Quelle: Archiv MG - BRD KIRCHE - Vom Mißbrauch des Verstandes durch den Glauben


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       Münchner Hochschulzeitung Nr. 8, 01.02.1984
       
       Der Veranstaltungskommentar
       

CHRISTEN UND ARBEITSLOSIGKEIT

Daß Arbeitslosigkeit ein "Elend", eine der großen Herausforderun- gen unserer Zeit sowie Indiz für eine Krise ist, gehört zu den großen öffentlichen Agitationsschlagern unserer Zeit. KHG und ESG führten in ihrer gemeinsamen Hochschulwoche vor, wie man den mo- dernen Umgang mit Arbeitern, einschließlich ihres Hinauswurfes, haarklein schildert, ohne daß dabei dem Publikum etwas anderes nahegelegt wurde, als christliches Mitgefühl gegenüber Leuten, die sich nicht mehr nützlich machen dürfen. Die Krise der Weltwirtschaft ---------------------------- à la Otto Kreye war hierfür ein adäquater Einstieg: Er wußte zu berichten, daß es im Kapitalismus notwendig Krisen gibt. Ein Ur- teil darüber, was kapitalistisches Wirtschaften denn nun sei, worin seine Krise besteht, wie sie sich notwendig aus dem Ablauf dieser Sorte Ökonomie ergibt, war partout nicht zu haben. Statt dessen ein "Indikator" der Krise, der zugleich die Krise selbst sein sollte: die Arbeitslosigkeit. An ihr wollte er zeigen, daß der Kapitalismus nicht in der Lage sei, "seine Funktion zu erfüllen", "in der 1. Welt Wohlstand zu schaffen und in der 3. Welt Entwicklung". Woher hat Kreye nur die feste Überzeugung, daß es darum ging? In der Behandlung der Frage, wie es denn zur Krise kam, dreht er sich vollends im Kreis: Das Kapital soll darin ein Problem haben, daß es sowohl auf hohe, als auch auf niedrige Löhne angewiesen ist. Erstere, damit ihm seine Produkte abgekauft werden, zwei- tere, damit es billig produzieren kann. Abgesehen davon, daß von der jährlich produzierten Warenmasse nur ein verschwindender Bruchteil von Arbeitern gekauft und konsumiert wird - für Stahl- werke, Bohrinseln, Pershings etc. gibt es wohl eine andere Kund- schaft -, ist es wohl reichlich albern, sich den Profit so zu er- klären, daß Kapitalisten den Arbeitern Geld zahlen, damit diese d a s s e l b e Geld den Kapitalisten zurückzahlen, und so deren Profit bewerkstelligen. Da wäre es doch wesentlich geschickter von den Kapitalisten, das Geld gleich zu behalten; denn ein Mehr an Geld, was ja wohl auch bei Kreye zum Profit gehört, käme durch bloße Hin-und-Her-schieberei von Banknoten nicht zustande. Genau- sowenig kann niedriger Lohn die Bedingung für kapitalistischen Erfolg sein. Zum einen ist bei der kapitalistischen Kostenrech- nung der Lohn nur ein Kostenfaktor unter vielen, zum anderen nut- zen dem Kapital die niedrigsten Kosten nichts, wenn keine ausrei- chend hohe Nachfrage zum profitablen Verkauf der Produkte sich einstellt. Bei aller falschen Erklärung von Krise kam so immerhin das Urteil zutage, daß es um Profit geht, und daß Arbeiter für ihn Mittel zu sein haben. Das wollte Kreye aber nicht so verstanden wissen, daß Arbeitslose und Verhungernde in der "3. Welt" eben ein Nebenpro- dukt des ganz normalen kapitalistischen Erfolges sind; Leute, die nicht profitabel angewendet werden können, und deren Durchfütte- rung nichts als U n kost wäre. Seine Schilderung der E n t w i c k l u n g von "Drittweltländern", der Vertreibung einheimischer Bevölkerung von ihren Äckern, um eine profitable Landwirtschaft für den Export aufzuziehen, war ihm Beleg dafür, daß der Kapitalismus unfähig sei, die "Unterentwicklung" dort zu beheben. Aus der Tatsache, daß hierzulande Arbeiter außer Brot gesetzt werden, weil sich ohne sie billiger, d.h. profitabler produzieren läßt, macht Kreye die U n f ä h i g k e i t des Sy- stems, Vollbeschäftigung hervorzubringen. Das Schönste wäre für Kreye eine staatliche Regie des "Systems", bei der es einerseits ganz es selber bliebe und andererseits das genaue Gegenteil bewirken würde, die Lösung all der "Probleme", die es selbst hervorbringt. Wenn er schon dauernd von Ausbeutung spricht sollte er sich entscheiden, ob er sie als das, was sie ist, betrachten will, oder als mißglückte Menschheitsbeglückung. Den würdigen Nell-Breuning-Nachfolger Hongsbach aus Frankfurt in- spirierte die Arbeitslosigkeit zur "Umwertung aller Werte" ----------------------- Genausowenig wie der Vertreter des volkswirtschaftlichen Sachver- standes fühlt sich ein jesuitischer Apologet der Ausbeutung heut- zutage bemüßigt, den Alltag kapitalistischer Ausbeutung zu ver- schönen. Alle ökonomischen Bestimmungen der Arbeit im Kapitalis- mus gelten jedoch als unwesentlich angesichts der fälligen "Analyse der Wertveränderungen". Da bekommt man locker mitge- teilt, daß Arbeit im Kapitalismus als Ware gehandelt wird, das jedoch nur, insofern sie als Ware betrachtet wird. Die Form der Arbeit sei eine Frage ihrer Auffassung, nicht ihrer ökonomischen Organisation. Dieser Mann bringt es fertig, die Techniken der Ausbeutung, von ruinösen Überstunden bis zu gesundheitszerstören- den Produktionsvorgängen zu zitieren, um sie auf eine falsche Einstellung gegenüber der Arbeit zurückzuführen und so eine Krise 'der Arbeit' zu behaupten. An all den Brutalitäten des Arbeitsle- bens fände er weiter nichts Schlimmes, wenn sie den Menschen nicht von seinem göttlichen Auftrag abhalten würden. Um zu bemer- ken, daß "Erwerbsarbeit Zeichen einer Krise" ist, muß man sich nämlich vorstellen, daß Arbeit eigentlich etwas ganz anderes ist, nämlich "Teilhabe an der Schöpfung". Das Schlimme an Arbeitslo- sigkeit ist demnach der "Ausschluß vom Schöpfungsakt". Was soll bloß daran so schön sein, für wenig Geld am göttlichen Schöp- fungsakt teilzunehmen, wenn der Herr in sieben freien Tagen schon nichts Besseres zu tun hatte, als diese Scheiß-Welt voller Aus- beutung, Armut und salbadernder Pfaffen zu schaffen?! zurück