als wären die
Schwächsten jemals andere als die, deren Überlebenskampf am här-
testen ist.
Da hatte der bundesdeutsche Reporter wohl im Ohr, wie der regie-
rende Helmut hierzulande mit gedämpfter Stimme kundtut, daß es
ihm wahnsinnig schwerfällt, selbiges durchzusetzen. So vom Mitge-
fühl seines Kanzlers für die verwöhnt, denen dessen Maßnahmen
schlecht bekommen, kritisiert er vehement die amerikanische Re-
gierung, sie solle doch die von ihren Ahnvätern in die Welt ge-
setzten Ideale mal selber ernst nehmen und nicht einfach so skru-
pellos verkünden, daß ihnen bei drop-outs jegliche Unterstützung
als Verschwendung gilt. Diese ungehobelte Umgangsweise soll ins-
besondere daran liegen, daß der Reagan als Persan nicht die Ei-
genschaften für das Oberhaupt einer Demokratie mitbringt: er
führt einen "Kreuzzug" mit geringem geistigen Rüstzeug. Statt ei-
nem aufgeklärten Rationalismus, der ihn befähigen würde, eine
Leistungsbilanz van einem Kandinsky zu unterscheiden, folgt Rea-
gan einem plumpen "schwarz-weißen Weltbild", das aufgeklärtere
Figuren nur für "Humbug" halten könnten. Er hat eine Vorstellung
von einem modernen Staate, als wäre das noch Frühkapitalismus
oder gar Feudalismus; da gilt das "Zurschaustellen als Reichtum
als soziale Tat,... (wo) die Armen sich noch nicht einbildeten,
ein Anrecht auf Unterstützung zu haben, sondern bescheiden mit
der Mütze in der Hand ihr Almosen aus der Hand wohltätig Gesinn-
ter entgegennahmen."
Wo sich der Reagan samt seiner Regierung so haarsträubende Vor-
stellungen über die Führung eines Sozialstaates macht,
"ist es deshalb vorauszusehen, daß die Beschneidung der Sozial-
ausgaben das Defizit im Bundeshaushalt nicht stopfen, sondern
hochtreiben wird - weil der Anreiz zu arbeiten in den untersten
Einkommensschichten keineswegs steigt, wie die Ideologen der Rei-
chen glauben."
Nachdem versäumt wurde, mit "Informationen der Bundesregierung"
"das Verständnis für die getroffenen Entscheidungen zu vertiefen"
(Originalton Bonn), scheint es deutscher Journaille bedenkens-
wert, daß mangelndes Verständnis die Regierungsmaßnahmen durchaus
behindern könnte: "Was ist, wenn die amerikanischen Bürger ihre
vom Staat geschenkten (!) Steuergelder nicht zum Investieren oder
Sparen verwenden, sondern zu gedankenlosem Konsumieren? Sicher,
einige wollten tatsächlich sparen, aber da war auch die Frau, die
in aller volkswirtschaftlichen Unschuld bekanntgab, daß sie dank
Reagan ihrer Katze jetzt Dosenfutter kaufen könne statt der ewig
preisgünstigeren Trockennahrung."
Wo hierzulande der Kanzler nur schweren Herzens tut, was er tun
muß, sind die amerikanischen Politiker dagegen instinktlose, un-
gehobelte und deshalb gefährliche Machtgeier. Angesichts solcher
Abgründe versteigt sich die deutsche Journaille zu der Unterstel-
lung, daß solchen Politikern das Leben hierzulande schwer gemacht
würde, denn etwas Feingefühl darf das Volk ja wohl für sich bean-
spruchen.
Das Komische erscheint ihnen da nur, daß die amerikanischen Mas-
sen mitziehen, wenn ihnen ihre Regierung so kommt:
"Und zweifellos nimmt es das Volk dem Präsidenten der Reichen im-
mer noch ab, wenn er im Fernsehen versichert, daß seine Sparmaß-
nahnien lediglich Schwindler und Schmarotzer aus dem System eli-
minieren sollen" (das wäre nämlich gute sozialstaatliche Sitte!),
"während das Sicherheitsnetz für die wahrhaft Bedürftigen erhal-
ten bliebe."
Des Rätsel Lösung lautet also: die Amis sind eben, schon weil sie
Amis sind, unglaublich naiv und bilden sich ein, sie hätten an
ihrem Ronnie so etwas wie wir an unserem Helmut.
Wer da mehr für eine intellektuelle (V)Erklärung ist, kann sich
von Gregg Easterbrook im "Spiegel" über die "republikanische
Seele" aufklären lassen:
Psychologisch richtig erfaßt bedeutet die Entscheidung des ameri-
kanischen Präsidenten, so souverän mit der Armut umzugehen, einen
"großen inneren Widerspruch", der neuerdings von vielen Amis emp-
funden werden soll: Das Gute anerkennen, das schlechte verdrängen
in gewissem Maße tut das natürlich jeder. Dennoch scheint dieser
Mechanismus in der neuen 'republikanischen' Welle besonders aus-
geprägt zu sein." Er meint: Leute mit solcher Seele behandeln das
Leben als Idylle trotz aller Härte der Realität - wo locker in
eins fällt, wer sich die Idylle leisten kann, weil er die Härte
der Realität für andere besorgt. "Die nostalgische Sehnsucht nach
der guten alten Zeit" verklärt dann die Gegenwart und ergibt
einen ganz neuen Kriegsgrund:
"Es erklärt, wichtiger noch, wie die Republikaner künftig womög-
lich Entscheidungen über Kriege treffen... mit dem Vorsatz, daß
die Greuel des Kampfes gar nicht existieren",
und das ist bei Reagan besonders "beunruhigend", hat er doch im
Krieg nur an Filmen teilgehabt: "Der Tod passierte nur vor der
Kamera."
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