Quelle: Archiv MG - BRD KIRCHE - Vom Mißbrauch des Verstandes durch den Glauben
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Münchner Hochschulzeitung Nr. 11, 18.05.1980
Ratzinger an der LMU:
DER UNWÜRDIGE BISCHOF
"Hie kann nicht sein ein böser Mut,
Wo da singen Gesellen gut."
(Martin Luther. Frau Musica)
Die aus Presseerklärungen des erzbischöflichen Ordinariats und
des Ringes christlich demokratischer Studenten gespeisten Meldun-
gen in der Tagespresse zwingen uns zu der schmerzlichen Feststel-
lung, daß man es christlicherseits mit dem 8. Gebot ("Du sollst
kein falsches Zeugnis ablegen wider Deinen Nächsten!") nicht
allzu genau nimmt. Deshalb hier eine kurze Würdigung der Ereig-
nisse vom 9. Juni.
Der Vorfall
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17 h s. t. Einzug von Josef Kardinal Ratzinger, begleitet von
mehreren geistlichen Herren in die Große Aula. Der Verein
"Wissenschaft im Dialog e. V." bringt einen Flugzettel mit Text
und Noten bekannter Kirchenlieder zur Verteilung. - Die Anregung
wird aufgegriffen und ca. 1200 Menschen singen das "Lobet den
Herrn", musikalisch einwandfrei und wesentlich besser als in den
Kirchen, wo die Überalterung des Publikums ein Unisono, das den
Namen verdient, in der Regel verhindert. Der Kardinal sichtlich
ergriffen, singt die erste Strophe mit (dafür gibt es Zeugen!)
und hält erst inne, als ihn die Veranstalter darauf aufmerksam
machen, daß ihrerseits Gesang nicht vorgesehen war. Josef Kardi-
nal Ratzinger tritt vor das Mikrophon und bezeichnet das Absingen
eines mit dem kirchlichen Imprimatur versehenen Preisgesangs
wörtlich als "Happening"! Um es zu keiner Vergiftung der Atmo-
sphäre kommen zu lassen, wird im Saal "Großer Gott wir loben
Dich!" angestimmt. An der schönen Stelle, wo es heißt: "Der Apo-
stel heilger Chor, / der Propheten hehre Menge / schickt zu Dei-
nem Thron empor / neue Lob- und Dankgesange."
steigt eine Taube zur Decke der Großen Aula empor und Sternwerfer
verleihen dem Augenblick eine wunderbare Note. Es hätte noch
lange so weiter gehen können: der Saal voll, die Sänger stimmlich
bestens disponiert, der Kardinal anwesend, der christliche Dialog
zwischen Hirten und Volk im vollem Gange, wenn nicht gegen 17.30
Der Eklat
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vorgefallen wäre. Daß die Amtskirche zur naiven Frömmigkeit der
gläubigen Herde ein gebrochenes Verhältnis hat, das wußten wir
aus eigener Erfahrung; daß deutsche Bischöfe vor lauter Politi-
sieren ihre Hirtenpflichten hintenanstellen, wir haben es in der
Zeitung oft genug gelesen, daß aber die geweihten Herren wenn man
ihnen ihre eigene Melodie vorspielt, so reagieren, wie der Teufel
auf das Weihwasser - das hat uns verblüfft. Josef Kardinal Rat-
zinger verließ schlag halb Sechse die Universität und zog in die
nahegelegene Ludwigskirche um. Wie sich dann herausstellte, war
dieser Akt als Affront gedacht, denn in den eigenen vier Wänden
war er durchaus bereit zu predigen. Zurück ließ er jedoch eine
restlos verunsicherte ad-hoc-Gemeinde, die auf das Versprechen
zum Dialog mit der Amtskirche hereingefallen war. Die Folgen des
Eklats sind noch gar nicht abzusehen: Man denke nur an den Seme-
sterschlußgottesdienst, der seit Jahren schon von der Präsenz der
immergleichen Gesichter zehrt. Mieter katholischer Studentenwohn-
heime, denen der Schlafplatz zweimal im Jahr eine Messe wert sein
muß.
Die Stellungnahmen
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Die Veranstalter, RCDS, SLH, LHV und Wissenschaft im Dialog e. V.
waren tags darauf mit einem Flugblatt bei der Hand, das die
Verantwortung für den Eklat der MG in die Schuhe sehieben wollte.
Der antikirchliche Unterton dieses leichtfertigen Pamphlets ist
unüberhörbar bereits im Titel: "Die Chorknaben der MG". Seit wann
sind denn das Chorsingen oder andere "geistliche Exkurse" des
Teufels? Unter einem Motto des atheistischen Schriftstellers Max
Frisch wird hier vom Kirchturm aus ausgerechnet "über den Kirch-
turmhorizont dieser Chorknaben" hergezogen, denen man "fehlende
sonntägliche Übung" vorwirft, statt anzuerkennen, daß der Chor
der MG trotz geringen Trainings und seltener Auftritte jeden Ver-
gleich mit den Sangeskünsten z.B. der KHG standhält, die nur im
engsten Kreis zur Klampfe und mit schrecklichen neumodisch-kriti-
schen Liedern praktiziert wird. Die Behauptung, das Flugblatt mit
den Liedertexten sei eine Fälschung der MG, überprüft die MHZ-Re-
daktion zur Stunde noch. Fest steht jedoch auf jeden Fall, daß
d i e s e s Flugblatt mehr der Veranstaltung angemessen war, als
der merkwürdige Text der Veranstalter vom Folgetag.
Der "Politische Referent des Ordinariats", Curt Genewein, miß-
brauchte den Verlauf des Ratzinger-Gastspiels an der LMU für das
Austragen einer innerkatholischen Querele, in dem er gegen
"Priester" wetterte, "die bei links-radikal gesteuerten Kundge-
bungen sprächen" (SZ vom 12. Juni). Die MG erklärt hier coram pu-
blico und ex cathedra, daß auf ihren Veranstaltungen noch nie ein
Priester gesprochen hat und dergleichen auch nicht beabsichtigt
ist. Man sollte uns da also rauslassen. Ebenfalls für nicht be-
troffen halten wir uns in der von Genewein erwähnten Kontroverse
zwischen dem 1952 verstorbenen Kardinal Faulhaber und dem Nazi-
staat. Warum dieser Amtsvorgänger Josef Kardinal Ratzingers,
nachdem er noch bis kurz vor Stalingrad für den Sieg der deut-
schen Waffen predigte, dann - angesichts der sich abzeichnenden
Niederlage - sein Unbehagen mit bestimmten Erscheinungen an der
Heimatfront äußerte, die Klärung dieser Frage wollen wir uns
schenken, weil sie garantiert nichts mit "Versuchen zur System-
veränderung" weder damals noch heute zu tun hat. Den Vergleich
zwischen der Inhaftierung Faulhabers in Dachau und dem Singen von
"Oh du Maria hilf!", den Herr Genewein anstellt, beantworten wir
ausnahmsweise barmherzig mit der Frage ob dieser "politische Re-
ferent" noch richtig tickt und kommen gleich zu unserem abschlie-
ßenden
Kommentar
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In der Ludwigskirche beklagte Josef Kardinal Ratzinger, daß der
modernen Wissenschaft das christliche Fundament fehle. Daß er
diese These vor Intellektuellen als Kritik formulieren konnte und
nicht ausgepfiffen wurde, beweist eindeutig, wie sehr er mit die-
ser Klage daneben liegt. Moderne Wissenschaftler brauchen ihre
Studenten nicht zu Beginn jeder Vorlesung mit einem "Gelobt sei
Jesus Christus!" begrüßen: Im Irrationalismus ihres wissenschaft-
lichen Standpunkts sind sie je schon Brüder und Schwestern in
Christo! Die umstandslose Verherrlichung des S t a a t e s als
dem G o t t des modernen Bürgers konfligiert mitnichten mit der
Botschaft der Kirche, für die der Staat kein fremder Gott neben
dem Alten, sondern der irdische Garant seiner Ordnung ist. Was
soll also die Aufregung darüber, daß die Botschaft solcher Wis-
senschaft ihr in Noten gesetzt entgegenschallt? Anders ausge-
drückt: Die MARXISTISCHE GRUPPE ist auch beim Ratzinger Gastspiel
von ihrem Prinzip der immanenten Kritik kein Jota abgerückt. Der
Erfolg gibt ihr recht. Zum Schluß noch ein offenes Wort an den
Ratzinger Sepp, damit er das nächste Mal eine würdigere Figur
macht:
"Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret, / der dich auf
Adelers Fittichen sicher geführet, / der dich erhält, / wie es
dir selber gefällt. / Hast du nicht dieses verspüret?"
Das wird man doch einen Kardinal mal fragen dürfen?
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