Quelle: Archiv MG - BRD KIRCHE - Vom Mißbrauch des Verstandes durch den Glauben


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       Münchner Hochschulzeitung Nr. 8, 23.01.1985
       

EINE RADIKALE CHRISTIN

Dorothee Sölle, Gottes Unilateralismus - eine Theologie des Frie- dens Ungewohnt scharfe Töne im Audimax gegen Kriegsvorbereitungen und Kriege des "christlichen Abendlands" - vor über tausend Zuhörern griff Frau Professor Sölle die Aufrüstung der NATO und ihr Stre- ben nach "Weltherrschaft" an: Nicht nur nach außen wie z.B. in Nicaragua, sondern auch im Innern der Gesellschaft fordere die mit der Ideologie des "Antikommunismus" angetretene Politik tag- täglich ihre Opfer. Ihren Aufruf zur "Non-Kooperation" mit dem "Gegner", den in Bonn herrschenden Politikern, verstand indes keiner der Anwesenden so, diese Leute ab sofort an ihrem Treiben, wo immer es sich dingfest machen läßt, zu hindern. Vielmehr war man geneigt, der Theologin zu ihrem Mut zu gratulieren, den schlimmen Lauf der irdischen Dinge beim Namen genannt und dies den Mächtigen kritisch entgegengehalten zu haben. Um ein Mißverständnis des Auditoriums handelt es sich hier inso- fern nicht, als Frau Sölle sich durchaus als Christin verstanden wissen wollte und ihre "Non-Kooperation" mit denen, die in dieser Republik das Sagen haben, als eine auf der Ebene des Glaubens. Die Opfer des Imperialismus stehen bei ihr dafür, daß der "Frieden auf Erden", der den Menschen durch einen Gott verheißen sei, nicht realisiert wird und stattdessen "das Wegmachen der Schöpfung" auf der politischen Tagesordnung steht. Der gehar- nischte Einspruch der Protestantin gegen eine Politik, in der "Christus verraten" werde, trifft diese nicht, sondern macht ihr einen moralischen Maßstab auf, den sie gar nicht hat, an dem sie aber doch gescheitert sein soll. Frau Sölles Absage an die Kritik der Aufrüstung ist radikal in dem Sinne daß sie deren "Geist" verurteilt und sich am Pfuhl der "Sünde" als unbestechliche Wäch- terin eines überirdischen Friedensideals etabliert. Mit der Rigidität, sich jedes "Arrangement der Christenheit mit dem Staat" zu verbitten, läßt sie das "normale Christentum" ganz schön alt aussehen nicht jedoch den Staat, der auf diesem Gebiet überhaupt kein Problem hat - christliche Politiker verlassen sich noch immer auf ihren Gewaltspparat, dessen pfäffisches Einsegnen sie nur aus Gründen der Staatsraison nicht missen mögen. Die "aufrechte" Haltung der Theologin auf ihrer "Suche nach Gott" ist auf "Stärkung des Glaubens" ihrer christlichen Schafe berechnet: "Du bist schön, du bist stark, du kannst, wenn du willst." Die Welt der Politik ist dem gegenüber eine des Ungeists, der "Ideologie". In ihrer Schlechtigkeit ist nichts von ihr zu hal- ten. Solche ideelle Gegnerschaft greift an den militärischen Mit- teln des Staats nicht dessen reale Politische Zwecke an um de- rentwillen Atomwaffen, Raketen etc. stationiert werden, sondern verbreitet sich über den Unsinn solcher Mordwerkzeuge, kurz: sie findet diese Dinger einfach fürchterlich. Als käme es auf die De- monstration dieser schlechten Meinung überhaupt an! Die Politiker machen sich doch im Hantieren mit den Mitteln ihrer Macht so gern die Hände schmutzig, daß sie dem Volk ganz getrennt von diesem verantwortungsvollen Geschäft eigens eine Sphäre zur Verfügung gestellt haben, in der es sich unablässig frei über die Entscheidungen 'der da oben' ärgern darf. Wo keiner die schim- mernde Wehr des Landes gut finden m u ß, weil das für ihren Ge- brauch unerheblich ist, stellt sich eine christliche Mahnerin hin und radikalisiert die Öffentlichkeit in deren untertänigem Schau- der über die Friedlosigkeit der Erde. Da kann Frau Sölle ruhig einmal von gefährlicher "Militarisierung der Gesellschaft" spre- chen, von "Massenmord" und "Faschismus" - sie so wenig wie ir- gendeiner ihrer Adressaten hat hier Aussagen über die Realität der Bundesrepublik im Sinn. Es geht um Etikettierung dessen, was einem am "Geist" der Politik nicht paßt; und die "vierzigtausend Kinder, die täglich im Krieg der Reichen gegen die Armen fallen", stehen nur als Beleg für die moralische Wucht der eigenen Verach- tung der Politik. Sie sind nicht die Opfer i m p e r i a l i- s t i s c h e r P o l i t i k, sondern eines dieser innewohnen- den bösen "Geistes". An den politischen "Werten" ist etwas faul und das gibt einem Friedenschristen ungemein zu denken. Was Politiker tun und las- sen, fällt in den Bereich der zu einem geistigen Wesen mystifi- zierten "Macht". Sie ist eine "Ideologie" und als Unwert ein Idol: "Die Macht wird von uns angebetet, weit tiefer als wir ahnen." So werden denn auch "wir" die "Bösen", wenn Politiker den näch- sten Weltkrieg vorbereiten. Haben "wir" sie in ihrer ideologi- schen Befangenheit am Ende alleingelassen, anstatt ihnen zu hel- fen, "das Reich Gottes aufzubauen"? So vereinnahmend geht christ- liche Kritik am politischen Gegner. Von "uns" (da gehört er schon dazu) "werden die falschen Götzen angebetet ... Der Gott dieser Welt ist die Bombe." Gott sei Dank gibt es Dorothoe Sölle, die diesen tiefen Sünden- fall gerade noch als "ein Verbrechen am Geist des Lebens" einstu- fen kann. Politik als ein Feld geistiger Schwäche zu entlarven ist nichts als humanitäre Begleitmusik, wenn die politischen Ma- cher dabei sind, ihr Volk in den Fabriken und demnächst auf dem Schlachtfeld zu verheizen. Was da alles an Verständnis der Opfer für ihre Schlächter aufgefahren wird: Wir alle miteinander leben in einem "Kreislauf von Ich-Schwäche, Angst, Schutzbedürfnis, Selbstsiche- rung und Gewalt." In diesem Teufelskreis ist es dann "der Schwächste, der dann ein- mal auf den Knopf drückt", meint die Frau Professor, deren "Schutzbedürfnis" vor der Politik offenbar doch nicht so groß ist, sich zu Widerstand hinreißen zu lassen. Da käme man ja "der Gewalt", einer Idee, unter der die armen Politiker und Militärs vor allen anderen Menschen besonders zu leiden haben, gefährlich nahe. Nehmen wir ihnen also ihre "Angst", ihr "falsches Sicher- heitsbedürfnis"! Solcher Psychologie der Macht und der Mächtigen ist die Vorstel- lung, das staatliche Militär diente dem persönlichen Schutz "neurotischer" Politiker von Reagan bis Kohl, durchaus nicht so absurd, daß sie nicht noch Weisheiten über die Psyche der "auf Sicherheit als höchsten Wert" erpichten Masse nachzuschieben hätte: Das Volk will offenbar "die Bombe", hat sie sich exklusiv zugelegt, anstatt in die "Nachfolge des Herrn Jesu" zu treten und die "Schutzlosigkeit" zu "wählen". Frau Sölles Wahl ist hier eindeutig und sei i h r unbenommen. Daß der Rest der Menschheit in puncto "Selbstsicherung" nichts zu wählen hat, hätte ihr allerdings schon noch auffallen können, als sie sich vor dem Stationierungscamp der Pershing II in Mutlangen zum Protest niederließ. Oder wollte sie dort am Ende für die Dis- lozierung der christlichen Geheimwaffe "Nächsten- und Feindes- liebe" auf dem moralischen Präsentierteller sitzen? zurück