Quelle: Archiv MG - BRD KIRCHE - Vom Mißbrauch des Verstandes durch den Glauben
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 1, 23.10.1979
Friedensnobelpreis für den "Engel der Sterbenden von Kalkutta":
WELTPOLITIK UND IHRE AUSGEZEICHNETE MORAL
Den diesjährigen Friedensnobelpreis erhielt im Unterschied zu den
Vorjahren kein Kriegsminister oder Staatspräsident im Rampenlicht
der Öffentlichkeit, sondern eine schlichte Ordensfrau. Die Alba-
nierin Agnes Bojaxiu, bekannter unter dem Pseudonym "Mutter
Teresa", wurde mit dem mit 350.000 schwedischen Kronen dotierten
Preis ausgezeichnet dafür, daß sie den "Einsamsten, Elendsten und
Sterbenden Mitgefühl ohne Herablassung, gegründet auf die Ehr-
furcht vor dem Menschen und seiner Würde" (Nobelkomitee) zuteil
werden ließ. Ganz unvorstellbar wäre der Gedanke, daß diese Frau
den stattlichen Geldpreis dazu nutzen würde, die alten Tage ihres
enthehrungsreichen Lebens nun in Wohlstand auf einem idyllischen
Flecken Erde zu gestalten und von ihrer Kutte und den Sterbevier-
teln in Kalkutta Abstand zu nehmen. Täte sie es dennoch, wäre der
Skandal perfekt. Der Preis ist nach ihrem Selbstverständnis wie
dem der Preisverleiher nicht die Bezahlung für eine geleistete
Arbeit, für die sie ja auch bei niemandem angestellt ist. Er ho-
noriert etwas anderes: daß "Mutter Teresa" mit ihrer ganzen Per-
son ein freiwilliges Bekenntnis ablegt zu den unfreiwilligen Op-
fern und "Elendsten", indem sie die an diesen Menschen vollzogene
lebensgefährliche Abstraktion, rein gar nichts zu sein und zu ha-
ben außer ihrer "Würde" zum Sterben, zum positiven Inhalt ihrer
eigenen Existenz macht, den sie in ihrer Person verkörpert und in
ihren Gesichtszügen mittlerweile zur Darstellung bringt. Ihre no-
belpreiswürdige "Barmherzigkeit" wird deswegen mit den 350.000
Kronen weitere Sterbehäuser in Kalkutta bauen. Denn ihre
"Ehrfurcht vor dem Menschen" gebietet es, Sinn in eine Existenz
zu bringen, die ein Leben nicht erlaubt und der Tod noch nicht
ist, indem das Sterben würdevoll vorbereitet wird in dafür einge-
richteten Häusern.
Die öffentlich anerkannte Leistung dieser Frau besteht darin, die
Nichtigkeit hunderttausender menschlicher Existenzen dort unten
zur wirklichen und einzigen, Quelle wahrer "Würde und Menschlich-
keit" zu verklären und zum positiven Inhalt eines Selbstbewußts-
eins zu erheben, an dem gemessen der Teil der Welt schlecht weg-
kommt, der außer Würde noch etwas zu essen hat:
"Über die reichen Länder sagte die Ordensfrau 'Es gibt dort eine
Armut, die viel größer ist als die Armut, der wir in Indien und
Afrika gegenüberstehen: Die Armut der Einsamkeit, des Ungewollts-
eins und die Armut der Abtreibung...'"
Sicher, wenn der wahre Reichtum des Menschen, seine Würde, sich
nur da einstellt, wo er auf seine nackte Existenz und sonst
nichts heruntergebracht ist, dann muß es der zivilisierten Armut
unserer Breiten daran Gebrechen. Das falsche Urteil der Ordens-
frau über die Armut in der Welt trifft allerdings einen durchaus
vorhandenen Unterschied zwischen ihren Formen in Indien und hier-
zulande. Während die Metropolen des nationalen Reichtums die Ar-
mut, auf denen er beruht, nicht in Sterbehäuser schicken, sondern
sozialstaatlich verwalten und durch Arbeitslosen- und Sozialhil-
fegelder brauchbar erhalten für den weiteren Dienst an der Reich-
tumsproduktion, hat das Wirken der imperialistischen Staatenwelt
nach außen über die "Sterbenden von Kalkutta" und andere Teile
der Menschheit praktisch das Urteil gefällt, daß sie für ihre
Zwecke unbrauchbar und daher fürs Verrecken gut sind. Dienlich
sind sie dann wieder für Friedensnobelpreise als Material für das
moralische Bekenntnis des Imperialismus zu seinen Opfern.
Daß die freie und zivilisierte Welt im Wirken der "Mutter Teresa"
fernab von den Metropolen des Imperialismus einen Beitrag zum
Frieden am Werk sieht, der ihr einen Preis wert ist, muß also
nicht verwundern. Ausgezeichnet wird das Engagement einer Moral,
die aus dem Elend des Menschenmaterials, für das die große Poli-
tik nur das Sterben vorgesehen hat, einen höheren Sinn und ein
Bekenntnis zu ihm macht, statt daraus Anspruch, Kritik und prak-
tisch Unfrieden werden zu lassen. Wobei sich nebenbei das impe-
rialistische Bewußtsein der Weltöffentlichkeit noch den Luxus des
Vergleichs leisten kann, daß zu Hause alles ganz anders = besser
ist.
Dem Sinn und Zweck des Friedensnobelpreises hatte es also auch in
diesem Jahr keinen Abbruch getan, wenn der vorgeschlagene und gut
plazierte Kandidat Carter die Auszeichnung in das Mutterland des
Weltfriedens geholt hätte. Warum der im Stillen wirkenden Agnes
Bojaxiu die Ehre zuteil wurde statt Carter, der gerade auf Kuba
für den Frieden praktisch üben ließ, darüber läßt sich freilich
nur spekulieren.
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