Quelle: Archiv MG - BRD KIRCHE - Vom Mißbrauch des Verstandes durch den Glauben
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Der Vatikan gegen die "Theologie der Befreiung"
EINE LANZE FÜR DEN IMPERIALISMUS
"Die Befreiung ist vor allem und grundsätzlich eine Befreiung von
der radikalen Knechtschaft der Sünde. Ihr Ziel wie ihre Grenze
ist die Freiheit der Kinder Gottes, ein Geschenk der Gnade."
(Instruktion der päpstlichen Kongregation für die Glaubenslehre)
Die römische Glaubenskongregation, so heißt die Heilige Inquisi-
tion der Katholischen Kirche im aufgeklärten 20. Jahrhundert, hat
unter dem Vorsitz ihres deutschen Kardinals Ratzinger die soge-
nannte Theologie der Befreiung, auch "Volkskirche" oder "Kirche
der Armen" genannt, aus dem Kreis der Letiren ausgeschlossen, die
sich des Segens der Mutter Kirche erfreuen dürfen.
Was ist vorgefallen, so daß die Hüter der reinen Lehre in Rom ak-
tiv geworden sind: Vor allem in Südamerika haben nicht wenige
Priester, Bischöfe und Theologen Zweifel daran bekommen, ob der
gottverdammte Zustand der Massen so ein fruchtbarer Boden ist für
den Glauben eben dieser dahinvegetierenden, krepierenden oder von
der Obrigkeit abgeschlachteten Gotteskinder. Sie haben gemeint
und meinen noch, daß zu echten Knechten Gottes irgendwie auch Ge-
rechtigkeit und Menschenwürde dazukommen müssen, damit Gottes
Volk überhaupt zu kirchlichem Glaubensleben fähig ist. So setzen
sich beamtete Diener der Kirche dort ein wenig radikaler für die
Armen und Unterdrückten ein, als man das z.B. vom schrägen Kardi-
nal Höffner gewohnt ist: In "Basisgemeinden" wird für die sonst
gottgewollte Obrigkeit sicher nicht mehr so viel gebetet, eher
die zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit andiskutiert:
Der Jesus der Armen
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hätte heute zur Gegenwehr aufgefordert! Einige gebildete Christen
Lateinamerikas, die die "Volkskirche" predigen, schrecken auch
nicht mehr davor zurück, Gewalt unter gewissen Umständen christ-
lich zu nennen. Theologen haben diesem ganzen Ansinnen, in Süd-
amerika auf diese Weise den Glauben unter den Massen lebendig zu
erhalten, den Namen "Theologie der Befreiung" gegeben. Sehr un-
passend, wenn man unter Befreiung das sich frei machen von den
Ursachen der Misere dort versteht, also zunächst einmal das Weg-
putzen der Ausbeuter und Schlächter, der Gewaltmaschinerie, die
diesen dient usw. In Basisgemeinden, Volkskirchen - und wie die
demokratisch-menschlichen Titel alle heißen - soll das elende
Kind Gottes sich wieder als wirklicher Mensch mit christlicher
Würde fühlen und begreifen können und so ein gläubiger Christ
sein. Eine Landreform, vielleicht auch Gewehre für das liebe Je-
sulein - wer oder was soll da wohl befreit werden, wenn es um
Christi und seiner Kirche willen geschieht?
Wie dem auch sei. Der Umstand, daß die praktizierte Theologie der
Befreiung bei den gläubigen Latinos einigen Anklang findet; die
Tatsache auch, daß "ungerechte Machthaber" - auserwählte oder ge-
wählte Gorillas - die christliche Bewegung an der Basis für ziem-
lich ordungsgefährdend halten und nicht wenige Märtyrer geschaf-
fen haben, nehmen die Topmanager der Sache Christi im Vatikan
nicht zum Anlaß, der Theologie der Befreiung ihren Segen oder zu-
mindest das kirchenübliche opportunistische Placet zu erteilen.
Im Gegenteil. Mit dem ganzen Zynismus, über den die Religion ver-
fügt, wird der christlichen Variante in Lateinamerika eine Absage
erteilt. Dabei wird keineswegs verschwiegen oder verharmlost, in
welcher Scheiße die Massen der Vor- und Hinterhöfe des Imperia-
lismus herumzupatschen haben. Für christlich gerecht hält man in
Rom sogar die Sehnsucht, der durch die Schöpfungsgeschichte ver-
brieften Gottesebenbildlichkeit näherzukommen,
"jener Würde, die durch vielfältige, oft gehäufte Unterdrückungen
kultureller, politischer, rassischer, sozialer und ökonomischer
Art geschändet und mißachtet wird." (Instruktion)
Für notwendig erachtet man, daß Christen
"sich aus Liebe zu ihren enterbten, unterdrückten und verfolgten
Brüdern im Kampf um Gerechtigkeit, Freiheit und Menschenwürde
einsetzen. Mehr denn je will die Kirche die Mißbräuche, die Unge-
rechtigkeiten und die Verstöße gegen die Freiheit verurteilen, wo
immer sie begegnen und wer immer sie anzettelt, und mit den ihr
eigenen Mitteln kämpfen, um die Menschenrechte, insbesondere in
der Person der Armen, zu verteidigen und zu fördern." (ebenda)
Doch dann folgen, so sicher wie das Amen in der Kirche und durch-
aus in der
Logik des Glaubens
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liegend (wenn man bei einem Bekenntnis überhaupt von Logik reden
will), die christlichen Tricks, mit denen die Ideale der frei-
heitlichen westlichen Herrschaften, die Menschenrechte, genauso
von Rom aus angemahnt werden - neben der Selbstverständlichkeit
von Hunger, Not und Gewalt -, wie Reagan und seine Kumpane sie
vorgesehen haben.
Trick eins ist die Sache mit der S ü n d e d e s
M e n s c h e n. Diese nach dem Urteil des christlichen Glaubens
jeder vor Gott armseligen Schafsnatur zukommende Erb(sünden)-
anlage bestätigt mit ihrer Gleichmacherei ganz schön unangenehme
Unterschiede, bzw. Ausbeutungs- und Gewaltverhältnisse, in denen
"das Böse" eindeutig - sollte man meinen - zu fixieren ist. Gegen
die Theologie der Befreiung ist das Dogma von der allgemeinen
menschlichen Knechtschaft der Sünde das Gebot, sich nicht auf die
wirklichen Ursachen von Armut, Not und Tod konzentrieren zu
dürfen (egal, ob die Boffs das jetzt so tun oder wollen).
"In der Tat, angesichts der Dringlichkeit der Probleme sind man-
che versucht, den Akzent einseitig auf die Befreiung von der Ver-
sklavung auf irdischem und weltlichem Gebiet zu setzen, so daß es
scheint, daß diese die Befreiung von der Sünde an die zweite
Stelle setzen und ihr hierdurch faktisch nicht mehr die erste Be-
deutung einräumen, die ihr zukommt."
"Man darf auch nicht das Böse vorrangig und allein in den ökono-
mischen, sozialen und politischen 'Strukturen' orten, als hätten
alle anderen Übel ihre Ursache und Quelle in diesen Strukturen,
so daß die Schaffung eines 'neuen Menschen' von der Errichtung
anderer ökonomischer und sozio-politischer Strukturen abhinge."
(ebenda)
Klar, wenn man erst einmal
Das moralische Programm
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eines "neuen" oder "nach persönlicher Vollkommenheit" strebenden
Menschen aufgestellt hat und wenn in uns allen das Böse west, das
wir alle zu bekämpfen haben, dann ist natürlich schon der Ver-
such, sich um sich zu kümmern und die Verursacher von Not und
Elend abschütteln zu wollen, eine einseig Angelegenheit. Wer das
tut oder will - und nicht die Diener des Herrn, die eiskalt einem
Gorilla den Leib des Herrn in den Rachen schieben - "läuft Ge-
fahr..., den absoluten Charakter von Gut und Böse zu zerstören".
Die herrschenden Schlächter sind vor Gott genauso seine sündhaf-
ten Kinder wie die in Not Gehaltenen oder Abgeschlachteten. Daß
die einen sich dabei relativ besser stehen, macht da nichts mehr
aus - wenn sie doch um ihre Sündhaftigkeit wissen und sich von
der Sünde zu befreien suchen! Haben nicht beide, die Unterdrück-
ten und Enterbten wie die Unterdrücker, Ausbeuter und Erben der
Staatsgewalt ihr jeweiliges Los zu tragen?
Gegen das Gerücht, die Kirche hätte etwas gegen Armut und Knecht-
schaft, wird hier wieder einmal betont, was es heißt, sich der
Armen und Geknechteten um Christi willen a n z u n e h m e n:
Mit der
Ideologie vom sündigen Menschen
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macht sie sich stark für die Verhältnisse und Figuren, die Not
und Elend erzeugen, und anempfiehlt den Opfern, sich darein zu
schicken. Denn das ist der zweite Trick, der aus dem ersten
folgt. Sich daranzumachen, die Scheiße umzuwälzen, widerspricht
der geforderten Demut der christlichen Schafsnatur. Vertrau auf
Gott, und du wirst schon sehen, wie du selig wirst!
"Von Gott allein werden Heil und Heilung erwartet. Gott, nicht
der Mensch, hat die Macht, die Notsituationen zu wenden. So leben
die 'Armen des Herrn' in einer völligen Abhängigkeit, die auf die
liebende Vorsehung Gottes vertraut." (ebenda)
Wie tröstlich, zu wissen, daß ein Leben am Rande des Verhungerns
vom lieben Gott so vorgesehen ist. Ein Fall für die römische In-
quisition - und damit sind wir auch schon bei Trick drei -, wenn
jemand so vermessen ist, sich einfach um das tägliche Brot zu
kümmern. Wo bleibt da der Glaube, fragt Herr Ratzinger. Das wäre
ja Materialismus, gottloser zumal.
"'Der Mensch lebt nicht nur vom Brot, sondern von jedem Wort, das
aus Gottes Mund kommt' (Matthäus 4,4; vgl. Deuteronomion 8,3). So
sind manche versucht, angesichts der Dringlichkeit, das Brot zu
teilen, die Evangelisierung einzuklammern und auf später zu ver-
schieben: zuerst das Brot, später das Wort. Es ist ein tödlicher
Irrtum, die beiden zu trennen oder einander entgegenzusetzen."
(ebenda)
Was wohl tödlicher ist! Und vor allem: Wer trennt denn die bei-
den, setzt. sie entgegen und stellt das kaum sattmachende Hören
auf Gottes Wort gegen und über so vermessene Bedürfnisse, wie
seinen Hunger stillen zu wollen? Nichts schlimmer für die Ober-
pfaffen aus Rom und Deutschland als ein wohlgenährter Bauch, der
das Beten vergißt. Doch, es gibt noch Schlimmeres für die Hüter
der reinen Lehre. Trick vier ist nämlich die
Generalabrechnung mit dem Marxismus,
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dessen Versatzstücke der Vatikan in der "Theologie der Befreiung
aufgespürt hat. Doch eigenartig, man verdammt zunächst nicht ein-
fach den Hauptfeind des Freien Westens und auch Todfeind der Kir-
che, indem man ihn mit dem für Christen schlagendsten Argument
der Gottlosigkeit abkanzelt. Als ob man fürchtete, daß in Südame-
rika und sonst in der "Dritten Welt" einige Wahrheiten der Marx-
schen Kapitalismuskritik doch zu auffällig zutage treten, bemüht
sich die moderne Inquisition zu a r g u m e n t i e r e n. Aber
wie! Ausgerechnet Theologen, die ein gläubiges Bekenntnis zur ab-
soluten Wahrheit erklären und ihre Ideologie für Wissen ausgeben,
greifen den Marxismus wegen seiner Unwissenschaftlichkeit an. Man
bedient sich der säkularen Wissenschaft, die verkündet, daß man
nichts Genaues eh nicht wissen kann: "Vielfalt der Methoden und
Gesichtspunkte... jede nur einen Aspekt einer Wirklichkeit... we-
gen ihrer Komplexität keine einheitliche und univoke Erklä-
rung..." Jeder kann sich denken, was dann kommt: Marxismus ein-
seitig, Weltanschauung, Ideologie!
"Die ideologischen Apriori werden bei der Lektüre der sozialen
Wirklichkeit vorausgesetzt. So wird es unmöglich, die heterogenen
Elemente auseinanderzuhalten" (wollten Sie das denn, Herr Ratzin-
ger, Sie Heuchler?), "die dieses erkenntnistheoretisch hybride
Gemisch bilden. Man glaubt, nur das aufzugreifen, was sich als
Analyse darbietet, und wird dabei verleitet, gleichzeitig die
Ideologie anzunehmen." (ebenda)
Der Papst und seine im Glauben sauberen Kardinäle dagegen setzen
nur die über jede Ideologie erhabene göttliche Wahrheit voraus
und lassen sich natürlich nie dazu verleiten, hinter jeder hete-
rogenen Ecke der komplexen Wirklichkeit das liebe Jesulein zu
entdecken. So etwas ist nämlich keine Weltanschaung: "...das
letzte und entscheidende Wahrheitskriterium kann letztlich nur
selber ein theologisches Kriterium sein."
Das war sie denn auch schon, die trickreiche Argumentation. Mehr
Durchschlagskraft gegen die verirrten Schafe der Theologie der
Befreiung verspricht man sich offensichtlich auch in Rom von der
moralischen Aburteilung des Marxismus: Sich um sein Wohl kümmern,
anstatt der trostlosen Perspektive anzuhängen, auf den Trost im
Himmel zu warten - das erfüllt den Tatbestand der
"materialistischen Anthropologie", bleibt der "Diesseitigkeit"
verhaftet. Ein paar Wahrheiten über die Gründe des Elends der
Massen darf man diesen auf keinen Fall beibringen, die brauchen
nur die 'Einsicht', daß der Mensch eine Wahrheit besitzt, die
"Wahrheit des Menschen" eben, die man sich bei jedem aufrechten
Priester abholen kann, damit die elenden Gläubigen ihre Scheiße
schlucken. Der böse Marxismus "verrät" die Armen, indem er sol-
ches hintertreibt.
Noch böser führt er sich auf: Er treibt sie zu "Klassenkampf" und
"Gewalt" an. Dabei macht die Heilige Inquisition gar nicht den
Versuch, zu bestreiten, daß es so etwas wie Klassen gibt - "Sie
(die Kirche) ist keine Kirche der Klasse oder nur einer Kaste."
Sie fordert einfach brave Untertanengesinnung, egal wie dreckig
es den Leuten geht. Was wie eine Wahrheit über die Welt aussieht,
meint sie von diesem Standpunkt aus als abgrundtiefe Verurtei-
lung:
"...der Klassenkampf beinhaltet, daß die Gesellschaft auf der Ge-
walt aufbaut. Der Gewalt, die die Herrschaftsbeziehungen der Rei-
chen über die Armen darstellt, antwortet die revolutionäre Gegen-
gewalt, durch die diese Beziehung umgestürzt werden wird."
(ebenda)
So etwas eigentlich Naheliegendes ist für die christlichen Propa-
gandaabteilungen des Freien Westens, wo die gottgewollte und der
Wahrheit der Person entsprechende freie Marktwirtschaft die Seg-
nungen von Hunger, Not und Tod verbreitet, eine schwere Todsünde.
Mißbraucht, verraten werden die Armen, wenn man sie auffordert,
sich zu wehren:
"Dadurch wird der christliche Sinn der Armut pervertiert, und der
Kampf für Rechte der Armen verwandelt sich in eine Klassenausein-
andersetzung im ideologischen Sinne des Klassenkampfs." (ebenda)
Vor Gott hat eben auch Armut einen Sinn, so daß man sich vorstel-
len kann, wie der christliche Kampf für die Rechte der Armen -
ohne alle marxistische Perversion, versteht sich - aussieht:
Denen es dreckig geht, die hätten eigentlich das Recht, würdiger
- vielleicht auch mit mehr Brot? - behandelt zu werden. Das hilft
ihnen zwar nichts, aber die Kirche kann mit Genugtuung feststel-
len, daß die maßgeblichen westlichen Herrschaften auch so denken
und reden.
Noch Zweifel daran, daß es sich bei der gerade wieder in Aktion
getretenen katholischen Kirche (die Evangelen sind übrigens in
diesem Punkt nicht besser) um eine einzige Propagandainstitution
des Imperialismus handelt, auch ohne daß diese vom CIA bezahlt
würde?
Vielleicht kann noch der letzte Trick überzeugen, den der Vatikan
gegen die angeblichen marxistischen Umtriebe in der Theologie der
Befreiung auf Lager hat. Mit der puren Feindschaftserklärung und
Verteufelung des kommunistischen Ostblocks
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beendet die päpstliche Glaubenskongregation ihre diffizile Wider-
legung des Marxismus und seiner sündhaften klassenkämpferischen
Art. Das muß noch den letzten Christen überzeugen, der alle vor
Gott gleichen Menschen liebt, auch die Herrschaften, um die Sünd-
haftigkeit auch derer im Osten weiß und ihre Würde achtet. Beten
wir auch für die Verirrten und Verstrickten und Verstockten!
"Ebenso ist der Umsturz der Ungerechtigkeit erzeugenden Struktu-
ren durch die revolutionäre Gewalt nicht ipso facto" (soll
selbstverständlich heißen: die Heuchler tun so, als hätten sie
einen besseren revolutionären Fall im Sinne) "der Beginn der Er-
richtung einer gerechten Herrschaft. Einer der wichtigsten Fakten
unserer Zeit muß alle, die ehrlich die Befreiung ihrer Brüder
wollen, zum Nachdenken anregen. Millionen unserer Zeitgenossen
sehnen sich legitimerweise danach" (sind etwa die Massen in Süd-
amerika gemeint?), "die grundlegenden Freiheiten wiederzuerlan-
gen, deren sie durch totalitäre und atheistische Regierungsformen
beraubt wurden, die auf revolutionärem und gewalttätigem Weg die
Macht an sich gerissen haben, und dies im Namen der Befreiung des
Volkes. Man kann diese Schande unserer Zeit nicht übersehen:
Ganze Nationen werden unter menschenunwürdigen Bedingungen in
Knechtschaft gehalten..." (ebenda)
Wohlgemerkt, gemeint sind nicht Südamerika oder andere freiheit-
liche Gegenden der Dritten Welt. Dort betrachtet ja gerade der
Vatikan mit Unbehagen die Theologie der Befreiung und verweist
sie in ihre kirchlichen Schranken, nicht zuletzt mit dem Hinweis
auf Moskau. Denn mag auch in den Basisgemeinden oder sogenannten
Volkskirchen Lateinamerikas von gewaltsamen, klassenkämpferischen
Umtrieben, von irdischen Bestrebungen, die auf den lieben Gott
pfeifen, nichts zu entdecken sein: Den Kirchenführern reichen die
paar kritischen Ansätze der Theologie der Befreiung, um radikal
zu werden im Sinne der reinen Lehre. Reagan und seine Gorillas in
Südamerika werden dafür dankbar sein.
Leider ergeht sich die gängige
Kritik am Vatikan
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mal wieder in harmlosen Angriffen auf die inquisitionsmäßigen,
mittelalterlichen Verfahren der Heiligen Kongregation (kein
Rechtsanwalt, nicht öffentlich, Amtsenthebung ohne Rechtsverfah-
ren usw.); in Spekulationen über einen Machtkampf der Kirche des
Abendlandes gegen die vielen Gläubigen in Südamerika. Auch der
gute Boff beschwert sich über das ungerechte bürokratische Ver-
fahren und meint mit der Rede, daß im Jahre 2000 zwei Drittel der
Gläubigen der katholischen Kirche in Südamerika leben, ein gutes
Argument für seine Theologie der Befreiung zu haben. Haben die
Kritiker des vatikanischen "Feudalismus", hat Boff nicht bemerkt,
daß die unangenehme Macht der katholischen Kirche in ihrer
christlichen Ideologie besteht, die haarscharf den Idealen des
Imperialismus entspricht, ohne daß sich dieser von ihnen leiten
läßt? Offenbar wollten sie das nicht bemerken. Sonst hätte Boff
dem Ratzinger seine Kutte um die Ohren gehauen (er wäre schon gar
nicht nach Rom gefahren) mit dem einfachen Argument, daß es in
Lateinamerika zu heiß dafür ist, anstatt mit dem Kardinal darüber
zu labern, daß es auf das Herz darunter ankomme. Aber eben, auf
den Glauben wollen sie alle nichts kommen lassen, für so unschul-
dig halten sie ihn.
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Theologie mit der Armut
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Die Kirche in Lateinamerika:
"Ein Großteil der Erziehungsinstitutionen der Kirche ist den Ar-
men gewidmet. Trotzdem ist die Anteilnahme der Armen an der Kir-
che noch sehr gering. Der größte Teil der praktizierenden Katho-
liken stammt aus der Mittelschicht." ("Hirtenbrief an das Volk
Gottes", Repräsentative Kommission der Nationalen Bischofskonfe-
renz Brasiliens, 1976)
Eine neue Linie, bei der die Kirche sich auch als eine der Armen
präsentiert, wäre besser - für die Kirche. Hat doch Religions-
stifter Christus ausdrücklich auf den großen Fischteich hingewie-
sen, in dem seine Jünger die Netze auswerfen sollen:
"Gott schickte seinen Sohn Jesus als Hoffnung und Schutz für den
Schwachen, den Unterdrückten den an den Rand geschobenen... Chri-
stus ist in diesen Menschen sichtbar gegenwärtig."
("Hirtenbrief...")
Diese Menschen müssen es nur merken können. Der Kirche fallen
Menschen unangenehm auf, die anscheinend vor lauter Sorgen andere
Sorgen haben als ihr S e e l e n wohl, und hält d a s für
einen unhaltbaren Zustand:
"Für einen Menschen mit leerem Magen, der sich in einem Zustand
körperlichen Elends, in Wohnungsnot und im Kampf ums Überleben
befindet, gibt es keine Öffnung zur übernatürlichen Ordnung. Es
gibt einfach ein Mindestmaß an materiellen Bedingungen, das er-
füllt sein muß, damit man überhaupt vom Glauben sprechen kann."
(Positionspapier des chilenischen Episkopats bei der römischen
Bischofssynode 1974)
Wohlgemerkt ein M i n d e s t m a ß - für den Glauben. Bohnen
für ein Hallelujah? Keineswegs will die Kirche ausgerechnet in
Südamerika ein Reich der Freiheit und des Wohlstands auf dieser
Welt erkämpfen helfen:
"Aufgrund der unverletzlichen Würde jeder einzelnen Person müssen
wir die Armut bekämpfen, und zwar nicht, um sie dem Reichtum ent-
gegenzusetzen und Reichtum als Ideal vorzuschlagen, sondern um
gerechtere Beziehungen zwischen den Menschen zu erreichen, die
den Notstand von Reichen und Armen beilegen." (L. Boff, Theologie
der Knechtschaft und der Befreiung, Petropolis 1980)
Auch der "linke" Bischof von Recife, Dom Helder Camara, mahnte,
daß "das Übermaß an Komfort entmenschlicht" (in: "Revolution für
den Frieden", Freiburg 1969) und L. Boff formuliert als Ideal der
Befreiungstheologie:
"Wir müssen die materiellen Bedingungen liefern, die eine Lebens-
weise in gottgefälliger Armut ermöglichen." (a.a.O.)
So geht die "Befreiungskirche" in die Slums, weiht sie zu Basis-
gemeinden und erzählt den Armen, daß sie an sich schon die ei-
gentlich Reichen sind:
"Die Armen sind seliggesprochen nicht einfach deshalb, weil sie
arm sind, sondern weil sich gemäß der Offenbarung das Reich Got-
tes auf ihre Seite stellt, in seiner Gerechtigkeit und seiner
Liebe." (G. Gutierrez, "Arme und Befreiung in Puebla", Sao Paulo,
1971)
Wo es beim "Kampf um die Veränderung der Welt" um etwas Höheres
geht, nämlich um ein "Treffen mit Gott" (L. Boff), ist die
"Befreiung" vorwiegend ein i n n e r e s Erlebnis:
"Denkt daran, liebe Arbeiter, daß die wichtigsten Lebensnotwen-
digkeiten von christlichem Standpunkt aus zu beurteilen sind, daß
die materiellen Güter, mögen sie auch noch so nötig sein, nicht
vollkommen das Herz des Menschen erfüllen, daß es auch Werte gibt
wie Würde, Zurückhaltung, Ehrlichkeit und Leistung, die innig an-
gestrebt werden müssen." (Erzbischof Romero in: "La Voz sin Voz",
San Salvador 1980)
Daraus folgt eine Absage an Klassenkampf:
"In einer gespaltenen Welt haben christliche Basisgemeinden die
Funktion, gegen die trennenden Mächte und die Ursachen dieser
Trennung zu kämpfen. Der entschlossene Kampf gegen gesellschaft-
liche Parteiungen ist das Zeichen der Präsenz von christlicher
Gemeinde." (G. Hartmann, "Christliche Basisgruppen und ihre be-
freiende Praxis", München 1980)
Und ein klarer Missionsauftrag gegen die R e v o l u t i o n:
"Der Versuchung, gesellschaftliche Änderungen mit Gewalt anzubah-
nen, gilt es zu widerstehen, denn die Waffe der Kirche ist das
Kreuz. Ihre Kraft ist die Gnade Gottes. Um das Reich nicht dieser
Welt, sondern Gottes zu bauen, müssen wir glauben, beten und vor
allem leiden, ja sogar sterben..." ("Hirtenbrief...")
Eben: T h e o l o g i e der Befreiung.
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