Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN ALLGEMEIN - In Freiheit gleichgeschaltet


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       Die freie Meinung zu Polen
       
       Daß alle  Welt von  Polen redet,  hat einen einfachen politischen
       Grund: Die  NATO-Staaten haben  beschlossen, die  polnischen Ver-
       hältnisse fürs eigene weltpolitische Interesse zu nutzen, und das
       macht eine  Weltkrise aus. Wo die westlichen Politiker bekanntge-
       ben, daß  sie in  Polen keine Herrschaft dulden werden, die nicht
       ihren Segen  hat, regieren sie flott in den sowjetischen Machtbe-
       reich hinein,  stellen ihn  unter dem Stichwort 'Jalta' sogar ex-
       plizit in  Frage: Ist die 1945 festgelegte Abgrenzung einer west-
       lichen und  einer sowjetischen Einflußsphäre in Europa heute noch
       zu halten?  Wie alle  Welt die  weltgeschichtliche Niederlage be-
       spricht, in  die die NATO ihren Erzfeind treiben will, ist aller-
       dings bodenlos:  Nicht die Freiheit, auf die der Imperialismus in
       Polen scharf  ist, und was er dafür alles inszeniert, sind Gegen-
       stand öffentlicher Kritik. Die einhellige Aufregung gilt vielmehr
       der unscheinbaren,  gleichwohl militanten Frage, ob das westliche
       Kriegsbündnis die  polnische "Krise"  in den  Griff kriegen wird,
       wobei die  Russen selbstverständlich Störenfriede sind, gegen die
       dem letzten  imperialistischen Großvorhaben  frohes Gelingen  ge-
       wünscht wird.
       Die BRD-Öffentlichkeit in Presse, Geistesszene und den Köpfen der
       Staatsbürger hat sich in ihrer Bereitschaft, der "äußeren Gefahr"
       zu begegnen,  gleichgeschaltet und fest um ihren Staats zusammen-
       geschlossen. Der  kann sich  zu solcher Kriegsbereitschaft seiner
       Bevölkerung nur  gratulieren. So  macht Politik Spaß: Der Kriegs-
       Showdown läuft reibungslos.
       
       DEUTSCHER HORT DER VERNUNFT
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       Die deutsche  Presse ist  sich von Augstein bis Springer in ihrer
       Lagebeurteilung zu  Polen so einig, daß man fast zum Anhänger ei-
       ner Manipulationstheorie  werden könnte:  "Unser deutsches Inter-
       esse", auch  "Friedensinteresse" genannt, muß unter allen Umstän-
       den gewahrt bleiben. Wie schön für alle Völker diesseits und jen-
       seits der Zonengrenze zu hören, daß politische Vernunft gebietet,
       die westdeutsche  Unterwanderung des Ostens - möglichst ohne stö-
       rende russische Intervention - weitergehen zu lassen:
       
       "Die Bundesrepublik,  jedenfalls die  Mehrheit ihrer  Bürger, be-
       hauptet sich als ein Hort der Vernunft."
       
       So sicher  sich die  Zeitungsleute in  dieser Prämisse auch sind,
       die im  übrigen den  einzigen Inhalt  ihrer Artikel  ausmacht, so
       schwer tun  sie sich  doch tagaus,  tagein dem  jeweils aktuellen
       Stand dieser  "Vernunft" zu  genügen. Hier  ist  journalistischer
       Spürsinn gefordert - von wegen Manipulation!
       
       "Ist die  Fortführung der Wirtschaftshilfe für Polen ein besseres
       Druckmittel gegen  den Osten als ein Boykott?" (Wie wär's mit ei-
       ner Kombination von beiden?)
       
       Soll man mit dem
       
       "polnischen General  Jaruzelski die  letzte Karte  der polnischen
       Souveränität"
       
       gegen die  Russen ausspielen?  Oder ist  der Mann "ein Quisling",
       der "im  Auftrage Moskaus  handelte" und  am besten kleingehalten
       werden muß,  um in  ihm die Sowjets zu treffen? Und was sagen die
       Amerikaner, ganz  zu schweigen von Frankreichs "dumpfem Schrei...
       gegen den Gewaltstreich in Polen"?
       
       "Über Polen  droht Zwist  im westlichen  Bündnis. Anders  als die
       Amerikaner glauben  die Bonner  nach dem  Besuch des Vizepremiers
       Rakowski, daß  die  Reformpolitik  nicht  gekappt  wird  und  die
       'Solidarität' weiter existieren kann. Gestärkt von der Sonne Flo-
       ridas, will  der Kanzler  beim Treffen mit Reagan seine Linie ge-
       genüber Warschau verteidigen."
       
       Wer muß  da wem  wieviel "nachgeben"?  Was eigentlich? "Mäßigung"
       gegen "harte  Linie"? Sind  das  nicht  gleich  zwei  respektable
       "Linien", die  UdSSR "einzudämmen"?  Bei soviel  theoretisch  gar
       nicht zu  klärenden Fragen  kein Wunder, daß die Pressefritzen es
       selten bis  zur gemeinsamen  Feinabstimmung bringen, obwohl jeder
       von ihnen alles daransetzt, dem anderen eine Nuance seiner Inter-
       pretation des  Weltgeschehens zu  klauen oder madig zu machen. So
       nähern sie  sich unentwegt an und sind am Ende froh, wenn die Po-
       litiker früher  oder später in ihrem Vorgehen gegen die russische
       und die  polnische Führung  zu den  fein "abgestuften  Maßnahmen"
       "finden", die  ja "kommen  mußten", will man nicht an der politi-
       schen "Vernunft"  zweifeln - was aber eh niemand will, weil Poli-
       tik ja eine zwar schwierige, aber letztlich doch "Kunst" ist.
       Genau die  vier Wochen politischer Absprache des Westens brauchte
       es, bis  auch noch  in der  letzten Redaktionsstube klar war, daß
       der Osten "abgewogen" zu "bestrafen" sei:
       
       "Für die  unterdrückten Bürger  Polens laut und unüberhörbar ein-
       treten," aber auch "mit dem Vatikan der Auffassung (sein), daß es
       darauf ankommt,  den Dialog  wieder zustande  zu bringen... neben
       der Solidaritat  des Bündnisses auch unsere eigene Interessenlage
       zu bedenken,"  so daß  teils "wirtschaftliche Sanktionen zunächst
       gegen Polen,"  dann "auch  noch Embargomaßnahmen  gegen  die  So-
       wjetunion" anstehen, teils noch nicht "das Erdgasgeschäft mit den
       Sowjets zu  überprüfen" ist. Andererseits ist es wichtig, daß man
       die Polen  an ihrem  Regime vorbei  mobilisiert und  "ihnen Hilfe
       schickt," was  solange geht,  wie man  nicht "womöglich sogar das
       grade erst nach langen Querelen begonnene Abrüstungsgespräch wie-
       der beenden"  muß. Inzwischen durch "die Tür für Entspannung" die
       Russen geschäftsmäßig  "an ihre Verantwortung für Polen erinnern"
       und für  den Fall des Falles ein bißchen mit "neuer Eiszeit" dro-
       hen usw. usf...
       
       Das alles findet sich in den einschlägigen EG- und NATO-Beschlüs-
       sen zu  Polen zwar präziser aufgelistet als bei den Herrn Journa-
       listen, doch darauf kommt's bei den Profis von der Presse ja auch
       nicht an, solange ihnen nur die Richtung klar ist, in die sie po-
       litisieren möchten.
       Dazu gehört,  daß sich  hin und  wieder einer  korrigieren muß  -
       stets maßvoll,  versteht sich.  Theo Sommer  von der "Zeit" hatte
       z.B. nach  der Machtübernahme  der polnischen Militärs am 18. De-
       zember in  der ersten  Euphorie etwas salopp befunden, hier liege
       doch für den Westen eine schöne Chance:
       
       "Man braucht  den perfekten Militärputsch des Generals Jaruzelski
       (...) nicht  unbedingt Billigung  zollen. Gleichwohl  muß man ihm
       Gelingen wünschen. Der nächste Akt im polnischen Drama wäre sonst
       wohl eine  massive  Sowjetintervention.  ...  Die  innere  Lösung
       schafft Atemluft: den Polen selber, den Russen, dem Westen."
       Ganz  ohne  Legitimation  für  westliche  Einmischung  in  Polens
       "P r o b l e m e"  mochte er das nicht stehen lassen, nachdem die
       "Frankfurter Allgemeine  Zeitung" ihn  und den in der Entwicklung
       politischer Perspektiven  ähnlich erfinderischen  Rudolf Augstein
       angemahnt hatte:
       
       "Die fürchterlichste  Logik im Falle Polens lautet, im Grunde sei
       der Ermordete  selbst schuld.  'Solidarität' habe die Schraube so
       lange überdreht,  das Land  so desorganisiert,  die Machthaber im
       Kreml  so  stark  herausgefordert,  daß  eine  gewaltsame  Lösung
       schließlich unvermeidlich  gewesen sei.  Unter solchen  Prämissen
       stellt sich  Jaruzelskis Militärputsch  als quasi  notwendig  und
       überdies als  das kleinere  Übel gegenüber  dem sowjetischen Ein-
       marsch dar.  Der Militärrat, lesen wir in einer deutschen Wochen-
       zeitung, 'ist wohl unentbehrlich'; die Lösung - Militärdiktatur -
       sei freilich 'unelegant'."
       
       Der öffentlich geforderte Theo Sommer schrieb in der Woche darauf
       schon wesentlich eleganter:
       
       "Ein polnischer  Ausnahmezustand ließ sich rechtfertigen, solange
       er das letzte friedliche Mittel zu sein schien, um der geplagten,
       zerrissenen Nation  die Möglichkeit  zu geben,  wenigstens  einen
       Teil der Reformen zu bewahren, ohne den Sowjets eine Handhabe zum
       Ergreifen zu  bieten. Es  kann nicht  das  geringste  Verständnis
       dafür mehr  geben,  seit  er  in  Gestapo-Aktionen  ausartet,  in
       massenhafte  Niederknüppelung  und  einer  'Normalisierung'  nach
       stalinistischem Schnittmuster."
       Dabei hätte  er leicht eine Retourkutsche gegen die "FAZ"-Schrei-
       ber landen können, die wie er die neue polnische Herrschaft unter
       dem Titel  "Jaruzelskis letztes  Mittel"  staatsmännisch  begrüßt
       hatten, um mit ihr gegen die Russen zu kungeln, die in Polen dem-
       nach überhaupt  nichts mehr  zu melden  hätten. Aber so sind sie,
       diese freischwebenden Ghostwriter der BRD: bis zur Selbstverleug-
       nung objektiv,  insofern es darum geht, politischen Notwendigkei-
       ten Rechnung  zu tragen,  und den polnischen Bedingungen zu genü-
       gen, zu  denen dieses  Land für den Westen zu haben ist - die Er-
       oberung "unserer"  ehemaligen Ostgebiete  geht nun  mal nicht  so
       einfach mit der polnischen Regierung, sondern verlangt antisowje-
       tische Anstrengungen  eigener Art,  zu denen  sich der Journalist
       auf seine  Tour ("stalinistisch")  gern bereit findet. Wie konnte
       er auch  seinen eigenen  Antikommunismus so  leichtfertig hintan-
       stellen, anstatt  ihn lautstark  zu zitieren - peinlich! Hätte er
       nur die  Regeln seines  Metiers beachtet und fleißig den Kollegen
       bei ihrer  Lagebesprechung  nachgeschnüffelt,  anstatt  sich  mit
       großem politischen  Gestus die  östliche Welt  unter den Nagel zu
       reißen. So  etwas muß  einem professionellen Möchtegern-Strategen
       ja passieren, aber andererseits tut übereifer seiner ambitionier-
       ten Politisiererei ja auch keinen Abbruch: Pressesprecher der Re-
       gierung kann  man so  immer noch werden; Servilität gegenüber der
       Politik ist ja vorhanden, und im Dienst kann man nur wachsen, wie
       das Beispiel des Kollegen und After-Kanzlers Kurt Becker lehrt.

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