Quelle: Archiv MG - BRD KIRCHE - Vom Mißbrauch des Verstandes durch den Glauben
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Der Veranstaltungskommentar
FROMME PARASITEN DES ELENDS
in Lateinamerika fanden sich kürzlich zu einer Podiumsdiskussion
über die "Theologie der Befreiung" ein. Veranstalter (FSen evan-
gelische und katholische Theologie) und Besetzung des Podiums
(eine Riege Bonner Theologen) waren interkonfessionell, und die
Veranstaltung war überhaupt und bezeichnenderweise die am besten
besuchte der ganzen Mittelamerika-Woche - neben dem unausweichli-
chen Fest natürlich, auf dem die gebotene "Solidarität" aber auch
gleich in Form von allerlei exotischen Leckereien und ebenso exo-
tischer, pardon - ganz volksnaher Musik verabreicht wurde. Be-
zeichnenderweise, weil sich auf der Theologen-Veranstaltung diese
"Solidarität" umstands- und übergangslos als das
b e r u f s m ä ß i g e I n t e r e s s e von praktizierenden
und angehenden Kirchenmännern an gewissen Weltgegenden vortrug.
Was fällt Theologen an Mittelamerika auf? Massenhaft Hunger und
Elend, Gewalt und Unterdrückung! A b e r, und nun die christli-
che Dialektik, gerade dadurch entsteht ein hervorragender Nährbo-
den für einen ganz, ganz tiefen und starken Glauben! Und, drit-
tens, fällt dabei auch noch das Material für einen exquisiten in-
nertheologischen Streit über die "Theologie der Befreiung" ab.
Bernd PÄSCHKE, auf dem Podium der Hauptprotagonist dieser Lehr-
meinung, war während des Kampfes gegen Somoza in Nicaragua. Fol-
genden Eindruck brachte er mit:
"Die P r e d i g t des Priesters oder des "delegado de la pala-
bra" (Laienprediger) ist in den Gottesdiensten der Armen k e i n
von der Gemeinde schweigsam hingenommener M o n o l o g, son-
dern E i n f ü h r u n g z u e i n e m G e s p r ä c h, an
dem sich alle beteiligen. Die inhaltliche Originalität, die
sprachliche Ausdrucksfähigkeit, die Selbstverständlichkeit öf-
fentlichen Redens dieser einfachen, von lebenslanger Entbehrung,
Unterdrückung und Kampf gezeichneten Menschen sind Zeichen einer
sprachlichen und zugleich theologischen Kompetenzerfahrung, wie
sie sich in unseren Gemeinden und Gottesdiensten bisher kaum ent-
wickeln kann. Schließlich die M u s i k: vitaler und vielleicht
überzeugender Ausdruck der alltäglichen Armut, der gemeinsamen
Kämpfe, der erfahrenen und gefährdeten Brüderlichkeit, der unaus-
rottbaren Hoffnung auf eine Zukunft als veränderter Gegenwart,
Lieder von dem Jesus-Campesino, dem Christo-Obrero, dem Dios-Tra-
bajador aus der misa campesina, die alle auswendig können und
mitsingen, bis hin zu den eigenen zur Gitarre gesungenen Komposi-
tionen. Hier begreift man den unüberbrückbaren Gegensatz einer
neuen aus dein Leiden und den Kämpfen der Armen geborenen Spiri-
tualität der Befreiung zu dem, was hierzulande als Neugier hei-
schendes Modewort oder gar als religiöser Konservativismus
auftaucht. (...)
In Gesprächen mit lateinamerikanischen Christen wird einem plötz-
lich klar, wie wenig "einen" im Grunde noch mit "seiner" Kirche
hier verbindet."
Diese e i n f a c h e n Leute - zu welcher Frömmigkeit sie doch
fähig sind; davon könnten sich unsere Karteileichen-Christen so
manche Scheibe abschneiden! Woran sich der kirchliche Elendstou-
rist hier so schamlos berauscht, ist der 'gute Wilde' der
"Befreiungs-Theologie": in tiefster Armut, bar jeglicher Mittel
und deshalb gerade so bilderbuchmäßig unverbildet kommt sein
Glaube garantiert aus reinem Herzen. In den Elendsvierteln von
Managua und anderswo gibt es sie noch, die 'unmittelbare' Volks-
frömmigkeit, nach der sich moderne Nachfahren der Missionare mit
Schwert und Kreuz von einst sehnen und in der sie ein Bad der
"theologischen Erneuerung" nehmen wie andere in den wundertätigen
Wässern von Lourdes. Hier gibt es noch das sog. einfache Volk,
vor dem ein berufsmäßiger Zyniker der Not und der Verachtung des
'Daß es so etwas noch gibt!' verzückt in die Knie geht.
Was die derart liebevoll ausgemalte Religiosität für hiesige
Theologen so faszinierend macht, erwächst aus einem Vergleich mit
den gewöhnlichen Verlaufsformen des Glaubens hierzulande, mit
denen engagierte Gottesmänner dauernd unzufrieden sind. Statt mit
den Kuttenträgern in der Kirche einen Dialog zu führen, hören sie
ihnen 'bloß' zu - und der Agitator fürs Himmelreich leitet für
sich daraus die Ungewißheit ab, ob sein Opium denn auch bei sei-
nen Schäfchen angekommen ist. Statt wie die vorbildlichen Wilden
von Managua die Liedtexte auswendig, pardon: inwendig zu können
und daraus gar eigene und garantiert volkstümliche Mysterien-
spiele zu verfertigen, entlockt man einer typisch deutschen trä-
gen Gemeinde keinen Ton, wenn man ihnen nicht vorher Gesangbücher
in die Hand gedrückt hat. Dagegen gibt es in den "Basisgemeinden"
der "3. Welt" einen leibhaftigen, durch Entbehrungen gestählten
Volkskörper, angesichts dessen dieselben Theologen darauf verfal-
len, den alten Marx-Spruch vom 'Opium des Volkes' ganz methodisch
für die Kirche positiv zu wenden: Not und Elend als "Chancen für
unsere Kirchen" in Gestalt "neugewonnener christlicher Identität"
(PÄSCHKE). Dieses zynische Projekt 'wahren Glaubens', und
n i c h t s anderes, ist der Grund des Theologischen Interesses
an der "3. Welt". Die Phrasen von "Kampf" und "Befreiung", durch
die gelegentlich noch kirchliche Altvordere sich provozieren las-
sen und gegen die der Oberhirt Woytila aus Gründen der Kir-
chen p o l i t i k wetten, sind die Fußnoten dieses Interesses:
Belege der K r a f t d e s G l a u b e n s, die dazu passen
wie die Wundmale zur Auferstehungslegende. Die "3. Welt": ein
einziger exotischer Kirchentag!
Nach ein paar langweiligen, die Gemüter der anwesenden Theologie-
studenten aber deshalb besonders erregenden Streitereien über die
richtige Lehre zwischen katholischen und evangelischen Theologen,
nach ein paar (vermutlich evangelischen) Pfiffen gegen den Papst,
machte ein weiterer Bonner Professoralpfaffe mit der ganzen abge-
brühten Gemeinheit, die zur Qpalifikation dieses Berufsstandes
gehört, den Vorschlag, die "Theologie der Befreiung" durch eine
"Theologie der Gefangenschaft" zu ergänzen: als "Teilhabe an der
Ohnmacht Gottes"! Dann ist ja alles in Butter: die Lämmchen in
Übersee sind eingesperrt, hier kann an ihrem leuchtenden Vorbild
intensiv "Anteil" genommen werden und für eine warme Suppe wird
weiterhin der Klingelbeutel geschwungen. Und auch in Zukunft
(alle auf dem Podium hatten Lateinamerika schon bereist) immer
schön hinfahren! Nixwiehin zur Pilgerfahrt in die labenden
"Quellen des Glaubens".
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