Quelle: Archiv MG - BRD KIRCHE - Vom Mißbrauch des Verstandes durch den Glauben
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Dortmunder Hochschulzeitung Nr. 29, 08.11.1983
Wochenschau
LUTHER-FEIER
war letzte Woche in Mainz mit Carstens und Bischöfen aus beiden
deutschen Staaten. Hinterher beklagten sich Erhard Eppler und
Helmut Gollwitzer bitter, daß die "aktuelle Problematik des Rü-
stungswahnsinns" nicht zur Sprache gekommen sei. Gerade hierzu
könne man weiß Gott bei Luther und in der Bibel fündig werden.
Diese Kritik geht daneben, weil gerade in den immerwiederkehren-
den Beschwörungen von "Freiheit und Verantwortung eines Christen-
menschen", noch dazu im "Gewissenskonflikt zwischen Glauben und
Pflicht" fortlaufend jene staatsbürgerliche Einstellung gefeiert
wird, mit der sich politische Herrschaft im Frieden und im Krieg
erfolgreich ausüben läßt. Die Festredner waren also durchaus bei
der Sache. Ebenso wie US-Präsident Ronald Reagan, der seine Poli-
tik ganz unvermittelt und buchstäblich durch die Offenbarung des
Johannes bestätigt sieht:
"Apocalypse now
Ronald Reagan hält es nach Darstellung eines Washingtoner Lob-
byisten für durchaus möglich, daß sich die Welt gemäß der Offen-
barung Johannes dem Jüngsten Gericht und der Entscheidungs-
schlacht von Harmagedon zwischen Gut und Böse nähert. Thomas
Dine, Geschäftsführer eines für gute Beziehungen zwischen den USA
und Israel werbenden Komitees, sagte, Reagan habe ihn am 18. Ok-
tober empfangen und ihm erzählt, daß er am Abend zuvor mit den
Eltern eines in Beirut ums Leben gekommenen US-Marineinfanteri-
sten gesprochen hat. Der Präsident habe das Gespräch mit den Wor-
ten fortgesetzt. 'Wie Sie wissen, gehe ich immer wieder auf eure
alten Propheten im Alten Testament und auf die Anzeichen zurück,
die Harmagedon ankündigen. Ich ertappe mich dabei, daß ich mich
frage, ob wir die Generation sind, die erlebt, wie das auf uns
zukommt. Ich weiß nicht, ob Sie in letzter Zeit eine dieser Pro-
phezeiungen wahrgenommen haben. Aber glauben Sie mir, sie be-
schreiben ganz gewiß die Zeit, die wir jetzt erleben.' (AP)"
Die "Süddeutsche Zeitung" vom 31. Oktober bringt dies als Anek-
dote aus der Weltpolitik und tut damit so, als sei Reagans Glau-
benserfahrung ein A b e r g l a u b e jenseits der, bzw. eine
übertriebene ideologische Zugabe zur R e a l politik. Das ist
ein typisch journalistischer Irrtum: I n d e r S a c h e sagt
der Bibelforscher Reagan haargenau das Gleiche wie der Präsident
der Weltmacht Nr. 1. Sich über die M e t a p h o r i k zu mo-
kieren ist nichts als der Luxus professioneller Machtanbeter, die
mit dieser immer einverstanden sind, solange ihnen die Kritik ge-
stattet wird, die Macht sei nicht geistvoll genug.
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