Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN ALLGEMEIN - In Freiheit gleichgeschaltet
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Friedrich Nowottny bei den Publizisten:
HOFBERICHTERSTATTUNG AUS DEM INNERSTEN DER MACHT
Den Schlußpunkt der Veranstaltungsreihe bei den Kommunikations-
wissenschaftlern bildet der Besuch von Friedrich NOWOTTNY, Chef-
korrespondent der ARD in Bonn. Dieser Mann bietet schon durch
sein Amt die Gewähr dafür, ein Semesterprogramm würdig ausklingen
zu lassen, dem es darauf ankam, durch die Vorführung verschiede-
ner prominenter Personen der öffentlichen Meinung die Bedeutsam-
keit und besondere Verantwortung des journalistischen Berufsstan-
des zu demonstrieren. Eine andere Frage freilich ist es, ob man
einer demokratischen Profession Respekt zollen sollte, zu deren
herausragendsten Vertretern ein Typ wie NOWOTTNY zählt.
"Wissen wir, was wir wollen? Nein, wir wissen es nicht. ... Ist
das ein Wunder? Wer im Schatten drohender Beschäftigungslosigkeit
leben muß, der wird eben unruhig. Und diese Unruhe vermittelt
sich überraschenderweise von unten auf die da oben. Betriebsam-
keit ist die Folge. ... Der Kanzler mit Hinz von den Gewerkschaf-
ten, der Kanzler mit Kunz von den Arbeitgebern, der Kanzler mit
Hinz und Kunz von Gewerkschaften und Arbeitgebern. Und dann der
Wirtschaftsminister. Auch er mit Hinz und Kunz aus allen Lagern
an einem Tisch.... Die Operation '82' war nicht der entscheidende
Schritt auf dem Weg zur Sparsamkeit. Die Finanzklemme dieser Tage
beweist es. Der gedankliche Ansatz mag stimmen. Das Sparvolumen
ist zu kleinkariert geraten.... Wenigstens er (Matthöfer) nennt
einen Preis für die Konservierungsversuche des Wohlstandes. Das
rechne ich ihm hoch an. Selbst wenn es für sie und für uns alle
schmerzlich werden sollte" (WELT am Sonntag vom 31.1.82)
So kommentiert ein demokratischer Journalist das geplante
"Beschäftigungsprogramm". Nicht daß ein NOWOTTNY keine Ahnung da-
von hätte, daß diese wirtschaftspolitische Maßnahme allerhand Zu-
mutungen gerade für diejenigen enthält, die ohnehin dazu gezwun-
gen sind, mittels der Kunst des Einteilens recht und schlecht
über die Runden zu kommen. Die Kolumne lebt im Gegenteil von der
Gewißheit, daß das "Beschäftigungsprogramm" in jedem Fall auf Ko-
sten der "Beschäftigten" geht - und daß sich das selbstredend so
gehört, weshalb dies auch kein Thema ist, das es öffentlich-
rechtlich zu problematisieren gälte. Die in aller Deutlichkeit
geführte politische Diskussion darüber, w i e die neueste Schä-
digung der sog. kleinen Leute zugunsten der Investitionstätigkeit
"der" Wirtschaft ablaufen soll, interpretiert NOWOTTNY in einem
ganz anderen Sinne als mißlichen Zustand der Politik: es fehle
der Mut, die (keiner journalistischen Begründung bedürfenden,
weil ja schließlich durch die Politik festgelegten) Benutzung des
Geldbeutels der Bürger für die Finanzierung der staatlichen Vor-
haben, die sich gegen sie auswirken, konsequent zu betreiben und
zu verkünden. Wo einem NOWOTTNY der Zugriff des Fiskus auf die
notwendigen Lebensmittel der Bevölkerung, so wie er passiert, zu
lasch vorkommt, da sind auch schnell Gründe gefunden, die dieses
politische Problem des vom Standpunkt noch ungenierterer Schädi-
gung der Leute her argumentierenden Herrn erklärlich machen. Das
journalistische Mitgefühl gebührt hier den Machern, die sich lei-
der lästigerweise mit allerlei von außen an sie herangetragenen
Ansprüchen (Hinz und Kunz heißt das heute auf gut demokratisch!)
bei der Verfolgung ihrer Absichten konfrontiert sehen und damit
den Zweck, den nach Journalisten-Meinung die Politik zu haben
hat, nämlich s i c h durchzusetzen (ohne daß dabei die Frage
nach dem Was und gegen Wen aufzukommen hätte), recht mangelhaft
repräsentieren. Dafür wird auch einmal die Lüge bemüht (deren De-
menti Inhalt des ganzen übrigen Artikels ist), die Politiker müß-
ten sich bedauerlicherweise die "Unruhe" irgendeines Menschen,
der ein von ihren Maßnahmen Betroffener ist, zu Herzen nehmen.
Darüber läßt NOWOTTNY die Erfüllung der eigentlichen, selbstver-
ständlichen politischen Aufgabe, die unbehelligte Durchsetzung
politischer Notwendigkeiten, in Gefahr geraten, um sich als Kas-
sandra westdeutscher Herrschaft aufzuspielen. Daß Rücksicht auf
irgendwelche Bedürfnisse des Volkes das Schlimmste (nach den Run)
auf der Welt wäre, was der Politik zustoßen könnte, ist für einen
Fachmann öffentlicher Meinung eine ausgemachte Sache. So geht
journalistisch verantwortliche Rechtfertigung und öffentliche
Einstimmung der stattfindenden staatlichen Produktion von Elend.
"Warum gerade jetzt, meine Damen und Herren haben Sie sich viel-
leicht genauso gefragt, wie wir uns hier in Bonn immer wieder
diese Frage gestellt haben. Warum hat der Bundeskanzler gerade
jetzt zur Notbremse der Vertrauensfrage gegriffen? Da war die
schreckliche Mühsal der langen Verhandlungen mit der FDP über das
Beschäftigungsprogramm. War's das? Oder hat er bei seinen Reisen
zu Landes- und Kreisverbänden der SPD gemerkt, wie weit er seiner
eigenen Partei schon entrückt ist? Zweifelt er an der Verläßlich-
keit der SPD-Fraktion Bundestag? Oder zweifelt er gar an der FDP?
Ich glaube, es war von allein etwas.... Helmut Schmidt mutet sich
eine Menge zu. Taktische Finessen, ausgeprägtes Selbstgefühl, die
Bereitschaft alles zu geben und alles zu fordern, machen ihn auch
für Freunde oft genug schwer erträglich. Er muß gemerkt haben,
daß er sich an einer Grenzlinie befindet. Zumindest die hat Hel-
mut Schmidt erfolgreich im Ausgang des kontstruktiven Mißtrauens-
votums überschritten - aber um welchen Preis.... Sollte ihn die-
ser Alltag links oder rechts überholen, dann könnte schon morgen
das Ergebnis neue Ratlosigkeit sein" (Bericht aus Bonn am letzten
Freitag).
Ein NOWOTTNY hat es nicht nötig zu verheimlichen, daß seine Be-
richterstattung von der Anteilnahme für die Politik und ihre Füh-
rer getragen ist. Daß die Durchsetzung der gerade anstehenden po-
litischen Notwendigkeiten höchsten Respekt verdient, macht ein
"Bericht aus Bonn" allein dadurch deutlich, daß er in Wort und
Bild in den Vor- und Hinterzimmern der Macht und ihrer Inhaber
Probleme der Durchsetzung aufspürt, von denen sich der kleine Max
nichts hätte träumen lassen. Anders Friedrich der Große: dessen
geistige Brillianz und sein Durchblick bestehen darin, sich mög-
lichst viele Schwierigkeiten auszumalen, die der Kanzler so haben
könnte, wenn er seine Regierungsgeschäfte verrichtet. Gerade da-
durch, daß einem ununterbrochen Unwägbarkeiten, Stimmungslagen
etc. pp. vorgeführt werden, durch die das erfolgreiche Machen von
Politik überhaupt immer wieder in Zweifel zu ziehen sei, drückt
der Journalist seine fraglose Ehrerbietung für das aus, was an
politischen Zwecken vollzogen wird.
Gerade dadurch, daß einem der Gebrauch der Staatsgewalt vorge-
stellt wird als eine Welt ziemlicher Geheimnisse, die einer Latte
von Abhängigkeiten unterliegt, auf die man nie gekommen wäre,
wenn einem F.N. nicht von seinen Offenbarungen erzählt hätte,
stellt sich sogleich Zufriedenheit mit ihr ein, wenn man fest-
stellt: Politik passiert, trotz allem, was eigentlich dafür sprä-
che, daß sie fast ein Ding der Unmöglichkeit ist. Gerade dadurch,
daß unter Aufbietung aller armseligen Phantasie der dramatische
Zweifel am Gelingen der Politik und dem Wohlergehen ihrer Macher
spielerisch präsentiert wird, soll sich durch den bloßen Hinweis
auf ihr Stattfinden die entsprechende Beruhigung über sie ein-
stellen. Gerade dadurch, daß exklusiv von diesem fiktiven Stand-
punkt des gefährdeten Funktionierens der Politik Bedenken aufkei-
men, erklärt NOWOTTNY der Politik in Bonn seine Liebe.
In der Besprechung der Politik unter dem Kriterium ihres Erfolgs
und zwar so, daß sich ganz frei lauter Probleme ihres möglichen
Mißlingens ausgedacht werden (von der Laus auf des Kanzlers Leber
über das Wetter beim Staatsbesuch bis zur beschworenen Widerspen-
stigkeit des regierten Volks), besteht die Methode eines demokra-
tischen Journalisten, vor der Politik seinen Diener zu machen:
F.N. ist in der Tat eine besonders gelungene Ausgabe dieser
selbstbewußten Diener ihres Herrn. Er versteht es, mit einem
Grinsen, das Hintergründiges vermuten lassen soll, den Politikern
die Stichworte herzulispeln, an denen sie ihre Leistungen präsen-
tieren mögen. Nicht umsonst ist NOWOTTNY darum der Lieblings-In-
terviewer des Kanzlers, dem der sogar mal den Gefallen tut, Nach-
denklichkeit vor einem Bismarck-Portrait zu mimen, um seinen däm-
lichen Kommentar passend zu bebildern.
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