Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN ALLGEMEIN - In Freiheit gleichgeschaltet


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       Der verdrahtete  und verdatete  Freiheitsgeier im  Räderwerk  der
       Neuen Medien oder:
       

ORWELL-JAHR 1985

Offiziell vorbei ist das Jahr eines gewissen Herrn Orwell. Nicht totzukriegen ist jedoch eine Sorte moderner Kulturkritik, der sich auch der Romanautor von "1984" verschrieben hat, wenn er den Menschen vor lauter "Big Brother's watching you" seiner Indivi- dualität beraubt sieht. Man braucht nur das für die "Ent-Indivi- dualisierung" verantwortliche Subjekt auszutauschen und schon ist der Mensch "gefangen im Netz der Neuen Medien" und gibt Anlaß zu folgender versinnbildlichter Kritik: Bild ansehen D e r M e n s c h sei heutzutage zunehmend und allerorten der Gefahr ausgesetzt, auf eine u n m e n s c h l i c h e Z i f f e r "reduziert" zu werden, das ist die (gar nicht so neue) philosophische Botschaft, zu der noch jede kritische Ana- lyse der "Neuen Medien" gelangt. Als Verantwortliche für diese bedrohliche Entwicklung werden Gerätschaften vorgestellt, die die unheimliche Fähigkeit haben, "alle personenbezogenen Daten aus einem Menschenleben von etwa siebzig Jahren auf einem Raum von der Größe eines Daumennagels (!), also auf rund 4 qcm zu speichern." Um zu ihrer besorgten Lage-Diagnose zu gelangen, konstruieren die Kritiker von "Datenschatten" und "Mensch am Kabel" eine recht ei- gentümliche Antwort auf die Frage, w a r u m u n d w o z u "Kabel und Computer" so vielfältig bei Staat und Wirtschaft Ver- wendung finden. Denn nicht ökonomische und politische Interessen werden hier vorstellig gemacht, nein, in den einschlägigen Analy- sen verläuft es exakt umgekehrt: da tritt die neue Technologie ihren "Siegeszug" an und sorgt mit ihrer Macht dafür, daß die guten menschlichen und mitmenschlichen Absichten von Politik und Ökonomie p e r v e r t i e r t werden. Überwachungsstaat = der Staat, ein sinnlos jagender Sammelteufel ---------------------------------------------------------------- Mit Nummer versehen wird der Mensch, sobald seine Existenz amt- lich erfaßt wird, im Melderegister. Das ist eingerichtet, um von Staats wegen auf jeden Untertan jederzeit zugreifen zu können. Wenn das Vaterland zum Dienst ruft, schaut es dort nach, wo es diejenigen, die rekrutiert werden sollen, mit der Einberufung er- reicht. Vorher schon wird er darüber zur Schule eingezogen, falls er nicht freiwillig kommt, und auch dem Versand der Lohnsteuer- karten dient diese Datei. Nicht einmal Autofahren darf man, ohne vorher bekannt zu geben, wohin die Strafmandate zu verschicken sind. Für solch freundliche Anliegen Ordnung zu halten, ist Auf- gabe der Melderegister. Wer um den Schutz seiner Daten besorgt ist, stellt das alles nicht in Frage, - aber ob es denn gleich soviele Daten sein müs- sen, das möchte er schon wissen und schickt dem Bürgermeister eine Postkarte, weil "Im Melderegister eine Vielzahl von Daten über uns gespeichert sind, die die Stadt Dortmund nicht zur Erfüllung ihrer Aufgabe benötigt" (Begleittext zur Postkarte 'Melderegisterauskunft'). Als Antwort (aus dem Textautomaten!) erhält er dann: "An Nr. 4711007, glauben Sie mir, auch wir machen uns unsere schwere Aufgabe, über Sie so gut wie nötig Bescheid zu wissen, nicht leicht. Wir merken uns deshalb wirklich nur das, was uns interessiert Von Nr. 1." Gegen soviel Interessen am Bürger fällt den kritischen Daten- schützern dann regelmäßig ein, daß sich das - wenn schon nicht heute, so doch in Zukunft einmal - ganz, ganz schrecklich auswir- ken könnte: "Gefährlich wird die Datensammelwut da, wo systematisch Dateien angelegt werden, Informationen über Menschen per Knopfdruck von hier nach dort übermittelt werden, wo Überwachung und Bespitze- lung, falschen Verdächtigungen und staatlicher Allmacht Tür und Tor geöffnet werden." (SLH-Flugblatt) Wenn alles so bliebe wie bisher, wo das polizeiliche Führungs- zeugnis als "Informationen über Menschen" noch zwischen Aktendec- keln auf dem 3-tägigen Dienstweg "von hier nach dort übermittelt wird, keine Bedenken! Damit es gar nicht erst zu "falschen Ver- dächtigungen" kommt, führen Polizei, BND, MAD etc. hierzulande Überwachung und Bespitzelung von richtig verdächtigen Demonstran- ten, Flugblattverteilern und anderen unzuverlässigen Zeitgenossen intensiver als je zuvor durch. Gut so! Aber so hat es der Daten- sammelkritiker ja auch gar nicht gemeint. Er stellt sich ja dies alles als Folge der "Sammelwut" zwecks "staatlicher Allmacht" des "Überwachungsstaates" vor. Nicht, was der Staat mit seinen Bür- gern macht, nicht wofür er sie benutzt, interessiert die Daten- Gefahrenmelder, denn daran haben sie nichts auszusetzen. Aber daß der Staat - ganz selbstzweckhaft - Macht über Gott und die Welt haben will, und die Computer diesem datensüchtigen Überwacher seinen Stoff zuführen wie die Nadel dem Fixer, soweit darf es nicht kommen. Ein wenig mehr Rücksicht bei der Machtausübung auf die Bürgerwürde der Bürger, und alles wäre geritzt. Dabei wäre es doch so einfach. Die Anrede geändert in: "Lieber Untertan, an Sie ganz persönlich" und am Schluß (handschriftlich!) "Ihr Oberbürger Meister", hätte einem gleich gezeigt, wer man ist, ganz persönli- ches Stimmvieh. Das zählt. Betriebsdatenerfassung = Ausbeutung unnötig ungemütlich ------------------------------------------------------- Was fällt den "Verdatungs"-Kritikern eigentlich auf, wenn "Orwell in den Betrieb einzieht", d.h. wenn dort ein Personalinformati- onsystem eingerichtet wird? Nicht der Zweck von Paisy und ähnli- cher Systeme, dem Betrieb einige Kosten beim Personal und dessen Verwaltung zu sparen. Das ist für sie kaum der Rede wert, weil ihnen selbstverständlich: "Wir sind bereit zu akzeptieren, daß unsere Lohn- und Gehalts- rechnungen über Computersysteme gemacht werden, die dem Unterneh- mer zu Kosten- und Leistungsrechnungszwecken dienen." Das ist zumindest konsequent, denn wer daran, daß die Leute für Lohn (bei dem jedes "zuwenig" produzierte Stück, jede Minute Un- pünktlichkeit, wer Krankheitstage in Vorwand für einen genau aus- zurechnenden Abzug darstellt) arbeiten gehen müssen, nichts zu kritisieren weiß, der mag gar Gefallen an dem Gedanken finden, daß all die Zu- und Abschläge nur per Maschine ganz gerecht aus- gerechnet werden. "Aber" (nun gehört sich auch was Kritisches gesagt) "wir sind nicht bereit, hinzunehmen, daß alles das, was unser Verhalten ausmacht, was der Unternehmer früher in Form von Meistern und Vorgesetzten mit uns persönlich auskämpfen mußte, wo er Zeiter- fassung machen mußte, indem er mit der Stopphr hinter uns stand, jetzt alles aus der Ferne gesammelt und gespeichert wird, ohne daß wir das merken." Das muß früher vielleicht lustig gewesen ein. Kaum tauchte der REFA-Fritze mit seiner Stoppuhr in der Ferne auf, wurde gleich einen Gang langsamer gearbeitet, den konnte man ja echt beschei- ßen und alles ganz persönlich auskämpfen. Mann gegen Mann, ehr- lich und gerecht. Diese rührseligen Rückblicke verraten in den Stilisierungen, den liebevoll arrangierten Kontrasten der Idyllen von gestern zu den Horror-Visionen von morgen/heute: "Was früher noch zwischen Menschen ausgehandelt wurde, entschei- det jetzt der Große Bruder, der alles sieht, der alles weiß und alles hört", wie sehr diesen Kritikern die vor wie nach Einführung der EDV gleichermaßen gültigen Zwecke gleichgültig sind. Sie wissen, daß aus demselben Grunde, aus dem früher die Karteikarten beschrieben wurden, heute per Computer gesammelt und gespeichert wird, aber auf diese Gemeinsamkeit kommt es ihnen nicht an. Sie wollen etwas ganz Neues endeckt haben. Wenn einem nicht einmal "das Bewußt- sein, sich frei bewegen zu können" verbleibt, dann ist es ganz aus mit der "Persönlichkeit". In seiner E i n b i l d u n g möchte der Mensch in der Fabrik frei bleiben dürfen! "Das ist das Entscheidende: die Reduzierung des Menschen auf ein paar Daten... eine Funktionalisierung des Menschen." In einer Welt, in der das "Funktionieren" des Arbeitsmenschen per ökonomischem Zwang reibungslos klappt, sorgen sich Fanatiker der Ideologie der Menschenwürde um das schöne B i l d der Ausbeu- tung. Dieses Bild von der "Arbeitswelt", in der jeder "Kollege" (richtiger Mensch!) als Subjekt ganz persönlich ganz wichtig für "seinen" Betrieb sei, an der er sich, seinen individuellen Mög- lichkeiten entsprechend, als ganzer Mensch (unreduziert!) betei- lige, entfalte und verwirkliche, dieses schönfärberische Gemälde ist es, was den Kritikern in Gefahr gerät, wenn die Leute durch Roboter ersetzt oder elektronisch durchnumeriert werden. Alltagsleben im Computerwürgegriff = ------------------------------------ Entwürdigung der Alltagszwänge ------------------------------ "Jetzt will diese etwas einsame Frau (nicht zu vergessen, das Mütterchen ist alt und gebrechlich) einkaufen, um sich einen schönen Tag zu machen - dazu ging sie früher in den Laden (zu Tante Emma natürlich), wo sie mit Namen begrüßt und nach ihrem Ergehen befragt wurde, mit anschließendem Gespräch über Kinder, Wetter und die steigenden Preise" (Kinder, die die Zeit vergeht! Noch immer kein richtiger Sommer und dabei kosteten die Eier frü- her doch bloß 4 Pfennige); "jetzt wählt sie die Bestell-Liste dieses Ladens an, gibt die Kennziffern der gewünschten Waren ein und entnimmt sie später dem Schließfach unten im Haus, in das ihre Bestellungen immer geliefert werden. Die Rechnung bezahlt sie mit einer Überweisung vom Bildschirm aus, nicht etwa am Bank- schalter, an dem man ihr früher beim Ausfüllen der Formulare be- hilflich war und auch ein kurzes Gespräch mit ihr führte. Da sie jetzt nicht mehr die Wohnung verlassen muß, um all diese Dinge zu erledigen, trifft sie auch die Nachbarn nicht mehr, mit denen sie im Treppenhaus mal gesprochen hatte." So ein schöner Tag! Am Bankschalter Nächstenliebe erlebt, als das Formular für die fällige Miete auszufüllen war und man die andere Hälfte der Rente in bar ausbezahlt haben wollte, und dann rein ins Einkaufsvergnügen. Mit seinem cash dort zwar nicht besonders weit gekommen, aber doch mal wieder unter Menschen gewesen. Lau- ter nette Leute. Solche Sittengemälde, die die Warner vor der "neuen" von unserer schönen alten Welt pinseln, geben noch jeder Bedingung, die die Leute für ihr Leben vorfinden, den Anstrich, eigentlich eine Chance zur "Selbstverwirklichung", für "Mitmenschlichkeit" oder dergleichen zu sein. Kaum ändern sich mit Kabel und Computer einige Abwicklungsmodalitäten der Notwen- digkeiten des bürgerlichen Alltags, wird er - wäre er doch bloß ohne die menschenunfreundliche EDV - von den Kritikern der "Neuen Medien" zu einer einzigen Idylle (v)erklärt, die es zu erhalten gelte. Ob die neuen Medienkritiker sich deren Verwendung bei der Perfek- tionierung der Staatsgewalt, für betriebliche Rationalisierungen oder im bürgerlichen Geschäftsverkehr vornehmen, ihr Anliegen ist immer das gleiche: kann man sich, so geben sie zu bedenken, auch mit der neuen 'unpersönlichen' Technik noch als unverwechselbares Individuum heimisch fühlen in diesen Gefilden. Daß man dies nicht mehr könnte, das ist ihre ganze Sorge. Fragt sich nur, ob es so selbstverständlich ist, daß man das sollte. Vielleicht ist es eben doch bloß eine Ideologie, sich vorzustellen, die hiesigen Einrichtungen von Geschäft und Gewalt wären dazu geschaffen, Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit zu praktizieren. Eine Ideo- logie freilich, die das, was die demokratische Politik und das freie Unternehmertum von den Leuten verlangt, in einem sehr heh- ren Licht als unser aller Gemeinschaftsaufgabe erscheinen läßt. Und wer ausgerechnet diese Phrasen von Mikrochips u.ä. bedroht sieht, der leistet sicherlich zuallererst einen wertvollen Bei- trag, daß auch im Jahr 1 nach Orwell noch an sie geglaubt wird. Zitate aus: 1. rororo-aktuell, Daten-Schatten (Hrsg.: F. Myrell) 2. Dieter Prokop, Heimliche Machtergreifung: neue Medien verän- dern die Arbeitswelt 3. Kleines Lexikon zur Medienpolitik zurück