Quelle: Archiv MG - BRD KIRCHE - Vom Mißbrauch des Verstandes durch den Glauben
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 4, 13.11.1979
Dom Helder Camera in Bremen
OPERATION HOFFNUNG
(1)
Dom Helder Camara, Erzbischof von Olinda und Recife war letzte
Woche zu Gast in der Universität Bremen. Vor einem breiten Publi-
kum, "das vom 'linken' Studenten bis zum betagten Mitglied der
katholischen Gemeinde viele Kreise umfaßte", wußte er die
"Stimme" des Gewissens für die "Armen und Unterdrückten" in Süd-
amerika zum Sprechen zu bringen. Die Achtung, die sein Anliegen
gleichermaßen bei Zuhörern fand, die ansonsten durchaus unter-
schiedlich zur Welt stehen, verdankt sich zunächst der persönli-
chen Kompetenz dieses "Vorkämpfers". Durchaus nicht in der Lage
derer, für die er spricht,
"verließ er das erzbischöfliche Palais, um eine bescheidene Zwei-
zimmerwohnung zu beziehen und mitten unter ihnen zu leben."
Schon eine fragwürdige Einigkeit darüber, daß über Armut glaub-
würdig zuallererst der spricht, der sich ihr gleichmacht, also
praktisch demonstriert, daß er sie für den wahren Standpunkt
hält.
(2)
Die erzbischöfliche Kritik des Gegensatzes zum Reichtum macht
diesen durchaus als Ursache des Elends dingfest in Gestalt
"der multinationalen Konzerne, deren Einfluß bereits die Macht
einzelner Staaten übertreffe... Mit dem vergeblichen Ziel, der
Dritten Welt den Fortschritt zu bringen, beuteten die 'Multis'
deren Rohstoffe und billigen Arbeitskräfte aus, um (!) dafür
teure Industrieprodukte zu liefern, die oft überflüssig seien."
Die Benennung der Natur dieses Reichtums, daß er auf der Zerstö-
rung seiner Produzenten beruht und damit beständig seinen Fort-
schritt macht, dient dem Armenbischof jedoch zu der Kritik, daß
seine zerstörerische Wirkung gerade
darin bestehen soll, daß er als R e i c h t u m seine Opfer
überschwemmt, statt ihrer Lage gerecht zu werden.
Dabei ist nicht nur an die in diesen Breitengraden nur schädli-
chen Transistorradios zu denken, sondern auch an die Waffen, mit
denen der Imperialismus die südamerikanischen Cliquen bedient, in
denen Camara eine "mehr oder weniger deutliche Ermunterung, Krieg
zu führen" sehen will. Camara subsumiert die Abwicklung des impe-
rialistischen Geschäfts, das sich auch damit machen läßt, daß die
südamerikanischen Herrscher in der Konkurrenz darum, wer von der
Ausbeutung der Massen für den Weltmarkt profitiert, ihr Volk in
den Krieg hetzen, unter das Urteil: schädliche Wirkungen der Ver-
schwendung. So ist eindeutig Partei ergriffen: für die Opfer als
den anständigen Teil der Welt.
"Denn in der Bibel heißt es: Jesus ist gegenwärtig in den Armen,
Gedemütigten und Verfolgten."
(3)
Ein Mann Gottes beurteilt das Verhältnis von Reichtum und Elend
eben von einem übergeordneten Standpunkt:
"Wer von Gott als Vater spricht, muß diese zwei Drittel der Men-
schen, die Notleidenden und Hungernden, davon überzeugen (!), daß
Gott nicht ihr Stiefvater ist."
Jenseitig ist dieser Maßstab der Kritik als Personifikation eines
durchaus weltlichen Ideals: dem der Gerechtigkeit. So geht die
Kritik des Reichtums und der Standpunkt der Armut überein: Unge-
rechtigkeit lautet das Urteil, in dem Christen und Humanisten
sich einig sind. Darauf baut die M i s s i o n des Christen-
funktionärs. Diese ist durchaus modern. Mochte früher mancher
Missionar hierzulande für die armen Heidenkinder Reklame machen,
die um ihrer Befreiung zu erwachsenen Menschen willen, die gleich
vor Gott sind, auch mal eine Hose brauchen, so missioniert dieser
Christ die weiße Urgemeinde, indem er die Resultate der Befreiung
in Südamerika vorführt, an der die Kirche ihren Anteil hat. Wenn
gleiche und mitunter sogar freie und geheime Christenmenschen
drüben in Lateinamerika verrecken, dann immerhin als Christen.
Der Botschaft der Christenheit, erst jüngst vom Oberchristen
Johnny Paul eindrucksvoll den Indios nahegebracht daß - von wegen
"Theologie der Befreiung" - die Theologie die Befreiung zu sein
hat, ergänzt er um die andere Seite der christlichen Doppelstra-
tegie. Die Vorführung des gottgefälligen Lebens der armen Leute
dient zur Warnung, daß die gewonnenen Seelen verloren gehen könn-
ten, wenn es weiterhin so ungerecht zugehe auf der Welt, und als
Mahnung, daß schon etwas dazu gehört, sollen sie weiter in Gott
ihren Vater sehen.
(4)
Für diese Mission muß sich der christliche Idealismus ein wenig
aus der u n heiligen Allianz lösen, die die Kirche mit der welt-
lichen Herrschaft eingegangen ist:
"Die Kirche hat lange die bestehende Ordnung geschätzt. Aber wenn
zwei Drittel der Menschen unter unmenschlichen Bedingungen leben,
ist das keine Ordnung, sondern eine Unordnung."
Womit die Kirche Camaras sich durchringt zu einer Beurteilung der
weltlichen Ordnung, die auch Nichtchristen eine Parteinahme für
die Opfer ohne die Verurteilung der Ordnung, die sie zeitigt, er-
möglicht:
"In dieser Welt gibt es viele Arme und wenige Reiche die auf de-
ren Kosten leben - auf welcher Seite steht Christus?"
Selbstverständlich auf Seiten derer, die aus der Armut eine Tu-
gend machen.
(5)
Christentum in unserer Zeit versteht sich also zu dem "vehementen
Appell, die soziale Ungerechtigkeit auf der Welt zu beseitigen."
Entsprechend dem höheren Maßstab, den der Gottesmann an die Welt
legt, hat der Appell seine zwei Seiten. Für die Stiefkinder Got-
tes in seiner eigene Gemeinde hat Dom Helder die "Operation Hoff-
nung" in die Wege geleitet, die eben das ist, was ihr Name be-
sagt, die missionarische Veranstaltung, die Opfer des Imperialis-
mus zur "Solidarität zu ermutigen", von der sie nicht haben, als
eben die Hoffnung, vom göttlichen Vater endgültig adoptiert zu
werden. Solidarisch als Kinder Gottes, sollen sie "ohne Haß und
Gewalttätigkeit die soziale Umkehr" anstreben.
Die christliche Revolution, die der Mann aus Brasilien auf seinem
Kontinent propagiert, bedarf der moralischen Unterstützung durch
den restlichen Teil der christlichen Menschheit. Auch für sie hat
der Agitator im Ornat ein Programm: damit alle Gott als ihren Va-
ter (an-)erkennen, müssen die Lieblingskinder des Herrn, die Ca-
mara kurzerhand alle zu "Reichen" erklärt, sich aus den Opfern
der staatlichen Gewalt drüben ihr Gewissen machen, am besten
durch ihre Versöhnung mit dem höchsten im Verzicht: Gerechtigkeit
weltweit - und Gott ist gleichermaßen in allen.
(6)
Die Botschaft des Missionars aus Übersee kam in Bremen an, zumin-
dest ihr weltlicher Kern. So leiteten die Zuhörer im Bibliotheks-
saal den Appell an die Instanz weiter, bei dem sie gemeinhin ihre
Gewissensprobleme loswerden. Entgegen allen vorweihnachtlichen
Bräuchen ging deshalb auch kein Klingelbeutel durch die Reihen,
sondern eine Resolution. Darin wurde der Bremer Senat aufgefor-
dert, im Bundesrat daraufhin zu wirken, daß der Entwicklungspoli-
tik der Bundesregierung Einhalt geboten werde, die die von Camara
geschilderten Auswirkungen habe.
Der Kirchenmann durfte zufrieden sein: die Einheit von Christen
und Humanisten war - wenn auch nur in bescheidenem Rahmen - wie-
der einmal gefestigt.
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