Quelle: Archiv MG - BRD KIRCHE - Vom Mißbrauch des Verstandes durch den Glauben
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Münchner Hochschulzeitung Nr. 6, 16.12.1981
DEUTSCHE GLAUBENSWACHT AM TIBER
Kardinal Ratzinger ist zum Chef der "Kongregation für die Glau-
benslehre" nach Rom berufen worden. Dort hat er die Aufgabe - im
Unterschied zum gottlosen Osten, wo die reine Lehre orthodox,
verbiestert einseitig, stalinistisch und total unfrei verteidigt
wird -, die reine Lehre der katholischen Kirche zu verteidigen,
quasi als "Verteidigungsminister" des Vatikans, der mit geistli-
chen Geschützen auf Abweichler, Häretiker, Dissidenten und Emi-
granten aus dem abgesicherten Schoß der Mutter Kirche schießt und
ihnen per kirchlichem Berufsverbot das Maul verbietet. Ein ein-
deutiger Aufstieg des Erzbischofs in der Hierarchie der Kirche
und ein klarer Zuwachs an Macht, auch wenn ihm zur Durchsetzung
die Pershings fehlen.
Was wir aber für ungerecht halten, ist, daß diesem straff organi-
sierten katholischen Haufen - im Unterschied zur MG, vormals Rote
Zellen, der vorgeworfen wird, "straff organisiert" zu sein - im-
mer noch die etwas unrühmliche Vergangenheit vorgeworfen wird:
vormals "Heilige Kongregation des Heiligen Offiziums", vormals
"Kongregation der Heiligen Inquisition"! Was kann denn der durch
theologische Schulungen gegangene und nach christlicher Jugend-
weihe schließlich eingesalbte Ratzinger dafür, daß seine Amtsvor-
gänger im Heiligen Offizium eine Menge Hexen erst aufs Kreuz ge-
legt, dann per Folter befragt und ihnen schließlich und abschlie-
ßend nach Bullam coenae Feuer unter'm Arsch gemacht haben? Ob der
Kardinal, obzwar konservativ und in der Sache hart und dabei Äs-
thet in Wort und Geste, dieses absolutistische Programm heute
noch bringen würde ist obendrein zu bezweifeln. Warum also alte
schmutzige Wäsche waschen?
Reicht denn nicht, was der vom Heiligen Geist im Unterschied zum
Osten, wo die Partei immer recht hat - eingeseifte Kirchenmann
heute verbricht? Ist die geistliche Macht dieses göttlich inspi-
rierten Herrn nicht heute erheblich wirkungsvoller als das Brenn-
holz seiner geistigen Vorgänger? Wenn er, den lieben Gott in der
Vorhand, die Gewalt der westlichen Freiheit in der Hinterhand,
ideologisch aufrüstet dann ist diese seine Hilfsfunktion für die
Staaten des Westens doch bar jeder mittelalterlichen Willkür und
gerade darin die ergänzende geistige Wucht zu der handfesten Ge-
walt der Staaten, in denen sich die Kirche wohlfühlt. Man bedenke
nur, was der geliebte bayerische Erzbischof jüngst erst wieder
gepredigt hat bei einem Gottesdienst vor katholischen Bundestags-
abgeordneten:
"Der Mensch und seine Hoffnungen reichen über das Gebilde Staat
und über den Bereich des politischen Handelns hinaus, meinte der
Erzbischof. Dies entlaste den Politiker und gebe ihm zugleich den
Weg zu rationaler Politik frei. Ein Staat, der 'das Totum', das
Ganze des menschlichen Könnens und Hoffens sein wolle, wäre
'falsch und antichristlich' ... Vertreter einer solchen Staats-
auffassung, die als ihr Ziel die vollkommene Befreiung des Men-
schen propagieren, die Aufhebung aller Herrschaft, stünden doch
im Widerspruch zur Wahrheit des Menschen und im Widerspruch zu
seiner Freiheit, weil sie den Menschen einzwängen in das, was er
selber machen kann'." (Süddeutsche Zeitung)
Will meinen, der vom Kardinal betreute Mensch ist weit hinaus
über die irdischen Zwänge, in die er politisch gestellt ist. Das
entlastet die Politiker sehr, weil ihre Untertanen in Gedanken an
den obersten Herrgott sich alles Irdische gern reinwürgen lassen
sollen. Herrschaft muß sein, weil alles andere würde ja heißen,
die Menschen machen einfach, was sie wollen, und vergessen dar-
über, daß es einen Herrn im Himmel gibt, der wohlwollend darauf
herabblickt, wie die demokratischen Herrschaften, unterstützt
durch die römische Glaubenskongregation, dafür sorgen, daß kein
Mensch eingezwängt wird in das, was er selber machen kann.
Das ist moderne göttliche Arbeitsteilung, der gegenüber die
nackte kirchliche Gewalt der alten Inquisition lächerlich aus-
sieht. Die Gewalt nach innen und nach außen fällt ganz der welt-
lichen Macht anheim. Die Kirche klatscht Beifall und hält Glaube
und Sitte, wie sie sich für einen guten Christen und braven
Staatsbürger gehören, sauber. Ein starker Bund zwischen christli-
cher Moral und irdischer Ordnungsmacht.
Eines hat also schon der Friedrich Spee von Langenfeld vor 300
Jahren gemerkt, als er anonym seine "cautio criminalis" schrieb,
daß es immer die Falschen trifft;
" ... du mußt aber zum Eingang merken / daß bey uns Teutschen /
und insonderheit (dessen man sich billich schämen solte) bay den
Catholischen der Aberglaub / die Mißgunst / Lästern / Affterreden
/ Schänden / Schmehen / und hinderlüstiges Ohren blassen / un-
glaublich tieff eingewurzelt sey / welches weder von der Obrig-
keit nach Gebühr gestrafft / noch von der Canzel der Notturfft
nach wiederlegt / unnd die Leuth darvor gewarnet / und abgemahnet
werden / und eben daher entstehet der erste verdacht der Zauberey
/ daher kompts daß alle straffen Gottes / so er in seinem H. Wort
den ungehorsamen getröhet / von Zauberern und Hexen geschehen
sein sollen / da muß weder Gott oder die Natur etwas mehr selten
/ sondern die Hexen müssen alles gethan haben."
Damals wurden unschuldige Hexen der Schuld an Hunger, Seuch und
Krieg überführt. Heute bekommen doch tatsächlich Herren, die
wirklich Meister der christlichen Heuchelei, Könner des Irratio-
nalismus, Liebhaber der demokratischen Gewalt und Hetzer gegen
den teuflischen Hauptfeind im Osten sind und damit Jugend und Er-
wachsene verderben, einen Job im Vatikan. Welch ein Fortschritt!
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