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KAL 009 und Airbus 300
ZWEI VOLLTREFFER, EINE MORAL
Daß für das Sicherheitsinteresse von Staaten Opfer - auch Men-
schenopfer - gebracht werden müssen -, ist modernen Demokraten
eine Selbstverständlichkeit. Schlagzeilenträchtig werden solche
Leichen erst, wenn sie zwar wegen dieses Sicherheitsinteresses
draufgegangen sind, für dieses Interesse aber weder von Nutzen
noch überhaupt vorgesehen waren. Es kommt allerdings sehr darauf
an, wer da aus Sicherheitsgründen Leute vom Himmel geholt hat. Im
einen Fall entdeckt man die böse Absicht eines menschenfeindli-
chen Systems, im andern Fall das ausnahmsweise Versagen einer für
die Menschen und ihre Freiheit weltweit operierenden Schutzmacht.
Peinlich, peinlich!
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Natürlich ist den Journalisten sofort eingefallen, daß sie 1983
unisono aufgejault haben, als die Russen den koreanischen Airli-
ner heruntergeholt haben. Darum war ihnen der amerikanische Tref-
fer echt peinlich:
"Jetzt haben also auch die USA ihren Makel weg." (tz München,
5.7.88)
"Das unendliche peinliche Schweigen - Einen halben Tag lang
sträubte sich Washington, einen Irrtum einzugestehen, der Ameri-
kas Schutzfunktion am Golf ins Gegenteil verkehrt." (Süddeutsche
Zeitung, 5.7.88)
"Es ist seit Sonntag noch schwieriger geworden, das vielzitierte
Reich des Bösen eindeutig zu lokalisieren." (Frankfurter Rund-
schau, 5.7.88)
Daß die mit ihnen befreundete Supermacht das journalistische Kon-
zept, wie seine Politiker zwischen Freund = gut und Feind = böse
vor jedem Argument zu unterscheiden, ein bißchen anzukratzen
drohte, indem sie den 'brutalen Mord an unschuldigen Menschen'
imitierte und dabei gleich noch 21 drauflegte, das muß den Herren
in den Redaktionsstuben gestunken haben. Ein Uwe Zimmer von der
Münchener Abendzeitung wird gar ein wenig ausfällig gegen seine
Schutzmacht:
"Der Polizist, der seine Waffe derart verantwortungslos einsetzt
und Unbeteiligte tötet, unterscheidet sich nur noch graduell vom
Terroristen, den er zu bekämpfen vorgibt." (5.7.88)
Allerdings entschuldigt er sich umgehend für seinen Fauxpas mit
einem artigen Diener und beantragt mildernde Umstände von wegen
der journalistischen Problematik in puncto Rechtfertigungsversu-
chen:
"In einer Zeit, in der sowjetische Diplomaten den Schießbefehl an
der Mauer als 'unmenschlich' kritisieren, erleben wir beschämt
die Rechtfertigungsversuche einer Weltmacht auf Abwegen. Sie will
das Gute, doch sie schafft Leid."
Das heißt ja nun wirklich nicht, daß der Journalist lange betröp-
felt rumsteht und nicht mehr wüßte, was Sache ist, bloß weil die
Russen das liebgewordene Feindbild über sie widerlegen und die
USA dem Freundbild so ganz und gar nicht entsprechen. Er hält
sich bei seinem "Problem" nicht weiter auf und geht in die Offen-
sive.
Unvergleichlich!
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Die Stimme seines Herrn zitierend - wie es sich für den streng
vom Kommentar getrennten Nachrichtenteil eines pressefreien Blat-
tes gehört - und mit entsprechenden eigenen Worten ertönt ein
vielstimmiger Chor:
"Dazu US-Admiral Crowe: 'Es gibt zwei fundamentale Unterschiede
bei diesen Fällen: Der koreanische Jumbo flog in keiner Kriegs-
zone, und die Maschine wurde in keiner Form gewarnt.' Die Straße
von Hormus ist das gefährlichste Seegebiet der Welt." (BILD,
4.7.88)
"Wegen der Gefahren in der Reichweite des Krieges am Golf läßt
sich der Abschuß des Airbus A 30 auch nicht mit dem Abschuß eines
südkoreanischen Passagierflugzeugs... vergleichen. " (FAZ,
5.7.88)
Die linksliberale "Frankfurter Rundschau" macht die "unbekümmerte
Art" des US-Präsidenten, seine Zweitklassigkeit als Schauspieler,
die er in der Politik noch nicht mal bringt, seine geistigen
Schwächen und seinen Mangel an Führerqualitäten dafür
verantwortlich, daß die US-Birne den Vergleich, den die "FR"
sonst wohl gerne vermieden hätte, geradezu fahrlässig provoziert:
"Selbst als Schauspieler war er da schon besser... Entweder haben
seine Mitarbeiter ihren Chef wieder einmal nicht genug präpa-
riert, oder Reagan hat sofort wieder alles vergessen. So stößt
der Präsident die Weltöffentlichkeit geradezu darauf, sich ge-
nauer damit zu beschäftigen, ob die beiden Abschüsse nicht doch
miteinander vergleichbar sind." (Frankfurter Rundschau, 7.7.88)
Keine Sorge, bei solchen Sorgen besteht da keine Gefahr. Wo es
sowieso nur um die Einordnung der staatlichen Volltreffer in die
völkerrechtlichen, politischen, menschlichen Idealmaßstäbe - also
seine Vorstellungen von guter, gelungener Politik - geht, da
wirkt der gefestigte Glauben an die prinzipielle Unterschieden-
heit der beiden Staatsaffären Wunder. Es erübrigt sich jeder
wirkliche Vergleich, was nicht heißt, daß der Schreiber bei sei-
nen Formulierungen nicht dauernd den koreanischen Jumbo im Kopf
hat und ihn, wo's taugt auch ausdrücklich erwähnt, um die ver-
gleichsweise Harmlosigkeit von Menschenopfern für die Freiheit
herauszustreichen.
Unglaublich!
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Das ist die einzige Reaktion, mit der die freie Presse auf
b e i d e Ereignisse reagierte. Das schöne jedoch ist, daß die-
ser "Aufschrei des Entsetzens" sehr unterschiedlich gemeint ist.
In beiden Fällen wurden die R e c h e r c h e u r e mobili-
siert. Allerdings mit ganz entgegengesetzten Fragestellungen. Vor
5 Jahren wußten sie die Antwort immer schon und fragten daher gar
nicht lange, sondern prangerten das böse System an und entwarfen
ein Szenario der unausweichlichen Notwendigkeit des Abschusses
nach dem andern; sie glaubten nämlich felsenfest, daß den Russen
sowas "Unglaubliches" zuzutrauen ist, egal, was man ihnen alles
zu ihrer 'Entschuldigung' zugutehält:
"Auch wenn die Südkoreaner die Verantwortung für die Verletzung
des sowjetischen Luftraums zu tragen haben, so war dies kein
Freibrief für die Sowjets, die unbewaffnete Zivilmaschine mit 169
Menschen an Bord abzuschießen... Indem sie trotzdem geschossen
haben, haben sie in der Sprache des Strafrechts mit bedingtem
Vorsatz wehrlose Zivilisten getötet... Die Sowjets haben in die-
sem Fall die Menschenleben verachtende Brutalität ihres Systems
demonstriert, aber nicht wie Mörder gehandelt." (Süddeutsche Zei-
tung, 8.11.83)
"Selbst wenn man die Tötung von 169 Menschen nur als eine fürch-
terliche, von den Mechanismen des hypertrophen sowjetischen Si-
cherheitssystems und der Spionagefurcht ausgelöste 'Panne' be-
trachtet, wird jeder, der sich ein unbefangenes und nicht durch
irgendwelche Schwärmerei beeinflußtes Urteil bewahrt hat, sofort
bemerken, daß diese Panne nicht unverdient und nicht unverschul-
det kommt...
Die Welt hat jetzt den tödlichen Automatismus der sowjetischen
Militärmaschine in einem krassen Fall wahrnehmen müssen - dabei
ist es nur in anderer Form das, was wir als Tötungsmaschinen in
Deutschland haben: ein barbarischer Mangel an Friedfertigkeit.
Das Riesenreich hat selbst in seinen entferntesten Ecken noch et-
was zu verbergen und läßt gegen die Umherirrenden die Tötungsma-
schine wie in einem Science-fiction-Film blind walten - ein Miß-
griff, den das System sich selbst verzeiht, aber nicht der Rest
der Welt." (FAZ, 3.9.83)
Daraus geht hervor, daß der sowjetischen Seite erstens wohlbe-
kannt war, daß es sich um ein Verkehrsflugzeug handelte, zwei-
tens, daß der Abschuß nicht die Folge einer Einzelhandlung eines
beflissenen Piloten, sondern klarer Befehle vom Boden war." (FAZ,
3.9.83)
Natürlich geißelt die "FAZ" den Abschuß von über einem "Viertel-
tausend Menschen " (3.9.83) durch die A m e r i k a n e r nicht
nach diesem Muster als "unverzeihliches" Resultat eines
"hypertrophen Sicherheitssystems" der USA, die "noch in den
entferntesten Ecken der Welt" was abzuknallen haben - und das
"auf klaren Befehl vom Boden" Das wäre ja zu dumm für einen
klugen Kopf. Sie weiß ja, daß es sich im einen Fall um einen
"Zwischenfall", im andern um ein Verbrechen, für das der Begriff
Zwischenfall die reinste und interessierte Verharmlosung wäre:
"Das Ende des angeblichen kleinen Zwischenfalls im Fernen Osten
ließ Tass offen." (FAZ, 3.9.83)
"Fachleute zeigten sich überrascht, daß im Pentagon selbst neun
Stunden nach dem Zwischenfall noch mitgeteilt wurde, es lägen
keine Informationen über den Absturz des Airbus vor." (FAZ,
4.7.88)
Da hält sie sich viel lieber an die erkenntnisleitenden Fragen
der "AZ", die gar kein anderes Ergebnis als das des Untersu-
chungsauschusses des amerikanischen Kongresses erlauben, weil
vornehm davon abgesehen wird, daß bei der Wahrnehmung der
"ordnungspolitischen Rolle der USA" neben den Tausenden von Op-
fern, denen eh keiner nachweint, weil sie für notwendig erachtet
werden, auch welche anfallen, die zwar nicht vorgesehen sind,
aber allemal in Kauf genommen werden, bevor der "Auftrag" darun-
ter leidet. Während die Russen nach dem Dogma: Sie wollten den
Jumbo abknallen! abgehandelt werden, läuft die Erklärung des US-
Kriegsmanövers in der Presse unter genau entgegengesetztem Vor-
zeichen: Nie und nimmer gewollt oder auch 'nur' in Kauf genommen:
"Drei offene Fragen: Irrte der Mensch? Irrte die Elektronik? Oder
befahl ein irrsinniger Ayatollah einen Kamikazeflug:"
(Abendzeitung München, 5.7.88)
Entsprechend eingestellt macht man sich an die "Aufklärung des
H e r g a n g s". Es ist nämlich durchaus, bekannt, wozu die gut
ist und sein soll. Jedenfalls für Begutachter der internationalen
Politik, die bei den Machenschaften der eigenen Nation - beim
Kampf gegen Spione, den internationalen Terrorismus, für berech-
tige Machtinteressen usw. - regelmäßig ihr abgrundtiefes Ver-
ständnis für die Notwendigkeiten staatlicher Gewalt äußern. Des-
halb ist gegenüber den Russen prinzipielle Vorsicht geboten, so
mahnen sie, damit Verständnis erst gar nicht einreißt, egal was
sich noch ergeben mag!
"Der Versuch einer Erklärung des tatsächlichen Hergangs kann auch
nicht dafür in Anspruch genommen werden, das Verhalten der sowje-
tischen Seite zu entschuldigen." (FAZ, 7.9.83)
Genau deshalb ist ihnen beim amerikanischen Schuß der Hergang ei-
nerseits wichtig, weil er Gelegenheit für die heftige Bekundung
eben dieses Verständnisses bietet. Andererseits aber auch egal,
was noch alles rauskommt:
"Zum Hergang des Vorfalls hieß es in der Erklärung Reagans, der
Kurs des A i r b u s sei so gewesen, daß er direkt auf die
V i n c e n n e s zugeflogen sei, die zu diesem Zeitpunkt in ein
Gefecht mit fünf iranischen B o g h a m m a r-Rennbooten verwic-
kelt gewesen sei. Als die Maschine über Funk ausgesendeten mehr-
fachen Warnungen keine Beachtung geschenkt habe, habe die
V i n c e n n e s gemäß dem allgemein bekannten und üblichen Re-
glement gefeuert - 'um sich gegen einen möglichen Angriff zu
schützen'. Das einzige Interesse der USA im Golf, so Reagan in
seiner rund 25 Worte langen Erklärung, sei Frieden, 'und diese
Tragödie bekräftigt die Notwendigkeit, dies Ziel so rasch wie
möglich zu erreichen.'" (Süddeutsche Zeitung, 4.7.88)
"Zwar muß der genaue Ablauf des tödlichen Raketenschusses noch
durch eine Untersuchung geklärt werden, aber schon jetzt deuten
alle Anzeichen darauf hin, daß den Amerikanern ein schrecklicher
Irrtum unterlaufen ist, der wahrscheinlich zu vermeiden gewesen
wäre. Die Besatzung des Kreuzers hat offensichtlich überreagiert.
Das ist verständlich, aber nicht entschuldbar. Verständlich, weil
die Amerikaner seit der Beschädigung der Fregatte Stark und dem
Verlust von 37 Matrosen bei einem irakischem Raketenangriff au-
ßerordentlich nervös sind und weitere Opfer unter den eigenen
Leuten zu vermeiden trachten... " (Süddeutsche Zeitung, 5.7.88)
Irren ist menschlich, Lügen ist russisch!
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So wie man bei den Russen ganz ohne Klärung, v.a. g e g e n de-
ren amtliche Erklärungen, wußte, daß die Unmenschlichkeit des Sy-
stems den Finger am Abzug hatte, so wußte man hier sofort, daß es
sich nur um "menschliches Versagen" handeln konnte - auch ganz
ohne Klärung des Hergangs und ganz ohne Ergebnis der amtlichen
Untersuchung. An diesen "Erklärungen" stimmt nämlich so gut wie
nichts, wie man sowohl den folgenden Pressemeldungen wie auch dem
Bericht des Untersuchungsausschusses entnehmen konnte, aber so
recht darauf herumreiten bzw. gar die US-Regierung oder sich
selbst als deren inoffiziellen Agenturen der "Lüge" bezichtigen,
das wollte niemand. Da hieß es ganz vornehm:
"Washington korrigiert Darstellung des Airbus-Abschusses."
(Süddeutsche Zeitung, 8.7.88)
"Das Flugzeug habe sich im Gegenteil im Steigflug befunden."
(Süddeutsche Zeitung, 6.7.88)
Inzwischen hat das amerikanische Verteidigungsministerium - und
zwar ganz zur Zufriedenheit der freien Presse - alle Lügen über
den Hergang zurückgenommen und zugleich das Urteil "menschliches
Versagen" bekräftigt:
"Die Untersuchungen ergaben nun anscheinend, daß beides falsch
berechnet wurde. Der Airbus habe sich zum Zeitpunkt des Abschus-
ses in größerer Höhe als von den Radarspezialisten angenommen,
befunden, sei langsamer geflogen und außerdem gestiegen, nicht
gesunken. Kapitän Rogers, der nach eigenen Angaben bis zum letz-
ten Augenblick zögerte, gab aufgrund eines unkorrekten
'Angriffsprofils' den Befehl zum Abschuß von zwei Flugabwehrrake-
ten." (FAZ), 3.8.88)
Für dieses 'Versehen' hat er als US-Offizier inzwischen nach dem
Freispruch durch seinen Präsidenten auch noch die Kongreßbestäti-
gung bekommen, daß er nichts dafür konnte. Die Schuldigen sind
anderswo zu suchen (s.u.). Da will die öffentliche Meinung nicht
abseits stehen..
Zwar haben auch 1983 die Amis gelogen wie gedruckt:
"Der sowjetische Pilot konnte in keiner Weise diese 747 als etwas
anderes als ein Zivilflugzeug sehen." (Reagan, FAZ, 7.9.83)
"Erst vier Jahre später ist bekannt geworden, daß der amerikani-
sche Geheimdienst CIA, möglicherweise auch der Nationale Sicher-
heitsrat im Weißen Haus, den Präsidenten zu einer Irreführung der
Weltöffentlichkeit veranlaßt hatte. Die Amerikaner hatten damals
durch ihre elektronischen Überwachungsmittel schnell herausgefun-
den, daß den Sowjets eine schwerwiegende Verwechslung unterlaufen
war - sie hatten den koreanischen Jumbo für ein Flugzeue der US-
Luftwaffe gehalten, das trotz der sowjetischen Warnungen auf Kurs
blieb und alle Anweisungen ignorierte." (Süddeutsche Zeitung,
5.7.88)
Aber auch in diesem Fall ändern die nachträglichen Klarstellungen
und Enthüllungen über amerikanische Militärmanöver zur Austestung
der sowjetischen Grenzüberwachung, die den Jumbo-Abschuß provo-
ziert haben, gar nichts am bleibenden Urteil und wurden deshalb
auch unter ferner liefen gemeldet. Daß der "SZ" das heute über-
haupt wieder einfällt, liegt vor allem daran, daß d i e s e r
Vergleich so gut dazu taugt, zu demonstrieren, wie leicht doch
eine "Verwechslung" möglich ist. Die "FAZ" tischt dagegen einfach
unverfroren die alten Lügen nach wie vor auf:
"Dagegen flogen über einem Gebiet, über dem es Kämpfe nicht gibt,
sowjetische Abfangjäger lange neben der koreanischen Maschine her
und identifizierten sie, ehe sie das Flugzeug abschossen." (FAZ,
5.7.1988)
Sie haben ja auch so schön ins Konzept gepaßt:
"Es war eine Moskauer Chronik des Schweigens, der Irreführung und
der qualvollen Präsentation von Halbwahrheiten." (FAZ, 3.9.83)
"Das andere aber ist die Selbstentblößung des Systems der So-
wjetunion, und zwar nicht im allgemeinen, sondern an einem kon-
kreten Fall: eine Lüge nach der anderen, angefangen von der er-
sten Leugnung, zu wissen, was mit dem verschwundenen Flugzeug ge-
schehen sei - bis zu dem abrupten Umschlag in halbe Eingeständ-
nisse. Man kann sich Gründe denken, warum die politische Führung
so lügt: sie will weder ihre Streitkräfte noch sich selbst bloß-
stellen. Aber indem sie so handelt, entblößt sie sich nur schlim-
mer als eine Macht, die ihre internationale Umwelt bloß als
Feinde erkennt, denen sie nichts, keine Wahrheit, kein Wohlver-
halten und keine Rücksichtnahme schuldet." (FAZ, 10.9.83)
Zwar wollten auch die Amis vor den gestrengen Richtern der
Weltöffentlichkeit nicht gestehen, daß sie absichtlich 29 Zivili-
sten abgeschossen hätten, sie haben sogar ziemlich genauso lang
(9 gegen 24 Stunden = "einen langen Tag") geleugnet, damit etwas
zu tun zu haben, mehr als "Überraschung" wurde dazu jedoch nicht
geäußert:
"Die Vereinigten Staaten haben am Sonntag zugegeben, 'in einer
angemessenen Verteidigungsmaßnahme' einen zivilen iranischen Air-
bus A 30 über dem Persischen Golf abgeschossen zu haben... In der
entsprechenden Erklärung des Verteidigungsministeriums war die
Rede von einem reinen Verteidigungsakt, nachdem ein Hubschrauber
der fregatte 'Vincennes' von einem iranischen Kleinboot aus ange-
griffen worden sei und die iranische F-14 sich dem Schiff in of-
fenbar feindlicher Absicht genähert habe. Am Abend hieß es dann,
man sei nicht mehr sicher, ob eine F-14 abgeschossen worden
sei... 'Im Nebel des Kampfes', so das Pentagon, habe die
'Vincennes' auch ein iranisches Jagdflugzeug vom Typ F-14 abge-
schossen..." (FAZ, 4.7.88)
Aber d i e s e r o f f e n s i c h t l i c h e Propagandasumpf
von Lügen, halben Eingeständnissen und Irreführungen führt nie im
Leben mehr dazu, die völlig absurde - oben zitierte offizielle -
Schlußversion ernsthaft in Zweifel zu ziehen oder aus solchen
Zweifeln verständnislose Schlüsse zu ziehen.
Die Dialektik von Täter und Opfer - durchschaut und angewandt
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1983 hatte man sich noch aufgeregt, daß die SU "grobe politische
Beschimpfungen der USA und Südkoreas" äußerte, anstatt sich ins
Büßergewand zu werfen und sich förmlichst zu entschuldigen:
"Die Sowjets handelten nach der Devise: Eine Großmacht entschul-
digt sich nicht. Sie gesteht nichts ein, oder aber erst, wenn die
Beweise erdrückend sind. Sie spricht nicht von Schadenersatz,
sondern klagt an - die anderen." (FAZ, 8.9.83)
"Sie beharrten statt dessen darauf, auf der Grundlage internatio-
nalen Rechts und sowjetischer Gesetze gehandelt zu haben." (FAZ,
4.10.83)
1988 ergingen sich die politische Führung und die freien Mei-
nungsführer kongenial in groben Beschimpfungen des Schiitenpap-
stes und der abgeschossenen Flugzeugbesatzung. H i e r gilt der
Spruch, daß das Opfer selber schuld ist:
"Crowe äußerte Unverständnis darüber, daß der Iran aus dem Golf
eine Kriegszone macht und dann ein 'Passagierflugzeug zum Zeit-
punkt von Attacken' darüber fliegen läßt." (tz, München, 4.7.88)
"Kurz vor acht gestern morgen drohte in einem mitgeschnittenen
Funkspruch eine Stimme mit iranischem Akzent: 'Amerikanische
Schiffe, ihr werdet bald für eure Handlungen bezahlen... Das an-
greifende Flugzeug habe auf Warnungen weder geantwortet, noch
seinen Kurs geändert." (BILD, 4.7.88)
"Auch Teheran wird sich vorwerfen lassen müssen, daß es zur Ver-
meidung der Katastrophe hätte beitragen können... Der Iran hat
zwar den Krieg nicht begonnen, aber ebenso wie der Irak die
Kriegshandlungen in internationale Gewässer hineingetragen und
damit die zivile Schiffahrt gefährdet. Ohne diese Vorgeschichte
wäre die US-Navy nicht im Golf..." (Süddeutsche Zeitung, 5.7.88)
Auch für das liberale Weltblatt bleibt es dabei, was oberste Hee-
resleitung der USA und bundesdeutsche "Bild"-Zeitung gleich ge-
meinsam gewußt haben: Das abgeschossene Verkehrsflugzeug war sel-
ber schuld; es flog über ein im Kampf befindliches Kriegsschiff;
das war unverantwortlich. Wo ein freiheitliches Militär gerade
aufkreuzt und herumballert, da erfüllt es eine Friedensmission
und unverzichtbare Ordnungsaufgaben; da tragen die Betroffenen
also selbst die Verantwortung für die Leichen. Logisch!
So oder so: Die Verteidigungsfähigkeit
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des Westens muß verbessert werden
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Ein paar hundert Tote mitten im längsten Frieden der Geschichte
schreien natürlich nach Konsequenzen. Wie können solche Untaten
bzw. tragischen Verwechslungen, Versehen, Irrtümer, Fehlreaktio-
nen usw. usf. in Zukunft verhindert werden: Das abgrundtiefe Miß-
trauen gegen die Russen haben diese aufs anschaulichste gerecht-
fertigt:
"Was die Staatsmänner der Welt wohl als das Erschreckendste anse-
hen werden, ist die Tatsache, daß die Russen so unzurechnungsfä-
hig bezüglich ihres Luftraums sind, sich derart unsicher fühlen,
daß sie ein unbewaffnetes Verkehrsflugzeug ohne Herausforderung
abschießen... Das führt zu dem Gedanken, daß vielleicht der Fin-
ger am sowjetischen atomaren Abzugshebels ebenso unstet ist wie
derjenige, der den Befehl zum Abschuß dieser Maschine gab." (FAZ,
3.9.83)
Unberechenbar sind sie also, und das mit ihrer ganzen Weltmacht.
Dagegen hilft selbstverständlich nur eine konsequente und bere-
chenbare westliche Politik, die den Russen Sicherheit gibt: eine
Politik der Stärke. Und das Völkerrecht gebietet sie sogar uner-
bittlich:
"Kein Recht zum Abschießen" überschreibt ein Dr. Dr. Rudolf Dol-
zer, Heidelberg seine völkerrechtlichen Überlegungen:
"Aus der Sicht des Heimatstaats eines rechtswidrig abgeschossenen
Flugzeugs stellt sich weiter die Frage, ob das Vorgehen des Bo-
denstaats Aggression ist. Eine Resolution der UN-Generalversamm-
lung aus dem Jahre 1974 stellt klar, daß eine Aggression dann an-
zunehmen ist, wenn 'die Luftflotte' eines anderen Staats attac-
kiert wird... Die westlichen Staaten hatten sich vor 1974 eindeu-
tig dafür ausgesprochen, jeden Angriff auf ein Flugzeug als
'Aggression' zu kennzeichnen." (FAZ, 3.9.83)
Angesichts dessen, daß man sich eigentlich noch viel härtere Maß-
nahmen, nämlich einen ehrenwerten Kriegsgrund ausspinnen könnte,
erscheinen die ergriffenen Maßnahmen - zweiwöchige westweite Boy-
kottmaßnahmen gegen Rußlandflüge, Landeverbote für die Aeroflot,
Landeverbot für den sowjetischen Außenminister in New York zur
UN-Vollversammlung - glatt als gemäßigte Reaktion bzw. gefährli-
che Halbherzigkeit der freien westlichen Welt.
Die Erörterung von Gegenmaßnahmen gegen eine Wiederholung des Ab-
schusses eines Passagierflugzeuges durch Raketen Marke freedom
and democracy verlangt dagegen andere Kriterien. Die alten Sta-
tements seiner Herren übernimmt ein kritischer Journalist da na-
türlich nicht. Sie wären nämlich grundverkehrt gewesen, wenn man
hier nur die Nationen ausgetauscht hätte:
"Der Abschuß eines zivilen Passagierflugzeugs kann durch nichts
gerechtfertigt werden. Wir verurteilen diesen Akt der Brutalität
und der Nichtachtung von Menschenleben." (Genscher, FAZ, 9.9.83)
"Die Sowjetunion trägt die volle Verantwortung und Schuld für den
Tod von 169 wehrlosen Mitmenschen... Das sowjetische Verhalten
wird und muß von der Völkerfamilie verurteilt werden... Hier ste-
hen Glaubwürdigkeit und Vertrauenswürdigkeit einer Weltmacht auf
dem Prüfstand." (Kohl, FAZ, 9.9.83)
Für den 88er Zwischenfall hatte der Chef ja auch gleich die neue
Richtlinie vorgegeben. Der Iran steht auf dem Prüfstand:
"Bundesaußenminister Genscher schrieb dem iranischen Außenmini-
ster Welajati, das 'tragische Ereignis' beweise erneut die Not-
wendigkeit, die Resolution 598 des UNO-Sicherheitsrates anzuneh-
men und so die Region zu befrieden." (tz München, 5.7.1987)
Und schon war der entsprechenden Eigeninitiative und Phantasie
der pluralistischen Medien Tür und Tor geöffnet. Zum ersten müs-
sen die Amis noch mehr als bisher auf den Iran aufpassen:
"Seine (Reagans) Sorge ist jetzt weniger der Schutz der arabi-
schen Länder vor Chomeini als die Vermeidung einer Eskalation,
die zu einem Kriege Amerikas mit dem Iran führen könnte." (FAZ,
5.7.88)
Zweitens müssen die technischen Gerätschaften zur Kriegführung im
Golf verbessert und ihr Einsatz gewährleistet werden:
"Was aber, muß man sich fragen, sind Aufklärungsmittel auf einem
der modernsten US-Kriegsschiffe wert, die nicht zwischen einem
Airbus und einem iranischen Kampfflugzeug amerikanischen Typs un-
terscheiden können? Das vergangene Wochenende mit dem National-
feiertag am 4. Juli war vom US-Militär als eine Zeit eingeschätzt
worden, in der Iran versuchen würde, die US-Navy in Kämpfe zu
verwickeln. Gleichwohl flogen die USA keine Luftaufklärung, die
einem unsicheren Schiffsführer hätte helfen können." (Frankfurter
Rundschau, 4.7.88)
Und drittens muß man die Führungsmacht mit der Frage quälen,
warum sie eigentlich die technischen Mittel, die sie hat, nur so
begrenzt einsetzt, um die erwähnte Eskalation zu verhindern:
"Dennoch so Ex-Verteidigungsminister Brown zur SZ: 'Irgend etwas
wird sich wohl ändern. Vielleicht werden wir zum Patrouillieren
weniger Schiffe und mehr Flugzeuge benutzen - vor allem schnell
reagierende Kampfflugzeuge, wenn es zum Einsatz kommt. Auf jeden
Fall brauchen wir AWACS (fliegende Frühwarnsysteme), die fähig
sind, den Flug- und Schiffsverkehr genauer abtasten
Ein früherer Top-Mann im Pentagon fragt: 'Wo zum Teufel waren un-
sere AWACS überhaupt? War da wieder keine Koordination der US-
Navy mit der Airforce?' Derlei Fragen werden Washington noch
lange quälen." (Süddeutsche Zeitung, 6.7.88)
Nicht schlecht: Die Amis verhelfen 290 Leuten zur vorzeitigen
Himmelfahrt - und was lernen w i r daraus? Von diesen Burschen
müssen unbedingt noch mehr und mit verbessertem Kriegsgerät wie
souveränen Feldherrn an den Tatort. Damit Luft- und Schiffahrt im
Golf sicherer werden - versteht sich!
Viertens ist - kaum hat sich der Iran zum Waffenstillstand berei-
terklärt - ganz heftig darüber spekuliert worden, ob nicht der
Airbus-Abschuß - ganz im Sinne Genschers - ein bißchen mit dazu
beigetragen hat, Friedenswillen bei den islamischen Fanatikern zu
wecken. So erfährt das angeblich so tragische Versehen zuguter-
letzt sogar noch eine ganz und gar einleuchtende Sinndeutung für
aufgeklärte Demokraten. Es könnte den iranischen Widerstand ge-
brochen und damit den USA die ganzen Gewaltmaßnahmen erspart ha-
ben, die eine freie Presse als Konsequenz aus dem Abschuß für an-
gebracht hält. Als W i r k u n g weiß man also bei der richti-
gen Weltmacht zu schätzen, was man ihr als A b s i c h t nie
zutrauen würde: Feinde mit überlegener Macht kleinzumachen, wo
sie einem in die Quere kommen. Ohne Rücksicht auf gegnerische
Verluste.
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