Quelle: Archiv MG - BRD KIRCHE - Vom Mißbrauch des Verstandes durch den Glauben
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Der Veranstaltungskommentar
Wuppertaler Ringvorlesung zu aktuellen Friedensfragen
H. Gollwitzer: "Theologische Aspekte zum Thema"
LINKE FRIEDENSTHEOLOGIE
Zweifellos war der Höhepunkt der diessemestrigen Friedensringvor-
lesung der Auftritt dieses alten Theologenstreiters. Friedensbe-
wegte und Christen - ein großes Auditorium - erbauten sich an
seinem Vortrag, bewunderten seine theologische Radikalität, seine
moralische Lauterkeit und seine Lebenserfahrung. Die Veranstal-
tung hat also einem wiedermal "richtig viel gegeben", oder? Doch
was eigentlich? Über die Stellung der Kirche zum Thema Krieg
wollte der Referent informieren und fügte eine eigene theologi-
sche Ansicht, wie man in der heutigen Situation kriegerische Ge-
walt moralisch beurteilen sollte, hinzu. Diese Gedankengänge sich
einmal klar zu machen, betonte er, sei eigentlich für jeden poli-
tisch interessierten Menschen - egal wie er zur Kirche stehe
wichtig, schließlich liefere das Christentum nach wie vor "die
kulturbestimmenden ethischen Muster" und "die Legitimation fürs
politische Handeln". Und in der stimmt es ja wohl, daß die
christliche Moral in den Köpfen der Leute eine gewisse Rolle
spielt, nur, soll man deswegen ein k r i t i s c h e r Mo-
ralapostel werden oder bleiben?
Die traditionelle theologische Kriegsmoral
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Das Urchristentum war eine "pazifistische, basisdemokratische Be-
wegung", "lehnte Gewaltanwendung strikt ab", drang auf "ein Mini-
mum an Hierarchie". Seinen Glauben verstand es als "einen Gege-
neentwurf zur existierenden Gesellschaft", und da man das "Ende
der existenden Welt binnen kurzem erwartete, sah man es nicht als
lohnend an, noch weltliche Verantwortung zu übernehmen". Diese
Haltung war "nicht aufrechtzuerhalten" (schließlich blieb der
Herr Jesus da, wohin er sich verdrückt hatte), "Mitverantwortung"
war angesagt. Leider lief es dabei etwas "schief", die "Wende"
war nämlich die "Konstantische", die - theologisch gesehen - eher
"ein Sieg des Heidentums übers Christentum" war. Und schon "20
Jahre danach" stand auf Kriegsdienstverweigerung Erstkommunika-
tion.
Die in die Weltverantwortung eingetretene Kirche formulierte im
Laufe der Theologiegeschichte "Kriterien für Regierende und Re-
gierte", die diese ihrem Gewissen als Prüfsteine vorlegen sollten
im Falle der Entscheidung, ob man einen Krieg anzetteln bzw mit-
machen dürfe. Nach der Lutherfassung lauten die ersten beiden: 1.
ist es ein V e r t e i d i g u n g s krieg, 2. Stimmt die Abwä-
gung Güter vs. Übel. Die Spätscholastiker schoben noch einige
nach: 3. Ruft eine legitime Obrigkeit zu den Waffen, 4. Geht es
um eine gerechte Sache, 5. Ist Ziel das friedliche Zusammenleben,
6. Sind die Mittel zulässige.
Gollwitzer war nun nicht angetreten, den Zusammenhang klarzuma-
chen, wieso sich solche Maßstäbe der Beurteilung politischer Ge-
walttaten so herrlich mit jeder Politik vertragen, zumal, wenn
die Machthaber öffentlich ein Kreuz über sich schlagen und Chri-
sten in Scharen zum Töten gehen, andere einen sehr matten Wider-
stand gegen die Obrigkeit anleiten, dessen Gipfel Revolutions-
theologie oder Märtyrertum sind. Dazu hätte er nur den sehr
schlichten Hinweis geben müssen, daß derjenige, der sich ange-
sichts der Taten und Vorhaben seiner Obrigkeit, deren Opfer er
ist, die Frage nach dem Dürfen stellt, einen sehr entscheidenden
Fehler macht. Er kommt nämlich von da aus nie mehr auf die einzig
vernünftige Überlegung, was die Zwecke seiner Herrschaften sind
und was sie mit seinem eigenen Interesse zu schaffen haben. Sein
Untertanensein hat er längst als seine Pflicht gefressen, er
nimmt hin, daß es um seine Bedürfnisse wie auch um die seiner
Mitmenschen nicht geht, und akzeptiert das - um des Höheren wil-
len. Von dem Höheren, dem staatlichen Interesse, hat er nicht nur
den durch vorhandene Zwangsmittel jederzeit einklagbaren Respekt,
sondern eine gute Meinung. Er sieht seine Herren gutgläubig als -
zumindest im Prinzip - gottgewollte Autorität, die es wegen der
Schlechtigkeit d e s Menschen zu dessen Wohle geben müsse.
Diese Verrücktheit, die sich so gewiß ist ganz j e n s e i t s
einer rationalen Betrachtung der Herrschaft und der politischen
Zwecke und Taten, ist die Grundlage sowohl der moralischen Begut-
achtung der Herrschaft wie der Gewissensprüfung, wieweit man beim
Untertanenspielen gehen dürfe. Auserlesene Fragen stellen sich
von d e m Standpunkt aus: Dürfte Kohl die Bundeswehr mit leich-
tem Gerät ins Feld schicken, wenn die Russen uns überfallen? Ist
das dann Verteidigung? Ist Kohl legitime Obrigkeit? Sind die Waf-
fen klein genug? etc. etc. Nur, was hat das mit dem zu tun, was
sich in der Politik tatsächlich abspielt? Welche Zwecke verfolgt
denn die Nato - bereits im Frieden! Wozu benutzt denn der Kohl
seine Untertanen hier und heute, in Zeiten wo die Freiheit immer
verteidigenswerter wird, wie die Herrschaften einem künden! Von
solchen Gedanken ist man bei seinen moralischen Begutachtungen
meilenweit entfernt. Um so näher ist man freilich an den ideolo-
gischen Ehrentiteln, die die Herrschaft sich zulegt (und das
macht die moralische Entscheidung so knifflich): "Uns geht es um
die Verteidigung unserer Bürger" (die ja, nebenbei bemerkt, dabei
draufgehn), "Für die Freiheit müssen wir Opfer bringen" (weil sie
die schöne Erlaubnis zum Gehorchen-dürfen ist), "Wir sind die le-
gitimen Volksvertreter" (wir haben uns nämlich durch Wahlen er-
mächtigen lassen), "Wir wollen nur ein friedliches Zusammenleben
in Freiheit überall auf der Welt" (die sowjetische Herrschaft
braucht sich unseren "westlichen Werten" nur dranzugeben).
Warum soll man sich die Ehrentitel, die die Herrschaft sich gibt,
zum eigenen Maßstab nehmen, fragt sich doch. Liegt nicht ein an-
derer Schluß viel näher: Die Herrschaft verläßt sich offensicht-
lich sehr darauf, daß die Moral bei ihren Untertanen stimmt, wes-
halb sie ihnen so kommen kann. Hinsicht - egal wie er zur Kirche
stehe -
Wie gesagt, um diesen Zusammenhang ging es Gollwitzer nicht, dazu
ist er viel zu sehr selber Moralapostel. Und so gehörte es genau
andersherum zu seiner Grundauffassung, die er dem Auditorium als
Sichtweise anempfahl, daß es
"in dieser noch nicht erlösten Welt die Pflicht des Staates ist,
mit seinem Recht die Schwachen zu schützen und ein friedliches
Zusammenleben zu gewährleisten."
Und davon läßt er sich auch nicht durch seine eigene
"marxistische Auffassung" abbringen, daß das Recht das "Recht der
Herrschenden" ist, das die "Ausbeutung sicherstellt". Nein, er
entschließt sich, die Wirklichkeit im Lichte des Ideals zu be-
trachten, wobei seine harten Sprüche sich dann wunderschön durch
ihre totale Relativierung ergänzen lassen.
Einerseits ist unser System zwar furchtbar schlecht, "aber es ist
nicht m ö r d e r i s c h wie z.B. die Junta-Regierungen in La-
teinamerika". Frage: von wem werden die denn eigentlich ausgehal-
ten und für wessen Zweck? Wenn es hier keine Todesschwadronen
gibt, ist deswegen das Recht hier auch nur einen Deut mehr das,
was die Ideologie über es behauptet, die Ermöglichung des fried-
lichen Zusarnmenlebens? Werden deswegen die Gegensätze zwischen
den Menschen als Privateigentümer, Klassenmitglieder etc. nicht
mehr durch das Recht erst installiert, - von wegen Recht schaffe
Frieden! Der Vergleich mit noch schlimmeren Zuständen (die sich
zudem noch demselben Grund verdanken, wie die Verhältnisse hier)
mag zu relativer Zufriedenheit mit den hiesigen Verhältnissen
taugen und Trost geben, aber er ist nichts destoweniger doof.
Andererseits bekennt Gollwitzer sich zu diesem Staat dadurch, daß
er kritisch ihm die Pflicht anhängt, die er, Gollwitzer, sich
ausgedacht hat: Das Strafrecht dürfe z.B. nur den Zweck der Reso-
zialisierung haben. Ja, wenn man solche Anträge an die Obrigkeit
stellt, traut man ihr zu - wissend, daß sie anderes betreibt, -
d a s eigentlich dauernd zu wollen, oder? - Nebenbei, was ist an
Resozialisierung eigentlich schön, wenn das "Soziale" lauter Op-
fer für die armen Schlucker erzwingt? Die Konsequenz aus dem, was
man ja durchaus über die Herrschaft mitkriegt, zu sagen, d a s
ist offensichtlich ihr Wille (von wegen Ideale,) und der
E n t s c h l u ß, die eigene Stellung zu seiner Herrschaft aus
diesem Wissen heraus zu begründen, diese beiden intellektuellen
Taten werden nur durch eines verhindert: durch die untertänige
moralische Betrachtungsweise, mit der man sich selbst zur Schafs-
natur macht.
Die Gollwitzersche alternative theologische Kriegsmoral
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Damit ist Gollwitzer natürlich nicht ein abgebrühter theologi-
scher Machtapostel wie seine Kollegen Böckle, Pannenberg, Brakel-
mann und Konsorten. Er ist ja durchaus "kritisch", nur taugen tut
diese Kritik nicht die Bohne.
Die obige Schilderung des Urchristentums dient ihm nicht nur
dazu, auf die gute Seite, die das Christentum doch auch haben
könnte, (neben der, daß es laufend Waffen segnet), aufmerksam zu
machen, Nein, er möchte auch eine Berufungsinstanz für einen al-
ternativen moralischen Standpunkt haben. Er möchte auf diesem
Hintergrund theologisch für "Weniger Gewalt in der Politik" wer-
ben.
Neben dem schon zitierten Appell zur Minimierung der innerstaat-
lichen Gewalt durch den Staat, z.B. im Strafrecht, ist er für den
Ausbau des Völkerrechts (wohlwissend, was das für eine Farce
ist). Und weil er Christ ist, der um die Sünde weiß, geht er da-
von aus, daß "es schwere Konflikte zwischen Nationen auch in Zu-
kunft geben wird", "Angriffe, die nur mit Verteidigung durch Waf-
fen beantwortbar sind". Aber dabei ist nicht schon jede Obrigkeit
als "legitime" gerechtfertigt, es gibt durchaus auch unter diesen
Brüdern welche, gegen die eine Rebellion gerechtfertigt ist
(siehe die Briefe Ernesto Cardenals). Zu unterscheiden ist zwi-
schen "Gewalt, die Töten verhindern will, und solcher, die sich
Massenvernichtungsmitteln bedient" (und zu diesen Mitteln rechnet
er nicht nur die atomaren, sondern auch die konventionellen).
Teilnahme an dem Typus 1 der Gewalt kann gerechtfertigt sein an
der, die Massenvernichtungsmittel einsetzt, niemals.
Einerseits ist Gollwitzer mit seinem Beichtspiegel wieder meilen-
weit von dem weg, was auf der Welt passiert. Seine Al-
ters-/Christen-Weisheit, Gewalt wird es immer geben, kümmert sich
in nichts um die gegenwärtig laufende Herstellung von Kriegsgrün-
den, als deren O p f e r dann die Staatsmacht so wunderschön
automatisch dasteht, wenn's losgeht; wodurch ihre R e aktion so
gerecht wird und so belastend fÜr die Gewissensentscheidung des
Christen. - Der Moralinger kreist eben nur um sein Gewissen und
seine Prinzipien.
Andererseits, daß die Regierungen sich an seinen Beichtspiegel
halten, glaubt Gollwitzer ja wohl selbst nicht, also zielt er
doch ausschließlich auf die Untertassen. Und da ist es schon eine
ziemliche Dummheit, angesichts dessen, was die Regierungen jetzt
planen und ins Werk setzen, damit es dann klappt, sich dafür zu
entscheiden, d a n n auf keinen Fall mitzumachen und lieber den
Märtyrer zu spielen. Als gäbe es nicht gute Gründe dafür, sich
gegen das zu wehren, was die Obrigkeit mitten im Frieden, im Vor-
feld des Krieges, mit einem anstellt. Das sollte man aber sich
bitte nicht so überlegen, daß man jetzt "in der Uniform des Fein-
des subversiv" werden wollen soll. Das Pathos dieses Gollwitzer-
spruchs und der Beifallssturm der anwesenden 500 braven Lehrer,
Studenten und angehenden Pfarrer ist hier schon verdächtig genug.
Offensichtlich ist es als Aufforderung gemeint und wird auch so
verstanden, sich hinsichtlich dessen, was man hier berufsmäßig zu
tun hat, das Bewußtsein zuzulegen, man wolle dabei möglichst viel
G u t e s tun und Böses nach Möglichkeit verhindern. So sei man
dann ein heimlicher Überwinder des Bestehenden. Und so nimmt man
denn das, wozu einen die Herrschaft vorsieht, als die Chance, ge-
nau diese zu untergraben. Sind denn die Berufe nicht für die Ver-
folgung der staatlichen Zwecke eingerichtet, und achten die Ar-
beitgeber nicht auf gewissenhafte Erfüllung? Es ist doch wohl
eine alberne Vorstellung, sie als "Uniform" zu sehen, die man
ganz nach s e i n e r Vorstellung ausfüllen könnte. Oder deutet
diese Interpretation nicht an, daß die Rede vom Feind nicht so
ernst gemeint ist?
Nach allem, was gefallen ist, tut als erstes vielmehr not, die
moralische Stellung zu seiner Herrschaft aufzugeben, und sich
einfach einmal darum zu kümmern, was die vorhaben, warum, zu wel-
chem Nutzen für wen. Und den Frieden sollte man sich mal darauf-
hin anschauen, daß man ihm nicht traut, schließlich muß in ihm ja
einiges zugrundegelegt werden, sowohl im Innern als auch Außen.
Auf jeden Fall wird man dann aufhören, sich vorzustellen, was man
machen w ü r d e, lebte man als Christ in einem Lande der "3.
Welt", sich daran aufzugeilen, wie r a d i k a l doch Revoluti-
ons t h e o l o g e n sind.
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