Quelle: Archiv MG - BRD KIRCHE - Vom Mißbrauch des Verstandes durch den Glauben
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Der Papst in Polen
MODERNER KREUZZUG INS REICH DES BÖSEN
Nicht einmal das biblische Bild vom "Wolf im Schafspelz" ist an-
wendbar auf die "Pilgerreise" des Papsts durch Polen. Daß der
oberste Mann Gottes seine Hetze gegen die polnische Regierung und
das kommunistische "System" überhaupt unter dem Deckmantel von
frommen Gebeten und heiligen Messen veranstalten würde, dieser
Eindruck konnte erst gar nicht aufkommen.
Der Papst selbst machte keinen Hehl daraus, daß es sich bei sei-
ner Pilgerfahrt weder um einen einfachen Heimaturlaub noch um
eine pastorale Heimsuchung katholischer Gläubiger in Polen han-
delte. Die Mission, die er erfüllen wollte und auch vollbrachte,
war von vornherein klarer als das Weihwasser, das der Papst ver-
spritzte: Propaganda zu machen für die so überaus gemütlichen
Prinzipien der Mächte des Westens und ihrer schönen Freiheit; auf
riesigen Massenveranstaltungen zu demonstrieren, daß die Kirche
und das polnische Volk wie ein Mann zusammenstehen und nicht ge-
willt sind, mit einer kommunistischen Regierung Frieden zu
schließen; in geistlichen Predigten mit allen Raffinessen christ-
licher Glaubensunterweisung immer wieder zum "Widerstand gegen
Willkürherrschaft" anzustacheln. Und der liebe Gott wird darob
nicht an seinem Stellvertreter oder gar an sich selbst irre - er
steht immer voll dahinter mit der ganzen Weisheit seines durch-
blickenden göttlichen Ratschlusses. Wenn der christliche Gott in
Gestalt des Papsts nach Polen reist, dann weiß er, daß es dort
gegen den Hauptfeind der NATO anzustinken gilt, und fordert das
Volk gegen dieses abgrundtiefe Böse zur Opposition auf. Wenn er
dagegen in der Freiheitswelt des Westens Diktaturen in Mittel-
oder Südamerika besucht, dann geht die unermeßliche göttliche To-
leranz so weit, daß der Papst für die Millionen Hungernden und
tausenden Toten betet, die Diktatoren um Milde bittet und das
Volk zu Friedlichkeit und Gehorsam gegenüber seinen Schlächtern
auffordert.
"Gott schütze Polen"
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In Polen gibt es nicht Millionen Hungernde und Tausende von To-
ten, und die gewaltsamen Zugriffe dieses "Unrechtsstaates" nehmen
sich geradezu lächerlich aus im Vergleich zu Gepflogenheiten in
bekannten westlichen Staaten. Aber das macht nichts, weil der
Maßstab eh nicht menschliches Wohlergehen oder Leben zum Inhalt
hat. Polen muß frei werden, also so ähnlich wie hier regiert wer-
den - der Papst rührt die Trommel. Kaum ist der Papst angekommen
und hat seine Heimaterde abgeleckt, hat er das Stichwort
"Gefangene" parat, ein Wort, das ihm in Mittelamerika so nicht
eingefallen ist. Den so um ihre Freiheit gebrachten Polen, obzwar
sie alle zur Messe strömen dürfen, wird der Weg zur Sättigung
vorgepredigt. Folgendes fehlt ihnen nämlich:
"Selig sind, die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten. Es
gibt hier in Breslau, hier in Niederschlesien, in ganz Polen
viele Menschen, unendlich viele Menschen, die nach Gerechtigkeit
hungern und dürsten... Dieses Hungern und Dürsten nach Gerechtig-
keit zeigte sich besonders in den letzten Jahren.
Als Hirte der Kirche und gleichzeitig als Sohn meiner Nation
möchte ich diesen Hunger und Durst bestätigen, der aus den gesun-
den Quellen des polnischen Geistes entspringt: aus dem Gefühl der
Würde der menschlichen Arbeit, der Liebe zum Vaterland und der
Solidarität, das heißt aus dem Gefühl des Gemeinwohls. Ich möchte
gleichzeitig diesen gesunden Hunger und Durst meiner Landsleute
vor all dem schützen, was sie entstellt und schwächt."
Das ist kein Ruf nach angenehmerem Lebenswandel für die Polen,
sondern die Aufforderung zur Systemgegnerschaft, die Aufforderung
an die Regierung in Polen, westliche Herrschaftsverhältnisse ein-
zuführen. Der Kampf der verbotenen "Solidarität" bekommt sein Lob
des Papstes auch nicht, weil sie für Lohnerhöhungen eingetreten
ist, sondern weil sie für eine "moralische Ordnung" eingetreten
ist. Für welche, ist keine Frage. Geradezu wundersam, wie dieser
Sohn Polens als Prediger Gottes - und der Nächstenliebe sowie des
christlichen Heils fortwährend die Kurve kratzt. Wie ein Wunder
findet sich an jedem Ort der Massendemonstration - genannt
"Heilige Messe" - ein Heiliger, der auch schon damals für ein
freies Polen eingetreten und gestorben ist. Mitten in der Predigt
trägt der oberste Oberhirte vor, wie nach Gottes Willen ein Staat
organisiert gehöre:
"Kinder Gottes können keine Sklaven sein" (was meint er nur da-
mit, etwa die Südstaaten Amerikas früher?). "Gottes Kinder zu
sein heißt die Erbschaft der Freiheit in sich tragen... Der Staat
ist zutiefst souverän, wenn er gleichzeitig die Gesellschaft re-
giert und dem Gemeinwohl dient."
Das Gemeinwohl kennt hier jeder aus Erfahrung. Mitten in der Pre-
digt schimpft der Papst über die "Leiden" der Jugend, die dann
vor Begeisterung aus zwei Fingern ein V bildet, so leidend ist
sie. Bei so viel frommen Sprüchen ist es kein Wunder, daß der
Papst den alten slawischen Paulsritter Mießko I, der vor ungefähr
tausend Jahren seine Herrschaft mit dem Schwert durch den über-
tritt zum Christentum festigte, zum Anwalt eines freien Polen ge-
gen das Regime des Generals heute hochstilisiert. Und dann die
Mutter Maria, die Mutter der Polen, die schwarze Madonna von
Jasna Gora, Mann, hat die den Dreh raus. Diese Gottesmutter pol-
nischer Art "soll den Lebenswillen der polnischen Nation erneuern
und ihre Selbstbestimmung sichern". Sie "möge das Land weiter in
Freiheit und Solidarität leben lassen", bittet der Papst. Damit
sie unzweifelhaft weiß, daß ihre Geburt des Gottessohns vor 2000
Jahren der Anfang von dem war, was bei der NATO endet, hat ihr
der Papst noch den Gürtel des Ornats zurückgelassen, das er beim
Attentat auf ihn trug. Wer dieses Attentat inszeniert haben soll,
dürfte die schwarze Madonna der Lektüre westlicher Zeitungen
längst entnommen haben. Der Stalin, nein der....
Kirchliche Realpolitik und westliche Begeisterung
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Natürlich ist der Papst nicht so dumm, daß er nicht an die Fort-
setzung der steilen politischen Karriere der Kirche in Polen den-
ken würde. Er kalkuliert damit, daß seine Aufwiegelei des katho-
lischen polnischen Volks zwar den Machtgewinn der Kirche demon-
strieren soll, aber diese Position auch nicht gefährden darf. Für
erfolgloses Märtyrertum für Gott und Polen ist ihm seine pol-
nische Kirche auch wieder zu schade. Also unterbindet er auch mal
ein wenig die nationalistischen Begeisterungsstürme, ruft zur
"Versöhnung" auf und bittet die Massen, ruhig nach Hause zu ge-
hen. Ja, er findet sogar einen Punkt, wo er den polnischen Natio-
nalismus in Einklang mit der kommunistischen Führung bringt. In
Schlesien betont er, daß dieses ehemals deutsche Gebiet eindeutig
polnisch ist, weil es noch früher polnischen Piastenherrschern
gehört habe und sowieso immer schon zum Bistum Gnesen. Nein der
Papst ist kein religiöser Spinner. Der vertritt die Sache der
Freiheit (des Westens) und achtet darauf, daß sie auch in Polen
für die Kirche erfolgreich weitergeht.
Der gesamte Westen ist begeistert über Zweck und Methode des Got-
tesmannes der römisch-katholischen Kirche. Jeder politische Hieb
gegen die polnische Regierung wird begeistert registriert. Jede
Mäßigung als gelungene Taktik gelobt. Der christliche, theoreti-
sche Propagandaminister der NATO für die Zersetzung der pol-
nischen Regimes erfährt eine Würdigung aus Presse, Funk und Fern-
sehen, daß die Public-Relations-Manager des Vatikans vor Freude
außer sich sein müssen. Eine Messe nach der anderen wurde dem
deutschen Fernsehzuschauer geboten - stundenlang. Das religiöse
Brimborium war natürlich Nebensache, die Kommentatoren wiesen ge-
nau darauf hin, wann der gute Papst in die politische Kerbe
haute, im "Namen der Heiligen Mutter für den Sieg der Nation in
Wahrheit und Gerechtigkeit." Die Wahrheit ist nämlich, daß die
Gerechtigkeit nur unter den Gewaltmaßnahmen westlicher Ordnung
(das ist die "moralische Ordnung") zu haben ist, wo Arbeitslosig-
keit und photographierte Meinungsfreiheit des Glücks letzter
Schluß sind. Die "Fratze des Terrors", die die BILD-Zeitung im
Zuge des Papstbesuchs entdeckt haben will, sollte deshalb niemand
ernsthaft an den hiesigen Verhältnissen vergleichend überprüfen.
Die "Fratze" bestand darin, daß Walesa ins Auto geschubst wurde
und polnische Sicherheitskräfte am Rande der Messe ein paar Ran-
dalierer festnahmen. In Berlin wurden etwa gleichzeitig über 200
Demonstranten von der Polizei festgenommen, nachdem sie vorher um
der Ordnung willen kräftig zugeschlagen hatte. Die schwarze Ma-
donna der Polen müßte dies eigentlich ausdrücklich begrüßen, weil
es hier ja gibt, wofür sie in Polen schwer kämpft.
Wie kann es nur sein, daß der Osten "uns" ständig bedroht, wenn
der Papst des Westens so frei, so machtvoll, so demonstrativ, mit
Millionen begeisterten Zuschauern, mit der ganzen westlichen Welt
und Waffen dazu im Rücken im "Reich des Bösen" seine Messe-Propa-
ganda durchfeiert? Entweder stimmt die Sache mit der Bedrohung
nicht, oder der Papst verfügt tatsächlich über übernatürliche
Wunderkräfte. Dann bräuchte er aber auch die NATO nicht.
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