Quelle: Archiv MG - BRD KIRCHE - Vom Mißbrauch des Verstandes durch den Glauben
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Münchner Hochschulzeitung Nr. 10, 15.02.1984
GLÄUBIGE ANTI-KRIEGSTHEORIE
Nach einer endlosen Reihe von Predigten für den Frieden trat am
vergangenen Donnerstag ausgerechnet ein Theologe mit den Mitteln
der Wissenschaft an, um die "Friedensfähigkeit des Christentums"
zu beweisen.
Gegen sein Publikum, das seinen Vortrag als 'zu theoretisch' kri-
tisierte, verteidigte er sich mit dem nicht mehr üblichen Hinweis
auf den akademischen Anspruch der Vortragsreihe: Er habe gemeint,
vor einem wissenschaftlichen Auditorium zu referieren und nicht
auf dem Marktplatz. Auch zeigte er sich in dem anschließenden
Frage-Antwort-Spiel nicht sonderlich beeindruckt von Erfolgsbe-
richten praktizierender Friedensgruppen, was die anwesende Ge-
meinde einigermaßen irritierte. Er bestand dagegen darauf, daß
sein Interesse etwas Prinzipiellerem gelte.
Der streitbare Kirchenmensch setzte nicht auf Bekenntnisse, son-
dern auf Begründungen, um nachzuweisen, daß die "heil- und fried-
lose Vergangenheit des Christentums" kein Argument gegen das
Christentum sei. Die ganze Kirchengeschichte eine einzige Verfeh-
lung des - eigentlichen - christlichen Geistes: Weder die erfri-
schend schonungslose Darstellung der Leistungen des Christentums
in Kooperation mit der weltlichen Macht von der Inquisition bis
zum Waffensegnen, noch die Kritik an der Begründung des
"gerechten Krieges" eines Augustinus oder der Lutherschen Zwei-
Reiche-Theorie hatten den Zweck, den Glauben an den höchsten
Schöpfer und Richter madig zu machen. Im Gegenteil: WAGNER wollte
sie als eine Aufforderung verstanden wissen, der "Grundidee des
Christentums" endlich zur praktischen Durchsetzung zu verhelfen.
Seine Begründung der "Friedensfähigkeit des Christentums" mit der
"Menschwerdung Gottes und der damit ausgesprochenen Anerkennung
der Menschen als freie "als einer zu verwirklichenden Idee" war
einerseits eine fast ketzerische Aufforderung für einen Christen-
menschen, nicht auf den "Frieden Gottes" zu warten, sondern ihn
"als Frieden der Welt" selbst in die Hand zu nehmen. Andererseits
war die Behauptung, der Friede sei ein Zustand, der durch die An-
erkennung der Menschen als freie erst herzustellen sei, ein ein-
ziger Fehler. Erstens ist Krieg so aus dem Unwillen d e s
M e n s c h e n, seine Mitmenschen als freie anzuerkennen, be-
gründet und so die ganze Trennung zwischen kriegführendem Staat
und seinen Untertanen, die er für seine nationalen Interessen ins
Feld schickt, ausgelöscht. Zweitens: Ausgerechnet das demokrati-
sche Prinzip der Anerkennung der Menschen als freie Subjekte
(Art. 2 GG), mit dem der Staat per Gewalt sicherstellt, daß jeder
seiner Untertanen die entsprechende Funktion wahrnimmt, die ihm
aus der Verfügung über das jeweilige Eigentum - nämlich Kapital,
Grundeigentum und Arbeitskraft - erwächst und so den sehr einsei-
tigen Nutzen jener "Freiheit, die durch Anerkennung betätigt
wird", garantiert, soll ein Mittel sein, die unfriedlichen Zu-
stände aus der Welt zu schaffen.
Im übrigen: Für sich genommen ist die "Anerkennung der Menschen
als freie" schon das Ideal eines g e g e n s ä t z l i c h e n
Verhältnisses. Grundlose und prinzipielle "Anerkennung" muß man
nur dann fordern, wenn der andere Mensch in all seiner Existenz
und Tätigkeit erst einmal in Frage steht.
Also von wegen, es gelte diese Grundidee des Christentums zu ver-
wirklichen. In ihrer säkularisierten Fassung west sie bereits
viel zu lang und belegt, daß das "historische Bündnis zwischen
politischer Macht und Kirche" längst eine neue Qualität erhalten
hat.
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