Quelle: Archiv MG - BRD KIRCHE - Vom Mißbrauch des Verstandes durch den Glauben
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Wochenschau
PAPST WOJTYLA
bricht diese Woche zu seiner zweiten "Pilgerreise" in die Volks-
republik Polen auf, also nicht - und auf diese Feststellung legt
er wert - in p o l i t i s c h e r Absicht, sondern in Ausübung
seines Berufs. Und hierin hat ihm die politische Lage in Polen
einen E r f o l g gebracht, von dem seine Vorgänger im Stell-
vertreter-Gottes-auf-Erden-Metier nur träumen konnten: Auf dem
Misthaufen der Geschichte der kommunistischen und Arbeiterbewe-
gung gelandet sind sowohl Marxens gehässige Bemerkung von der Re-
ligion als O p i u m d e s V o l k e s als auch Stalins ab-
schätzige Frage nach der Anzahl der D i v i s i o n e n d e s
V a t i k a n. Polens immer noch kommunistische Führung lädt in
der Gestalt dieses größten Dealers der modernen Weltgerichte den
geistigen Divisionskommandeur der nationalen Opposition auch noch
höchstoffiziell ein, weil sie dies für weniger gefährlich hält,
als ihn auch nur inoffiziell auszuladen. So wird Wojtyla segnend
und hetzend durch die Woiwodschaften ziehen und in riesigen, auch
noch vom staatlichen Fernsehen übertragenen Teach-ins ohne Dis-
kussionsbeiträge für einen, diesmal vom Volke getragenen,
A u s n a h m e z u s t a n d sorgen. Für ein winziges Zipfel-
chen päpstlicher Anerkennung staatlicher Souveränität läßt sich
Jaruzelskis Mannschaft die Realität ihres Sozialismus von der
Kirche und ihrem römischen Chef weiter begrenzen. Auch ohne
Divisionen marschiert der Vatikan in Polen mittlerweile ungeniert
ein und aus, während über diesbezügliche Vorhaben der Roten Armee
nicht einmal mehr spekuliert wird.
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