Quelle: Archiv MG - BRD KIRCHE - Vom Mißbrauch des Verstandes durch den Glauben


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       Dortmunder Hochschulzeitung Nr. 5, 06.07.1982
       
       Der Veranstaltungskommentar
       
       M. Gronemeyer: "Ziviler Widerstand oder Friedenserziehung",
       Ringvorlesung "Frieden" / FB Theologie
       

"EXORZISMUS FÜR DEN FRIEDEN"

Und wenn die Welt voll Teufel wär', so muß sie doch nach Dortmund - M. GRONEMEYER, Theologin aus Bochum, versuchte erneut einen "Ausbruch aus dem Irrenhaus" und missionierte im Rahmen der Ring- vorlesung "Frieden" am FB Theologie: Gegen eine von ihr konsta- tierte "Unfähigkeit zur Ent-rüstung" angesichts der Schlechtig- keiten dieser Welt - entrüstete sie sich ganz gehörig! Zunächst exkommunizierte sie die Politiker aus der Gemeinde der Gutwilligen: Sie konnte ihnen den bitteren Vorwurf nicht erspa- ren, durch die Anschaffung von Atomwaffen schuldig geworden zu sein. Und zwar darin, angesichts der eigentlichen Übeltäter, eben dieser Waffen, die ihnen (arme Kerle!) nur noch die Option Völ- kermord lassen (und nicht, wie das gute alte Gewehr, auch zur Ha- senjagd taugen), immer noch nicht eingestehen zu wollen, daß alle ihre Einrichtungen zur massenweisen Vernichtung des Menschenmate- rials gegnerischer Staaten W a h n s i n n geworden sind. Ja, sie sind sogar so perfide, dem Teufelswerk "gute Namen" zu geben und haben damit die Unfähigkeit der Menschheit, gut und böse zu unterscheiden, auf dem Gewissen! Das ist der Kern der pfäffischen Entrüstung über die Politik: - Daß sie erstens das von einem Pfaffen auch und gerade gegen je- den Augenschein noch jedem Menschen auf der Welt als Zweck unter- stellte Ideal "Schutz des Lebens" leichtfertig verraten hat, in- dem sie sich mit Maschinen eingelassen hat, die mit dem Fluch be- lastet sind, daß sie Völker morden müssen; - und daß sie zweitens mit dem Wort "Rüstung" vernebelt, daß es sich bei den bereitgestellten Waffen um Vernichtungsmittel han- delt, also "verdorbene Begriffe" in die Welt gesetzt hat, die die Gemeinde davon abhalten, die Botschaft der Prophetin zu vernehmen - weshalb sich der moralisch aufrechte Mensch heutzutage dadurch auszeichnet, daß er "Schweiger" wird, "d.h. sich weigert, über Genozid-Maschinen zu argumentieren". Mit dieser abgrundtiefen moralischen Distanzierung der Theologin von "der Macht" ist die Linie vorgezeichnet für den "zivilen Wi- derstand", der von Frau GRONEMEYER angepriesen wird als Alterna- tive zur Friedenserziehung. Weil Ausgangspunkt dieses Widerstands das vernichtende Urteil über die Welt ist, daß sie den persönli- chen moralischen Prinzipien nicht genüge, und das schlechte Ge- wissen darüber, das sich aus der Einbildung speist, man selber sei für all das, was Politiker mit einem veranstalten, auch noch verantwortlich, da irgendwie auch "in den ganzen Wahnsinn ver- strickt", deshalb besteht dieser Widerstand immer nur in einem: In der Distanzierung vom Bösen, bzw. im Raushängenlassen der ei- genen moralischen Überlegenheit gegenüber denen, die ihm verfal- len sind. An Startbahngegnern und Kämpfern gegen Atomwaffensta- tionierung gefällt einer Frau GRONEMEYER genau diese verrückte Tour: die Staatsgewalt ins moralische Abseits laufen lassen zu wollen dadurch, daß man den Widerstand zur Demonstration der ei- genen Friedfertigkeit macht, so daß man im Resultat zwar nichts geputzt hat, aber sehr stolz auf sich selber sein kann. Die Albernheit der Theologin liegt darin, umgekehrt zu betonen, daß in "Effektivitätsschritten" ohnehin nicht zu denken sei ange- sichts der moralischen Herausforderung, als die sie die Statio- nierung der Raketen interpretiert: "Wie können wir tun, was wir nicht lassen können?" ist ihre Frage. Zwar "können" die meisten Leute hierzulande durchaus "lassen", was eine Gronemeyer ihnen aufschwatzen will, aber es ging ihr ja nur darum, ihre überwältigende Ergriffenheit von der eigenen Botschaft darzutun, deren übliches bitteres Ende so si- cher kam, wie das Amen in der Kirche: "Wissen um unser Nicht-Wissen ist ein kostbares Gut, weil es einen in die Lage versetzt, vorsichtiger im Wollen zu sein" - oder, wie schon der Herr Jesus sagte: Selig sind die Armen im Geiste, denn ihrer ist zwar kein schönes Leben, aber das Himmel- reich. Und das meint sie ganz konkret: "Der Macht die Kooperation aufkündigen" hat bei ihr noch allemal zur Voraussetzung, daß wir endlich aufhören, unsere "Lebenssicherheit" aus "zentralen Ver- sorgungssystemen wie Elektrizitätsnetz, Wasserversorgung, Bil- dungssystem" zu ziehen, also endlich wieder lernen, ein bißchen bescheidener zu sein; und "die Aufkündigung der Funktionserfül- lung für das Ganze" fängt natürlich damit an, daß man statt 2.800 nur noch 1.200 DM monatlich verdienen will. So ist das eben: Wem angesichts von Politikertaten immer nur die Reinlichkeit des eigenen Gewissens einfallen will, dem fallen auch dann, wenn es um Widerstand gegen Kriegsvorbereitung gehen soll, genau die Tugenden ein, mit denen der Krieg vorbereitet wird. Denn wenn man schon dadurch mit dem Bösen "der Macht" sich infiziert, daß man die staatlichen Einrichtungen, mit denen an- geblich unsere Existenz gesichert werden soll, benutzt, dann ist das freiwillige Widerstehen gegen jeden Anspruch auf einen Nut- zen, den man daraus vielleicht noch für sich schlagen könnte, auf jeden Fall Widerstand: Gibt sie einem doch das gute Gefühl, den Pakt mit dem Teufel aufgekündigt zu haben. zurück