Quelle: Archiv MG - BRD KIRCHE - Vom Mißbrauch des Verstandes durch den Glauben
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Nachlese zum Kirchentag
AUCH SCHAFE KÖNNEN PROTESTIEREN
1. Man suche sich den geeigneten Anlaß. Also eine der zahlreichen
Wirkungen der durch das Kapital und seine Herrschaften verfolgten
Interessen. Die Auswahl ist ja reichlich. Man suche sich eine
spezielle Wirkung heraus, von der man guten Gewissens annehmen
kann, daß sie wirklich k e i n M e n s c h wollen kann, zumin-
dest eigentlich nicht. Man beachte ferner das Kriterium, daß es
sich bei den einschlägigen Opfern um garantiert u n s c h u l-
d i g e Menschen handeln muß. D.h. um solche, die sich a) nie
und nimmer irgendwelcher u n a n s t ä n d i g e r, also
unchristlich-materialistischer Neigungen verdächtig machen und b)
möglichst mittel-, also w e h r l o s sind.
Die rassistische Apartheidspolitik der südafrikanischen Obrigkeit
ist zweifellos ein würdiger Anlaß. Zumal nicht wenige der davon
betroffenen a r m e n N e g e r - denen man zudem noch die de-
mokratische Qualität einer "Bevölkerungs m e h r h e i t" atte-
stieren kann F r a u e n und K i n d e r sind. Also Menschen
der unschuldigsten und hilflosesten Sorte. 2. Man wende sich an
das G e w i s s e n der Verantwortlichen, der hiesigen Banken
zum Beispiel, die in und mit der südafrikanischen Filiale welt-
weiter kapitalistischer Menschenbenutzung gute Geschäfte machen.
Man sage ihnen, daß sie als Menschen eigentlich nicht
d ü r f e n, was sie als Geldverleiher tun. Weil Apartheid
S ü n d e ist. Und wenn man damit noch nicht einmal das Gewissen
der Banker blamiert, weil die ja bekanntlich auch nicht einfach
die Geschäfte machen, die sie machen, sondern Negern Ar-
beitsplätze geben, so macht das auch nichts. Man ist ja schließ-
lich selber ein Sünder und maßt sich nicht an, die Urheber und
Nutznießer der Ausbeutung aus der christlichen Gemeinde aller
Menschen guten Willens auszuschließen.
3. Man demonstriere also nicht g e g e n jemanden, der doch
auch bloß ein eigentlich gutes und dabei sündiges Brüder- oder
Schwesterlein ist, sondern einzig die eigene moralische Vortreff-
lichkeit. Indem man in aller gebotenen Öffentlichkeit
m i t l e i d e t mit den armen Betroffenen, die auf diese Weise
todsicher solche bleiben, und mahnende A n k l a g e n erhebt.
Und zwar in vollem Bewußtsein, daß der Appell an die eigentlich
guten Absichten der Herrschenden das Letzte ist, was deren Taten
verändert. Der Wille zur Ignoranz ist schließlich unvermeidlich,
wo es nur um das Eine geht: zu demonstrieren, daß sich bessere
Menschen in Christo ihr unerschütterliches Vertrauen in die ei-
gene Einbildung von nichts und niemandem erschüttern lassen. Erst
recht nicht von denen, die für den real existierenden Profit und
Kredit verantwortlich zeichnen.
4. So demonstriere man als freier Christenmensch seinen prakti-
schen Gehorsam vor den w i r k l i c h e n Machthabern, indem
man diesen Gehorsam - zwar nur in seinem eigenen Geiste, dort
aber immer - bloß vor einer h ö h e r e n Autorität zu üben
verspricht, die ihren Amtssitz folgerichtig im Jenseits hat. 5.
Man bete, singe oder schweige aus vollem und selbstgerechtem
Halse für Frieden und eine gerechtere Welt. Das macht sich immer
gut, wenn es einem selbst nicht peinlich ist. Das reicht aber
nicht aus. Man vergesse nicht, zumindest hin und wieder - warum
nicht auf einem Kirchentag? - die G l a u b w ü r d i g k e i t
der eigenen moralischen Überlegenheit noch einmal extra zu demon-
strieren. Um den Verdacht von Heuchelei schon im Vorfeld zu ent-
kräften. Solch eine Demo ist nicht schwer. Warum nicht eine sym-
bolische Attacke auf die (im Falle Südafrika, versteht sich) böse
Deutsche Bank? Durch Kündigung des Kontos und Überweisung der
Spargroschen auf eine menschenwürdigere Bank. So bleibt den Ban-
ken, was der Banken ist und Gott, was Gottes ist. Und die eigene
Selbstzufriedenheit intakt.
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