Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN ALLGEMEIN - In Freiheit gleichgeschaltet
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Deutsche Boykott-Ideologien
ALLES GANZ MATT
Dem aufgeweckten politischen Leser teilen die Zeitungen beunruhi-
gende Nachrichten mit. "Nur noch eine Signalwirkung" sollen die
neuesten, von der EG beschlossenen Wirtschaftssanktionen gegen
die Sowjetunion und Polen haben.
Als "harmlos" wird der EG-Beschluß hingestellt, die Importe von
100 Warenpositionen von drüben "nur um 25% statt der ursprünglich
vorgesehenen 50% zu senken." Man wolle die Russen "gar nicht
ernstlich treffen", lautet schließlich die Feststellung der
"Neuen Zürcher Zeitung" - lapidar und vorwurfsvoll.
Die Sorge der Journalisten um die richtige Handhabung der Em-
bargo-Waffe hat es nicht im geringsten nötig, sich um die
tatsächlichen, "partiellen" Auswirkungen der Sanktionen zu küm-
mern. So ein Journalist ist mit dem Beschluß, den Ostblock mit
a l l e n Mitteln zu schädigen, so sehr einverstanden, daß ihm
jedes e i n z e l n e Mittel gleich als völlig wirkungslos er-
scheint - das ruiniert den Osten ja immer noch nicht! Dabei er-
scheinen Wirtschaftssanktionen gleich doppelt unwirksam: Erstens
ist die jeweils getroffene Maßnahme immer nicht der t o t a l e
Boykott, zweitens lassen sich dauernd Belege g e g e n das bru-
tale Ideal eines solchen Boykotts finden. Daß er nämlich die So-
wjetunion ohne die nötige kriegerische "Verlängerung" zum
A u f g e b e n zwingt, wie man den Sanktionen als Zweck andich-
tet, will sich ja nun absolut nicht bewahrheiten. Damit ist auch
gleich die künftige Lehre dieser theoretischen Erpressungsstrate-
gen vorbereitet: Solche Schädigungen sind immer "zu wenig" und
"gescheitert", weil die andere Seite nicht vor i h n e n kapi-
tuliert; also erzwingen sie geradezu weitergehende Schritte.
Daß die Politik solche feindlichen Wirtschaftsmaßnahmen als di-
plomatische Feindschaftserklärungen und wegen ihrer genau kalku-
lierten und schrittweise gesteigerten schädigenden Wirkungen er-
greift, wird also dadurch geleugnet, daß man sie als "bloß" wirt-
schaftliche betrachtet. Um so plausibler wird diese ideologische
Verdrehung, als die Politiker selbst nicht gerade mit Begeiste-
rung zu Werke gehen und sich über die Modalitäten und Schärfe der
einzuschlagenden Gangart streiten. Gefreut hat sich über einen
Boykott noch keiner, es sei denn der, der in eine Lücke springen
kann und darf. Dem Abbruch wirtschaftlicher Beziehungen gehen
schließlich lohnende Geschäfte voraus. Und daß die Benutzung der
anderen Volkswirtschaft des öftern deren Schädigung nach sich
zieht, ist normalerweise Anlaß, sie mit Kredit"hilfen" und Stüt-
zungsmaßnahmen wieder nützlich und immer mehr abhängig zu machen.
Deswegen hat unter dem Abbruch der friedlichen Wirtschaftsbezie-
hungen auch derjenige am meisten zu leiden, für den der wechsel-
seitige Nutzen des Handels immer mehr in seinem Ausbleiben be-
standen hat. Und in diesem Sinne hatte es der Westen mit den Ost-
blockstaaten erklärtermaßen schon sehr weit gebracht. Anderer-
seits ist den politischen Führern der Schaden, der ihrer eigenen
Ökonomie durch Handelsverluste entsteht, wohl bekannt, und sie
versuchen ihn möglichst klein zu halten.
Größte Wirkung, geringste Kosten
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So gerne sich der besserwisserische Staatsbürgerverstand auch -
scheinbar ganz materialistisch - auf den Schaden für die eigene
und den nicht genügenden Schaden für die feindliche Nation beru-
fen will - politisch verhandelt wird es anders. Jede Nation
möchte den Boykott wirkungsvoll durchgesetzt sehen, wenn schon
alle daran teilnehmen - nur sollten möglichst die anderen Bünd-
nispartner die U n k o s t e n tragen. Und da hat man manches
auszusetzen, zumal als deutscher Weltmarktsvertreter und Haupt-
nutznießer des Osthandels:
"Ein Embargo muß in jedem Fall die US-Getreidelieferungen umfas-
sen, denn es geht nicht an, daß die BRD im Ost-Handel gegenwärtig
insgesamt Defizite macht, während gerade die USA durch ihre
großen Weizenlieferungen große Überschüsse."
Bei diesem scharfen Kritiker amerikanischer Vormachtstellung han-
delt es sich um den Chef-Kapitalisten Wolff von Amerongen. In al-
ler kapitalistischer Unschuld vertritt er deutsche Geschäftsin-
teressen solange es politisch geht, und macht ein um's andere Mal
den Politikern den geheuchelten Vorwurf, die arme Wirtschaft
sollte jetzt durch ihre Boykott'opfer' für das Versagen der Poli-
tik geradestehen. Dieser Repräsentant deutscher Exporterfolge
kennt also die wirkliche Wucht von Wirtschaftssanktionen und ih-
ren politischen Zweck, teilt letzteren und erlaubt sich gerade
deswegen, nach der beschriebenen Logik - Wirtschaftssanktionen
schädigen die Russen nicht endgültig so, wie man es sich poli-
tisch vorstellen könnte - geschäftsmäßig Bedenken anzumelden. Und
ausgerechnet den soll man als Kronzeugen für deutsche Zurückhal-
tung und Distanz gegenüber den NATO-Beschlüssen ansehen, weil er
mit dem Argument der nationalen Wohlfahrt von den Amerikanern
eine verschärfende Eigenleistung fordert.
Dasselbe kann man übrigens auch ganz amerika-freundlich von sich
geben:
"Auch das Weizenembargo von 1980 hat Amerikas Steuerzahler letzt-
lich einige Milliarden Dollar gekostet, denn die Farmer mußten
vom Staat weitgehend entschädigt werden: Wenn in Rußland jedes
Jahr für sechs Milliarden harte Dollars amerikanisches Getreide
verfüttert oder aufgegessen wird, ist der Nutzen Amerikas in je-
der Hinsicht größer."
Wo es sich die USA doch grad "in jeder Hinsicht" leisten wollen,
auf diesen Nutzen keine Rücksicht mehr zu nehmen!
Genötigte Erpresser?
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Weil deutsche Politiker und Wirtschaftsvertreter als die Hauptko-
stenverwalter westlicher Boykottmaßnahmen die gemeinsamen Be-
schlüsse mit solchen Einwänden garnieren, tut die ganze deutsche
Öffentlichkeit gleich so, als ob unsere Führer nur widerstrebend,
ja nur gezwungenermaßen und immer mäßigend an der gemeinsamen Er-
pressungspolitik teilnehmen. So taugen deutsche Sonderinteressen
noch zur Bestärkung des widerlich guten Gewissens, aus Eigennutz
nicht der Scharfmacher gegen Osten und zugleich doch der selbst-
loseste Hauptträger der ökonomischen Lasten zu sein.
Noch einen Batzen Heuchelei dazu:
"Eingriffe in laufende Verträge mit dem Osten könnten jedoch das
gesamte Ansehen der westdeutschen Wirtschaft nicht nur dort, son-
dern weltweit beeinträchtigen."
So wieder Wolff von Amerongen; und Lord Carrington:
"Bestehende Verträge muß man einhalten!"
Das ist gelungen. Grad haben sie erklärt, daß Verträge nur noch
so lange aufrechterhalten bleiben, wie es die geplante Eskalation
vorschreibt, da stellen sich diese Burschen hin und machen sich
zum Tempeldiener eines höheren Prinzips der Gerechtigkeit. Rich-
tig blöd wird dieser Versuch, noch ein bißchen nationales Inter-
esse herauszuschinden, wenn Wolff von Amerongen vom beeinträch-
tigten Ansehen der westdeutschen Wirtschaft weltweit faselt. Wel-
ches ominöse Staatensubjekt außerhalb des Ostblocks (und selbst
da?) würde sich denn trauen, die westdeutsche Wirtschaft weniger
anzusehen? Das wär' doch wohl eher der Fall, wenn die BRD
n i c h t mitmachen würde...
Beim nächsten "Argument" ist eindeutig die Schamgrenze über-
schritten:
"Handelsbeschränkungen im Ost-West-Handel gehen in erster Linie
zu Lasten der Bevölkerung in den ost-europäischen Ländern."
(Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung)
Das hätten sich die Polen nicht träumen lassen, daß man mit ih-
nen, die während der gesamten Zeit friedlich ablaufenden Ost-Han-
dels kein einziges Mal die Begünstigten waren und auch nie dazu
vorgesehen waren, jetzt noch diese Sorte Leichenschänderei veran-
stalten kann.
Harmlos hingegen die Vergewaltigung von Erdball, Wirtschaftssy-
stem und 19. Jahrhundert:
"Unser heutiges, den Erdball umspannendes Wirtschaftssystem macht
alle Handelssanktionen im Stil des 19. Jahrhunderts weitgehend
wirkungslos." (Süddeutsche Zeitung)
P.S.:
Hin und wieder wird auf den fehlgeschlagenen Rhodesien-Boykott
hingewiesen. Dabei beweist der genau das Gegenteil: Die West-
mächte wollten einfach nicht, was einen UNO-Beschluß schlicht und
einfach zu Makulatur machte.
Wie selbstverständlich und ohne Diskussion über die mangelnde
Durchschlagskraft Boykottmaßnahmen über die Bühne gehen, wenn man
nur will, das bekommt gerade Argentinien zu spüren. Wenn man sich
schon bei einem aufmüpfigen Verbündeten so sicher ist, wie wird
dann wohl die Eskalation gegen den erklärten Feind aussehen!
Schließlich ist ein Boykott noch lange nicht das schlagendste und
letzte Mittel, sondern sein Vorbote und Vorbereiter!
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