Quelle: Archiv MG - BRD KIRCHE - Vom Mißbrauch des Verstandes durch den Glauben
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 99, 10.7.1984
Wochenschau
DIE KATHOLIKEN HATTEN IHRE TAGE
letzten Donnerstag in München. Dabei wetteiferten die Auftaktred-
ner Hans Maier vom ZK und der Papstadjutant für ideologische Fra-
gen Ratzinger mit erbaulichen Variationen des Leitthemas "Dem
Leben trauen". Maier als katholischer Politiker rief zum
Optimismus auf angesichts von "Wettrüsten, Arbeitlosigkeit und
Umweltzerstörung". Ratzinger als politischer Kardinal warnte vor
einer "Habsucht am Leben" und machte diese für Wettrüsten,
Arbeitslosigkeit und Umweltzerstörung verantwortlich. In der
"Welt am Sonntag" vom 1. Juli hatte der Erzbischof von München
und Freising, Friedrich Kardinal Wetter, allerdings schon alle
"Antworten der Kirche auf die Herausforderungen der Zeit"
verraten. Seine Einlassungen geben Aufschluß über die zeitlosen
Standpunkte des K l e r i k a l f a s c h i s m u s als
demokratische Rezepte für "unsere Zeit":
"In unserem Land leben die Rentner relativ gut, und unsere Fami-
lien, die ihre Existenz aufbauen wollen, können dies oft nicht
aus finanziellen Gründen. Das Geld spielt also eine Rolle. Aber
man hat in den letzten Jahren die Familie vor allem im geistigen
Bereich sehr stark ausgehöhlt. Maßgebliche Politiker wollten vor
einigen Jahren die Ehe und eheähnliche Verhältnisse gleichsetzen.
So schaufelt man seinem eigenen Volk das Grab. Man weiß doch aus
der Geschichte, was es bedeutet, wenn die Familie zerfällt. Das
ist doch das Ende eines jeden Volkes."
Nun wissen wir, wahrscheinlich wegen mangelnder Aufmerksamkeit im
Religionsunterricht, z.B. aus der jüngeren deutschen Geschichte
nur, wozu maßgebliche Politiker die Familie als Keimzelle von
Volk und Staat propagiert haben und wem damit alles ein Grab ge-
schaufelt worden ist. Vom relativen Wohlstand deutscher Rentner
werden sich diese selbst ihr Manna abschneiden können. Völlig un-
verständlich nur ist uns hingegen, trotz nachweisbarer Bibelfe-
stigkeit, daß der Herr bei seinem Wachset-und-mehret-euch-Spruch
vor allem das d e u t s c h e Volk im Auge gehabt haben soll.
Weiter aber mit Wetter:
"In der Welt gibt es viele Nöte. Die größte Not des Menschen ist
es, daß er nicht mit sich selbst fertig wird. Wenn ich mit mir
selbst nicht fertig werde, werde ich auch mit meinem Mitmenschen
nicht fertig. Dann gibt es Streit - bis zum Krieg."
Nur gut, daß es verantwortliche Politiker gibt, die mit den hin-
und hergebeutelten Menschleins fertig werden, indem sie sie gehö-
rig beuteln - notfalls mit Krieg. Überhaupt geht des Herren Kir-
che mit den lebenden Menschen gnadenlos ins Gericht:
"Viele Menschen leben auf das nächste Wochenende, die nächste
Freizeit, den nächsten Urlaub. Ist das eine Perspektive für das
Leben? Geld verdienen, Geld ausgeben, sich etwas leisten? Ein
solches Leben lohnt sich nicht."
U n w e r t e s Leben, das nur ans anständig l e b e n denkt!
Daß der Staat das zunehmend "abtreibt", indem er für "schwere
Zeiten" sorgt, muß seine Kirche mit innerster Genugtuung erfül-
len. Radikal wird sie allerdings im Einsatz für die noch nicht
Lebendigen: "Und, hart formuliert: Für uns bleibt Abtreibung vor-
sätzliche Tötung menschlichen Lebens, also Mord." Was dem Bischof
sonst noch Sorgen macht? Wetter:
"Fernsehen kann Familien stören, zerstören. Kardinal Höffner
nannte einmal den Fernsehapparat den Hausaltar unserer Zeit.
Abends sitzen die Menschen andächtig schweigend davor und bringen
Rauch- und Trankopfer dar, und das Gespräch in der Familie ver-
stummt."
Also gemeinsam den Rosenkranz gebetet, zeitig ins Bett und gevö-
gelt fürs Volk, fromm in der Kirche und andächtig bestenfalls
beim "Wort zum Sonntag". Richtig, Herr Eminenz? Was fehlt jetzt
noch? Keine Angst, Wetter schließt damit:
"Auch über den Sinn von Schwierigkeiten, Leid und Schmerz muß
deutlich gesprochen werden und über den Einsatz, den das Leben
kostet, wenn es Tiefgang und inneren Reichtum erlangen soll."
Es ist ja bekannt, wann der Glaube am schönsten blüht, der Ein-
satz am höchsten ist und der Tiefgang am bodenlosesten. Höchste
Zeit, darüber "mutig zu reden", alter Erz-Bischof, wer weiß, ob's
vorher noch einen Katholikentag gibt.
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