Quelle: Archiv MG - BRD KIRCHE - Vom Mißbrauch des Verstandes durch den Glauben
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Arbeitsteilung in Chile
PINOCHET LÄSST SCHIESSEN - WOJTYLA BESCHWICHTIGT DIE OPFER
Der obdachlose Chilene Patricio Juica, der während des Papstbe-
suchs in Santiago de Chile von einer Militärpatrouille erschossen
wurde, hat keine Chance, in den Kirchenkalender als Märtyrer ein-
zugehen. Er nutzte nämlich die Anwesenheit des obersten Kutten-
trägers nicht zu Andacht und Buße, sondern schamlos zu so niede-
ren Zwecken wie der 'Besetzung' eines brachliegendes Grundstücks.
Offenbar war ihm der Systemvergleich entgangen, mit dem der Gast
aus Rom schon vor seiner Ankunft klargestellt hatte, was in Chile
geht und was nicht.
"Der Papst grenzte die Situation in Chile von der in Staaten wie
seinem Heimatland Polen ab. Die Polen hätten keinen Grund zu der
Hoffnung, daß sich bald etwas Grundlegendes ändern werde. In
Chile sei das anders. Diktaturen sind eine Sache, und Diktatoren
eine andere. Eine Sache ist das Phänomen eines Diktators, der
verschwinden muß - die Rückkehr zur Demokratie ist garantiert.
Eine Diktatur als fortdauerndes System ist etwas ganz anderes."
(FR, 2.4.)
"In Chile gibt es ein Regime, das sich selbst als Übergang be-
trachtet." (SZ, 2.4.)
Der klerikale Partisan weiß zu unterscheiden. In Warschau und
Tschentschochau hetzt er das Volk nur allzugerne gegen seine Ob-
rigkeit auf, schließlich soll dort die heilige Sache mit dem
Sturz des Regimes zusammenfallen. Nicht so in den westlichen
Freiheitsbastionen vom Schlage Chiles. Dort geht für den Papst
die politische Herrschaft i m P r i n z i p in Ordnung, was
der Kirche den diplomatischen Spielraum offenhält, einige Beden-
ken gegen die Herrschaftsfiguren und ihre Methoden anzumelden;
auf jeden Fall soll das chilenische Volk das geduldige Ausharren
auf die Vergänglichkeit seiner Schlächter nicht mit Widerstand
gleichsetzen. Polen und Chile sind nicht zu verwechseln. In Chile
kann der Papst auf ein Land hoffen, wo ihn vom Präsidentenpalast
über die Slums bis zu den Militärgefängnissen nur treue Schafe
erwarten. Den paar schwarzen Schafen in den oberen Rängen begeg-
net der Papst als guter Hirte mit einer Mordsgeduld, dem Rest der
Herde bringt er einen prallvollen Sack von Hoffnung, Trost und
Beschwichtigung.
Der gemeinsame Kampf gegen das 'Böse'
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Chile wurde den Erwartungen des Gastes gerecht, allen voran Pino-
chet. Er präsentierte sich - ganz in Weiß wie der Papst - als
strammer Katholik, der den Mord an Allende und Tausenden anderer
Chilenen gläubig aus den päpstlichen Enzykliken ableitete.
"Zum Verständnis der Lage in Chile sei es jedoch unerläßlich,
daran zu erinnern, daß dieses Land 'unter der schweren Aggression
und Verfolgung durch die extremistischste, materialistischste und
atheistischste Ideologie leidet, die die Menschheit je gekannt
hat'. Der Papst selbst habe wie kein anderer die von dieser Ideo-
logie ausgehende Bedrohung in ihrer ganzen Dimension erfahren
können." (Pinochet laut FAZ, 3.4.)
Die Botschaft des chilenischen Freiheitshelden an den polnischen
Möchte-Gern-Befreier, die großen Seuchen der Menschheit betref-
fend, saß. Schließlich hatte Pinochet mit seinen Superlativen nur
Wojtyla und die Taube in seinem Braintrust zitiert. Den beiden
war zuerst und ex cathedra aufgefallen, daß Extremismus, Materia-
lismus und Atheismus die hervorragenden Eigenschaften des Leib-
haftigen seien und daß derselbe im Osten seinen wandelnden Aus-
druck gefunden habe. Man sieht, daß durch die Brille des Kirchen-
fürsten gesehen, Demokratien mit ihren braven und bescheidenen
Schafen sich auch dann keine päpstliche Kritik einfangen, wenn
sie es zu einer stattlichen Neuen Armut und Polizeistaatsmethoden
bringen. Dem katholischen Antimaterialismus ist darin tausend mal
mehr entsprochen, als es ein Oststaat mit seinem "Konsumprogramm"
jemals vermag. Kongenial begrüßte Wojtyla seinen Gastgeber mit
Worten, die diesem wiederum sehr bekannt vorkamen. Den "Sieg des
Guten über das Böse " hat er sich seit Jahren auf die Fahne ge-
schrieben. Jene vielgepriesene diplomatische Zurückhaltung, die
Wojtyla Pinochet gegenüber aufgebracht haben soll, verdankt sich
einzig einer offenen Frage. Wie lange ist der Freie Westen mit
der Stabilität des Junta-Staates noch zufrieden? Die politische
Unzufriedenheit der führenden westlichen Staaten mit Pinochets
Regiment ist es, die Wojtyla mit diplomatischer Zurückhaltung
beantwortet: Keine Umarmung mit dem General, aber auch keine Re-
den an die Massen, die den Aufruhr befördern. Die Frage des Nach-
folgers von Pinochet gehört nach christlicher Lesart sowieso
nicht vom Volk, sondern von ganz anderen guten Hirten entschie-
den.
Getrübt wurde die christliche Allianz der beiden Männer in Weiß
nur durch eins. Einige Hunderttausend Chilenen verwechselten den
Messias Nachfolger aus Rom mit einem auswärtigen Befreier, der
ihnen Pinochet vom Hals schaffen wollte. "Heiliger Vater, nimm
ihn mit!", stand auf den Spruchbändern zu lesen. Das ist in des
Wortes tiefer Bedeutung ein frommer Wunsch. Denn warum sollte
ausgerechnet der Papst Pinochet aus Chile abschleppen? Der hatte
ihn doch explizit als Übergangslösung empfohlen. Und wohin? Im
Vatikan gibt es keine Generäle, und die Machtpositionen in der
übrigen westlichen Welt leiden nicht gerade unter Nachwuchssor-
gen.
Wojtyla ließ Chile seinen Pinochet. Und darüber hinaus gab er dem
Land noch etwas für den langen Weg des Übergangs mit, die Er-
kenntnis nämlich, daß wo immer Unterdrückung herrscht, Pfaffen-
trost nicht weit ist. Während Chiles Polizei und Militär gerade
einige Hundert Pobladores aus Santiagos Armenviertel zusammen-
knüppelten, verkündete der Papst Chiles Elendsgestalten, daß der
Mensch vom Brot allein nicht lebt. "Selig seid Ihr, wenn Ihr ein
Herz habt, daß nicht am Weltlichen haftet, denn so wird der Vater
Euch seine Mysterien zeigen und Euch helfen, das Joch Jesu zu
tragen."
Das Versprechen konnte der Papst nicht halten. Alles, was die
Menge zu sehen bekam, waren die Schlagstöcke und Tränengasbomben
des chilenischen Gewaltapparates. Diese gläubigen Menschen in
Uniform hafteten so entschieden am Weltlichen ihres Berufs, daß
einige Tränengasgranaten in unmittelbarer Nähe des Gastes lande-
ten, was diesen zu den ersten echten Tränen seiner Laufbahn nö-
tigte. Mit der Abgebrühtheit des Missionars ging Wojtyla über
Schlagstock und Gewehr, über Verletzte und Tote hinweg, ein uner-
müdlicher Vorkämpfer gegen Gewalt, wenn sie auf der falschen
Seite ist. Mit sicherem Gespür für den genius loci predigte er
ausgerechnet in Santiagos Fußballstadion, das Pinochet in ein KZ
umgewidmet hat, sein ganz persönliches 'Nieder mit der Gewalt!'.
"Er setzte alle seine rhetorischen Fähigkeiten ein, die Veran-
staltung nicht in seinem Beisein zur politischen Kundgebung aus-
arten zu lassen. Mit angespannter Miene, und mit erhobenem Zeige-
finger, die Sätze mitunter einzeln hämmernd, wandte er sich gegen
Gewalt und Haß, und propagierte den Glauben als Richtschnur auch
des politischen Engagements. Und er bat eindringlich dazu, sich
'nicht von der Gewalt verführen zu lassen', auch wenn es tausend
Gründe gibt, die sie scheinbar rechtfertigen." (Weser-Kurier,
2.4.)
Der frenetische Beifall, den der Papst für diese Laudatio auf die
chilenischen Opferlämmer erhielt, gibt ihm noch lange nicht
recht. Er zeigt nur, daß der Fanatismus des Glaubens an Trostlo-
sigkeit nicht zu überbieten ist. Weihrauch und Tränengas werden
so auch weiterhin zu den Reizen des chilenischen Alltags gehören.
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